Wenn das Recht endet

Wenn das Recht endet

Warum eine mögliche US-Besetzung Grönlands das Potenzial hat, die westliche Ordnung in ihren Grundfesten zu erschüttern
Konferenz in San Francisco, auf der zwischen April und Juni 1945 die Charta der Vereinten Nationen fertiggestellt und verabschiedet wurde.  | © Vereinten Nationen / United Nations (UN)

Warum halten Menschen sich an Gesetze? Aus innerer Überzeugung – oder aus Angst vor Strafe? Seit der frühen Neuzeit kreist die politische Philosophie um diese Frage. Die Staatsphilosophen Thomas Hobbes und John Locke beschrieben den Menschen als grundsätzlich konflikthaftes Wesen: Ohne äußere Ordnung zerfalle Gesellschaft in einen Kampf aller gegen alle. Recht erscheine hier weniger als moralische Verpflichtung denn als Zwangsinstrument – Ordnung entstehe aus Angst, nicht aus Einsicht. Demgegenüber steht die republikanische Idee des Rechtsstaates – nicht im parteipolitischen Sinn, sondern in der aufklärerischen Tradition von Montesquieu und Kant: eine Ordnung, in der Macht durch Recht gebunden ist und selbst die Starken dem Gesetz unterworfen bleiben. Freiheit entsteht hier nicht aus der Abwesenheit von Regeln, sondern aus ihrer Verlässlichkeit. Wenn jedoch die einzige verbliebene Supermacht, die Vereinigten Staaten von Amerika, beginnt, Recht nicht mehr als Grenze, sondern als Option zu behandeln, dann bedeutet das nicht mehr, dass das rechtlich Erlaubte zählt, sondern das Durchsetzbare.

Die Debatte über Grönland ist deshalb kein geopolitisches Randthema. Sie ist ein Testfall dafür, ob der Westen noch an die bindende Kraft des Rechts glaubt – oder bereits in eine Welt zurückgleitet, in der Macht wieder Recht ersetzt.

Das Spiel „was wäre, wenn…“ kennt jeder:

Hier also drei denkbare Szenarien im Falle einer US Besetzung Grönlands. Eine solche Besetzung, wie von Präsident Donald Trump offen in Aussicht gestellt, wäre kein geopolitischer Betriebsunfall, sondern ein Bruch der westlichen Ordnung von innen. Die jüngste Rhetorik aus Washington und der völkerrechtlich hochproblematische Zugriff auf Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro zeigen: Was lange als undenkbar galt, ist politisch nicht mehr ausgeschlossen. NATO und EU stünden vor einem Loyalitätskonflikt, den ihre institutionelle Architektur nie antizipiert hat.

Die Eindeutigkeiten der rechtlichen Lage

Grönland galt lange als entlegener Außenposten. Heute ist es ein strategisches Symbol. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus wird die Kontrolle über die Insel erneut als Frage nationaler Sicherheit formuliert. Anfang Januar 2026 wurde bekannt, dass in Washington offen über Zwangsmaßnahmen diskutiert wird. Die Reaktionen in Europa fielen ungewöhnlich scharf aus. Die dänische Ministerpräsidentin erklärte, ein US Angriff auf Grönland käme faktisch dem Ende der NATO gleich.

Zeitgleich setzte Washington andernorts einen folgenreichen Präzedenzfall. Im Januar 2026 nahmen US Spezialkräfte den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro fest und brachten ihn in die Vereinigten Staaten – ohne Zustimmung des betroffenen Staates und ohne Mandat des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Völkerrechtler werteten dies als Bruch zentraler Normen der internationalen Ordnung. Die entscheidende Frage lautet seither: Was geschieht, wenn die führende Macht des Westens beginnt, Recht und Bündnistreue als disponibel zu behandeln?

Die Rechtslage selbst ist eindeutig. Artikel 2 Absatz 4 der UN Charta verbietet die Androhung und Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität eines Staates. Dänemark könnte sich im Falle eines Angriffs auf Artikel 51 berufen, einschließlich kollektiver Selbstverteidigung.
Politisch jedoch beginnt die Zumutung. Die NATO entscheidet ausschließlich im Konsens. Ein Instrument, um einen dominanten Bündnispartner gegen dessen Willen zu binden, existiert nicht.

Gerade hier wirkt die Haltung von Bundeskanzler Friedrich Merz fatal. Indem er öffentlich Verständnis für amerikanische „Sicherheitsinteressen“ in Grönland signalisiert, verschiebt er den Maßstab – von der Geltung des Rechts zur Akzeptanz der Macht. Sicherheit wird so zur rhetorischen Vorstufe territorialer Ansprüche. Damit wird nicht Stabilität erzeugt, sondern genau jene Ordnung unterminiert, die Sicherheit überhaupt erst möglich macht.

Die Ambivalenzen der rechtlichen Lage

Auch in der Europäischen Union ist die Lage paradox. Artikel 42 Absatz 7 EUV verpflichtet die Mitgliedstaaten zum Beistand bei bewaffneter Aggression. Grönland gehört nicht zur EU, wohl aber Dänemark. Politisch wäre eine Nichtanwendung kaum vermittelbar. Hohe rechtliche Klarheit trifft auf institutionelle Handlungshemmung.

Hinzu kommt das bilaterale Verteidigungsabkommen von 1951 zwischen den USA und Dänemark. Es erlaubt eine amerikanische Militärpräsenz in Grönland ausschließlich im Einvernehmen. Eine Besetzung gegen dänischen oder grönländischen Willen stünde in offenem Widerspruch zu diesem Vertrag – und damit auch zur Logik eines einvernehmlichen Bündnisses.

Szenario A – Unwahrscheinlich: NATO gelähmt, die EU übernimmt

Washington blockiert substanzielles Handeln der NATO. Konsultationen häufen sich, doch eine gemeinsame Linie kommt nicht zustande. Das Bündnis besteht fort, verliert jedoch sein politisches Gravitationszentrum.
Die EU füllt das entstehende Vakuum. Artikel 42 (7) wird zum zentralen Solidaritätsinstrument. Sanktionen, Exportkontrollen, diplomatischer und rechtlicher Druck dominieren. Militärische Unterstützung bleibt strikt defensiv: Aufklärung, Überwachung, Schutz kritischer Infrastruktur. Russland und China profitieren von der offen zutage tretenden Fragilität des Westens.

Szenario B – Wahrscheinlich: NATO besteht fort, zerbricht jedoch politisch

Die NATO überlebt institutionell, verliert jedoch an politischer Glaubwürdigkeit. Ein Artikel 5 Mechanismus gegen die USA ist undenkbar. Handeln verlagert sich in minilaterale Formate. Die EU setzt auf ihre ökonomischen Hebel, militärische Beiträge bleiben begrenzt Russland profitiert von anhaltender westlicher Fragmentierung. China gewinnt an narrativer Durchschlagskraft.

Szenario C – Sehr wahrscheinlich: Maximaler Druck, rasche Deeskalation

Europa setzt auf kontrollierten Druck, um eine Eskalation zu vermeiden. Sanktionen, Diplomatie und transatlantische Kanäle dominieren. Selbst im Erfolgsfall bleibt der Schaden erheblich: Vertrauen erodiert, strategische Autonomie wird zur Notwendigkeit.

Fazit

Eine US Besetzung Grönlands wäre rechtlich eindeutig verurteilbar und politisch hochdestabilisierend. Sie würde offenlegen, wie sehr die westliche Ordnung von freiwilliger Selbstbindung lebt – und wie schnell sie erodiert, wenn die stärkste Macht sich nicht mehr gebunden fühlt.

Die NATO würde überleben, aber geschwächt. Die EU würde einspringen. Russland und China würden lernen, dass die größte Gefahr für das westliche Bündnis derzeit nicht von außen kommt. Und wenn selbst europäische Spitzenpolitiker wie Friedrich Merz beginnen, diese Logik des Stärkeren rhetorisch vorzubereiten, dann steht nicht nur Grönland auf dem Spiel – sondern auch der Grundsatz, dass internationales Recht über ökonomische Macht und militärische Stärke steht.

Die Europäer dürfen sich in dieser Lage durchaus durch die USA verraten fühlen.

Letzte Änderung: 16.01.2026  |  Erstellt am: 16.01.2026

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