Die Rückkehr

Die Rückkehr

Eine Story über Schuld, Schweigen und Befreiung
 | © Art Virus

Mayjia Gille verfasst eine historische Kurzgeschichte, die sich so realitätsnah und verzweifelt wie unerwartet entfaltet ‒ wie ein Märchen. Das Pflegekind Ayda stiehlt Butter und wird von der strengen Herrin ertappt; sie wird in einer Arrestzelle isoliert, betet um Hilfe, doch Gott bleibt stumm. Ayda versucht, im Nachkriegsdeutschland zu überleben – ein Unwetter entpuppt sich dann als ein symbolischer Akt. Eine Erzählung über ein Trauma, den Glauben und die plötzliche Rückkehr in die Kindheit – über das Sich-Befreien von der Vergangenheit und das Wiederfinden der kindlichen Naivität.

…du wurdest auf die Fläche des Feldes geworfen,
aus Abscheu vor deinem Leben, an dem Tag,
als du geboren wurdest … Da ging ich an dir vorüber
und sprach: Bleib am Leben …
Hesekiel 16,5

Strömender Regen. Grelle Blitze erscheinen wie geworfene Lichtlanzen am verdunkelten Himmel. Donner krachen.

Ayda kniet zitternd unter einer Kuh. Als die ersten Blitze auftauchten und sie keinen anderen Unterschlupf fand, flüchtete sie unter das Tier, das anscheinend den Anschluss zu seiner Herde verloren hatte und vom Unwetter genauso überrascht wurde wie Ayda. Noch vor einer Stunde war es schönstes Wetter, und der Wirt im Dorf hatte keinerlei Bedenken, als Ayda den Aufstieg zur Alm begann.

Wie ein Baldachin hängt der Bauch des Tieres über ihr. Gewitter seien Drohgebärden des Himmels, vorauseilendes Gottesgericht für die beschämende Sündhaftigkeit der Menschheit. So hatte man es ihr als Kind erzählt. Ganz vorsichtig bewegt sich Ayda, um nicht aus Versehen das Euter zu berühren. Melken gehörte früher zu Aydas alltäglichen Aufgaben. Warme Milch gab es, und den Rahm musste sie in einem großen Fass mit einem Stampfer zu Butter schlagen. Es war eine der ersten Tätigkeiten, die sie am Hof der Pflegeeltern lernte. Schwer war es. Man durfte dabei nicht zu hektisch werden mit der Sahne. Viel schwerer noch fiel es Ayda, nicht den Finger hineinzutunken und von der köstlichen Butter zu naschen.

Damals war der Krieg zu Ende gegangen. Das Land hungerte. Bei Frau Sophia Hillitzer aber, die eine der wohlhabendsten Hofbesitzerinnen der Gegend war, gab es kulinarische Köstlichkeiten in diesen harten Zeiten. Fast wöchentlich kamen der Ortspfarrer und der Bürgermeister, es wurde reichlich aufgetafelt und die neuesten Gerüchte ausgetauscht. Mägde und Knechte des Hofes und auch Ayda waren von diesen Mahlzeiten ausgeschlossen. Zum Frühstück gab es Graubrot und als Aufstrich Fallobstmarmelade aus Birnen und Äpfeln, die zuvor aufgelesen und eingekocht wurden. Butter stand nur Sophia Hillitzer und ihrem Gatten Albert zu, der abgemagert und still neben dem warmen Ofen saß und ab und an kleine Schreinerarbeiten verrichtete. Geistesabwesend wirkte er meistens, nachdem er aus dem Krieg mit nur einem Bein zurückgekehrt war. Nur wenn ein Vogel besonders laut sang oder das Käuzchen im Wald rief, sah er auf, als würde ihm etwas Wichtiges wieder einfallen. Seine großen blauen Augen sahen dann hellsichtig in die Ferne, bis er wieder den Kopf auf die Brust sinken ließ und in sich versank.

Sophia Hillitzer hingegen war eine mächtige und lebhafte Erscheinung, bewirtschaftete den gesamten Hof. Sie war überaus geizig, führte das Personal mit strenger Hand und schreckte auch nicht davor zurück, im Kloster für wenig Geld weibliche Arbeitskräfte zu erwerben, die sie später zu besten Konditionen im Umland in wohlhabende Hände verheiraten konnte. Von den Nonnen des Ordens der lieben Frauen wurde der Bäuerin gegen eine kleine Spende auch das sechsjährige Pflegekind Ayda zugeteilt – als Arbeitskraft zur Bewältigung der Folgen des Zweiten Weltkrieges.

Einmal wurde Ayda von Sophia Hillitzer auf frischer Tat ertappt. Beim Butternaschen. Gerade als sie den Finger ordentlich voll Butter hatte, erschien die Bauersfrau in der Tür, eilte auf das Mädchen zu und schlug es derb ins Gesicht. Als das Mädchen durch den Schlag vom Hocker fiel, auf den sie zuvor geklettert war, um besser an das Fass beim Stampfen heranzureichen, schrie die Bäuerin: „Der Satan ist in dir, deine Sünden werde ich dir austreiben, eine Diebin bist du, eine Teufelin!“

Die Pflegemutter, die Ayda nur „Herrin“ nannte und nicht „Mama Sophia“, wie die Bäuerin gerne genannt werden wollte, zerrte Ayda wütend den langen Gang des Gutshauses entlang, vorbei an den erschrockenen Knechten und Mägden, die dem Mädchen besorgt nachschauten. Die Kleine stolperte unter dem festen Griff und schlug sich die Knie auf. Vor einer Kammer blieb die Pflegemutter stehen, stieß mit einem Tritt den Verschlag auf, schob das Mädchen hinein und befahl, es solle auf dem Holzschemel so lange ausharren, bis Gott ihr ihre Sünde verziehen habe. Lautstark verriegelte die Herrin den Karzer.

Lange wagte das Kind nicht, sich zu bewegen. Es weinte auf dem Schemel kniend, die Hände gefaltet, leise vor sich hin. Erst als die schweren Schritte der Hausdame verklungen waren und es ganz still wurde, hob Ayda vorsichtig den Kopf.

Den kleinen schlichten Holzaltar kannte sie, es war nicht das erste Mal, dass die Bäuerin sie hier eingesperrt hatte. Ayda sah auf das silberne Kreuz, den Kerzenleuchter mit der schon ein wenig abgebrannten Kerze, auf die schwarzsamtene Bibel, Schwefelhölzer und den Rosenkranz der Herrin mit den braunen Holzperlen. Alles wie immer fein säuberlich und ordentlich angerichtet, auf einer weißen gehäkelten Spitzendecke.

Ayda sah wieder zum Altarkreuz. Jesus hing auch wie immer mit geschlossenen Augen, selbst ein Geschlagener, am Kreuz. Der Schlag brannte auf ihrer Wange, die Knie schmerzten. „Es tut mir leid“, flüsterte das Kind und war sich nicht sicher, ob sie Reue empfand oder vielmehr Mitleid mit Christus hatte. Sie sah abwechselnd auf ihren Zeigefinger und auf das glanzvoll geputzte Kruzifix. Abgehackt hätte sie ihn am liebsten – den Sündenfinger. Sie strich ihn an der herunterhängenden Häkeldecke vorsichtig ab. „Maria, hilf“, stieß die Kleine aus. Aber unübersehbar blieb der glänzende Butterrest, hing an ihr wie Pech. „Der Satan ist in mir“, flüsterte sie und hielt den Finger hoch zu Jesus.

Plötzlich kam ihr der Gedanke: Wenn Jesus jetzt nicht imstande sei, könne sie den Teufel doch selbst vertreiben. Irgendwo musste er ja sein. Sie tastete langsam den Arm entlang. Wo war der böse Teufel? An Schulter, Rücken oder Bauch war keine Ausbuchtung zu finden, die man aufstechen konnte wie eine Eiterbeule, keine Fratze, die sie wie einen Splitter aus ihrer Haut hätte ziehen können. Sie fand nichts – außer sich selbst. Sie kniff sich zornig und energisch in den Bauch, wieder und wieder, und als sich wirklich nichts Teuflisches fand, schlug sie wie von allen guten Geistern verlassen mit den Kinderhänden auf ihren Kopf ein. So heftig, dass sie vom Schemel fiel – wie zuvor unter dem Schlag der Pflegemutter. Erst dann ließ sie entkräftet von sich ab und rollte sich leise wimmernd auf dem Steinboden zusammen.

Der letzte Rest Kindheit war aus Ayda gewichen, so schrieb die Magd in einem Brief ein paar Tage später heimlich an Aydas Vater, in der Hoffnung, dass er das Kind aus dieser Lieblosigkeit erlöse. Aber Aydas Vater bekam den Brief nie zu sehen. Seine Ehefrau, die keinen Bastard aus einer Nebenbeziehung in ihrem Leben mehr dulden wollte, vernichtete ihn und sprach nicht mit ihrem Gatten darüber.

In diesen Karzerstunden nahm ein nichtsnutziges Gottesbild in Ayda Platz: Gott, der unerbittlich schweigende Patriarch. Jesus als Geschundener am Kreuz, der selber Hilfe brauchte. Der aufrechten Gestalt der Gottesmutter Maria dagegen, die als schmale Holzfigur über dem Eingang des Karzers thronte, traute Ayda mehr zu, und sie bewunderte ihre Anmut im farbigen Umhang. Maria war zudem überall auf dem Land präsent, ihr Gesicht stets dem Betenden zugewandt. Dennoch wollte Ayda keinesfalls zu Gott, Jesus oder Maria beten. Vielleicht auch, weil der Rosenkranz von der Pflegemutter als Sanktionsmittel gebraucht wurde und das Zählen der Perlen ihr nach der harten Arbeit zu mühselig erschien.

Das Unwetter klingt ab. Donner ist nicht mehr zu hören.
Ayda wagt einen Blick.
Es klart auf.
Die Kuh regt sich, muht.
Das Tier macht einen Schritt nach vorn, entleert sich und hinterlässt einen riesigen Fladen.
Als wäre seine mütterliche Aufgabe, Ayda zu schützen, beendet, läuft es ein paar Schritte, grast, als hätte es nie ein Unwetter gegeben.
Der Regen hat aufgehört.
Ayda zieht hastig Schuhe und Strümpfe aus, steckt die Füße in den frischen, warmen Tierdung und gluckst wie ein Kind.
Wohlig und warm fühlt es sich an.
Die Füße im warmen Kuhfladen.
Blau ist der Himmel.
Das Gewitter hat sich gänzlich zurückgezogen.

Letzte Änderung: 22.04.2026  |  Erstellt am: 22.04.2026

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