Der Whisky-Guide 2026

Der Whisky-Guide 2026

Delikatessen Kolumne von Frank Winter
Der Whisky Guide Deutschland. Das Jahrbuch 2026  | © 2026 Kultur, Genuss & Bildung, Heinfried Tacke, Konstanz. Alle Rechte vorbehalten.

In der neuen Rubrik „Delikatessen Kolumne“ verfasst Frank Winter regelmäßig Sachbuchrezensionen, Genussberichte und kulinarische Essays zur Geschichte und zu den Besonderheiten des Essens und Trinkens. Über die bloße Wiedergabe von Kochbüchern hinaus geht es hier um die Verknüpfung solcher Themen mit gesellschaftlichen, kulturellen und soziologischen Aspekten der Kulinarik – sei es anhand der Geschichte eines Lebensmittels, der Kultur des Genusses oder der sozialen Rituale am Tisch. Eine vielfältige Bühne für Lifestyle-Themen und ein neuer Spielraum innerhalb von Faust-Kultur. Und heute geht es um einen neuen »Whisky-Guide« … Eine Rezension.

Jedes Kulturgut hat seine historische und wissensmäßige Einbettung. Bei der Königsdisziplin der sogenannten Spirits, dem Whisky, ist es nicht anders. Während es vor 30 Jahren allerdings nur etwa sechs Bücher zum Thema gab, erscheinen heutzutage nun mehr als ein Dutzend Werke pro anno (zumeist englischsprachig), aus denen sich eine fortwährend sprudelnde Quelle für die persönliche Bildung schöpfen lässt. Im aktuellen deutschen Guide des renommierten Experten Heinfried Tacke finden sich zahlreiche thematische Aufsätze. Intermittierend wie komplettierend zu den Sachinformationen, etwa über Destillerien weltweit, deutsche Bars und Fachgeschäfte, liest man darin über die Ursprünge des Getränks, seine adäquate Wertschätzung und – Georg Simmel lässt grüßen – den möglichen Sammeltrieb.

Historisch verbürgt durch ein profanes Steuerdokument, taucht Whisky zum ersten Mal 1494 in den schottischen Lowlands auf. Ein Mönch namens John Friar destillierte für den schottischen König Uisge Beatha das Wasser des Lebens. Mehr als ein halbes Jahrtausend später ist Whisky noch immer unter uns, gewissermaßen lebendiger denn je, allen Schichten zugänglich und produziert in 87 Ländern.

Seine durchgängige Beliebtheit reduziert sich ganz und gar nicht auf den Alkoholgehalt. Im Fass, in Schottland gesetzlich-verbindlich aus Eiche gefertigt, bilden sich durch die Interaktion mit dem Holz gut zwei Drittel seines Charakters aus. Oder wie es Dr. Heinz Weinberger in seinem materialgesättigten Beitrag „Die molekulare Welt des Whiskys. Eine Reise durch Aromen und Chemie“ formuliert: „Ein farbloses, oft noch kantiges Destillat verwandelt sich in eine goldene, harmonische Spirituose voller Tiefe. Das Geheimnis liegt in der Wechselwirkung von Holz, Alkohol, Luft und Zeit.“ Jahrzehnte kann Whisky so ruhen, dabei höheren Mächten seinen Obolus entrichtend: „Angels’ Share“, der Anteil der Engel, wird genannt, was Jahr für Jahr den Fässern über Verdunstung entweicht und gen Himmel steigt. Abhängig vom Klima können das zwei Prozent (Schottland) und in extrem heißen Gefilden (etwa wie in Texas/USA) sogar über zwanzig sein. Whisky oder auch Whiskey (in Irland und den USA zumeist so genannt, besser geschrieben) ist untrennbar vom Klima seines Landes und hat einen innigen Bezug zum Terroir – das kennen wir auch beim Wein so. Im Alter von mindestens drei Jahren und einem Tag, auch das eine gesetzliche Vorgabe, gelangt er in Europa in die Flasche, dann wohlgemerkt nicht mehr reifend. Aber auch Abfüllungen von fünfzig Jahren und mehr lassen sich sehen, zumeist in Auktionen, und bieten so ein Fenster in die jeweilige Zeit. Seine kreativen Schöpfer handelten und handeln überaus altruistisch, da sie oft selbst nicht mehr die genussvolle Bekanntschaft machen.

Wie nun nähert man sich (als Novize) höchst praktisch an? Herausgeber Heinfried Tacke schlägt ein Motiv der Aufklärung vor: „Wage es, deinen eigenen Verstand zu gebrauchen!“ Eine Anleitung zur Mündigkeit will er geben und reüssiert dabei. Es geht, so auch der Titel des Aufsatzes ums „Verkosten, Bewerten, Beschreiben“. „Riechen, schmecken, spüren, erinnern und sich in die eigenen Eindrücke vertiefen, um so dann, immer genauer werdend beim Nachschmecken, Stück für Stück die ersten Fetzen an Worten und Vergleichen herauszulösen, aus denen dann mehr und mehr die eigenen Beschreibungen entstehen.“

Erinnerungen spielen dabei eine große Rolle, weil wir Menschen diese auch mit Düften verbinden, bzw. diese Erinnerungen evozieren. Weihnachten kann „Lebkuchen, Braten, Gebäck, Kerzenduft, Tannennadeln“ verkörpern. In seiner Schule des Whiskys, fast möchte man Akademie sagen, gibt Tacke uns handfeste Gliederungen an die Hand, so etwa die zehn wichtigsten Whiskycharaktere von leicht über mild und süß bis hin zu elegant. Darüber hinaus Anleitungen fürs Farbspektrum (von helltönig bis nussbraun) und die Viskosität oder Fließeigenschaften: ölig und schwer, viskos, leichtflüssig, smart, eher dünn, bis hin zu den häufigsten Aromen. Augenscheinlich wird, dass Whisky sehr, sehr vielschichtig ist, jede und jeder seinen Favoriten finden kann. Ein Ex-Bourbon-Fass verleiht dem nächsten Whisky Aromen von Vanille und Karamell, Ex-Sherry-Fässer spenden Trockenfruchtaromen. Aber auch ehemalige Port-, Wein-, Bier- und Rumfässer spielen ihren Part.

In einem weiteren, ebenso profunden Beitrag verrät uns der Herausgeber dann noch seine zehn Kriterien für einen guten Whisky, etwa die Erhabenheit (Fülle und Weite der Aromen), das Betörende (die besondere Form von Intensität), Eleganz und Strahlkraft … last but not least, ist er der Ansicht „Gute Whiskys reden mit uns“, sind nicht einfach nur ein Erzeugnis. „Sondern von Menschen gemacht, die wir vielleicht kennen, oft auch von alten Überzeugungen getragen werden, eh eine ganze Geschichte besitzen …“

Wie diese aussehen kann, schildert Sebastian Jäger in „Whisky in den Augen eines Sammlers“, gibt en passant handfeste Tipps und farbige Einblicke: von der Aufregung beim unverhofften Entdecken einer seltenen Abfüllung über den Spezialkorkenzieher, der den Korken beim Herausziehen stabilisiert, bis hin zu den lebhaften Diskussionen mit Gleichgesinnten. Jäger beschreibt die Welt des Whiskysammlers als eigenen Kosmos: „Ein emotionales Koordinatensystem aus Erinnerungen, Geschichten und Aromen.“

Was für Sachbücher konstituierend sein sollte: nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch Freude am Thema, schaffen die aus der Praxis kommenden Autoren sehr gut. Dass die eine oder andere Formulierung eventuell etwas eleganter sein könnte, tut dem keinen Abbruch.

Heinfried Tacke: DER WHISKY-GUIDE DEUTSCHLAND, 2026: Paperback, 21.90 Euro. Bezugsquellen: www.whiskyguide-deutschland.de sowie bei ausgewiesenen Fachhändlern und Messen. Paperback. ‏443 Seiten.

Letzte Änderung: 07.07.2026  |  Erstellt am: 06.07.2026

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