Das ungewisse Schicksal Deutschlands angesichts der technologischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen weltweit ruft auch Schriftsteller und Intellektuelle auf den Plan, die sich nicht nur Sorgen um ihre Heimat machen: Sie fragen auch nach den alten und neuen Werten und reflektieren die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands in der zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt, in der die Künstliche Intelligenz den Ton angibt. Wie wirkt sich all das auf unsere Wertevorstellungen aus? Was ist heute überhaupt noch wichtig? Welche Rolle spielt dabei die Vergangenheit? All diese Fragen stellt Rudolf Rach, ein Theaterkenner, ehemaliger Verleger sowie Autor von Romanen und Essays, in seinem neuen Buch „Der Dritte Blick“, das ein Kompendium aus Lebenserinnerungen, Begegnungen, Anekdoten und Reflexionen zu unserer Epoche ist und in der Edition Faust am 12. Februar 2026 erscheint.
Es ist Sommer im Jahr 2024. Die Stadt Köln hat ein Hitzetelefon eingeführt, doch wir entschließen uns, gleich ins Wasser zu springen. Ein französischer Journalist meinte gestern, dass der Fußballstar Kylian Mbappé ein Meister im Erzählen von Geschichten sei. Alle Welt interessiere sein Schicksal, weil er sich immer noch nicht für Paris oder Madrid oder einen englischen Klub entschieden habe. Wie Harry Potter in den Romanen von Joanne K. Rowlings oder Jake Sully in „Avatar“ verfolge er ein Ziel und werde gleichzeitig von Zweifeln geplagt. Für welchen Klub wird er sich entscheiden? Mit dieser Frage halte Mbappé sein Publikum in Atem. Ein Ziel vor Augen und die Ungewissheit des Weges seien das Geheimnis gut erzählter Geschichten.
Um es gleich zu sagen: Ich bin kein Geschichtenerzähler wie Mbappé. Kein Held, der aufschreiben will, wie er seine Millionen erworben hat. Allerdings gibt es in diesen Notizen einen Helden, dessen Schicksal Fragen aufwirft. An dessen Zukunft Zweifel erlaubt sind. Dieser Held ist keine Person, sondern ein Land. Ein besonderes Land, weil es viele Qualitäten hat, um die es andere beneiden. Während vieler Jahrhunderte hat es bedeutende Künstler und Gelehrte, große Wissenschaftler und Ingenieure hervorgebracht. Seine Philosophen, seine klassischen und romantischen Komponisten sind weltbekannt, heute mehr denn je.
Andererseits ist es durch seine Geschichte gebrannt; zeitweise erstreckten sich zu den Füßen der Gipfel morastige Tiefen, die Deutschland unbewohnbar machten und seine kulturellen Höhepunkte – beinahe – vergessen ließen. Das Land liegt im Herzen Europas und seine Nachbarn, ob es den Deutschen genehm ist oder nicht, sind von ihm abhängig. Sein Schicksal ist ungewiss, ungewisser als die Deutschen glauben mögen. Was immer Politiker oder Medien erzählen.
Bislang wurde Deutschlands Schicksal durch den Süden und Westen geprägt, auch wenn östliche Einflüsse unübersehbar sind. Durch das, was man christlich-abendländische Kultur nennt. Im Guten wie im Schlechten. Die Zuwanderung und die Globalisierung mit ihren gewaltigen, sich ständig beschleunigenden Veränderungen zwingen Land und Leute, sich in einer neuen Landschaft zurecht zu finden.
Die christlich-abendländische Gesellschaft ist während vieler Jahrhunderte entstanden, und schon seit langem spielen in ihr Wissenschaft und Technik eine bedeutende Rolle. Aber das war wenig, im Vergleich zu dem, was sich heute aufdrängt. Das Silicon Valley gibt den Ton vor: We connect everybody. Die Künstliche Intelligenz will Frau und Mann schlauer machen. Jeder wird erwischt, ob er sich drücken will oder sich über die Tastatur schmeißt.
Was die Lage weiter kompliziert, ist der überall präsente und ständig mächtiger werdende staatliche Apparat, von dem die, die davon unmittelbar oder mittelbar profitieren, sagen: Wir müssen ihn mit allen Mitteln verteidigen. Doch wie viel Staat braucht die Gesellschaft? Und was ist mit den Einzelnen, die in ihrer Summe den Staat ausmachen?
Statistiken oder politische Programme helfen wenig bei der Suche nach einer Antwort. Sie sind Bestandteil des Systems, liefern Fakten oder versprechen, sie zu liefern; sie halten den Betrieb am Laufen. Was eher hilft, ist, sich auf einen Hügel zu begeben und die Landschaft ins Visier zu nehmen. Einen Standpunkt zu suchen, der außerhalb des Feldes liegt, auf dem gekämpft wird. Um das Wesen unserer Gesellschaft einigermaßen vorurteilslos zu erkennen, muss man subjektiv vorgehen, damit man nicht zum Opfer des Repräsentativen wird, das vieles über einen Kamm schert. Durch historischen oder zeitgenössischen Morast zu waten, schärft das Denken nicht.
Der Alltag spielt uns die Themen zu. Als ich 2017 zurückkehrte, fiel mir auf, wie sich Deutschland während der letzten dreißig Jahre verändert hatte; ein anderes Land geworden war. Jetzt zogen sich die Leute im Winter, wenn es kalt war, keinen Pullover im Büro mehr an oder tippten ihre Briefe auf Schreibmaschinen; das Kohlepapier für die Durchschläge war passé. Stattdessen drückten sie von morgens bis abends auf Knöpfe und saßen im T-Shirt vor dem Computer. Solche Veränderungen haben es in sich; und nur der, der den langsamen Wechsel nicht selbst erlebt, also der, dem der Unterschied ins Auge springt, nimmt den Wandel wahr. In Deutschland kann man das Staunen lernen und das Staunen hört nicht auf. Seit einiger Zeit fahren die Züge nicht mehr pünktlich und die Lokführer streiken, wie es ihnen in den Sinn kommt. Die Welt wundert sich über dieses neue Deutschland.
Was ich der Leserschaft in die Hand drücken möchte, ist ein Kaleidoskop, bestehend aus einer Folge von Beobachtungen und Situationen. Aus dem Leben gegriffen und ohne Anspruch auf Objektivität. Es geht nicht um Millionen und einen Fußball spielenden Helden. Es geht bei diesem mal tragischen, mal komischen Deutschland um mehr, als einen Vertrag mit dem richtigen Klub zu unterschreiben. Es geht auch nicht darum, billigeres Gas aufzutreiben oder mehr Windräder aufzustellen. Es geht ums Eingemachte: Die Deutschen müssen in ihr Gewissen schauen; erkennen, welche Werte ihnen wichtig sind. Für was sie bereit sind zu kämpfen. Das Lächeln über den Ernst der Situation, das sich auf dem einen oder anderen Gesicht abzeichnet, ist verräterisch; es könnte den Leuten schon bald auf den Lippen gefrieren.
Letzte Änderung: 09.01.2026 | Erstellt am: 09.01.2026
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