Wir brauchen Einsamkeit

Wir brauchen Einsamkeit

Auszug aus Mayjia Gilles neuem Sachbuch "MEHR EINSAMKEIT!"
MEHR EINSAMKEIT! | © Mayjia Gille, Self-Publishing-Verlag

In heutigen Zeiten ist man vernetzter denn je, trotzdem fühlt man sich einsam – ist das aber wirklich so? Mayjia Gille untersucht in ihrem neuen Buch „MEHR EINSAMKEIT!“ die ursprüngliche Bedeutung eines missverstandenen Zustands – weg von der negativen Konnotation des Verlassenseins hin zum Raum der Selbstbegegnung, der Kreativität und der Befreiung. Neben einer gesellschaftlichen Kritik am „Wahnsinnszeitalter“ der Technologie und an der Unfähigkeit vieler, auf unaufhaltsame Anreize zu verzichten, reflektiert die Autorin dabei über die Natur um uns herum, über die menschliche Sicht auf Gott sowie eine Generation, die das Alleinsein nie gelernt hat – und sich genau deswegen nicht verbunden fühlt. Eine Einladung, nach innen zu gehen. Und im Außen leiser zu werden.

„Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen.“ (Rainer Maria Rilke)

Einsamkeit wurde in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zum geflügelten Wort für eine ganz miese Nummer, die im Leben schicksalsartig ungebeten hereinplatzt.
Dabei: Wer kennt schon den echten Zustand von Einsamkeit im ursprünglichen Sinne?

Gerade Menschen jüngerer Generationen hatten wenig Alleinsein in der Kindheit genießen dürfen, wurden eher kontrolliert, umsorgt und ständig beschäftigt mit irgendwas. Für sie ist Einsamkeit ein Vermissen ihres Selbst, ihres Autonomieraumes, eines Selbst, welches sich im Lärm der digitalen Netze mit Spektakularität durchsetzen muss oder darin untergeht.

In vielen Interviews, die ich zur Recherche dieses Buches geführt habe, erzählten Kinder, Jugendliche und Erwachsene, was sie unter Einsamkeit verstehen, wie einsam sie wirklich sind.
Die meisten von ihnen stellten für sich fest, dass ihnen nur kein anderes Wort für diesen Zustand, den sie nicht leiden können und der sich „komisch“ anfühlt, in dem sie mit sich klarkommen müssen und nicht wissen, ob es gelingt, einfällt. Also sagen sie: einsam. Und meinen damit auch oft: unnormal. Nicht so, wie sie selbst erwarten. Zustand unerwünscht. Sie haben es von ihren Eltern gehört. Sie haben es von anderen übernommen. Aus den Medien gehört, dass man ein Gefühl oder eine Emotion, bei der man sich eigentlich eher hilflos oder deprimiert fühlt, Einsamkeit nennt. Meine Interviews und Coachings führte ich über einige Jahre und in Ost, West, Nord und Süd des Landes, aber auch in Finnland und Spanien durch und stellte wieder und wieder fest: Sie fehlt uns – wir tun der originalen und wichtigen Bedeutung der Einsamkeit vollkommen unrecht.

So wie ein Mädchen von zwölf Jahren mir sagte: „Wir waren im Urlaub im Sommer so richtig in einer einsamen Gegend, das war toll für uns als Familie …“
Wir brauchen Einsamkeit und Einsamkeit der Umgebung für tiefe Beziehungen, für Zweisamkeit und Beziehungen, denen wir uns im digitalen Wahnsinnszeitalter widmen wollen.

Ja, Wahnsinnszeitalter. Technologie, Überwachung, Klingeltöne. Zumindest in den Großstädten gibt es scheinbar weder Sonn- noch Ruhetage, keine Mittagspausen, keine Siesta, dafür Überlautstärke. Straßenlärm, Baustellen, Durchsagen, Beschallung durch Sounds, Musik, Geräusche, Menschenmassen. Es flimmert und nervt über die Augen, das Ohr und durch die Nase. Wir werden betäubt und überfordert über die Sinne, und die Werbung attackiert unsere Nerven oder wir müssen für Werbefreiheit zahlen. Wir machen endlosen Online- und Zettelkram, sind bis in die Nachtstunden beschäftigt mit Steuer, Rechnungen, Verträgen, Klicken, Ausdrucken, Nachweisen, Vorweisen usw. Wahnsinn. Keine ruhige Minute.

Gleichzeitig lernen wir durch globale Vernetzung und Aufklärung in Videos und Therapien, durch die Benennung von toxischen Verhaltensweisen, wie sehr unser Nervensystem durch Traumata geschädigt wurde. Aber die gewohnte Überreaktion unseres Nervensystems ist auch in einer Art Geräusch- und Beschäftigungs-Gewöhnung, sodass wir fast panisch werden, wenn irgendwo plötzlich Stille auftaucht oder mal das technische Endgerät nicht funktioniert oder das Auto stehen bleibt. Einfach Stille, wenn man nach Hause kommt, ist für einige Erholung, für andere ein Grund, diesen geräuscharmen Zustand sofort zu ändern. Manche sind schon abgestumpft – überhören die Beeinflussungen. Andere quält schon das Zwitschern eines Vogels am Morgen. Denn selbst im stadtnahen Wald zwitschern die Vögel dreister, müssen sich durchsetzen, klingen selbst wie kleine Handy-Klingeltöne, sind hektischer und aufgebrachter als auf dem Land.

Was könnte uns Ruhe geben, die wir wirklich benötigen? Wo könnte der Frieden herkommen, nach dem wir uns sehnen, um voller Kraft unser Ding zu machen und um in Freude miteinander wirklich in Berührung zu kommen?

Wo muss man hingehen, um die eigene innere Stimme wieder zu hören und vielleicht sogar die Stimme Gottes, die wir verloren haben, gar nicht für möglich halten, aber dennoch suchen?
Jedenfalls hilft es nicht, dagegen anzukämpfen, sich in Beschwerdeaktionen zu begeben. Vielleicht hilft auswandern. Aber zuvor: nach innen gehen.

Wohin sollte man gehen, um wieder aufzuleben?
Nach Innen, würde auch der Dichter Rainer Maria Rilke sagen.
Aber es wäre auch schön, im Außen etwas zu ändern: mehr ungekünstelten Ruheraum zu finden. Wir könnten doch alle im Supermarkt, Kaufhaus und auf den Straßen einfach leiser, milder, freundlicher und entspannter werden. Das würde einen ordentlichen Gang herausnehmen. Wie wäre Stille in einem Einkaufszentrum – nicht gut für den Verkauf? Vielleicht würden die Kunden gezielter kaufen, bewusster und sich im Endeffekt nicht so belastet und gestresst fühlen. Und was ist mit den Kirchen?

Die kleinen Kirchen mit ihren kühlen Räumen und ihrer Einsamkeit haben mehr und mehr entweder geschlossen, oder sie werden umgebaut oder sind längst verkauft worden, dienen als Sparkassenfiliale, Klubraum, Antifa-Jugendzentrum mit kirchlicher Tendenz, Bürgercafé, Wohnstätte für Wohngemeinschaften oder Konzerthallen. Und die großartige Leistung des World Wide Web, uns miteinander mehr und mehr auf der Welt in Verbindung zu bringen, hat es auch irgendwie geschafft, äußerlich zwar mehr Kontaktfläche herzustellen, aber auch die analoge innere Verbindung zu uns selbst und die Fähigkeit des Glaubens und analogen kreativen Schaffens in den Schatten zu stellen und so weit zu reduzieren, dass nur noch homöopathische Dosen übrigbleiben. Was sollte man auch kreativ sein und die Fantasie bemühen, wenn die künstlichen Designer uns lang schon genial menschlich Erfundenes aufwärmen und uns zugänglich machen und wir das nutzen können. Warum ewig lang nach dem Weg suchen und sich verirren, Umwege in Kauf nehmen, wenn der Navigator uns zügig, effizient und (bis auf Ausnahmen) korrekt ans Ziel bringt? Wozu während der Fahrt aufpassen, wenn wir sowieso ganz sicher dort ankommen, wo wir sein wollten.

Mir scheint, dass mehr und mehr das Ziel der Clou geworden ist und der Weg nicht mehr attraktiv genug erscheint.

Wer sind wir in diesen Zeiten? Hat sich am Menschsein etwas geändert oder doch nur um uns herum? Ertragen wir es, noch über etwas zu stolpern, Fehler zu machen, ungelenke Ausdrucksweisen und komplexe Umschreibungen auszuhalten und mitzudenken? Lassen wir es noch zu, dass unser Gehirn verwundert ist, verwundern wir uns noch, sind wir noch verwundbar oder schon darüber hinweg? Überraschen wir uns noch selbst? Oder sind wir schon derart im komfortablen Sicherheitsgehäuse unseres digitalen Lebens, als wären wir Mitspieler in einem Navigationssystem, das all unser Leben gestaltet und dadurch auch sehr gut vorbestimmt, was als Nächstes erfolgt?

Vielleicht wollen wir aber gar nicht dazu kommen, wieder selbst zu denken, zu formulieren und es zuzulassen, dass nichts an uns perfekt und glatt ist. Vielleicht wollen wir lieber nicht nachdenken, sondern einfach nur nachsprechen? Wir könnten heute anfangen, Hände in feuchte Erde zu stecken, um eine Tulpenzwiebel hineinzulegen und im nächsten Frühling zu sehen, wie schön sie aufblüht, wenn kein dickes Auto und kein dicker Fahrradreifen, kein Hausmeister dieses wundersame Wesen erstickt. Aber haben wir dazu überhaupt noch Lust – zu einem Pflanzen einer Tulpenzwiebel? Was sollte das? Was sollen wir im Wald oder auf den Wiesen, die unsere Sneaker beschmutzen, wenn wir doch ganz glücklich sind mit unserer Tüte Popcorn vor dem Laptop? Was sollen wir uns mit dem ganzen Kletterzeug auf unserem Rücken abmühen, kilometerweit laufen und fahren, um irgendeine Felswand ausfindig zu machen, da wir doch um die Ecke das Kletterparadies und das Fitnessstudio haben, um uns dort ganz sicher, zertifiziert, geprüft und in lustiger Gemeinschaft austoben und körperlich ausloggen zu können? Die Großstädte, die globalen Zentren, bieten doch alles, was der neue Mensch braucht. Und mehr Zeit ist ja auch nicht.

Aber sind wir wirklich als Menschen anders oder neu geworden?
Haben wir uns seit dem Durchbruch des Internets etwa klammheimlich in Kürze „evolutioniert“ oder eher illusioniert? Verwechseln wir Mensch mit Maschine?
Sind wir nicht immer noch die gleichen Menschen, die genau das brauchen: menschliche Berührung, eine Hand, die nicht übergriffig ist, sondern uns tröstet, uns auf die Schulter klopft, uns über den Kopf streicht, ohne uns zum Objekt der Begierde zu machen?
Wenn aber keine eigene Reife und Erfahrung erfolgt, sondern wir aus rein visuellen Reizen und Erzählungen anderer berichten, was sollten wir in eine Diskussion und schon gleich in eine Begegnung und Beziehung einbringen. In einer so äußerlich verbundenen Welt, in der wir siamesisch aneinanderhängen, gleichsam in den Zellen digital verkleben, tut echte Einsamkeit, die den Menschen an sich reicher und empfindsamer machen könnte, wahrscheinlich not.

Aber ist es nicht so: manchmal wollen wir sie lieber abstellen. Diese Momente, in denen wir allein sind, betäuben uns mit Alkohol, Tabak und Co., Film und Musik. Der Griff zum Handy erscheint als Rettung.

Vielleicht ist es wahr, dass viele unter uns sich nicht mehr wirklich für Menschen interessieren, nicht wirklich für das fehlerhafte, komplexe und nervig leidlich endliche Leben. Wir interessieren uns logisch auch nicht wirklich für einen, der uns voll auf die analoge Denkweise zurückwirft und uns selbst machen lässt. Dass eine Sache sicher ist und nicht aus dem Ruder läuft, dafür brauchen wir lieber sichtbare Kontrolle und jemanden, den wir verantwortlich machen können. Ein Gott, der uns in unserem Willen respektiert und machen lässt und der sich nicht ordentlich präsentiert und dem unser inneres Wachstum wichtiger ist als unser Finanzpolster, ist da denkbar ungünstig.

Gott ist – so wie er bisher meistens verkündigt wurde, uncool. Weil wir seinen Schatz so selten geborgen haben und lieber Ideologie und Zugehörigkeit verlangten, statt echten schlichten Glauben zu verbreiten.

Heute ist eine große Generation unter uns, die die analoge Welt nicht einmal mehr kennt, weil sie niemals darin aufgewachsen ist und dafür auch nichts kann. Menschen die echte Einsamkeit und das Klarkommen in verlassenen Gegenden, das selber erfinden in einsamen Stunden, nicht kennen.

Was aber generationenübergreifend spürbar ist: Wir sind zunehmend voneinander gestresst. Und schon dies allein reicht aus, um Einsamkeit wieder zu integrieren, zu rehabilitieren und zu akzeptieren. Mehr und mehr Menschen sind unter Stress und nehmen es zu spät wahr. Es ist ganz sicher erschreckend, nicht wahrzunehmen, worin wir uns eigentlich befinden und wie es eigentlich um uns steht.
Erst dann, wenn wir wirklich einsame Stunden erleben, fernab von der Möglichkeit, uns von der digitalen Welt trösten zu lassen oder uns von ihr sagen zu lassen, wer wir sein sollen, erst dann taucht in uns etwas Seltsames auf: Zeit steht still, es gibt Wünsche, Zwangsgedanken, romantische Triebe, Gier, Eifersucht und abscheuliche Hassgefühle anderen gegenüber.

Wir sagen das vielleicht nicht laut und wir drücken es nicht offiziell aus, denn wir haben in dieser Zeit gelernt, dass all das gegen uns verwendet werden kann und dass man das nicht darf.

In jeder ideologischen Welt, in der wir angepasst reden müssen, sei es im Staatssystem oder in der Religionszugehörigkeit, in der wir gelernt haben zu schweigen, zu loben, zu strafen oder unser Verhalten anzupassen, haben wir auch gelernt, all das zu ignorieren, was in uns fehlgeleitet oder „nicht passend“ zum Vorschein kommt und als „Böses“ grinsend in uns wohnt.

Einsamkeit kann uns nicht sagen, wie das Leben geht oder ob wir die Besten sind, sie offenbart schlicht uns in uns.
Und so wie wir uns in der Einsamkeit begegnen, begegnen wir uns eigentlich auch in der Gemeinsamkeit. Wie wir in der Einsamkeit sind, so sind wir auch in Gemeinsamkeit: Leer, desinteressiert, nervös, verzweifelt, mit anderen Dingen beschäftigt, unkonzentriert, lästernd, besitzergreifend, übergriffig, apathisch, traurig, infantil oder auch offen, neugierig, kreativ, fröhlich und empfindsam, lustvoll und achtend.

In diesen Phasen, in denen Einsamkeit das alles in uns hochholt, könnten wir Frieden in uns selbst schließen, weil wir endlich wieder Kontakt zu dem haben, wer und wie wir wirklich sind und was echt in uns ist. Das allein kognitiv zu wissen, genügt nicht, wir müssen uns genau darin erleben.

Nicht erdachte, verstandene, sondern nur gelebte, selbst erfahrene Einsamkeit lehrt uns, uns selbst auszuhalten.

So auch in der Gemeinschaft: kognitiv zu wissen, dass der andere da ist, genügt nicht, es gesagt zu bekommen berührt nicht, wir müssen uns gemeinsam analog berührend erleben.
Wenn wir Verbindung zu unserem Körper, zu unserer wahrhaftigen Seele in unserem echten Zustand bekommen, bekommen wir wieder eine Vorstellung davon, wie es all den anderen Menschen geht. Das macht uns echt mitfühlend.

Echtes Mitgefühl sollten wir nicht verwechseln mit MITMACHGEFÜHL, was wir in unserer zur Hysterie neigenden, emotionalisierten Medienwelt antrainiert bekommen. Das falsche „Mitmachgefühl“ ist provoziert und berechnend und nur scheinbar hat es Mitleid und Liebe zu allen Menschen. Aber es liebt vielmehr Egozentrik und Gruppenfeeling. Wir glauben uns berührt und sind lediglich verliebt in ein Idealbild unseres Selbst, welches so „gefühlt empathisch“ sein kann.

Und das ist bei uns allen Menschen gleich: Alles, was nicht echt ist, muss hochgeschaukelt werden, uns abgerungen werden. Das stresst und macht müde. Zeigt hier und dort Symptome und bringt uns an den Rand.

In den Einsamkeiten erst erlangen wir die Fähigkeit, wirklich gemeinsam UND einsam sein zu können.

„Gem-einsame“ Zeit statt gemeinsam einsam im negativen Sinne.
Wenn das möglich wird, ist echte Verbindung wieder möglich zwischen allen Geschöpfen, die real neben uns sind.
Und wenn zwischen den Geschöpfen echte Begegnung möglich ist, ist sie auch mit dem Schöpfer möglich, mit dem gesamten Brachialuniversum, mit all dem, was der Schöpfer mit dieser Explosionskraft eines Urknalls geschaffen hat, die ja auch unter uns überhaupt nicht mehr vorhanden scheint. Denn wenn diese uneinschätzbare Lebensenergie sich wirklich Raum machen darf und sich Menschen nicht mehr aus Angst unter ein Kontrollsystem begeben und verstecken müssen, wenn wir nicht mehr aus Angst vor irgendeiner äußeren, mächtigeren Welt in irgendeine Scheinwelt abtauchen müssen, uns in Pseudogemeinschaften wiederfinden, ist Leben schöpferisch tätig in uns.

Dann sind wir in uns frei.

Einsamkeit kann Freiheit von digitaler Überwachung und Überflutung sein.
Einsamkeit will uns herauslocken, immer wieder uns in das Unterwegssein, in die geistige, nomadische Lebensweise führen. Einsamkeit will uns nicht sättigen mit Konservenbüchsen, sondern mit frischen analogen Lebenserfahrungen. Heute haben wir das Manna, das man zum Leben, Vertrauen und Freisein braucht. Wir können es nicht aufheben. Es wird verfaulen, und wir können, was wir heute essen, nicht jeden Tag essen, weil uns sonst schlecht wird. Søren Kierkegaard sagte, das Christentum beginne damit, ein Einzelner zu werden. Menschwerdung.
Wo kein Mensch einzeln wird, da kein echter Glaube und keine vertikale Anbindung. Dann aber auch keine Horizontale. Wann immer Menschen nicht mehr einzeln leben und glauben können, dass uns etwas Größeres zusammenhält, gehen wir miteinander ins Gefecht. Das können wir durch die ganze Geschichte beobachten. Krieg als Antwort auf Krieg. Krieg als Antwort auf Frieden. Frieden, der mal die vollkommene offene Begegnung zwischen den Menschen war, wird abgewertet als Waffenruhe. Oder Kriegspause.
So nehmen viele Menschen auch das Leben selbst wahr: als ein Gefecht mit kurzen Kampfpausen. Dort, wo wir nur noch auf Funktion und Machbarkeit statt auf Freude und Liebens-Würde für alle setzen, gehen wir in die Irre.

Wir können durch Gesetze und Moral und durch alle neuen Technologien niemals näher an Liebe und ans Leben geraten, sondern wir müssen in einer selbstkonstruierten Rechtlichkeit und Redlichkeit Pflicht und Enge aufbauen, die wir uns gegenseitig um die Ohren schlagen. Die Wirklichkeit des echten Lebens, des Einzelnen wird sich immer wieder Bahn brechen, so wie ein kleines Blümchen, das sich durch den Asphalt atmet und plötzlich da ist, weil alles dafür angelegt ist. Lebendigkeit und eben auch unsere Menschlichkeit werden immer wieder durchkommen.
Der Ruf, mit der Einsamkeit klarzukommen, das Überflüssige loszulassen, dringt bis in unsere Träume hinein. Es ergibt schon Sinn, dass wir Geschöpfe sind, die einsam und gemeinsam sein können und müssen.
Es ergibt Sinn, dass wir Erholung von allen Einflüssen benötigen, weil wir (zeit)begrenzte Ressourcen aufweisen. Es ergibt großen Sinn zu lieben, denn das nur umfasst jeden Verstand, jede Bildung, jeden Geist, jede Haltung, jede Lebenseinstellung, es unterwandert und überwindet alles. Wie konnten wir diese Basis vergessen?

Wie konnten wir glauben, dass wir das nicht mehr brauchen?

„Endlich! Allein! Man hört nur noch das Rollen später todmüder Droschken. Wenige Stunden haben wir Stille, vielleicht Ruhe. Endlich ‒ die Tyrannei des menschlichen Gesichts ist zu Ende. Wenn ich jetzt leide, dann durch mich selbst … (C. Baudelaire)

Ursprünglich bedeutete Einsamkeit: „zu eines (etwas) gehören“, im „Zustand des Eins-Seins sein“. Deshalb steckt „einsam“ auch in „gemeinsam“. Bis ins Mittelalter hinein war Einsamkeit keineswegs mit Traurigkeit oder Isolation verbunden – sie war für viele Denker Voraussetzung für Denken, Selbstverhältnis und Freiheit. Ein leibhaftiger Zustand der Befreiung und des Ideenreichtums, der Entwicklung. Erst in der Neuzeit bekam Einsamkeit eine deutlich negative Färbung – man verknüpfte sie mit Mangel, Verlassenheit und Schmerz: eine wahrhaft gottverlassene Mischung.

Das ging auch Hand in Hand mit der immer größer werdenden tatsächlichen Infragestellung eines Gottes und den Vorstellungen romantischer Liebe.
Denk nur an die ganzen Tragödien und Dramen, die wir heute in der Oper und im Theater, auf Netflix, Disney und Audible etc. hören und erleben und in der klassischen Literatur als Vorlagen dafür nachlesen können. Die seelische Abhängigkeit von der Liebe eines anderen Menschen, die bis auf das Blut verschwörerisch Einheit zwischen zwei Menschen verspricht – das ist Gefühlsdynamit. Symbiose, die nicht zerrissen werden will. Einsamkeit war da plötzlich störend und ein „Übrigbleiben“ beim Verlust eines geliebten Menschen. Daher auch das Wort: Hinterbliebene. Das Gefühl, „fern von der Heimat“ zu sein, schien in romantischen Zeiten genauso schlimm wie das „untrennbar hängen an einem anderen Menschen, der an einem anderen Ort ist als ich“.
Man nahm das Wort Einsamkeit zur Beschreibung genau dieses ungewollten Zustandes, der voller Wehmut, Schmerz, Sehnsucht und unerfüllter Liebe und voll von Unvollständigkeit war.
Einsamkeit war plötzlich nicht mehr wie einst und ursprünglich der Raum der Stille, Kontemplation, des Gebets, der reichen Innenwelt oder der Weisheit, der Erkenntnis, der Begegnung mit Gott und Inspiration, sondern wurde plötzlich als existenziell bedrohlich beschrieben: als Beziehungsbruch, als Verlust von Resonanz an sich.
Nun sind wir aber Resonanzwesen, weshalb ein solch „einsamer“ Zustand, wenn er derart in Verbindung gebracht wird mit Emotionalität und Verlust, lebensgefährlich erscheint.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich viele Menschen scheuen, das Wort überhaupt zu verwenden, und die Medien gegen Weihnachten vor Einsamkeit warnen.
Doch wenn du Einsamkeit wieder als das verstehst, was sie ursprünglich war, wird sichtbar: Einsamkeit ist kein Defekt – sie ist ein Signal, sie ist Beziehungsraum, -sinn und -spiegelung. Raum für Schaffenskraft, Selbstreflexion, gesellschaftlich relevante Erfindungen und Befreiung zur echten Beziehung. Ein Raum, der Selbstwirksamkeit und Selbststärke hervorbringen kann, damit du in Beziehung zu anderen Menschen erfüllt und in bester Weise autonom und zusammen sein kannst. Das macht weniger abhängig, als viel mehr frei.

Vielleicht wärst du ja tatsächlich gern eher ein menschlicher Roboter: funktionstüchtig, auf Knopfdruck abrufbereit und allzeit optimal fit, unendlich belastbar und stets zu allen kommunikationsfreudig. Es fällt schwer, zu akzeptieren, wenn das nicht so klappt, wie wir wollen, weshalb wir alle dazu neigen, uns in schnell verfügbare, digitale Scheinmenschen zu verwandeln und uns gegenseitig etwas vorzumachen. Die Verfügbarkeit, die scheinbare und oberflächliche sofortige Beantwortung unserer Fragen und Bedürfnisse durch die digitale Welt, hat unser Denken und unsere Erwartung verändert.

Wir glauben, dass Verlangsamung, Rückzug und Einkehr uns ausschalten, wir den Zug damit verpassen und aus dem Spiel raus sind. Es ist inzwischen nicht so, dass der Mensch die künstliche Intelligenz prägt, sondern es ist umgekehrt. Die Maschine füttert uns mit den Eingaben der Menschen, mit Ideen, die es schon gibt, und prägt uns, wie andere uns haben wollen. Wir verflachen, kopieren, imitieren, was das Zeug hält.

Gewinn: scheinbar gehören wir dazu – zur modernen Masse, zur Gruppe. Deshalb denkt ein Teil in uns, wir wären so gern hybrid und tun vielleicht manchmal so, als ob wir verfügbar wären und uns nicht selbst hinterfragen, sondern einfach nur tun und kämpfen und funktionieren. Genau das ist der Lautstärkegrad in unserem Leben, der unserer analogen Gefühls- und Denkwelt eigentlich nicht nur wesensfremd ist, sondern auch abhängig machen kann.

Einsamkeit zeigt dir den Weg in die Unabhängigkeit. Die Gedankenfreiheit, dass du selbst Kraft und Ideen hast, nicht mehr existenziell von anderen und speziell DEM Menschen abhängig bist. Die größte Abhängigkeit sitzt immer noch in unserer Einbildung, diesen EINEN bestimmten Menschen BRAUCHEN zu müssen.
In der Einsamkeit erlebst du DEINE Kraft.
Warum fällt aber vielen vor allem jungen Menschen Alleinsein schwer?
Wir gehen in der digitalen Welt mit Objekten um – und werden selbst zu einem, obwohl wir Subjekte sind. Denn es ist jetzt die Norm. Unsere Identität hat sich bereits daran angepasst. Einsamkeit fühlt sich dann regelrecht merkwürdig oder seltsam an.

Viele, vor allem in der Generation Z, haben es nicht einmal von den Eltern gelernt, mit sich etwas anzufangen, sich auch mal zurückzunehmen, offline und autark zu sein.
Die ständige Präsenz der Eltern oder Autoritäten um sie, die wiederum ihre Präsenz im Internet erleben, die ständige Kontrolle auf allen Ebenen, hat in den letzten 20 Jahren autonomen „Langeweile-Raum“ verdrängt und ausgefüllt – die Stille hielt man nicht mehr aus und wollte sie auch keinesfalls den Kids „zumuten“.

Sobald das Baby, das Kleinkind, das Schulkind mal allein war und mit sich nichts anzufangen wusste, wurde es vor den Kasten gesetzt – so zumindest in den meisten Familien. Wie war es bei dir?
Dazu kann man umfangreiche Studien recherchieren: Sie alle berichten hochaktuell davon, wie viele Stunden bereits Kleinkinder mit Internet, Smartphone etc. verbringen, ihre Wartezeit, ihre sogenannte „Langeweile“ – die eigentlich noch gar keine ist, so kurz ist sie – jede freie Minute mit solcher Beschäftigung füllen. Die Eltern schreiten selten ein, weil sie selbst in den Medien unterwegs sind und mit den Geräten schier verkoppelt scheinen.
Nicht das Kind hat die größte Aufmerksamkeit, sondern das Smartphone.

Auch das ist eine Realität, die Eltern gern bestreiten möchten. Unterhält man sich aber mit Schulkindern und Jugendlichen, geben sie immer wieder das Feedback, dass ihre Eltern viele Dinge nicht mitbekommen, überhaupt nicht hinsehen, aber permanent bekennen, dass sie dem Kind gegenüber doch aufmerksam sein sollten. Ist man dann mal ein paar Stunden allein, kommt die Krise, weil man gewohnt ist, unterhalten zu werden.

Das ist ein Automatismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts: zum Handy greifen, während man in der Badewanne liegt, zum Handy greifen, während man etwas kochen möchte, zum Handy greifen, während man spazieren geht, zum Handy greifen, wenn man auf den Bus warten muss.
Sogar im Auto, wenn es scheinbar routiniert vorangeht: Blick aufs Handy. Bloß kein Gedanke. Bloß keine Gefühle, lieber eine „Information“.

Ohne digitales Geräusch meinen viele, das Gefühl zu erleben, verloren zu sein, isoliert, einsam ohne Rückbindung, ohne Transzendenz, sogar ungeliebt und ungebraucht zu sein – aber in Wirklichkeit ist es meist nur ein Detox-Zustand, ein Turkey, ein Entwöhnungsmoment vom gewohnten Treiben und von der Dopaminjagd in den Medien und sozialen Netzwerken, die wir da spüren. Einsamkeit ist ein Signal, innezuhalten in einer lauten Welt, um neues Leben zu entdecken, echtes, wahrhaftiges Vertrauen. Einsamkeit ist ein Raum, in dem du dich ausprobieren und überprüfen kannst, ob alles noch so stimmt oder ob du etwas ändern musst. Wir alle können darin gesunden, ohne zu versinken.

Einsamkeit ist eine Hinwendung zu uns selbst – oft ein entscheidender Wendepunkt.

Jeder ist einsam und keiner ist einsam. Jeder kann einsam sein und nicht jeder kann einsam sein. Es ist eine Frage, wie wir unseren eigenen Lebenszustand, unsere Beziehungen zu anderen Menschen oder zu uns selbst bewerten, interpretieren. Und es ist eben auch eine Frage, inwieweit wir uns auf das Leben zubewegen, auf die Gemeinschaft mit dem Leben selbst.

Einsamkeit ist vor allem dann nicht einsam, wenn wir uns von Natur umgeben wissen.

Wir sind Natur.

Es gibt eine Form von Nähe zur Natur im Sinne der Landschaften, die nicht im Besitz, sondern im Verstehen liegt. Man findet sie dort, wo das Leben nicht gegen die Landschaft gerichtet ist, sondern aus ihr hervorgeht – im Rhythmus der Wege, der Jahreszeiten, der Grenzen. Und auch wir haben Grenzen und sollten das wissen und zu schätzen wissen, inwiefern wir uns den Sinnesreizen und vielen Stimmen entziehen sollten.

Ich wünsche Ihnen eine kostbare Zeit mit sich, im Gebet und im Gespräch.

Das neue Buch „MEHR EINSAMKEIT!: Vollkontakt mit dir, Gott und der Welt – analog und stabil“ von Mayjia Gille ist auf Amazon (hier) verfügbar.

Buchangaben:
Autorin: Mayjia Gille
Titel: MEHR EINSAMKEIT!
Untertitel: Vollkontakt mit dir, Gott und der Welt – analog und stabil
Verlag: Self-Publishing-Verlag
Erscheinungsdatum: 17. Mai 2026
Seitenzahl: 200 Seiten
ISBN: 979-8196487347
Preis: 32,00 €

Letzte Änderung: 22.05.2026  |  Erstellt am: 22.05.2026

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