Wo Lieder Geschichte werden

Wo Lieder Geschichte werden

Mit „Nachtblau ‒ Chanson für eine Abwesende“ schreibt Meret Becker europäische kulturelle Widerstandskraft fort
Marlene Dietrich Illustration | © Daniel Murtagh

Was verbindet Marlene Dietrich, Barbara und Meret Becker über Generationen hinweg? Arthur Wetzel nimmt in seinem Essay „Wo Lieder Geschichte werden“ die Leserinnen und Leser mit auf eine kulturgeschichtliche Reise durch Europa und beschäftigt sich auf dieser Erkundungstour mit der Kunst der Wiedererschaffung: Der Autor reflektiert in diesem Kontext über Dietrichs Exil und ihre Neuinterpretation des Chansons und sucht nach einer Verbindung zu Beckers atmosphärischer Bühnenkunst. Erinnerung, Tradition und künstlerische Transformation treten hier in einen mobilen Dialog. Europas größte Stärke, so Wetzel, liege darin, Vergangenheit immer wieder neu und attraktiv für die Gegenwart zu beleben. „Europa, so ließe sich vorsichtig behaupten, hat sich selten dadurch ausgezeichnet, Traditionen unverändert zu bewahren“, schreibt er.

Marlene Dietrich, Meret Becker und Europas Kunst der Wiedererschaffung

Fast ein Jahrhundert liegt zwischen zwei Künstlerinnen, die auf den ersten Blick unterschiedlichen kulturellen Sternbildern anzugehören scheinen, deren Werk sich jedoch bei näherer Betrachtung als Teil einer eigentümlich europäischen Bewegung lesen lässt. Marlene Dietrich – jene magnetische Erscheinung des Blauen Engels, die später zur Stimme eines Kontinents im Exil wurde – und Meret Becker, deren Präsenz in Babylon Berlin ebenso nachhaltig wirkt wie ihre Grenzauflösungen zwischen Theater, Musik und performativer Erzählkunst, stehen in verschiedenen historischen Klimazonen, sprechen unterschiedliche ästhetische Dialekte und begegnen doch derselben Aufgabe: dem kulturellen Gedächtnis, eine neue Gegenwart zu eröffnen.

Europa, so ließe sich vorsichtig behaupten, hat sich selten dadurch ausgezeichnet, Traditionen unverändert zu bewahren. Seine kulturellen Formen überdauern vielmehr, indem sie übersetzt, verlagert und durch individuelle Erfahrung hindurch neu geordnet werden. Die europäische Kunst der Wiedererschaffung schützt Tradition nicht vor Veränderung; sie gewährt ihr vielmehr jene Beweglichkeit, die nötig ist, damit Erinnerung nicht erstarrt, sondern sich im Wechsel der Zeiten neu artikulieren kann. Kaum ein künstlerischer Zusammenhang verdeutlicht diese Bewegung eindringlicher als der stille, über Jahrzehnte hinweg geführte Dialog zwischen Dietrichs Interpretationen im Exil und Meret Beckers gegenwärtiger Neuerfindung des Chansons.

Als Interpretation zur Neuerfindung wurde

Als Marlene Dietrich aus den Kabarettbühnen des späten Weimarer Berlins hervortrat, befand sich Europa in einem Zustand kultureller Selbstprüfung, dessen Unruhe sich zugleich in politischen Spannungen und ästhetischen Experimenten äußerte. Die Kabaretts jener Jahre waren nicht bloß Orte der Unterhaltung, sondern empfindliche Versuchsanordnungen, in denen gesellschaftliche Gewissheiten mit erstaunlicher Offenheit zur Disposition gestellt wurden. In dieser Atmosphäre entwickelte Dietrich eine Bühnenpräsenz, die weniger durch expressive Entladung als durch eine nachdenkliche Form emotionaler Disziplin auffiel.

Ihre Stimme suchte nicht den dramatischen Höhepunkt. Vielmehr entstand der Eindruck, sie betrachte das Gefühl, während sie es zugleich artikulierte, wodurch eine eigentümliche Intensität entstand, die sich gerade aus der Zurücknahme speiste. Dietrich spielte Emotion nicht aus, sondern ließ sie entstehen. Lieder wurden in ihrer Interpretation zu Resonanzräumen, die nicht abgeschlossen vorlagen, sondern sich im Moment des Hörens öffneten.

Exil und die weibliche Transformation Brels

Mit den Jahren des Exils gewann diese interpretatorische Haltung weiter an Tiefe. Dietrichs bewusste Abkehr vom nationalsozialistischen Deutschland bedeutete nicht nur geografische Verlagerung, sondern auch eine Erweiterung ihres künstlerischen Selbstverständnisses. Ihre Auftritte trugen fortan das Gewicht von Migration, Verlust und moralischer Entscheidung – Erfahrungen, die sich als Grundstimmung ihrer Interpretationen bemerkbar machten.

Besonders deutlich zeigt sich diese Transformation in ihrer Annäherung an Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Brels Lied, getragen von einer existenziellen Dringlichkeit, die häufig als unverkennbar männlich beschrieben wurde, lebt von der Intensität eines beinahe verzweifelten Flehens. Dietrichs deutsche Interpretation „Bitte geh nicht fort“ verschob diese emotionale Architektur mit einer Zerbrechlichkeit, die gerade deshalb so wirksam wurde, weil sie auf jede demonstrative Geste verzichtete. Die Dringlichkeit verlor ihre Schärfe, die Forderung verwandelte sich in ein das pure Eingestehen des Verlustes. In Dietrichs Stimme wurde das Lied durchlässig, verletzlich und in sich gekehrt.

Es handelte sich dabei nicht um eine Übersetzung, sondern um eine Wiedererschaffung. Brels Flehen verwandelte sich durch Exilerfahrung, Geschlechterperspektive und historische Erinnerung in eine neue Ausdrucksform, die weniger dramatische Unmittelbarkeit suchte als emotionale Reflexion.

Die Wiederkehr der Neuerfindung

Fast ein Jahrhundert später lässt sich eine erstaunlich verwandte Bewegung bei Meret Becker beobachten, wenn auch in einer Bühnensprache, die aus den ästhetischen Möglichkeiten der Gegenwart schöpft. Beckers Werk zeichnet sich durch eine auffällige Durchlässigkeit aus. Sie bewegt sich zwischen Theater, Film, Musik und Performance mit einer Selbstverständlichkeit, die jede feste Gattungszuordnung unterläuft.

Ihre Produktion Nachtblau ‒ Chanson für eine Abwesende, zusammen mit dem kongenialen Dietmar Löffler, verabschiedet sich von der Dramaturgie des klassischen Konzertformats zugunsten einer Bühnenlandschaft, in der Lieder als flüchtige Erscheinungen auftreten, die sich zwischen Klang, Sprache und Bewegung entfalten. Musik, gesprochene Fragmente und szenische Verdichtung verschmelzen zu einem Raum, der weniger inszeniert als bewohnt wirkt.

Wie Dietrich vertraut auch Becker nicht auf expressive Zuspitzung als auf eine Emotionalität, die sich allein aus deren Andeutung entwickelt. Ihre Darbietungen entwickeln sich aus Atem, Zögern und klanglicher Fragilität. Gefühle erscheinen nicht abgeschlossen, sondern im Prozess ihrer Entstehung. Ihre Stimme wird in jedem Moment zu dem Ort, an dem sich Emotion formt.

Barbara und die Sprache der Erinnerung

Der Titel Nachtblau ‒ Chanson für eine Abwesende verweist zugleich auf die französische Chanson-Künstlerin Barbara (1937-1997), die ihr Arbeitszimmer in genau diesem Farbton gestalten ließ. Nachtblau, ein Ton zwischen Dunkel und Licht, bewahrt Tiefe, ohne Konturen zu verhärten – eine Farbe, die Erinnerung weniger fixiert als atmosphärisch erfahrbar macht.

Barbara verkörperte Europas Kunst kultureller Übersetzung in besonderer Weise. Als jüdische Künstlerin der unmittelbaren Nachkriegszeit arbeitete sie in einem Europa, das von Trauma und Sprachlosigkeit geprägt war. Ihre Entscheidung, sowohl auf Französisch als auch auf Deutsch zu schreiben und zu singen, war ein Akt künstlerischer wie moralischer Kühnheit.

Ihr Lied „Göttingen“, entstanden nach einem Aufenthalt in der deutschen Universitätsstadt, entwickelte sich zu einem der eindringlichsten künstlerischen Zeichen deutsch-französischer Annäherung. In einer Zeit, in der historische Wunden noch offen lagen, verwandelte Barbara persönliche Begegnung in gemeinsame Erinnerung – ein Vorgang, der zeigte, dass kulturelle Versöhnung weniger durch politische Programme als durch geteilte emotionale Erfahrung möglich wird.

Erinnerung als Bewegung

Meret Beckers Annäherung an Barbaras Repertoire führt jene Tradition weiter, in der sich Erinnerung durch erneute Aneignung verwandelt. Ihre Interpretationen lassen die Lieder durch eine zeitgenössische Bühnenästhetik wandern, in der Licht, Bewegung und Klang zu einer Landschaft zusammenfinden. Das Publikum tritt dabei aus der distanzierten Rolle des Zuschauers heraus und wird Teil eines atmosphärischen Prozesses, in dem sich Vergangenheit neu artikuliert.

In diesem Raum verändern Lieder ihre Gestalt im Moment der Darbietung. Erinnerung bleibt beweglich, weil sie sich immer wieder neu formt.

Europas kultureller Instinkt

Aus der Verbindung zwischen Dietrich, Barbara und Becker entsteht nicht nur eine künstlerische Linie, sondern so etwas wie eine kulturelle Haltung. Europas vielleicht größte Stärke liegt darin, sich zu weigern, zu vergessen – und zugleich darin, Erinnerung nicht in starre Formen zu bannen.

Die europäische Kunst der Wiedererschaffung verwandelt historische Brüche in Dialog. Sie erlaubt Stimmen, die durch Krieg, Vertreibung und Verlust geprägt wurden, über Generationen hinweg miteinander zu sprechen.

Die Kultur der Langsamkeit

In Beckers künstlerischem Tempo zeigt sich zudem eine Gegenbewegung zur Beschleunigung der Gegenwart. Während kulturelle Produktion zunehmend von Geschwindigkeit und Sichtbarkeit geprägt ist, entfaltet Nachtblau ‒ Chanson für eine Abwesende seine Wirkung aus Konzentration und Reduktion. Der Bühnenraum verwandelt sich in eine innere Kammer, in der Klang und Bewegung zu Atmosphäre werden und Stille selbst Ausdruck gewinnt.

Wiedererschaffung als kulturelle Kontinuität

Nebeneinandergestellt zeigen Marlene Dietrich und Meret Becker, wie europäische Kunsttraditionen Gesellschaften überdauern können, die sie hervorgebracht haben. Sie überleben weder durch makellose Bewahrung noch durch nostalgische Wiederbelebung. Sie überleben durch fortwährende Neuinterpretation, in der jede Generation das kulturelle Erbe neu ordnet, bis es wieder bewohnbar erscheint.

Dietrich formte das Chanson im Exil neu.
Barbara verwandelte es in eine Sprache der Erinnerung und Versöhnung.
Becker lässt es zwischen Bühne, Atmosphäre und emotionalem Raum frei wandern.

Mit Nachtblau – Chanson für eine Abwesende schreibt Meret Becker europäische kulturelle Widerstandskraft fort: intensiv zu erinnern, ohne zu erstarren. Tradition bleibt in Europa lebendig, weil Künstlerinnen wie sie ihr immer wieder eine neue Stimme verleihen.

Letzte Änderung: 19.02.2026  |  Erstellt am: 19.02.2026

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