Der Satirker und Philosoph, der gern gegessen und darüber geschrieben hat

Der Satirker und Philosoph, der gern gegessen und darüber geschrieben hat

„Siebeck – ein sattes Leben: der Mann, der die Deutschen auf den Geschmack brachte“
Christoph Wirtz: SIEBECK, ein sattes Leben. Der Mann, der die Deutschen auf den Geschmack brachte.  29.90 Euro. Zabert und Sandmann Verlag. Hardcover ‏: ‎295 Seiten. ISBN: 978-3-96584-558-9 | © ZS Verlag, 2026

„Niemand schrieb in Deutschland früher und länger, eleganter und witziger über Essen und Trinken.“ Wie wunderbar: endlich gibt es eine Biographie Wolfram Siebecks! Er war, in Ermangelung eines spezifischen deutschen Begriffs, tatsächlich der profundeste Critique Culinaire/Food Journalist des Landes und sein Lebensweg wird von Christoph Wirtz mit Sachkenntnis, Charme und Spannung beschrieben.

Im gleichen Metier tätig, war dieser u. a. Kolumnist und Chef-Redakteur des Gault Millau , publiziert(e) in der Welt am Sonntag , in stern und Feinschmecker . Aber „vermutlich wäre es ohne eine frühe Begegnung mit Wolfram Siebecks Büchern nie dazu gekommen.“ Ein Glück für uns, wie bereits der Blick ins Inhaltsverzeichnis mit den stilistisch schön gefeilten Headlines zeigt: Bayerisches Beben, Exorzist der braunen Soße, Freiheit am Herd, Adorno mit dem Schneebesen etc.

Anno 2001 schlug Wirtz der Welt am Sonntag ein Gespräch mit Siebeck und Oskar Lafontaine über die Genusskultur in Deutschland vor. Der Saarländer ließ bereits in den Achtzigerjahren Taten sprechen und beschäftigte einen Sternekoch für die Landesvertretung, ungeachtet des Ingrimms vieler Deutscher. Siebeck attestierte ihnen mehr als einmal, strukturell lustfeindlich zu sein. Zu sehr heg(t)en und pfleg(t)en sie die protestantische Ethik, die sich, wie wir von Max Weber wissen, auch bei nicht-religiösen Menschen findet: „[…] aber während wir hundert Jahre und länger stolz darauf waren, die besten Soldaten zu haben, verlieh man in Frankreich Orden an die besten Köche”. Exzellent auch die Feststellung, dass Armeen vielleicht Geschichte schreiben, aber keine Kochbücher!

Siebeck wurde 1928 in Bochum geboren, in einem Bundesland, das nicht gerade als kulinarischer Hotspot bekannt ist wie etwa Baden. Sein Großvater besaß eine Druckerei nebst Lokalzeitung. Dessen Söhnen, Vater Robert und Onkel Wolfram, war leider kein Erfolg beschieden. Sie mussten Konkurs anmelden. Wolframs Mutter stammte aus Ostpreussen, auch eher geläufig für Bescheidenheit auf dem Teller. Robert Siebeck hielt sich und die Familie mit häufig wechselnden Jobs über Wasser, wollte aber seinen gewohnten Komfort nicht so leicht aufgeben. Schließlich bekam er eine dauerhafte Anstellung.

„Die heiterste Zeit seiner Kindheit verlebt Wolfram Siebeck in der ländlichen Ruhe von Bochum-Langendreer, wo der Vater auf einer Zeche ein Büro der Firma Raab Karcher leitet.“

Wolfram nimmt wenig von den Gerichten der Mutter zu sich. Am meisten mundet ihm Milch. Bereits im Alter von zehn Jahren kocht er: Vanillepudding. Drei Jahre später isst er zum ersten Mal alleine in einem Restaurant. Mit Fahrrad und Zug fährt er durch Westfalen und findet sich an einem schön gedeckten Tisch ein. Es gibt Schellfisch mit Senfsoße und ein Glas Apfelsaft. An seinen autonomen Ausflug, beeindruckend für das Alter, in der damaligen Zeit, wird er sich noch Jahrzehnte später erinnern. So auch an den Zweiten Weltkrieg, in den er als Kindersoldat gezwungen wurde. Strammstehen, exerzieren – all das wird ihm zutiefst zuwider und den Rest seines Lebens weigert er sich sogar, einen Wecker zu stellen. Seiner Produktivität schadete es nicht.

Nach dem Krieg meldet er sich beim Arbeitsamt, Berufswunsch: Zeichner/Kunstmaler. In einem sogenannten Reklameatelier lernt er das Schreiben von Rechnungen und Mahnungen. Seine spezifische Passion will sich noch nicht abzeichnen. Dafür ist Siebeck brennend an allen schönen Künsten interessiert: Musik, Literatur, Filme, Malerei. Eine Ausbildung an der Werkkunstschule Wuppertal bricht er nach drei Monaten ab. „Mag sein Lebensstandard allgemein steigen, kulinarisch tut er dies nur auf äußerst bescheidenem Niveau.“ Er wusste zwar noch nicht, was ihm schmeckte, doch von dem, was er aß, sagte ihm nichts zu. Als er wahrnimmt, dass ihm Schreiben mehr liegt als Zeichnen, ist die entscheidende Weiche gestellt. Im Jahr 1961 erscheint sein erstes Buch, Lady Chatterleys Füße. Eine Monographie des Fußes , klar erkennbar noch kein kulinarisches Werk. Kritiker wird er auch, zunächst bei den Oberhausener Kurzfilmtagen. Er freundet sich mit Regisseuren und Zeichnern an, reist quer durch Europa. In Jugoslawien begeistert ihn die Genussfreundlichkeit so sehr, dass er beschließt, guten Mahlzeiten zukünftig eine wichtige Rolle zuzuweisen. Seine endgültige „Konvertierung“ findet am 18. Januar 1969 statt. Bei Pierre Gaertner absolviert er im Restaurant Aux Armes de France in Ammerschwihr einen Kochkurs. Von da an gab es kein Halten mehr und Frankreich wird stets seine Messlatte für feines Essen sein. Ein Jahr später erscheint seine erste Restaurantkritik im Reiseteil der ZEIT , für die er jahrzehntelang schreiben wird (allein 38 Weihnachtsmenüs zählen dazu), so auch für den Feinschmecker . Erschien donnerstags das Wochenblatt, stürmten seine Leserinnen und Lesern Marktstände, um eine spezifische Zutat zu ergattern.
Ein Blatt wird Siebeck nie vor den Mund nehmen. So bescheinigt er seinen Landsleuten atavistische Reflexe gegen jede Form von Verfeinerung, wird erst am Lebenende etwas versöhnlicher. Kulinarisches Unterscheidungsvermögen ist für ihn immer auch politisch.

„Wer so gleichgültig ist bei dem, was er sich tagtäglich einverleibt, wer so freiwillig auf Gaumenfreuden verzichtet und unreflektiert Traditionen und Regeln folgt, weil er es nicht wichtig findet, weil alles zu kompliziert ist, weil früher alles so schön war […] der kann und wird immer wieder hereinfallen auf die Prediger der Entsagung, der Borniertheit, der Abschottung.“

Tugenden, die er schätzt, sind Ungehorsam, Unabhängigkeit, politische Unkorrektheit, und auch Köche bekommen, entschuldigen Sie den Kalauer, ihr Fett ab. Eckart Witzigmann, den er bewundert und der ihm sogar ein Gericht widmete, strengt sich Siebecks Urteil zufolge irgendwann nicht mehr richtig an. Über Paul Bocuses Restaurant schreibt er:

„Wenn man die Stammgäste beobachtet, die die großen Portionen in sich hineinschaufeln, wie in einer Fernfahrerkneipe, liegt der Schluss nahe: Als Wirt eines Les Routiers wäre Bocuse sicher der beste Kneipenwirt der Welt. So hat er nicht mal das beste Restaurant Lyons.“

Der „Koch des Jahrhunderts“, der seit 1964 drei Michelinsterne besaß und Mitglied der Ehrenlegion war, hätte Siebeck bei einem späteren Event am liebsten verprügelt. Unermüdlich weist dieser seine Leser an, zu unterscheiden zwischen dem auch Guten und dem Besseren, die Qualität von Produkten zu erkennen und zu würdigen. Wirtz bemerkt eine Nähe zu David Hume und zitiert diesen:

„Klarer Verstand mit feinem Gefühl verbunden, durch Übung verbessert, durch Vergleiche vervollkommnet und von allen Vorurteilen befreit, all dies erst verleiht den Worten der Kritiker Gewicht.“

Doch damit kein falscher Eindruck entsteht: Speisen müssen nicht zwangsweise aus Kaviar, Trüffel und Gänseleberpastete bestehen. Siebeck war etwa ein großer Anhänger von Innereien, weil sie sich nicht selbst erklären, ihre Zubereitung Aufwand und Kenntnis erfordert, und sich mit ihnen kein Status demonstrieren lässt.

Nach der Lektüre dieses fabelhaften Buches, verspürt man große Lust, sich auch Siebecks Werke wieder zu Gemüte zu führen. Im Anhang findet sich eine Bibliographie mit 35 (!) kulinarischen Bänden, die zwischen 1976 und 2016 erschienen. Es wäre außerordentlich schön, wenn der eine oder andere wieder aufgelegt werden könnte, für diejenigen, die noch kein Exemplar besitzen oder auch solche Menschen, die ihre Sammlung aufstocken möchten. Zudem, werte Kolleginnen und Kollegen von der ZEIT : wie wäre es mit einer Auswahl seiner Artikel, überaus altmodisch in Buchform, auf Papier gedruckt? Ob man in Frankreich, das Siebeck so sehr schätzte, derart lange zögern würde? Eine eher rhetorische Frage des Rezensenten …

Christoph Wirtz: SIEBECK, ein sattes Leben. Der Mann, der die Deutschen auf den Geschmack brachte. 29.90 Euro. Zabert und Sandmann Verlag. Hardcover ‏: ‎295 Seiten. ISBN: 978-3-96584-558-9

Letzte Änderung: 15.10.2026  |  Erstellt am: 15.10.2026

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