Nationale Identität und Wiedervereinigung

Nationale Identität und Wiedervereinigung

Hätte die DDR nach 1990 als eigenständiger Staat fortbestehen und Reformen durchführen können?
 | © Thomas Draschan / Art Virus

Vor Kurzem hat eine ostdeutsche Landtagsfraktion Martin Gross als Diskussionspartner eingeladen, um über die Frage zu sprechen, ob nach 1990 eine eigenständige Entwicklung der DDR möglich gewesen wäre. Wäre damit eine Entwicklung, die häufig als „Kolonialisierung des Ostens“ beschrieben wird, zu vermeiden gewesen? Martin Gross rekapituliert den Weg der Wiedervereinigung, um zu sehen, an welchen Stellen die Geschichte anders hätte abbiegen können. Ein insgesamt skeptisches Fazit, aber auch ein Blick auf ein paar Alternativen.

In der aktuellen Ost-West-Diskussion taucht eine alte Frage wieder auf: Wäre nach 1990 die Entwicklung der DDR zu einem eigenständigen, demokratisch-sozialistischen Staat wünschenswert und realistisch gewesen?

Vorsicht! Im Hintergrund dieser Frage lauern ein paar umstrittene Thesen: War die Wiedervereinigung eine Übernahme der DDR durch die BRD? Eine Kolonialisierung? Eine Unterwerfung? Ist dabei so etwas wie eine Ost-Identität entstanden, die sich bis heute den „System-Parteien“ widersetzt? Eine eigenständige Entwicklung der DDR hätte all dies verhindert – so wird bisweilen behauptet. Also: Wäre ein eigenständiger demokratischer Staat wünschenswert und realistisch gewesen?

Ich würde sagen: wünschenswert vielleicht schon, realistisch nein. Wünschenswert schien mir damals, als ich für ein Jahr in Dresden lebte, das Projekt eines anderen Deutschland: demokratischer und sozialer. Sehr schnell wurde aber offensichtlich, dass angesichts der einmal in Gang gesetzten marktwirtschaftlichen Mechanismen kaum ein Entrinnen, höchstens eine Schadensbegrenzung möglich war. Ich bin Fatalist; ich sehe unter den gegebenen Umständen keinen grundsätzlich anderen Entwicklungsweg – an einer bestimmten Stelle aber hätte der Weg vielleicht doch in eine andere Richtung führen können. Ich werde darauf zurückkommen.

Aber langsam! Sehen wir uns die gegebenen Umstände noch einmal genauer an. Schauen wir, wo die Geschichte auf dem Weg von den Montagsdemos zur Treuhand-Verwaltung in eine andere Richtung hätte abbiegen können.

Am Ende eines Jahres der Demonstrationen und der Ausreisewelle standen 1989 bekanntlich der Mauerfall und die Reisefreiheit. Aus einer internen DDR-Entwicklung war damit eine gesamtdeutsche geworden: „Wir sind ein Volk.“ Die erste Frage nach einer alternativen Entwicklung wäre: Hätte die mit dem Mauerfall erreichte Reisefreiheit weiterhin bestanden? – Natürlich ja. Auch andere osteuropäische Länder gewährten nach 1989 Reisefreiheiten. Eine Reise von Osteuropäern in die BRD war allerdings oft nur mit Visum zu touristischen Zwecken möglich. Das alles liegt schon so lange zurück, dass man sich in Erinnerung rufen muss: Anders war es für DDR-Bürger. Sie galten in der BRD als Deutsche, waren rechtlich den anderen Deutschen gleichgestellt, konnten sich also dauerhaft niederlassen, Arbeit aufnehmen und ggf. soziale Unterstützung in Anspruch nehmen. Und sie selbst verstanden sich einerseits als benachteiligte DDR-Bürger, andererseits aber als Gesamtdeutsche mit entsprechenden Gleichheitsansprüchen. Eine solche hybride Nationalidentität schuf mit der Reisefreiheit einen enormen Abwanderungsdruck: „Kommt die D-Mark nicht zu uns, dann gehen wir rüber zur D-Mark.“ Das war eine der Parolen des Wendejahres. Ich bin kein Ökonom, aber um eine Volkswirtschaft zu destabilisieren, reicht vermutlich eine Minderheit von 10 % oder 20 % junger Fachleute, die auf gepackten Koffern sitzt, um bei der erstbesten Krise „rüber zu geh’n“ (in 1990 waren es 200 000 bis 400 000 Personen.) An dieser Stelle hätte die Geschichte wohl kaum eine Möglichkeit geboten, anders abzubiegen: Die Reisefreiheit bleibt also, und der gesamtdeutsche Gleichheitsanspruch bleibt und damit aber auch die drohende Abwanderung.

Zu den gegebenen Umständen gehörten für mich damals auch die Ergebnisse der Volkskammerwahl (März 1990) und der Kommunalwahlen (Mai 1990). Damals votierten rund 75 % der Wähler für die Parteien einer schnellen Vereinigung. Die SED-Nachfolgepartei (PDS) kam auf 16 %, für viele DDR-Bürger verbunden mit gewissen Zweifeln an deren demokratischer Gesinnung. Die Bürgerrechtsbewegung, die Initiatorin der „friedlichen Revolution“ und Befürworterin einer eigenständigen demokratischen Entwicklung, erhielt nur knapp 3 %. Damit war eigentlich schon alles entschieden. Man kann einen eigenständigen Staat nicht gegen eine große Mehrheit der Bevölkerung entwickeln. Die Bürgerrechtsbewegung und die Bevölkerung gingen schon früh getrennte Wege. Ich verstehe das damalige Votum so: Warum soll man Zeit und Kraft und viel Streit investieren, um ein neues System zu entwickeln, wenn man ein scheinbar perfektes System aus dem Westen übernehmen kann? Man darf das getrost auch als eine Art von „Übernahme“ bezeichnen – diesmal aber im Sinne von: Wir übernehmen das West-System. Also: Wer hat nun wen oder was übernommen? Einerseits der Westen den Osten – andererseits der Osten die westliche Marktwirtschaft mit all ihren Regeln. „Wir werden so leben wie die im Westen – und zwar nicht irgendwann, sondern schon morgen.“ Auch hier meldet sich der Gleichheitsanspruch einer hybriden Nationalidentität.

„Aber“, sagen die beharrlichen Befürworter einer eigenständigen Entwicklung, „nehmen wir an, die Bevölkerungsmehrheit hätte für eine staatliche Eigenständigkeit votiert. Was wäre dann möglich gewesen? Schauen wir uns doch wenigstens an, welche Chancen wir damals verpasst haben.“ – Also gut, sehen wir, ob die Geschichte nicht doch an irgendeiner Stelle anders hätten abbiegen können.

Die nächste Frage an die Befürworter einer eigenstaatlichen Entwicklung wäre dann: Hätte es Zollgrenzen gegeben? Wenn nein, dann wäre die DDR wohl wie gehabt von Westwaren überschwemmt worden mit dem bekannten Ergebnis des Niedergangs der eigenen Produktion und der entsprechenden Arbeitslosigkeit. Ob berechtigt oder unberechtigt: Westwaren galten als besser, haltbarer, funktionaler. Falls es Zollgrenzen gegeben hätte, wäre die eigene Wirtschaft zwar ein wenig besser geschützt gewesen. DDR-Bürger der grenznahen Gebiete und des West-Berliner Umlandes hätten ihre Reisefreiheit aber wohl ausgiebig genutzt, um im Westen einzukaufen. Ein entsprechender Schwarzmarkt wäre kaum zu vermeiden gewesen. Noch aus der Zeit kurz vor der Währungseinheit habe ich DDR-Innenstädte in Erinnerung, in denen schon damals trickreiche Händler aus dem Westen auftauchten – und zwar die eher unangenehmen Vertreter der Gattung „Wessi“, die mit großen Sprüchen auf breiten Klapptischen ihre Ladenhüter zu überhöhten Preisen verkauften. Auch mit Zollgrenzen wäre dem Warenstrom und der Arbeitslosigkeit kaum Einhalt zu gebieten gewesen. Wer an dieser Stelle versucht, anders abzubiegen, wird wieder nur bei den altbekannten Problemen ankommen.

Eine nächste Möglichkeit, anders abzubiegen: die Treuhand. Ihr wird nachgesagt, westdeutschen Unternehmen bevorzugten Zugriff auf DDR-Firmen gewährt und brutale Rationalisierungen akzeptiert zu haben. Ein Alternativvorschlag lautet: In einer eigenständigen DDR hätten internationale Firmen häufiger den Zuschlag bekommen können. – Aber sie hätten nach denselben marktwirtschaftlichen Regeln rationalisiert, also Arbeitslosigkeit geschaffen. Allerdings wäre dann die Frage gewesen, aus welchen Kassen die Arbeitslosengelder hätten bezahlt werden können. Der DDR-Staat war überschuldet, und die westdeutsche Arbeitslosenversicherung wäre für einen eigenständigen DDR-Staat wohl eher nicht zuständig gewesen. Also werden wir auch an dieser Stelle lieber nicht anders abbiegen.

Die Treuhand: Von Ökonomen wird die internationale Konkurrenzfähigkeit der DDR-Wirtschaft des Jahres 1990 bezweifelt. Ein großer Teil der Betriebe war schlicht und einfach ruiniert – die Bausubstanz kaum noch sanierungsfähig, die Maschinen veraltet. Die Treuhand sei lediglich an einer schnellen Abwicklung interessiert gewesen, wird oft behauptet. – Leicht gesagt in einer Situation, in der monatlich Tausende in den Westen abwandern und zugleich Millionen an Gehältern für teils unproduktive Betriebe fällig werden. Eine schnelle Klärung der Lage und eine Privatisierung potenziell produktiver Betriebe war ein Gebot der Stunde – was nicht ausschließt, dass die Treuhand manch krasse Fehlentscheidung zu verantworten hat.

Sehen wir uns diese potenziell produktiven Betriebe genauer an: Ein anderer Teil der DDR-Betriebe ist vor 1990 durchaus konkurrenzfähig gewesen, allerdings nur bei einem geringen Lohnniveau (1:5 oder 1:10 im Verhältnis zu West-Gehältern). Aber hätte sich nach 1990 die DDR als Niedriglohn-Land abspeisen lassen? Wenn ich richtig sehe, entsprach das ostdeutsche Lohnniveau bereits Ende 1990 immerhin schon 40 % bis 60 % des westlichen Niveaus. Das Dilemma der Wiedervereinigung: Eine Steigerung von rund 10 % auf 50 % des Westniveaus bedeutete bei freiem Warenverkehr einerseits das Ende selbst jener Branchen und Betriebe, die DDR-intern bislang noch kostengünstig produzieren konnten. Andererseits war ein Niveau von rund 50 % des Westlohns dennoch eine Beleidigung: „Warum kriegen wir weniger als die drüben?“ Hier haben wir es wieder, das Thema: „Wir sind doch auch Deutsche.“

Ein Vergleich mit anderen osteuropäischen Ländern (Polen, Ungarn, Rumänien usw.) zeigt, dass die dortige Bevölkerung in den ersten Jahren nach 1989 härter unter den marktwirtschaftlichen Reformen zu leiden hatte als die DDR-Bevölkerung. Auch ein einheimischer Unternehmer bleibt eben ein Unternehmer, der auf Ertrag und Gewinn zielt. Aber die Osteuropäer hatten keine „Brüder und Schwestern im Westen“, denen gegenüber sie sich einerseits als Gleiche und doch als Bürger zweiter Klasse hätten fühlen müssen. Die Osteuropäer hatten zwar eine ökonomische Krise, aber auch einen neuen Nationalstolz – endlich waren sie unter sich. Und weil Abwanderungsdruck und westliche Warenflut deutlich geringer ausfielen, hatten die Betriebe für eine Transformation vergleichsweise mehr Zeit.

Ein Blick in den Agrarsektor der DDR ist hier vielleicht aufschlussreich. Wenn ich richtig sehe, dann gingen die früheren LPGs als Agrar GmbHs häufig an die ehemaligen einheimischen Betriebsleiter, die ebenfalls massenhaft Mitarbeiter entließen und die Eigentumsrechte früherer Kleinbauern mit allen Tricks westlicher Jurisprudenz auszuhebeln versuchten. Der neue Betriebsleiter war zwar kein Wessi, sondern „einer von uns“. Aber war er damit besser?

Noch immer die Treuhand: Ein anderer Vorschlag der Befürworter einer DDR-Eigenstaatlichkeit lautet, DDR-Betriebe hätten nicht an Westinvestoren verkauft werden dürfen, sondern alle DDR-Bürger hätten über Anteilsscheine einen Anteil an volkseigenen Betrieben erhalten sollen – und damit auch Mitspracherechte über Produktion und Produktionsbedingungen. Schöne Idee, aber dadurch werden die Betriebe ja noch nicht international konkurrenzfähig. Im Übrigen zeigt uns die russische Entwicklung ein Monster, das dabei entstehen kann. 1992 erhielten alle Russen einen Anteilsschein am Staatseigentum, einen Voucher über 10 000 Rubel. Im selben Jahr hatten 10 000 Rubel immerhin noch den Wert eines teuren Kleidungsstückes (sagen wir: eines Wintermantels). Ein oder zwei Jahre später entsprachen 10 000 Rubel höchstens noch dem Wert eines Kilos Rindfleisch. Begünstigt von einer irren Inflation zeigte sich sehr schnell ein zweites Phänomen: Was als Demokratisierung gedacht war, wurde das Erfolgsmodell skrupelloser Geschäftsleute, die mit zweifelhaften Beziehungen und windigen Tricks massenweise an Voucher gelangten („für ne Flasche Wodka“). Ohne dass irgendeine Institution den oft kriminellen Fluss von Geld und Firmenanteilen hätte prüfen können, schnappten „neue Russen“ sich die Filetstücke der russischen Wirtschaft (Öl, Gas usw.) und betraten als „Oligarchen“ die Bühne der Weltwirtschaft. Verglichen damit hatte die unbeliebte Treuhand immerhin noch einen gewissen Überblick über diejenigen, die sich um volkseigenes Vermögen bemühten. Biegen wir an dieser Stelle also doch lieber wieder zurück zum Modell „Treuhand“.

Aber die Arbeitslosigkeit, die Entwertung bisheriger Lebenserfahrungen, die Degradierung von Millionen? – Ja, genau! Ich bin damals in meinem Dresdener Jahr vielen Menschen begegnet, deren Lebensläufe die Wende komplett umgepflügt hat. Bisherige Leistungen wurden entwertet, bisherige Fachkenntnisse nutzlos. Nicht nur die Arbeitsstelle ging verloren, sondern oft auch die Lebenspläne, der innere Halt und die innere Unversehrtheit. Jahrelang hatten die Menschen von der Marktwirtschaft geträumt, jetzt war sie gekommen und hatte keine Verwendung für sie. Eine große enttäuschte Liebe.

Ich vermute: Keiner der Architekten der Wiedervereinigung hatte das Problem erkannt, das heute das Ost-West-Verhältnis dominiert. Die damalige Strategie war offenbar klassisch marktwirtschaftlich: Ihr habt bestellt, wir liefern (das BRD-System). Die Menschen wurden als Abnehmer adressiert, als Kunden. Mitgestaltung am Produkt war nicht vorgesehen. Dabei agierten die West-Verkäufer bisweilen mit der Arroganz eines Unternehmers, der weiß, dass er das Geschäft seines Lebens macht. Und weiter: Der Westen lieferte nicht nur die Kochrezepte, sondern die Köche auch noch gleich dazu. Und der Preis des Ganzen war auch noch unbekannt.

Das wäre eine Stelle, an der man anders hätte abbiegen können und müssen. Zugegeben: Ich mische mich nicht aus Sachkenntnis in diese Debatte ein, auch nicht als Betroffener, eher aus Betroffenheit. Ich habe kein Gegenrezept, kann aber von einigen positiven Beispielen aus Politik und Verwaltung berichten. Ich bin damals in Dresden „Leihbeamten“ aus dem Westen begegnet, die einen Kreis einheimischer Kommunal- und Regionalpolitiker innerhalb einiger Monate auf das westliche System vorbereitet und sie dann sich selbst überlassen haben. Damit wurden politische Entscheidungen zügig an lokale und regionale Gremien und Ämter übergeben. Das hätte viel stärker das Konzept fürs ganze Land sein müssen: für Betriebe, Medien, Gerichte, Kultur. Ein Unternehmer, der über die Treuhand eine Firma übernimmt, hätte zugleich verpflichtet werden müssen, einen zu definierenden Kreis von betriebsinternen Nachwuchskräften in die neuen Aufgaben einzuführen und ihre Reformvorschläge zu prüfen (ggf. aus Arbeitslosengeldern). Ich habe auch junge West-Angestellte erlebt, die begeistert eine neue Ost-Filiale übernommen haben, weil sie darin eine große Aufstiegschance für sich selbst sahen. Zugleich aber waren sie darauf bedacht, die einheimischen Mitarbeiter an eine neue Verantwortung heranzuführen. Insgesamt aber stieß ich viel zu oft entweder auf Arroganz („das kapieren die nie“) oder auf altväterliche Bevormundung („lass mal, wir machen das schon“). Eine Integration, also eine Mitarbeit als strategisches Konzept, hat weitgehend gefehlt. Mitarbeit oder Bevormundung waren den einzelnen „Wessis“ überlassen.

Jenseits der betriebsinternen Abläufe habe ich auch selten erlebt, dass Ansätze der Bürgerrechtsbewegung aufgegriffen worden wären. Die Vielzahl von Aktivitäten (in den Bereichen Bürgerdialog, Umweltschutz, Kultur usw.) hätte gezielt gefördert werden können. Aber die Bürgerrechtsbewegung war gelähmt. Einerseits hatte sie ihren Gegner verloren, die SED-Elite. Selbst die mittlere Ebene der Führungskader und Betriebsleiter war durch Fachleute aus dem Westen ersetzt worden. Andererseits sind mir auch keine strategischen Anstrengungen und Programme bekannt, die Zivilgesellschaft zu fördern. Die DDR-Betriebe waren bekanntlich nicht nur Produktionsstätten, sondern in weitem Sinne verantwortlich für gesellschaftliches Leben: für Kulturgruppen, Urlaub, Sport, Seniorenbetreuung. Die Lücke, die die Wende hier hinterlassen hat, wäre das Feld zivilgesellschaftlicher Aktivitäten gewesen, wenn man sie gezielt gefördert hätte: Verantwortliche gewinnen, Interessenten ansprechen, Pläne an die neuen Verhältnisse anpassen, Anschub finanzieren. Die Botschaft wäre gewesen: „Wir gestalten mit.“ Staatshilfe wird ergänzt durch Selbsthilfe. Aber lange Zeit nach 1990 sind zivilgesellschaftliche Aktivitäten eher gering ausgefallen – große Teile der Bevölkerung waren zuerst einmal damit beschäftigt mit den neuen Regeln klarzukommen: mit Steuerklassen und Steuertricks, mit Sparmodellen und Versicherungen (brauche ich eine Haftpflichtversicherung?). Andererseits waren gesellschaftliche Aktivitäten bisher weitgehend von oben geplant und organisiert. Eigeninitiative war in diesem Bereich eine eher seltene Erfahrung. Vorübergehend hätte man vielleicht von oben neue Impulse setzen müssen, hätte sich dabei aber auf eine Kompetenz der DDR-Bürger stützen können, die ja ziemlich findig gewesen waren, wenn es darum ging, irgendetwas außerhalb der amtlichen Wege zu besorgen oder zu organisieren.

Es sollte aber nicht übersehen werden: Die Entwertung ihrer Lebensleistungen betraf Menschen, die sich heute in Rente befinden oder kurz davor. Wer heute jünger als 60 Jahre alt ist, hatte damals im Alter von weniger als 24 Jahren wohl kaum eine reiche, aber plötzlich entwertete Berufserfahrung. Dafür aber hatten die Jüngeren eine Chance, die es zu DDR-Zeiten kaum gab: Ausbildung und Beruf selbst zu wählen. Dennoch haben sich Entwertung und Degradierung zu einem Selbstbild verfestigt, das sich bis heute erhalten hat. Ich weiß: Im Ost-West-Vergleich zeigen sich noch immer Differenzen in Vermögenshöhe, Lohnniveau, Infrastruktur usw. Das generelle Selbstbild von Bürgern zweiter Klasse scheint sich aber von der realen Lage verselbständigt zu haben. Selbstbilder sind oft beharrlicher als die Realität.

Außerdem wäre festzustellen: Die Umwälzung von Lebensläufen war eine Erfahrung aller „Transformationsländer“. Auch in Polen, Ungarn usw. wurden Menschen aus ihren Berufsbahnen geworfen, um irgendwie und irgendwo neu zu beginnen. Allerdings geschah dies langsamer als in den ostdeutschen Bundesländern; es blieb genügend Zeit bis zum EU-Beitritt 2004. Die Umwälzungen betrafen nicht alle Bevölkerungsschichten gleichzeitig, blieben deshalb eher ein Einzelschicksal, verdichteten sich nicht so sehr zu einem kollektiven Trauma, wurden nicht zu einer Gruppen-Identität: „Wir Ossis“. Auch in Osteuropa wurden nach und nach die Rezepte des Westens übernommen, aber die Akteure kamen aus dem eigenen Land. Die Osteuropäer verglichen ihre aktuelle Lage eher mit ihrer früheren Lage, nicht mit der ihrer „Schwestern und Brüder im Westen“. Und damit sind wir wieder beim deutschen Sonderweg, ein komplettes System in kürzester Zeit zu installieren, um eine möglichst schnelle Angleichung von Ost und West zu erreichen. Sehr scharf zeigen sich hier Fluch und Vorteil der deutschen Einheit: Die Umstellung auf D-Mark (1:1 bzw. 1:2) erzeugte eine schnelle Aufwertung von Ersparnissen und Einkünften allerdings auch eine schnelle Abwertung der Persönlichkeit. Wo am Ende der einheitsdeutsche Mensch stehen sollte, erschien der „Ossi“.

Eine ähnlich traumatische Entwertung von Biographien kenne ich aus Russland der 90er Jahre. Auch dort gab es massenhafte Arbeitslosigkeit, allerdings ohne das soziale Sicherungsnetz einer immerhin minimalen Grundsicherung. Im Vergleich damit war die DDR-Wende verhältnismäßig gut gepolstert. Ich habe kennengelernt: Einen ehemaligen Maschinenbauer, der dann mit gelegentlicher Schwarzarbeit im Transportgewerbe zu überleben versuchte, die ehemalige Abteilungsleiterin einer Chemiefabrik, die mehrere Putzjobs annahm, ehemalige Buchhalterinnen, die vor den Markthallen selbstgestrickte Socken, Pullover und Mützen verkauften. – Und dann die Prostitution! Nicht nur traditionell: Sex gegen Geld, sondern häufiger in sozialer Abhängigkeit: Sex mit einem Vorgesetzten für Arbeitsplatzsicherheit. Auch in Russland ist die Entwertung von Biographien zu einem kollektiven Trauma geworden und hat sich unter Putin teilweise zu einem neuen russischen Nationalstolz verdichtet: „Ihr habt versucht, uns klein zu kriegen mit Liberalismus und Marktwirtschaft. Aber ihr habt euch getäuscht. Wir sind heute stärker denn je.“

Schlussbemerkung: Als der „Wessi“ noch kein Schimpfwort war. Ich erinnere, dass Kurt Biedenkopf, ein prominenter Wessi, mit 54 % (1990) und mit 58 % (1994) zum Ministerpräsidenten Sachsens gewählt wurde. Bernhard Vogel war ab 1992 elf Jahre lang Ministerpräsident in Thüringen. Gegenbeispiele? Die neu gegründete ostdeutsche SPD und der Demokratische Aufbruch hatten viel Vertrauen verloren, weil ihre Vorsitzenden Ibraim Böhme (SPD) bzw. Wolfgang Schnur (DA) als Stasi–Informanten enttarnt wurden. Die Reaktion meiner DDR-Verwandten war: „Diese Brüder sitzen doch noch überall drin. Bevor wir eine der neuen Ost-Parteien wählen, wählen wir Helmut Kohl. Der ist garantiert nicht Stasi.“

Heute aber kann ich bei meiner Schwester in der Uckermark spazieren gehen, komme an eleganten Villen vorbei oder an Seegrundstücken oder an aufwendig restaurierten Hofanlagen; und es heißt: „sieh’ mal Wessis!“. Wenn ich aber in meiner Region spazieren gehe, in der Lüneburger Gegend, und an eleganten Villen vorbeikomme oder an Seegrundstücken oder an aufwendig restaurierten Hofanlagen, denke ich einfach nur: „reiche Leute“. Sie bekommen keine weitere Identität, weil ich keine Ahnung habe: Sind da ein paar Hamburger aufs Land gezogen, oder Architekten aus NRW; oder vielleicht sind sie nicht einmal Deutsche. Vielleicht wohnt hier ein Herzchirurg aus Dänemark oder ein Tiefbauspezialist aus Tschechien. Wer auch immer: Er hat einfach nur genügend Geld, ist Begünstigter unseres Systems (in dem ich nicht schlecht lebe, obwohl ich es nicht mag). Mir liegt wenig daran, diese Leute näher kennenzulernen (das gilt umgekehrt sicher auch). Aber wer weiß – wenn ich mit dem einen oder anderen ins Gespräch käme, wäre es vielleicht doch der Beginn einer interessanten Freundschaft.

Letzte Änderung: 27.10.2026  |  Erstellt am: 27.10.2026

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