Pellet, Bernhard, Fassbinder und Ozon

Pellet, Bernhard, Fassbinder und Ozon

Auszug aus Rudolf Rachs neuem Buch „Der dritte Blick“
Cover

Das ungewisse Schicksal Deutschlands angesichts der technologischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen weltweit ruft auch Schriftsteller und Intellektuelle auf den Plan, die sich nicht nur Sorgen um ihre Heimat machen: Sie fragen auch nach den alten und neuen Werten und reflektieren die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands in der zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt, in der die Künstliche Intelligenz den Ton angibt. Wie wirkt sich all das auf unsere Wertevorstellungen aus? Was ist heute überhaupt noch wichtig? Welche Rolle spielt dabei die Vergangenheit? All diese Fragen stellt Rudolf Rach, ein Theaterkenner, ehemaliger Verleger sowie Autor von Romanen und Essays, in seinem neuen Buch „Der dritte Blick“, das ein Kompendium aus Lebenserinnerungen, Begegnungen, Anekdoten und Reflexionen zu unserer Epoche ist und in der Edition Faust am 12. Februar 2026 erscheint.

Im folgenden Auszug beschäftigt sich Rach mit dem dichten und chaotischen Pariser Verkehr, wobei Erinnerungen an Thomas Bernhard und an seine respektlosen Kommentare zu einer Aufführung seines Dramas „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ wach werden, genauso wie Erinnerungen an François Ozon und seinen Versuch, Filmrechte von der Fassbinder-Erbin zu ergattern ‒ all das liegt schon lange her und spielt sich in Paris ab, in dem Rudolf Rach über viele Jahre zu Hause war.

Wir waren gerade in Paris. Hatten Glück, dass der Verkehr zwischen dem Flughafen und dem Boulevard Périphérique flüssig lief, was selten genug ist.

Erst unter dem Tunnel vor der Porte de la Chapelle fing der Stau an. Drei oder vier Mal sprangen die Lichter der Ampel auf Grün, ohne dass sich etwas bewegte. Eine Baustelle. Junge, schwarz gekleidete Männer klopfen an die Scheiben, halten die Hände auf. Ihre traurigen Augen sind konzentriert, ihre Blicke unwiderstehlich. Meistens sind es Afrikaner. Wie Tänzer winden sie sich an den Wagen vorbei und strahlen trotz ihrer abgerissenen Klamotten eine natürliche Eleganz aus. Ja, sie sind unerschütterlich, obwohl ihr Zustand miserabel ist. Der eine oder andere Fahrer steckt ihnen ein Geldstück zu. Jeder vermeidet, ihre Hände zu berühren, aus Angst, sich mit einem Erreger anzustecken.

Wer soll das ändern? Niemand weiß es, auch die Pariser Stadtverwaltung nicht, die Brückenunterführungen zumauern lässt, um den Verkehr zwischen Dealern und Banden zu unterbinden. Das reiche Zentrum gegen die armen Vorstädte, die Stadtautobahn als Grenze.

Bis ins Zentrum von Paris sind es noch fünf Kilometer. Schon nach wenigen hundert Metern zwingen einen die Schilder umzukehren oder in eine Nebenstraße einzubiegen, die mit Buckeln übersät ist. Die Bürgermeisterin von Paris und ihre Berater mögen keine Autos. Sie mögen frische Luft und wollen, dass die Leute mit der Metro fahren, mit dem Bus oder der Bahn, wo die Luft noch schlechter ist. Überall die gleiche Politik, doch überall gibt es Leute, die lieber im eigenen Auto sitzen. Deshalb sind die Straßen immer noch so verstopft und es dauert eine Stunde, bis wir uns in Saint-Germain-des-Prés in eine Tiefgarage zwängen.

Abends nehmen wir ein Taxi. Trotz der Bus- und Taxispuren klagt der Fahrer über die Staus. Nichts habe sich geändert, im Gegenteil. Die Stadtverwaltung behauptet das Gegenteil, aber wohin man auch blickt, Autos. Das war immer so, auch damals, als Paris eine weltoffene Stadt für Arm und Reich war, als die Abgasschwaden über den Boulevards hingen. Die Architektur der Häuser hat sich nicht geändert, die Boulevards sind prachtvoll wie eh und je, und die hoch verschuldete Stadt tut, als platze ihr das Geld aus den Nähten.

Vor dem Maison de la Poésie treffen wir den Autor Christophe Pellet, den wir viele Jahre nicht gesehen haben. Ein Buch über Thomas Bernhard soll vorgestellt werden, ein Sammelband in der bekannten Reihe der Cahiers de l’Herne. Die Herausgeber sind Österreicher, die seit Jahren Professuren an Pariser Universitäten innehaben oder im Österreichischen Kulturinstitut arbeiten.

Bis der Band endlich erschienen ist, hat es Jahre gedauert und während der Corona-Krise stand zu befürchten, dass aus der Sache nie etwas würde. Die beiden Herausgeber berichten über die Entstehungsgeschichte des Bandes, skizzieren kurz Bernhards Leben und Werk. Keine Erwähnung des Verlags, der die Theatertexte Bernhards schon seit den siebziger Jahren in Frankreich publiziert und durch seine Agentur entscheidend an der Verbreitung der Stücke mitgewirkt hat.

Anschließend eine Lektüre von Bernhard-Briefen durch Denis Podalydès. Ein pures Vergnügen. Das ist Theater: ein Schauspieler auf einer Bühne und ein Text. Das Publikum ist mucksmäuschenstill und amüsiert sich, als der Brief vorgetragen wird, den Bernhard an Siegfried Unseld geschrieben hat, um sich über eine Aufführung zu beschweren, die ich genehmigt hatte:

„Am Montag habe ich in den Münchner Kammerspielen die hundsgemeine Hinschlachtung eines meiner Theaterstücke erleben müssen, den brutalen stumpfsinnigen Mord an jener Arbeit, die sich „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ betitelt und zu den schwierigsten Stücken auf dem Theater überhaupt zu zählen ist; und gerade dieses Kunststück hat der Verlag völlig bedenkenlos einer Bühne zur Aufführung gegeben, die niemals die Voraussetzungen hat, eines meiner Stücke auch nur akzeptabel herauszubringen, einem Dramaturgenteam, das aus Idioten, tatsächlich aus ordinären Provinzidioten besteht und einer Schauspielergarnitur, die in Sankt Pölten oder in der Kurstadt Baden bei Wien sich austoben kann an einer Léharoperette, nicht aber und niemals auf eine meiner Arbeiten losgelassen werden hätte dürfen.“

Etwa fünfzig Jahre ist das her, und die perfide Ironie trägt bis heute. Indem Bernhard sich über den Verlag lustig machte, riskierte er den Bruch, aber dadurch, dass er mir allein die Schuld gab, baute er sich und Unseld eine Brücke. Der schlaue Fuchs. Natürlich hat das Pariser Publikum keine Ahnung von den Hintergründen; dass Bernhard dem Verlag eine Stange Geld schuldete, dass der Verlag vertraglich verpflichtet war, die Verbreitung der Stücke zu fördern. Womit sollten denn Bernhards Schulden bezahlt werden, wenn nicht mit Erlösen aus Aufführungen? Natürlich war Bernhard nicht der einzige Autor, der furiose Beschwerden schrieb. Bei Tschechow ging es fast immer ums Geld, bei Céline ebenso. Bei Bernhard merkt man etwas anderes: die gänzliche Respektlosigkeit, die eine der Folgen des deutschen Zusammenbruchs war.

Beim anschließenden Abendessen kommt Pellet auf François Ozon zu sprechen, fast zwangsläufig, weil er durch Ozon zu uns gekommen war. Ozon, damals gänzlich unbekannt, wollte „Tropfen auf heiße Steine“ von Rainer Werner Fassbinder verfilmen. Doch die Fassbinder-Erbin sträubte sich; dafür müsse ein bekannter Regisseur her, jemand, der das Niveau des früh verstorbenen Genies habe. Ozon hatte ein paar Kurzfilme gedreht, dichte Stimmungsbilder von frappierender Sinnlichkeit. Junge Leute auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität. Ihre Sinnlichkeit fliegt wie ein Luftballon, mal hierhin, mal dorthin. Die Versuchung, andere Betten auszuprobieren, ist unwiderstehlich.

Das Stück aus dem Nachlass ist vermutlich Fassbinders erstes. Die französische Publikation erschien bald nach der deutschen und Ozon fand hier seine eigenen Themen: raus aus dem bürgerlichen Mief, Aufbruch in eine neue Heimat, die nur eine künstlerische sein konnte. Fassbinder war rücksichtslos; alles, was er anpackte, hatte einen Zug ins Expressionistische. Knapp, aufs Wesentliche konzentriert und klar. Expressionismus ist eine deutsche Erfindung, da wird durchgezogen und auf den Punkt gebracht; das Gegenteil von französischer Eleganz. Ozon ist ein Anti-Fassbinder, ein gut erzogener Franzose, der von dem wilden Deutschen fasziniert ist. Er sitzt mir gegenüber, mit neugierigen Augen; lässig gekleidet. Es gelingt mir nicht, irgendetwas Ungewöhnliches an ihm zu entdecken. Wenn da nicht die funkelnden Kurzfilme gewesen wären. Nach einigen Mühen gelang es, die Erbin zu überzeugen; in New Yorker Cineasten-Kreisen hatte sie Gutes über ihn gehört. Der Film wurde bei der Berlinale gezeigt und Ozons Karriere startete wie ein Feuerwerk.

„Damals“, sagte Pellet, „hat er aus der Frau einen Mann gemacht und das war richtig. Jetzt, in den „Bitteren Tränen“ ist er wieder auf Fassbinder zurückgekommen. Hier besetzt er die Frau mit einem Mann, was ich falsch finde.“

Was bleibt, sind die Schwierigkeiten der Geschlechter. Immer dreht es sich um Anziehung und Abstoßung. Ob zwischen Frauen und Männern, Frauen und Frauen, Männern und Männern; die Natur verschlägt uns den Atem.

Letzte Änderung: 06.02.2026  |  Erstellt am: 06.02.2026

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