Der geheimste Geheimbund

Der geheimste Geheimbund

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Thomas Draschan, Papiercollage, Anderen Sinnes | © Art Virus Ltd.

Ein Buch über Geheimbünde – ein Widerspruch in sich? Während bekannte Symbole und Orden längst entzaubert sind, bleibt die wahre Geheimhaltung woanders bestehen. Der geheimste Geheimbund ist so unsichtbar, dass nicht einmal seine Mitglieder von ihm wissen, schreibt Lukas Meschik in einer neuen Betrachtung.

In einem Buch über Geheimbünde befindet sich eine Seite mit einer „kleinen Auswahl geheimer Symbole“: Die Eule mit Buch als Erkennungszeichen der Illuminaten, das Emblem der völkisch-antisemitischen Thule-Gesellschaft mit eingearbeitetem Hakenkreuz, das Ordenszeichen der italienischen Carbonari, die Monas-Glyphe nach John Dee, wie sie in der Chymischen Hochzeit der Rosenkreuzer abgedruckt ist. In einem extra eingefassten Bereich noch Erkennungszeichen der Freimaurerei: Winkelmaß und Zirkel symbolisieren die Fortschritte des Freimaurers und das geistige Werkzeug, mit dem er an seiner Perfektion arbeitet; Dreieck mit Auge – ein gleichseitiges Dreieck als Symbol für dreifache Schaffenskraft, Weisheit, Stärke und Schönheit als Symbol des Großen Baumeisters, dem Schöpfer aller Dinge; um einen Handschlag verschlungene Bänder als Symbol der brüderlichen Verbundenheit; der flammende Stern mit dem Buchstaben G im Zentrum bezeichnet Gott, den großen Geometer – also Vermesser – des Universums; eine dreizehnstufige Pyramide mit Auge als Verweis auf die Gründungsversammlung der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1776, bei der sich dreizehn Staaten zusammenschlossen.

Je länger ich die Abbildungen studiere, desto klarer wird mir, dass es sich nicht um eine kleine Auswahl geheimer Symbole handelt, sondern um eine kleine Auswahl ehemals geheimer Symbole. Indem sie abgedruckt wurden, sind sie ja nicht mehr geheim. Bei den dazugehörigen Geheimbünden handelt es sich um ehemalige Geheimbünde. Die Illuminaten, die Thule-Gesellschaft, die Carbonari, die Rosenkreuzer und die Freimaurer sind namentlich bekannt. Von ihrer Existenz zu wissen, nimmt ihnen den Status des Geheimbundes. Ein Buch über Geheimbünde ist eigentlich paradox, denn so geheim können sie ja nicht mehr sein, wenn man ein ganzes Buch über sie lesen kann – auch ihr Wirken kann damit nicht mehr im Verborgenen geschehen. Die wahren Geheimbünde sind jene, über die es keine Bücher gibt, deren Symbole nicht bekannt sind. Der geheimste Geheimbund ist einer, dessen Existenz niemandem bekannt ist, nicht einmal seinen Mitgliedern. Beim geheimsten Geheimbund bist du Mitglied, ohne dass du selbst davon erfährst. Der geheimste Geheimbund ist eine Leerstelle, ein schwarzes Loch, ein ungewusstes Nichtwissen – von dem du nicht einmal weißt, dass du es nicht weißt.

Unbekannt, wofür er steht, was Ziel und Aufgabe der Mitglieder sind. Es gibt weder Aufnahmerituale noch Ausschlusskriterien, keine Kleidungsvorschriften und Zusammenkünfte, und schon gar keine konspiratorischen Treffen an verschwiegenen Orten. Der geheimste Geheimbund hat keine Agenda, sein Wirken bleibt völlig absichtslos und undurchschaubar. Es könnte sein, dass du Teil davon bist, ohne dass man es dir mitgeteilt hat – wer sollte das auch tun? Selbst wenn es der Fall wäre, könntest du niemandem davon erzählen. Der geheimste Geheimbund ist so geheim, dass es ihn gar nicht gibt.

Letzte Änderung: 29.03.2025  |  Erstellt am: 29.03.2025

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