Schubert ist im Jetzt

Schubert ist im Jetzt

Clemens von Reusners KRENE

Bisher ließen Konzertveranstalter die Trennung von klassischer Instrumentalmusik und Lautsprechermusik möglichst unangetastet. Bei den „Sommerlichen Musiktagen Hitzacker 2021" aber wurde mit Clemens von Reusners Komposition KRENE eine neue, zeitgenössische Teilhabe an Schuberts letzter Sonate erprobt. Michael Hoeldke beschreibt, was da vor sich ging.

Ein Höreindruck

Für die „Sommerlichen Musiktage Hitzacker“ 2021 erhielt Clemens von Reusner, Jahrgang 1957, den Auftrag, eine elektroakustische Komposition zum Thema des Festivals „Schubert. JETZT.“ zu realisieren. Das Thema variiert das Motto „Tradition trifft Gegenwart“.

Wie begegnet ein Komponist von 2021 dem 1828 verstorbenen Schubert? Dessen Musik lässt sich durch Komponieren wohl kaum interpretieren. Und doch kann man seine Gedanken illuminieren und betrachten, indem man die eigene Rezeption eines Werks als Initialzündung für eine neue Komposition zugrunde legt.

Als Grundlage hat Clemens von Reusner Schuberts letzte Sonate Nr. 21 B-Dur, D 960 gewählt; sein eigenes elektroakustisches Werk hat er „KRENE“ (altgriechisch „Quelle“ oder „Brunnen“) genannt; es wird als lebendiges Scharnier zwischen zweitem und drittem Satz der Sonate eingefügt, im Ergebnis entsteht ein hybrides Werk von etwa siebzig Minuten Länge. Während der Klavierdarbietungen erhält der Aufführungsort Bühnenlicht, das Hören des elektroakustischen Teils findet bei Dunkelheit statt. Bei der Uraufführung von KRENE am 5. August 2021 in Hitzacker hat der junge Pianist Nicolas Namoradze den Live-Teil übernommen.

Um zu komponieren, muss von Reusner eine Pause in Schuberts Sonate machen, eine Pause, die es nicht gibt. Nicht gibt? Nach dem Ende eines Sonatensatzes entsteht immer eine Pause, deren Ausdehnung der Interpret nutzt, um die Form des Sonatenzyklus zu gestalten. In dieser Stille hört das Publikum einen Moment lang innerlich weiter, jeder für sich; der Klang des Gehörten nimmt Kontakt zur Welt auf, der dramaturgische Verlauf der Komposition wirkt innerlich nach und könnte nun einen Sub-Kosmos in den Gedanken jedes Einzelnen bilden, würde nicht der Einsatz des folgenden Satzes die Stille beenden. Von Reusner übernimmt nach dem Andante den Staffelstab vom Interpreten, um die Zeit für einen solchen Sub-Kosmos zu schaffen.

Zeitsprung: Zu Beginn von KRENE erklingt das Anfangsmotiv des Andante, das angehalten wird und verharrt, Erinnerung und Gegenwart werden für einen Moment identisch, der Hörer öffnet das Ohr für Kommendes. Anders als bei dessen Gedanken in der normalen Satzpause, die sich im Nachklang der Stille und eher zufällig bilden, errichtet von Reusner eine durchdachte Form, die, auch ohne Einbettung in die Schubert-Sonate, Stand und Bestand hat. In KRENE ist ein Zyklus erkennbar, der als zeitliches Gerüst anfangs Kenntnis, später Wiedererkennung beschert. Im Verlauf der 22minütigen akusmatischen Komposition wird nicht nach der Wahrheit in Schuberts Denken gesucht, sondern nach dem, was Schubert beim Hörer auslösen kann. Durch die Benutzung des Ambisonics-Verfahrens erfährt man eine frappierende Einbeziehung des Räumlichen, die der Dramaturgie der Komposition eine besondere Intensität verleiht, ein Ausdrucksmittel, das Schubert nicht zur Verfügung stand: Musik bewegt sich als Gedanke durch den Raum. Dadurch wird von Anfang an die Eigenständigkeit KRENEs gewährleistet.

Die Klänge wechseln oft die Position, der Aufführungsort wird zum Fahrzeug durch einen Tagtraum. Das zuvor Gehörte wird aufgegriffen, entwickelt ein Eigenleben, die Musik, in der Erinnerung zum reinen Gedanken geworden, hallt wider, entwickelt passagere Ideen und antithetische Objekte. All dies bildet eine Musikwelt, die in die Ruhe zwischen dem nachdenklichen zweiten und dem heiteren dritten Satz hineinwächst und sich entwickelt, manchmal folgerichtig, manchmal skurril. Immer wieder erscheinen Zitate, freilich in sehr stark veränderter Form, zuweilen dient auch der reine Klavierklang als Werkstück für die Fortspinnung der Gedanken.

Im Jahr 2021 wird anders musiziert als 1828, dies zeigt das Stück ohne den geringsten Anflug von Anmaßung. In KRENE tritt der Klavierklang aus sich selbst heraus, wird im Verlauf immer mehr neu geformt, bis eine Art Grenze zu einem Gebiet überschritten wird, in der das Klavier als Identitätsträger abwesend zu sein scheint. Den Gestus des Wartenlassens, um dann mit Klang zu belohnen, behält von Reusner bei, ein Charakteristikum schubertschen Komponierens. Die Zeit regiert nicht, sie wird regiert, gerafft, gedehnt, der Klang kommt als Fläche, als Saitenklang, als perkussiver Knack, zu Arpeggien getürmt.

In der Tradition akusmatischer Komposition scheint diese künstliche Tonwelt gleichsam der Natur zu entstammen, unterbrochen von eindeutig elektronischen Ereignissen. Das Narrativ ist die Gestaltung des Klanges, das Abenteuer der Konstellation der Klänge, der Gestus der Zeitgestaltung. Als Hörer sollte man Vertrauen haben und sich auf KRENE einlassen, man ist beim Gestalter dieser 22 Minuten in guten Händen.

Von Reusner reicht eine Hand, und der Hörer kann zum Denken Schuberts Kontakt aufnehmen, fast zwei Jahrhunderte nach seinem Tod, und es entsteht Raum für eigene Gedanken. KRENE beleuchtet Schuberts Komposition, Assoziationen werden angeregt, jeder kennt das beim Anhören von Musik, nur dass das Stück normalerweise weitereilt und der Raum für dieses Denken nicht da ist. Nicht, dass man die selben oder ständig ähnliche Konnotationen hat oder haben soll wie von Reusner, und doch: Die Klänge, die im abgedunkelten Saal erscheinen, sich bewegen, den Hörer bisweilen durchqueren, verharren und wieder verschwinden, erscheinen oft merkwürdig vertraut, manchmal als Zitat, manchmal als Déjà-vu, nie heftig. KRENE denkt weiter, regt zum Weiterdenken an. Franz Schubert ist dabei nie abwesend. Er scheint aus großer Distanz zuzuschauen, mir will scheinen, mit Gefallen.

Die Kompositionen D960 und KRENE stehen als eigenständige Werke nebeneinander, Schubert ist im Vorteil, da die Sonate per se keine kommentierende Komposition benötigt, von Reusner muss sich also ins Stück einbringen, indem er sich unterordnet; keine angenehme Position für einen selbst denkenden Komponisten. Die Frage nach dem Sinn dieser musikalischen Paarung drängt sich dabei auf. KRENE gibt die Antwort selbst. Schon die Erwartung dessen, was im Programm angekündigt ist, steigert die Aufmerksamkeit für die Sonate beim Anhören der ersten beiden Sätze, nach Verklingen des elektronischen Teils erscheinen Scherzo und Allegro als folgerichtiges Weitergehen, Schuberts Gedanken erscheinen klarer, Schubert ist im Jetzt.

Für sich gehört, bringt das elektroakustische Stück durchaus die Befriedigung, die ein abgeschlossenes Werk bietet. Vollständig (also in Verbindung mit pianistischer Darbietung) aufgeführt, bildet die Rückkehr zu den Sätzen III und IV der B-Dur-Sonate einen quasi doppelten Reprise-Eindruck, zumal in KRENE Klänge des dritten Satzes antizipiert werden. Hier zeigt sich die Qualität der Komposition. Diese Rückkehr ist keineswegs eine zum „Wahren, Schönen, Guten“ nach durchlebter Durststrecke. Das Anhören des elektroakustischen „Satzes“ führt zu einer neuen Sicht auf das unter Klavierfreunden äußerst beliebte Stück D960.

Es ist bestimmt hilfreich, KRENE mehrmals zu hören, isoliert oder in Verbindung mit der Sonate, es rücken sich dann immer wieder Neuentdeckungen ins Bewusstsein des Hörers. 
Genau hier zeigt sich ein schnödes administratives Problem: Es wird schwierig sein, das Stück mehrmals aufzuführen. Man braucht einen guten Pianisten, eine gute Wiedergabeanlage mit guter Klangregie und einen Veranstalter, der bereit ist, für die entstehenden Kosten einzustehen. Mit siebzig Minuten Aufführungsdauer ist das Werk nicht radiophon, jedenfalls nicht im Sinne eines Sendeplans, der alle sechzig Minuten eine Nachrichtensendung vorsieht; und auch auf Festivals wird es Hemmungen geben, einem Einzelwerk (das KRENE ja eigentlich nicht ist,) so viel Raum zu gewähren.

Hinzu kommt, dass es nicht die angesagten tagespolitischen Themen bedient, kein unwichtiger Aspekt für Konzerte, Festivals und Medienevents in bewegten Zeiten. KRENE ist ein Stück gelebtes L’art pour l’art, die Zeitreise vom Klang Schuberts zum Klang von Reusners und wieder zurück, das niemandem dient außer der Musik, eine geistige Position, von der aus sich dann freilich Betrachtungen aller Art machen lassen.

Eigentlich die richtige Stoßrichtung für Kunstwerke. Alles andere wäre Alltag.

Siehe auch:
Sommerliche Musiktage Hitzacker 2021

Letzte Änderung: 09.09.2021  |  Erstellt am: 05.09.2021

Clemens von Reusner | © Foto: Sandra Schade

Clemens von Reusner, Jahrgang 1957, ist Komponist und Klangkünstler. Er studierte Musikwissenschaft und Musikpädagogik sowie Schlagzeug bei Abbey Rader und Peter Giger. Seit Ende der 1970er-Jahre setzt er sich mit elektroakustischer Musik, radiophonen Hörstücken und Soundscape-Kompositionen auseinander. Im Zentrum seiner Arbeiten stehen gleichermaßen rein elektronisch erzeugte, wie an besonderen Orten vorgefundene Klänge; z.B. solche, die der Alltagserfahrung meist entzogen sind, wie die Klanglandschaft eines Industriehafens, Orte mit speziellen technischen Anlagen oder auch nächtliche Klangszenen in einer Großstadt. Ende der 1980er-Jahre entwickelte er die Musiksoftware KANDINSKY MUSIC PAINTER. Clemens von Reusner komponierte Auftragswerke für den Rundfunk und zahlreiche seiner Werke wurden bereits international aufgeführt, etwa in Asien, Europa, Nord- und Südamerika. Er erhielt Einladungen zu den Weltmusiktagen für Neue Musik 2011 in Zagreb, 2017 in Vancouver, 2019 in Tallin. Sein Werk „draught“ (ein Auftrag des Festivals) wurde 2019 bei den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker uraufgeführt. Clemens von Reusner ist Mitglied des Deutschen Komponistenverbandes (DKV) und der Gesellschaft für Neue Musik (GNM). Von 2010 bis 2013 war er Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für elektroakustische Musik (DEGEM). Hinzu kamen kuratorische Tätigkeiten und solche als Jurymitglied bei internationalen Festivals für elektroakustische Musik.

Siehe auch:
Website von Clemens von Reusner

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