Le Struthof

Le Struthof

Erinnerung
Gedenkstätte Stuthof

Die bösen Dörfer, das sind Schauplätze in der Pfalz, im Elsass und den Vogesen, wo Deutsche während des NS-Regimes sich zu Herren über Leben und Tod machten, Häftlinge zu Sklaven machten und in Konzentrationslagern drangsalierten und töteten. Peter Kern erinnert an die volkstümlichen Lieder und Sprüche und an das Grauen, das sich dahinter verbarg.

In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehen – das Lied klang dem Mann immer wie eine Drohung in den Ohren. Er wollte seine Heimat eigentlich nicht mehr wiedersehen. Fuhr er aus seiner geliebten Bourgogne nach Rhein-Main zurück, wählte er meist den Weg über Lothringen und das Elsass. So mied er den Grenzübergang bei Forbach. Denn nach Forbach kommen die Saar und der Bogen, in dem Saarbrücken liegt, Landstuhl mit seiner Burg auf der Sickinger Höhe, der Talkessel, mit K-Town mittendrin, die Berg- und Tal-Fahrt durch den Pfälzer Wald und gleich hinter Hettenleidenheim der Schuss runter ins Rheintal, an den Weinbergen vorbei. Die Pfalz mit ihren bösen Dörfern könne ihm gestohlen bleiben, erklärte er seiner Frau. Die wollte aber wissen, wozu sie jetzt durchs reizlose Lothringen ins Elsass führen, wo sie doch in gut zwei Stunden endgültig zu Hause wären. Es sei des Sauerkrauts, der Schlachtplatte, der Schwarzwälder und des Edelzwickers wegen, sagte der Mann, und das deftige Essen lag ihm wohl schwer im Magen. Die Nacht im Elsass verbrachte er regelmäßig ohne Schlaf.

Das Taubengurren zuhause, in seiner Stadt, machte ihn abends schläfrig. Der Ruf der Wachteln im Elsässer Dorf vor Einbruch der Nacht machte ihn nervös. Eine Wachtel schlägt an, das wusste er noch von seinem Vater. Das Kind hatte das Widbewid vom Hilschberg her oft gehört, jetzt vernahm der Erwachsene den Anschlag des Vogels wieder.

Einmal übernachtete er mit seiner Frau in Niederbronn-les-Bains; ihre Unterkunft eine Pension, das Hotel Muller in der Avenue de la Liberation ausgebucht. Der kommende Tag, der letzte des Urlaubs, sollte den Vogesen gehören. Der Mann wollte ein wenig angeben: Schau mal, woher meine Großmutter kommt. Er hörte das Elsassdütsch so gerne. De Muli isch de Muh ihr Maa. Seine Großmutter hatte den Dialekt, in dem sie aufgewachsen war, gerne parodiert. Jetzt parodierte der Mann, und seine Frau lachte über die Übersetzung: Der Muli ist der Mann der Eselin. Die Wirtin der Pension bot schon zum Frühstück auf, was d’Alsace zu bieten hat: den Munster, den Schwartenmagen, den Bibbeleskäs, den Landjäger, der hier Gendarm heißt, und wie der Gendarm drüben, im Pfälzischen, auf der ersten Silbe betont wird. Selbst der Gugelhupf fehlte nicht. Als die beiden jungen Deutschen beratschlagten, wohin es heute gehen sollte, machte die Dame des Hauses Vorschläge. Den letzten machte sie sichtlich verlegen: „Ihr müsst einmal nach Natzweiler fahren, damit Ihr seht, was die Deutschen getan haben.“

Natzwiller, Rieschwiller, Igelshard, Schindhard, die Käffer in Les Vosges und im Wasgau klingen alle gleich. Der Mann und seine Frau fuhren nach Natzweiler an einem Sommertag, der so richtig Lust auf Sommerfrische machte. Und dieser Lust kam die Landschaft entgegen, so grün, wie sie sich bot. Um zu dem über dem Ort gelege-nen Struthof zu kommen, ging es ein paar Serpentinen hoch, und es wurde immer noch frischer, noch belebender. Eichenwald, Tannenwald, Buchenwald, dazwischen immer wieder ein offener Blick ins Tal und auf einen mäandernden Bach. Dich mein stilles Tal, grüß ich tausendmal, das Lied von Vatis Liederkranz kam dem Mann in den Sinn. Sicher gab es hier oben irgendwo einen ordentlichen Gasthof mit Garten, um die Idylle bei einer Weißweinschorle zu genießen.

Der Struthof war ein Gasthof und ein Hotel, bevor er dem in seiner Nähe gelegenen Konzentrationslager seinen Namen gab. Die Häftlinge des KZs mussten in den umliegenden Steinbrüchen den seltenen roten Granit abbauen. Den Granit brauchte Albert Speer für die Monumentalbauten der Reichshauptstadt. Die SS unter Heinrich Himmler ließ das Konzentrationslager von Häftlingen errichten; 4.000 Gefangene hatten für einen Baumaterial liefernden SS-Konzern zu arbeiten. Es war härteste, für viele Häftlinge tödliche Arbeit. Die Wärter mussten auf die Arbeitskraft der Gefangenen keine Rücksicht nehmen; an Nachschub mangelte es nicht. Im Lager vegetierten am Ende 7.000 Menschen.

Der Struthof liegt auf 800 Meter Höhe. Die KZ-Häftlinge hausten in 14 Baracken, die Nr. 3 bis Nr. 8 belegten Kranke. In der Baracke Nr. 5 stand ein mit einer Abflußrinne versehener Seziertisch; hier experimentierte ein Prof. Haagen von der Reichsuniversität Straßburg. In dem danebenliegenden, von den Häftlingen so genannten Piekzimmer verabreichte er Petroleum- und Benzinspritzen. Auch Versuche mit Typhus unternahm er. Das Gebäude für die Experimente mit Gas befand sich außerhalb des Lagers, in einem Nachbargebäude des ehemaligen Hotels. Verschiedene Gassorten wurden ausprobiert, darunter Blausäuregas. Die Experimente dienten zudem der Suche nach einem Gegengift für Phosgen. Für den Krieg mit chemischen Waffen wollten die Nazis gewappnet sein. Die Leichen kamen in die Anatomie nach Straßburg.

Neben der Vernichtung durch die im Steinbruch zu leistende Arbeit und den von Professor Haagen herbeigeführten Tod gab es noch die Todesarten durch Selbstmord, durch Erhängen und durch Genickschuss. Jede Nacht brachten sich durchschnittlich drei Gefangene um. Mit Genickschuss tötete die SS festgenommene, in der Umgebung des KZs agierende Widerständler; es waren über hundert. Die beiden Galgen wiederum standen auf dem topographischen Zentrum des Lagers, dem wie ein Amphitheater angeordneten Appellplatz. Das Sterben am Galgen kannte Unterarten. Langsames Erdrosseln durch ein kurzes Seil, schnelles Ersticken durch den abrupten, freien Fall des Körpers, unter dem sich die Bodenklappe öffnete. Auf dem Podium neben dem Galgengerüst kommentierte der Kommandant Josef Kramer mit der Zigarre im Mund: „Mir würde es gar nichts ausmachen, euch einen nach dem anderen aufzuhängen, wie den da.“

Der „grausame Kramer“ wohnte in einer in Natzweiler gelegenen kleinen Villa mit Schwimmbad. Die Macht über die Sklaven hatte er im Lagerinneren an die Kapos abgegeben, die Kameraden-Polizisten, die als Vorabeiter und Gruppenführer ihm in Grausamkeit nicht nachstanden. Die Kapos rekrutierte er aus meist deutschen, den grünen Dreieckswinkel tragenden Schwerverbrechern. Die Kapos machten die ihnen Ausgelieferten fertig; die von ihnen Gequälten waren bald nicht mehr als „ein Verdauungsschlauch, ein Hampelmann mit knöchernen Gliedern…kachektisch, herumirrend, verstört, mit Wahnvorstellungen.“

All das lasen der Mann und seine Frau in einer Schrift Zum Gedenken der Franzosen und Französinnen, die in den Nazi-Konzentrationslagern zugrunde gingen. Den ganzen Nachmittag hatten sie auf dem kahlen, abgeholzten, hohen Berg verbracht. Sie fuhren nach Hause, nach Rhein-Main zurück, froh, der Elsässer Pensionswirtin nicht mehr begegnen zu müssen. Es dunkelte schon; eine Wachtel schlug an.

Der Mann saß am Steuer, die rechtsrheinische Autobahn hatte er hinter der Kehler Rheinbrücke erreicht. Seine Frau schlief. Es fiel ihm ein, was er über den Tod im Konzentrationslager Sachsenhausen und das Schuhläuferkommando gelesen hatte. Er dachte an das, was er gerade gesehen hatte. Das Kürzel SS kam ihm in den Sinn, und der Rhythmus von USA, SA, SS. Und er dachte an die Schallplatte seiner Kindheit, den Gestiefelten Kater, dessen Dialoge er immer noch auswendig wusste: „Was kann ich mit dem Kater anfangen? Ich lass mir ein Paar Pelzhandschuhe aus seinem Fell machen, dann ist’s vorbei,” sagte der dritte Müllersohn. „Hör, fing der Kater an, der alles verstanden hatte, du brauchst mich nicht zu töten, um ein Paar schlechte Handschuhe aus meinem Pelz zu kriegen; lass mir nur ein Paar Stiefel machen, dass ich ausgehen und mich unter den Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.” War die A-Seite zu Ende, musste die 45er Polydor-Platte vorsichtig umgedreht und der meist lose, gelochte, dreieckige, auf den Stift des Plattentellers passende Steg wieder eingesetzt werden.

Grimms Märchen ging weiter: „Da kam der Kater an einen prächtigen Wald, da standen mehr als dreihundert Leute, fällten die großen Eichen und machten Holz. „Wem ist der Wald, ihr Leute?“ – Die Leute im Chor: „Dem Zauberer.“ – „Hört, jetzt wird gleich der König vorbeifahren, wenn er wissen will, wem der Wald gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschlagen.“
 
 
Auszug aus Manuskript sucht Verlag. Der Text basiert auf den Archivunterlagen des Herrn Peter Conrad

Siehe auch:
Von Christen kaufen wir nichts

Letzte Änderung: 04.07.2022  |  Erstellt am: 04.06.2022

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