Reinhard Ermens Lesefrüchte
Unser Autor Reinhard Ermen sieht sich als einen, der gefühlsmäßig mit Büchern verbunden ist, die ihn faszinieren aber nicht zwingen. Er ist keineswegs allwissend und gibt unumwunden zu, wenn er ein Buch nicht ausgelesen hat, zu Wissenslücken bekennt er sich mutig. Es geht ihm auch nicht um Kritik, sondern um Buchgeschichten, welcher Art auch immer. Vorsicht, – Bücher vermehren sich von selbst! Manche sind ihm einfach zugelaufen, er hat sie in den Untiefen seiner Bibliothek wieder entdeckt oder sie wurden ihm vererbt. Viele, viel zu viele kauft er einfach, weil er sie haben will. Die Grenzen zwischen schöner Literatur und Sachbüchern zählen nur so halb, Exoten und Fremdlinge werden bevorzugt, bekannte Größen erscheinen in einem anderen Licht; Kunstfehler nicht ausgeschlossen, aber sie kommen von Herzen ...
Blauwale
Nach der Lektüre von Uwe Tellkamps “Der Turm”
Der Blauwal ist das größte lebende Tier der Erde. Bevor ich etwas falsches sage, schaue ich das noch schnell in Wikipedia nach: “Mit einer Körperlänge von bis zu 33 Metern und einer Körpermasse von bis zu 200 Tonnen ist der Blauwal eines der größten und schwersten Tiere der Erdgeschichte.” Na also – fast, und danke für die Präzisierung. Für Christian, eine der Hauptfiguren in Uwe Tellkamps Roman “Der Turm” (2008) sind Blauwale dicke, ganz dicke Bücher, Romane von Tolstoi, Dostojewski, Mann, Musil oder Doderer. “Mit 500 Seiten begannen die wirklichen Romane”, sagt der Autor mit Blick auf Christian Hoffmann, genauer gesagt: “Mit 500 Seiten begann der Ozean, darunter war Bachpaddeln.” Der vernünftige Einwand von Onkel Meno, dass in einer kurzen Geschichte von Tschechow mehr “Welt” stecken kann als in manch einem Wälzer, zählt nicht. Der sympathische Junge, den wir auf dem Weg zum Erwachsensein begleiten, gefällt sich in einer pubertären Übertreibung. Er verschlingt Bücher. Der persönliche Rekord kommt auf 716 Seiten an einem Tag – “gelesen – und vergessen”, heißt es augenzwinkernd. Die reine Leselust lässt den Text hinter sich zu Gunsten einer sportlichen Übung, die man auf Neudeutsch als ‘Pageturning’ charakterisieren könnte.
Abgesehen davon, wie viel man vom schnell Gelesenen behalten kann, – ich persönlich beneide diesen Jungen, genauso wie manche Repräsentanten der Literaturkritik um die Fähigkeit zur rasenden Lektüre, denn bei mir geht das vergleichsweise langsam. Als eine Art 25% Legastheniker muss ich eigentlich jeden Buchstaben nehmen, prüfen und mit den anderen zu Wörtern zusammensetzen. Ich schaffe unter besonderen Bedingungen vielleicht 40, wenn’s hoch kommt 55 Seiten am Tag. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und dann muss ja auch die Zeit da sein, sich hinzusetzen, um einfach zu lesen. Manche Blauwale haben mich jahrelang begleitet, Prousts “Recherche” etwa, wobei ich mir da gleich die Frage stelle, ob es sich dabei eigentlich um einen echten Riesen handelt, schließlich sind das sieben durchaus handliche Romane, “In Swanns Welt” kommt auf 564 Seiten, liegt also gerade so im unteren Blauwal-Feld, ganz abgesehen davon, dass die Suhrkamp-Portionierung in je zwei Bänden (Ausnahme: “Die Entflohene”, kein Blauwal!) eine praktikable Darreichungsform darstellt, um zwischendurch zu pausieren oder etwas anderes zu lesen. Und um das noch zu sagen, – Eva Rechel-Mertens und das unvergleichliche leicht warme, geschmeidige Grau, das ist noch immer mein Proust, die Philologie kann mir gestohlen bleiben. Und noch was ganz nebenbei: Ein Hoch auf den Buchgestalter Willy Fleckhaus, der für Suhrkamp den Strich entdeckt hat! Andere dicke Bücher kommen mir in den Sinn, aber über “Fluss ohne Ufer” von Hans Henny Jahnn, den “Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil oder die “Parallel Geschichten” von Péter Nádas müsste ich mich noch mal extra, wenn auch nur kurz zu Wort melden. Auch das waren anhängliche Lebensabschnittsgefährten.
“Der Turm” ist mit seinen 973 Seiten zweifelsfrei ein Blauwal, den ich für meine Verhältnisse relativ zügig zu mir genommen habe. Meine Taschenbuchausgabe platzt fast aus den Nähten, jedenfalls ist für das Personenverzeichnis “Die Bewohner des Turms” nur noch auf der Umschlagpappe Platz. Und das Verzeichnis wird gebraucht, immer mal wieder habe ich da nachgeschaut, wer in diesem vielköpfigen Universum mit wem zusammenwohnt oder auch irgendwie verwandt ist, insbesondere wenn man das Buch mal für längere Zeit auf die Seite gelegt hat, wird so eine Nachhilfe gebraucht. Aus der Schar der Hauptfiguren sticht neben dem jungen Christian Onkel Meno heraus – der Name ist schon gefallen. Die Figur ist ein grandioser Charakter der deutschen Gegenwartsliteratur, wenn ich das mal nüchtern-pathetisch sagen darf, Meno Rhode der Lektor des Hermes Verlags, beziehungsweise der Dresdner Edition, durchaus privilegiert mit Verbindungen in die intellektuelle Nomenklatura der DDR, deren Ende sich abzeichnet – seine Reflexionen geistern (kursiv) durch den ansonsten sachlichen Text, wo er als Figur eine wichtige Rolle spielt, nicht zuletzt mit beratender Funktion zum heranwachsenden Neffen. Manches, was da von ihm gesagt wird, geht mir zu Herzen, wenn etwa von “Magie” die Rede ist, ein Wort, das es frei nach dem klugen Onkel zu vermeiden gilt, stattdessen gelte es “aus Worten etwas herzustellen, das sie hat.” Eine Winzigkeit in dem großen Text. Das Wort Magie lasse ich mir nicht nehmen, aber seitdem liegt es bei mir auf der Goldwaage, ich setze es nur in ganz besonderen Momenten ein, wenn nichts anderes geht. “Der Turm” ist in sich irgendwie perfekt, auch in seiner schönen Unübersichtlichkeit, es gibt einen geheimnisvollen Kitt, der die streunenden Figuren und deren Geschichten zusammenhält, und das ist weniger der konspirative Kiez um die Dresdner Turmstraße herum, wo die Hauptakteure wohnen, sondern eher das Klima des Untergangs, des sterbenden (realen) Sozialismus, in dessen krause Wirklichkeit man sich zurechtfindet; das schale Licht am Ende des Tunnels, das sich auf den letzten Metern andeutet, ist es nicht. Andere Bücher des Autors, wie sie in den Medien beschrieben werden, habe ich nicht gelesen. Die anspruchsvolle Fortsetzungsfantasie “Der Schlaf in den Uhren”, habe ich mehrfach in den Händen gewogen und darin geblättert, die multiperspektivische Tendenz im “Turm” scheint hier übergeschnappt zu sein, die gestrichelten Lagepläne auf dem Vorsatz vorne und hinten, also von “Argo” (oben links) bis “Österreichische Correspondenz/Wien” (rechts unten) sind nicht anschlussfähig, aber dazwischen steckt eben der Buchblock mit 905 Seiten – ein Blauwal natürlich mit etwas größerem Durchschuss. Da stiftet der Autor anscheinend ganz bewusst Verwirrung, das mythisch-dystopisches Hintergrundrauschen übt ganz in seinem Sinne enigmatische Anziehungskräfte aus. Es würde mich schon interessieren, wie Meno Rhodes Geschichte auf so einem verminten Untergrund weitergeht. Aber soll ich mir diesen epischen Riesen, vor dessen Lektüre fast die gesamte rechtgläubige Literaturkritik warnt, zu einem meiner nächsten Lebensabschnittsgefährten wählen? Oder gerade deshalb?!
Das dicke Kind
Eine Spurensuche von Marie Luise Kaschnitz
Gewildert habe ich als Jugendlicher in der Literatur schon immer, unvorbereitet, aus Neugierde, trotz gelegentlicher Überforderung, aber die Geschichten, die im Lesebuch standen, wurden sozusagen unter fachmännischer Aufsicht studiert. Wie kenntnisreich diese Aufsicht war, sei einmal dahingestellt, doch der frühe, durchaus intensive Kontakt mit literarischen Texten hat seine Spuren hinterlassen. Einige sind mir bis heute nicht aus dem Kopf gegangen, ich denke da an: “Die Waage der Baleks” von Heinrich Böll, “Brudermord im Altwasser” von Georg Britting und nicht zuletzt an “Das dicke Kind” von Marie Luise Kaschnitz. Diese Erzählung hatte es mir besonders angetan, also die Art und Weise, wie Kaschnitz dieses pummelige Mädchen betrachtet, das unversehens in ihrer Wohnung auftaucht, es mit einem lustvoll-gehässigen Realismus abgreift und mit geradezu detektivischer Neugierde bis an den dunklen, noch so eben zugefrorenen See verfolgt, wo es zu einer Art Showdown kommt: Die unbeholfene Dicke und ihre ältere Schwester, die im Hintergrund ihre Kreise zieht wie eine Eisprinzessin! Das Bild sitzt genauso wie die knappe Coda, in zwei Atemzügen, beziehungsweise neun Zeilen. So einen See “mit Wiesen und schwarzen Wäldern” meint die Nachbarin im Vorbeigehen auf der Treppe “gäbe es nicht”. Zurück im Zimmer, das sie möglicherweise gar nicht verlassen hat, sieht Kaschnitz im Gewühl ihres Schreibtischs ein altes Kinderfoto liegen. Wer es bis jetzt noch nicht gemerkt hat, begreift es spätestens hier mit dem letzten Satz, die Erzählerin selbst, war dieses dicke Kind. Zu Recht stand diese Erzählung im Lesebuch, als Schulbeispiel dafür, wie man auf engstem Raum (das ist schließlich eine Kurzgeschichte) mit psychologischem Pragmatismus Traum und Wirklichkeit verzahnt und im Rahmen eines durchaus effektvollen Spannungsbogens auf den finalen Punkt bringt.
Marie Luise Kaschnitz hat mich seitdem beschäftigt, ihre Art und Weise Ich zu sagen hat mir imponiert. Die erste Person als ständig Anwesende, die Bilder, Erinnerungen und ein reflektiertes Hiersein, um es etwas prätentiös zu sagen, erst ermöglicht, ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen – das Ich als Katalysator einer suggestiven Imagination, so würde ich vorläufig das Geheimnis ihrer Erzählkunst andeuten. Die Aufzeichnungen “Tage, Tage, Jahre” (1968) haben mich in diesem Sinne fasziniert. Die Lektüre hatte sogar Einfluss auf den Lehrplan in meiner Abiturklasse, jedenfalls haben wir im Englischunterricht “In Cold Blood” von Truman Capote gelesen, nachdem ich den entsprechenden Eintrag in den “Aufzeichnungen” der Kaschnitz gelesen hatte. Das muss 1973/74 gewesen sein, meine Taschenbuchausgabe von “Kaltblütig” (51.–62.5. Tausend) ist vom April 1972, die englische Ausgabe ist nicht mehr vorhanden, ich habe nicht so sehr darauf geachtet, weil mein Englisch schlecht war. Immerhin – mein Lektürevorschlag war ein Achtungserfolg. Vielleicht gehorcht die “Autobiographische Prosa” von Kaschnitz partiell einer Versuchsanordnung, der Gedanke kommt mir jedenfalls beim Wiederlesen von “Das Haus der Kindheit” (1956), ein Museum oder etwas ähnliches ist das, in dem die Erzählerin irgendwie landet, ohne es gesucht zu haben und sich aufgefordert sieht, Erinnertes aufzuschreiben. So etwas wie ein “Versuch” im wahrsten Sinne des Wortes ist auch die “Beschreibung eines Dorfes” (1966), die als Absichtserklärung formuliert ist, das Eigentliche im Kommenden verspricht und so den Text als Skizze etabliert; eine Hommage an das badische Bollschweil, wo das Familiengut liegt. Vielleicht sind die Selbstfindungen in dem späten Buch “Orte” auch noch Versuch im Sinne eines Experiments, eingelöst in atmosphärischen Konzentraten auf der Landkarte des Lebens. Ich habe seinerzeit nicht alles von Kaschnitz gelesen, “Engelsbrücke” (1955) etwa, ihre “Römischen Betrachtungen” beginnt mich erst jetzt beim Blättern in der Werkausgabe zu fesseln.
Das Bedürfnis mehr über diese Autorin, die in ihren Texten ohnehin ständig von sich spricht, zu erfahren, hielt sich seinerzeit in Grenzen, in Klappentexten; manchmal auch in der Zeitung erfuhr man dann und wann etwas. Erst im Rahmen dieser Wiederbegegnung lese ich die noble Biographie von Dagmar von Gersdorff. Was für ein Leben, fast schon ein Roman zum gerade angefangenen Jahrhundert, beginnend 1901 in der Wiege einer alten adeligen Offiziersfamilie; ‘Mädchenname’: Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett! Die Biographie liest sich wie eine reizvolle Ergänzung zur Dichtung. Besonders eindrucksvoll erscheint die, wenn man so will, standesgemäße Liebesheirat mit dem Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg, dessen Beruf die weiteren Lebensstationen bestimmt, Rom, Königsberg, Marburg, Frankfurt, Rom. Der Tod ihres 10 Jahre älteren Ehemanns 1958, eine tiefe Zäsur und gleichzeitig eine Schwelle, die große Intensität ihres erzählenden Erinnerns noch einmal zu steigern. “Dein Schweigen, meine Stimme” (1962). Gersdorffs Biographie, durchzogen mit Gedichten von Kaschnitz, ist fast schon eine Anthologie zum lyrischen Gesamtwerk. Es könnte sein, dass mich diese Autorin in nächster Zeit noch mal beschäftigt.
Justis Velazquez
Eine Wiederentdeckung von Carl Justis Velázquez-Monografie
Mit dem Weltreich geht es bergab, gleichzeitig spricht man vom “Goldenen Zeitalter” Spaniens; wie dieses arme/reiche 17. Jahrhundert ausgesehen haben mag, ist bei Carl Justi nachzulesen, Anlass und Gegenstand: Diego Velázquez (1599 – 1660), der ab 1623 bis zu seinem Tod Hofmaler des Königs Philipp IV. war und daneben noch zahlreiche Ämter innehatte, zuletzt ab 1652 das des Schlosshofmarschalls, das Privilegien mit sich brachte, aber dem Beruf, ja, der Berufung als Maler eher im Weg stand. Diese Karriere ist in ihrer Kontinuität ein Kuriosum, anders gesagt, Jahrhundertgenies findet man selten dermaßen gut untergebracht und versorgt, in Ämtern dieser Art vertrocknen normalerweise die größten Begabungen. Hier kommt es anders, der allwissende Justi schüttelt gelegentlich den Kopf angesichts der ersten vornehmsten Aufgaben als Bildnismaler des Königs, der bei Beginn der Festanstellung dieses Wundermanns erst ein Jahr auf dem Thron saß und gerade mal 17 Jahre alt war. Diesen glücklosen Monarchen wird er von da an unentwegt porträtieren. “Ein Menschenalter dasselbe Bild”, konstatiert Justi. “Denn das Angesicht Philipps hat in diesen 37 Jahren eine erschreckende Gleichförmigkeit”, zudem ist das kein schöner Mann. “Dieses längliche Oval mit dem weißlich bleichen Teint, dem kalt phlegmatischen Blick der großen blauen Augen unter der steilen Stirn, zwischen dem blonden steif gekräuselten Haar; mit den platten Lippen und dem massiven Kinn.” Die Wiedererkennbarkeit des Königs ist malerische Strategie, die deutlich herausgearbeitete ‘Habsburger Unterlippe’ dürfte schon damals Markenzeichen eines außerordentlichen Adels gewesen sein. Unbestechlich hat er das Gesicht reproduziert und seiner kostbaren Malerei einverleibt, die dem Licht auf der Spur ist, skizzenhaft anzudeuten vermag, um anderes gleichzeitig zu fokussieren mit einer Peinture, die alles Gesehene in die andere Wirklichkeit ihrer Kunst verwandelt, obwohl oder gerade weil partiell offen daliegt, wie geschichtet, gesetzt auch korrigiert wurde, – für solcherlei Raffinessen hat Justi ein besonderes Auge. 1888 erscheint das monumentale Buch, die zweite maßgebliche Auflage kommt 1903, benutzt wurde die “vollständige” Ausgabe des Phaidon Verlages (Zürich 1933, “nur der fremdsprachige Anhang ist weggeblieben”), verbunden mit diesem Engagement ist die wirksame Entdeckung eines Genies, das man lange für eine innerspanische Angelegenheit gehalten hat. Dass fast gleichzeitig die französischen Impressionisten, allen voran Manet, den “Maler, der mehr Maler gewesen als irgendeiner”, auf ihre Fahnen schreiben, schmerzt den deutschen Professor, denn er verachtet deren Moderne und führt lieber an, dass bereits Raphael Mengs 1761 wusste, was dieser Velazquez für ein Charakter war: “Er malte die Wahrheit nicht wie sie ist, sondern wie sie erscheint”.
Noch während der Arbeit an seiner Winckelmann-Biografie, die ihn berühmt machte, kam Carl Justi der Gedanke “das Leben und das Jahrhundert des Velazquez zu schreiben”, weiß Wilhelm Waezoldt, Auslöser sei das Porträt von Papst Innozenz X. bei einer fundamentalen Begegnung 1867 in Rom, im Palazzo Doria, gewesen. In der Tat, dieses Bildnis, das 1650 bei einem zweiten Aufenthalt in Italien entstand, überwältigt, dabei ist der gegebene Rahmen eng, aber die konventionelle Bildnisdramaturgie ermöglichen eine Verdichtung der angewandten Mittel, der 76-jährige auf seinen leicht schräg gedrehten Sessel bannt die Betrachtenden mit seinem Blick: “Im inneren Augenwinkel liegt gleichsam der Magnetpol des Kopfs.” Die Farben wirken zurückgenommen, Velazquez verkneift es sich, das Rot der Umgebung, der Mütze (camauro) oder des Mäntelchen (mozetta) effektvoll zu nutzen, stattdessen setzt er das helle Chorhemd in Szene, das eigentliche Porträt erscheint wie die Spitze eines Dreiecks, das auf einem hellen textilen Katarakt, ja auf einem materialisierten Lichtbogen gebaut ist. “Ich war schon immer der Meinung, dass dies eines der bedeutendsten Gemälde der Welt sei”, sagt Francis Bacon, der sich in zahlreichen Varianten der Wirkung des Porträts ausgesetzt hat. Der Heilige Vater, der sein Publikum ein wenig verächtlich anschaut, ist ein Monument seiner selbst und der ihm durch eine außerordentliche Malerei verliehenen Würde. Die 10 Seiten über dieses Bild machen deutlich, was der Justi-Kenner Johannes Rößler meint, wenn er den “Episodenreichtum” der Gesamtdarstellung anspricht. Man ist versucht, das große Buch abschnittsweise zu lesen, etwa “Rubens in Madrid”, die beiden “Romfahrten” 1629/31 und 1649/51 oder den Abschnitt über die Bildnisse der Hofzwerge. Die ausführlichen Einzeluntersuchungen zu dem großen Historienbild “Die Übergabe von Breda” und nicht zuletzt “Las Meninas”, lange bevor eine Heerschar von Spezialisten mit fußnotenschweren Theorien über das enigmatische Familienbild herfielen, sind gehaltvolle Essays. Dafür kann man die eine oder andere Spezialabhandlung ruhig überspringen oder sich für später aufheben. Keinesfalls sollte man die sechs Seiten über El Greco auslassen, die sich lesen wie die kritisch erregte Auseinandersetzung mit einem trotzigen Freigeist. Gelegentlich überrascht Justi durch aristokratisch-hochmögende Vorstellungen von dem was schön und was hässlich ist. Das große Buch ist eben Produkt eines anderen, des 19. Jahrhunderts.
Carl Justi (1832 – 1912) entstammte einer alten deutschen Gelehrtenfamilie, studierte ursprünglich Theologie und Philosophie, wurde aber zu einem der bedeutenden Kunsthistoriker seiner Zeit, der die längste Zeit seines akademischen Lebens als Ordinarius seines Fachs an der Universität Bonn zubrachte. Aus der Lehrtätigkeit, die dort eigentlich sein Hauptberuf war, hat er sich nie etwas “gemacht”, schreibt sein Neffe und Patenkind, der Mediziner Karl Justi: “Er fühlte sich als freier Schriftsteller”, für den “die großen Männer, nicht die Zeitströmungen, die Träger der Geschichte wie der Kunst” sind. Das klingt altmodisch, relativiert sich aber angesichts einer atemberaubenden Fülle. Die anderen Hauptfiguren seiner Forschungen heißen Winckelmann, Murillo und zuletzt Michelangelo. Man vergegenwärtige sich, dass diese komplexen Weltkunstgeschichten in einer Zeit ohne Internet, WeTransfer und anderer Mittel zur schnellen Besichtigung vor sich gingen. Es zählte allein das sichere Notat, bei Justi kam noch eine Art Bildarchiv in Schwarz-Weiß-Fotografien hinzu, der Rest waren Studien vor Ort, für Velázquez zwischen 1872 und 1886 insgesamt acht Spanien-Reisen. Wer den schönen, gut fotografierten Dokumentarfilm “Das Geheimnis von Velazquez” von Stépharne Sorlat gesehen hat, ist möglicherweise emphatisch eingestimmt, aber letztlich unwissend. Was sind schon 88 Minuten gegen eine Lektüre, die Tage, wenn nicht Wochen in Anspruch nimmt. Als Sicherheitslektüre wurde die Velázquez-Monografie von Martin Warnke von 2005 gelesen. Es ist erstaunlich, was man so viel kürzer alles sagen kann. Eigentlich vermisst du nichts, Warnke schreibt in einem besser informierten Jahrhundert, und das erstaunlich uneitel, nichts fehlt in seiner Darstellung. Oder doch? Vielleicht das Vordringen in einen durchaus unbekannten Raum, dessen Türen bei Justi nach und nach aufgehen, die Fragen und Antworten eines überbordenden Referats und die Lust am gelegentlichen Abschweifen ins Poetische.
Letzte Änderung: 19.05.2026 | Erstellt am: 19.05.2026
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