5. Februar 2026 – Die Rückkehr zur ungeregelten Abschreckung
Am 5. Februar 2026 endet eine Ära: Erstmals seit 1972 gibt es keine bindenden Rüstungskontrollverträge mehr zwischen den größten Nuklearmächten der Welt. Moskau hatte eine zumindest informelle Fortsetzung ins Gespräch gebracht. Doch Präsident Donald Trump lehnte eine erneute Verlängerung konsequent ab. Er argumentierte, der Vertrag sei veraltet, berücksichtige neue Technologien nicht und schließe China aus. Was bleibt, ist ein fragiles Gleichgewicht der Abschreckung – ein Hochrisikospiel, das nur unter der Annahme perfekter Rationalität stabil bleibt. Ein Artikel über Spieltheorie, strategische Verwundbarkeit und die Frage, ob Frieden allein durch Angst gesichert werden kann.
Am 5. Februar 2026 lief mit dem New-START-Vertrag das letzte große Abkommen zur Begrenzung strategischer Nuklearwaffen zwischen den Vereinigten Staaten und Russland aus. Eine Verlängerung wäre politisch möglich gewesen. Moskau hatte eine zumindest informelle Fortsetzung ins Gespräch gebracht. Doch Präsident Donald Trump lehnte eine erneute Verlängerung konsequent ab. Er argumentierte, der Vertrag sei veraltet, berücksichtige neue Technologien nicht und schließe China aus. Ein bloßes Fortschreiben bestehender Regeln komme nicht infrage; entweder ein grundlegend neues, erweitertes Abkommen – oder keines. Da Verhandlungen über ein umfassenderes Format nicht zustande kamen, ließ Washington die Frist verstreichen.
Bereits zuvor war die Architektur der Rüstungskontrolle erodiert: Die USA kündigten 2019 den INF-Vertrag über landgestützte Mittelstreckenraketen, 2020 folgte der Ausstieg aus dem Open-Skies-Vertrag. New START war 2021 noch einmal bis 2026 verlängert worden – nun ist auch dieses Fundament entfallen. Zum ersten Mal seit 1972, seit Unterzeichnung der SALT-I-Vereinbarungen und des ABM-Vertrags, existiert damit kein bindender Rüstungskontrollrahmen mehr zwischen den beiden größten Nuklearmächten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war selbst im Kalten Krieg nie völlige Regellosigkeit der strategische Zustand. Seit diesem Februar ist sie es.
Die moderne Rüstungskontrolle begann im Mai 1972 in Moskau. Auf amerikanischer Seite unterzeichnete Präsident Richard Nixon, auf sowjetischer Seite Generalsekretär Leonid Breschnew die ersten beiden grundlegenden Abkommen: das SALT-I-Interimsabkommen zur Begrenzung strategischer Offensivwaffen sowie den ABM-Vertrag zur Beschränkung von Raketenabwehrsystemen. Gerade der ABM-Vertrag war spieltheoretisch entscheidend. Er begrenzte die Fähigkeit beider Seiten, sich gegen einen Gegenschlag zu schützen. Paradoxerweise erhöhte also die bewusste Verwundbarkeit die Stabilität. Denn wenn keine Seite hoffen konnte, einen Erstschlag ungestraft zu überstehen, sank der Anreiz, ihn überhaupt zu führen.
Nixon formulierte die Logik nüchtern: „The only alternative to an agreed arms limitation is an unlimited arms race.“
Breschnew erklärte bei der Unterzeichnung: „The conclusion of this agreement is a major step toward curbing the arms race and strengthening international security.“
8 Minuten
Ich erinnere mich, wie ich 1983 vierzehnjährig an unserem Esstisch in einem einfachen Bungalow mit drei Zimmern in Oldenburg in Niedersachsen saß und gerade damit beschäftigt war, in unserer Kinderfriedensgruppe die nächste Aktion gegen die Stationierung von Pershing 2 und Cruise Missile zu organisieren. „8 Minuten“, sagte mein Vater zu mir, der aktiv in der IG Metall war und mit seinen Fingern auf die Zeitung der kommunistischen Partei Pulverfass tippte. „So lange braucht die Pershing nach Moskau. Das ist weniger Zeit als ein hart gekochtes Ei braucht oder noch kürzer als die Zeit, die du morgens bis zur Schule brauchst.“ 8 Minuten war der Maßstab, beziehungsweise die neue Zeitspanne zwischen Sicherheit und Untergang.
Der kalte Krieg war Anfang der achtziger Jahre immer mehr eskaliert. Die Sowjetunion hatte Ende der Siebziger Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 an den europäischen Grenzen stationiert. Diese Raketen konnten von mobilen Raketenwerfern mitten ins Herz der europäischen Zivilisation geschossen werden. Mit ihren präzisen Mehrfachsprengköpfen hätten sie jede Hauptstadt Westeuropas erreicht. Das Gleichgewicht des Schreckens war für einen Augenblick in eine Asymmetrie gerückt worden, die den Europäern Sorgen machte. Die strategische Abschreckung zwischen den Kontinenten war ins Wanken geraten, Europa als Schlachtfeld einer nuklearen Auseinandersetzung war wahrscheinlicher geworden. Deshalb war die Antwort der NATO einige Jahre später: die Stationierung der Pershing 2 und Cruise Missile. Der sogenannte NATO-Doppelbeschluss folgte einer doppelten Logik. Einerseits zu verhandeln mit der Sowjetunion und gleichzeitig aufzurüsten. Die Vorbereitung der Stationierung führte zur Entstehung der Friedensbewegung und letztlich zur Gründung der Grünen Partei in Deutschland. 1979 beschließt die NATO, Gespräche über Abrüstung anzubieten, aber gleichzeitig die Stationierung eigener Systeme vorzubereiten, falls Moskau nicht einlenkt. Pershing II und bodengestützte Cruise Missiles sollten kommen. Abschreckung durch Gegengewicht.
Die Friedensbewegung, die gegen diese Logik der Aufrüstung und Abschreckung in ganz Europa entstand, ging quer durch alle Bevölkerungsschichten. Gewerkschafter, Studenten, Familien mit Kindern, sie alle demonstrierten gegen diese erneute Rüstungsspirale im nuklearen Wahnsinnsspiel. In Großbritannien besetzten Frauen Luftwaffenstützpunkte. In Deutschland gingen hunderttausende von Menschen auf die Straße. In ganz Europa war die Friedensbewegung eine Massenbewegung, die sich dagegen wehrte, dass Europa zum nuklearen Spielfeld der Großmächte USA und Sowjetunion werden sollte.
1987 – neue Verhandlungen, neues Abkommen
Politisch jedoch folgt die Logik der Abschreckung einer nüchternen Arithmetik. Wer einseitig verzichtet, wird verwundbar. Wer nachgibt, lädt zum Druck ein. Das Sicherheitsdilemma – so nennen es Politikwissenschaftler – zwingt beide Seiten in eine Spirale, die niemand wünscht, aber keiner allein stoppen kann. Rationales Eigeninteresse führt zu kollektiver Gefahr. Und doch: Gerade diese Eskalation erzeugt Bewegung. Die ökonomische Belastung wächst, besonders für die sowjetische Seite. In Washington verschiebt sich die Rhetorik, in Moskau beginnt unter neuer Führung ein vorsichtiges Umdenken. Die Verhandlungen, die Jahre zuvor im Schatten gescheitert waren, gewinnen plötzlich Dynamik.
1987 unterzeichnen die Präsidenten beider Supermächte ein Abkommen, das erstmals eine ganze Kategorie nuklearer Waffen abschafft. Mittelstreckenraketen zwischen 500 und 5.500 Kilometern Reichweite werden verboten, Tausende Sprengköpfe verschrottet. Es ist ein Durchbruch – nicht allein wegen des Vertrages, sondern wegen des Signals: Abschreckung kann in Abrüstung münden.
Theoretisch betrachtet beruht nukleare Abschreckung auf einem stabilen Gleichgewicht: Zwei Akteure verfügen über gesicherte Zweitschlagsfähigkeit. Jeder weiß, dass ein Angriff die eigene Vernichtung nach sich zöge. In spieltheoretischer Terminologie handelt es sich um ein nicht-kooperatives Spiel mit dominanter Nichtangriffsstrategie, sofern beide rational handeln und die Informationen symmetrisch sind. Dieses Gleichgewicht – klassisch als Mutually Assured Destruction (MAD) beschrieben – ist jedoch kein Naturzustand. Es ist das Ergebnis institutioneller Rahmung. Verträge wie SALT, START oder New START reduzierten Unsicherheit, begrenzten Arsenale, institutionalisierten Verifikation. Sie transformierten ein einmaliges Hochrisikospiel in ein wiederholtes Spiel mit Transparenzmechanismen.
Ohne Rüstungskontrolle verschiebt sich die Struktur des Spiels
In einer Welt ohne Begrenzungen entsteht ein Rüstungswettlauf als rationales Ergebnis strategischer Unsicherheit. Jeder Akteur muss einkalkulieren, dass der andere seine Fähigkeiten ausweitet oder neue Technologien einführt – Hyperschallwaffen, autonome Trägersysteme, weltraumgestützte Komponenten. Informationsasymmetrien nehmen zu, Vorwarnzeiten sinken. In dem jetzt vor uns liegenden Szenario sind die erschreckend kurzen 8 Minuten der Vergangenheit ein echter Hoffnungsschimmer auf Frieden gewesen.
Spieltheoretisch nähert sich das System damit einem Sicherheitsdilemma mit präemptiver Logik. Wenn die Überlebensfähigkeit des eigenen Zweitschlags infrage steht, wird der Anreiz größer, im Zweifel zuerst zu handeln. Die Abschreckung bleibt formal bestehen, doch ihre Stabilität wird fragiler. Die Lage wird komplexer durch die wachsende Rolle weiterer Nuklearakteure und die Debatte um die Glaubwürdigkeit des amerikanischen nuklearen Schutzschirms. Abschreckung war im bipolaren System ein dyadisches Spiel. Mit zusätzlichen Akteuren entsteht ein Mehrpersonenspiel mit potenziell divergierenden Präferenzen. Die Zahl möglicher Eskalationspfade steigt exponentiell.
Die spieltheoretische Analyse führt zu einer unbequemen Schlussfolgerung: Abschreckung kann Frieden sichern, doch nur unter spezifischen institutionellen Bedingungen. Sie benötigt Transparenz, Kommunikationskanäle, Verifikation und klare Begrenzungen. Mit dem 5. Februar 2026 ist dieses institutionelle Netz gerissen. Seit 1972 gab es stets zumindest minimale Regeln für das strategische Arsenal der Supermächte. Nun basiert die nukleare Ordnung ausschließlich auf Abschreckung – also auf der Erwartung rationaler Selbstbeschränkung unter maximalem Risiko.
Ein Gleichgewicht ohne Sicherheitsmarge – Europas Stunde
Ein Gleichgewicht ohne Sicherheitsmarge – das ist theoretisch möglich. Aber es ist ein System, das nur funktioniert, solange niemand sich irrt. Gerade deshalb darf Europa nicht länger Zuschauer in einem Spiel bleiben, dessen Regeln andere definieren – oder gerade abschaffen. Wenn die transatlantische Verlässlichkeit schwankt und Washington Rüstungskontrolle nicht mehr als prioritäres Instrument strategischer Stabilität begreift, entsteht ein Vakuum. Und Vakuum ist in der internationalen Politik nie neutral. Es wird gefüllt.
Die Europäer müssen deshalb jetzt beginnen, geopolitisch zu handeln – nicht reaktiv, sondern gestaltend. Die Sicherung Europas muss europäischer werden. Abschreckung bleibt notwendig, doch sie muss glaubwürdig, koordiniert und institutionell eingebettet sein. Strategische Autonomie bedeutet: Europa muss selbst Initiative ergreifen – durch neue multilaterale Foren, durch eigene Strategien und durch eine europäische einheitliche diplomatische Führung. Die Geschichte der Rüstungskontrolle und Friedenssicherung von 1972 zeigt, dass Stabilität nicht spontan entsteht, sondern durch politischen Gestaltungswillen.
Spieltheoretisch gesprochen: Wer nicht am Tisch sitzt, wird zum Objekt der Strategien anderer. Eine multipolare Welt voller Atomwaffen, ohne Atomwaffenkontrollverträge erhöht die Unsicherheit für alle und potenziert das Risiko eines Nuklear Konflikts. Europa kann sich entscheiden, in diesem Hochrisikospiel Mitspieler zu sein – oder Spielball.
Letzte Änderung: 17.02.2026 | Erstellt am: 17.02.2026
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