Das ungewisse Schicksal Deutschlands angesichts der technologischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen weltweit ruft auch Schriftsteller und Intellektuelle auf den Plan, die sich nicht nur Sorgen um ihre Heimat machen: Sie fragen auch nach den alten und neuen Werten und reflektieren die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands in der zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt, in der die Künstliche Intelligenz den Ton angibt. Wie wirkt sich all das auf unsere Wertevorstellungen aus? Was ist heute überhaupt noch wichtig? Welche Rolle spielt dabei die Vergangenheit? All diese Fragen stellt Rudolf Rach, ein Theaterkenner, ehemaliger Verleger sowie Autor von Romanen und Essays, in seinem neuen Buch „Der dritte Blick“, das ein Kompendium aus Lebenserinnerungen, Begegnungen, Anekdoten und Reflexionen zu unserer Epoche ist und in der Edition Faust am 12. Februar 2026 erscheint. Im folgenden Auszug beschäftigt sich Rach mit seinem unbekannten Großvater, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist.
Den Großvater mütterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Meine Großmutter sprach oft von ihm, immer in einem etwas Mitleid erheischenden Ton, den ich nicht mochte. Er war im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen, im Sommer wenige Monate vor dem Waffenstillstand. Ein großer Mann in Uniform; er war noch jung. Seine sterblichen Überreste liegen auf einem Soldatenfriedhof. In Marfaux nahe Épernay, mitten in den Rebhängen der Champagne.
Der Friedhof befindet sich etwas außerhalb des Ortes; genau genommen sind es zwei, ein deutscher und ein britischer Friedhof. Seite an Seite, und doch haben sie einen unterschiedlichen Charakter. Die Deutschen liegen unter einfachen schwarzen Eisenkreuzen und die Briten unter Steintafeln, vor denen Blumen wachsen. Auch auf dem deutschen Friedhof gibt es einige Steintafeln, sie sehen aus wie Gesetzestafeln; wie die, auf denen Moses die Zehn Gebote verkündet. Mit ihnen wird der Juden gedacht, die für Deutschland gefallen sind. Sie tragen Namen wie Gutmann oder Cohn. Alle Gräber sind nummeriert und mein Großvater liegt unter dem Kreuz mit der Nummer 116. Laut Inschrift ist er am 18. Juli 1918 gefallen, in den entscheidenden Monaten des Krieges, als die letzten Reserven mobilisiert wurden. Frankreich und seine Verbündeten verfolgten das gleiche Ziel. Jeder, der sich finden ließ, wurde in die Schlacht geworfen. Encore un petit effort, erklärte die Regierung unter Präsident Clemenceau. Noch eine kleine Anstrengung, dann ist der Krieg gewonnen. Pure Schönfärberei angesichts des fast sicheren Todes oder der Aussicht auf eine schwere Verletzung für all die jungen und älteren Männer, die damals im Taxi an die Marne gekarrt wurden. Später meinte der ins holländische Exil gegangene Wilhelm II., dass Deutschland ein Mann wie Clemenceau gefehlt habe; mit ihm wäre der Sieg möglich gewesen.
Der deutsche und der englische Friedhof liegen direkt neben der Landstraße. Nach vier Jahren Krieg waren alle erschöpft. Wer hätte noch Kraft auf die zerstückelten und blutverschmierten Leiber verwenden wollen? Eine Grube, gleich neben der Landstraße, musste genügen, um die Leichen zu versorgen. Auf einer Steintafel steht: Hier ruhen 4417 deutsche Soldaten. Die Anzahl der Gefallenen aus dem Commonwealth ist nirgendwo verzeichnet. Die Behörden fanden es nicht opportun, den Blutzoll anzuzeigen, der für den Waffenstillstand auf alliierter Seite entrichtet wurde.
Auf den Eisenkreuzen steht nicht nur der Name des Gefallenen, sondern auch sein Dienstgrad. Mein Großvater war Kanonier, also jemand, der ein Geschütz bediente und die Geschosse abfeuerte. Dazu musste man kräftig sein und über geschickte Hände verfügen. Es heißt, dass an Kanoniere „höhere geistige und körperliche Anforderungen“ gestellt wurden als an Soldaten anderer Waffengattungen. Sie mussten in der Lage sein, ihr Ziel anzupeilen, fit sein, um die Geschosse zu laden. Der ständige Granatenhagel erforderte Nervenstärke; sie arbeiteten Hand in Hand mit den Kameraden. Ein Kanonier operiert zwar nicht in vorderster Linie, doch ist es das erklärte Ziel des Gegners, die Geschütze auszuschalten. Neben meinem Großvater liegt ein Infanterist, nicht weit davon ein Radfahrer; den brauchte man, um Berichte über die Lage oder Verlustlisten zu befördern.
Katharina, meine Frau, machte ein paar Fotos und fragte, wo denn die Offiziere begraben lägen. Es war still, ein milder Wind strich über den frisch geschnittenen Rasen und fächelte die Blätter der anliegenden Rebstöcke. Die geometrische Ordnung der schlichten Kreuze war wie ein fernes Aufleuchten der marschierenden Kolonnen. Ein kurz geschorener Frieden über einem Massengrab.
Letzte Änderung: 16.01.2026 | Erstellt am: 16.01.2026
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