Immer geht es um dieselbe Frage …
Das ungewisse Schicksal Deutschlands angesichts der technologischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen weltweit ruft auch Schriftsteller und Intellektuelle auf den Plan, die sich nicht nur Sorgen um ihre Heimat machen: Sie fragen auch nach den alten und neuen Werten und reflektieren die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands in der zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt, in der die Künstliche Intelligenz den Ton angibt. Wie wirkt sich all das auf unsere Wertevorstellungen aus? Was ist heute überhaupt noch wichtig? Welche Rolle spielt dabei die Vergangenheit? All diese Fragen stellt Rudolf Rach, ein Theaterkenner, ehemaliger Verleger sowie Autor von Romanen und Essays, in seinem neuen Buch „Der dritte Blick“, das ein Kompendium aus Lebenserinnerungen, Begegnungen, Anekdoten und Reflexionen zu unserer Epoche ist und in der Edition Faust am 12. Februar 2026 erscheint. Im folgenden Auszug beschäftigt sich Rach mit verschiedenen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens in der alten Bundesrepublik Deutschland: Rudolf Arnheim, Georg Stefan Troller und Marcel Reich-Ranicki. Diese Reise in die Vergangenheit ist dem Fotoband „Jüdische Porträts“ der Fotografin Herlinde Koebl geschuldet.
Gestern Abend hatte die Fotografin Herlinde Koelbl zu einer Vernissage geladen: „Feine Leute“ im Kölner Haus- und Grundbesitzerverein. Der Vorsitzende des Vereins heißt Konrad Adenauer, ein graumelierter Enkel des legendären Kanzlers. Beim besten Willen ist eine äußere Ähnlichkeit nicht zu entdecken. Die Fotos sind Aufnahmen aus den Siebzigern, aus Wien, Frankfurt oder München, von Bällen, wo die Welt aus Wirtschaft und Adel einen Foxtrott riskierte. Ältere Männer drücken junge Frauen an sich und schieben sie mit angestrengter Leidenschaft über die Fläche, während ihre Frauen mit ihren Freundinnen darüber lästern. Es liegt schon einiger Staub auf dieser Gesellschaft, nicht nur weil das Fotopapier mit den Jahren diesen gelb-bräunlichen Firnis annimmt.
Koelbl hat Bedeutendes geleistet. Ihre „Jüdischen Porträts“ zum Beispiel bleiben ein Schlüssel zum Verständnis des 20. Jahrhunderts. Insbesondere des deutschen. Die Gesichter der jüdischen Frauen und Herrn spiegeln die erlebten Schläge und Wirrungen. Auch ein Grubenarbeiter hat ein vom Schicksal gezeichnetes Gesicht; wie jeder, der ein „hartes“ Leben hinter sich hat. Bei Koelbls jüdischen Porträts zählt noch etwas anderes: Die geistige Bewältigung des Schicksals; selbst die erfahrene Härte verwandelt sich in Weisheit und schlussendlich Schönheit.
Der Band enthält nicht nur Fotos; seine ganze Bedeutung erhält er durch die Gespräche. Richtiger wäre, es umgekehrt zu sagen: Die Fotos ergänzen die Gespräche; sie bezeugen sie. Immer geht es um dieselbe Frage: Warum konnte der Holocaust stattfinden? Und warum gerade in Deutschland?
Ein paar der Porträtierten habe ich gekannt: Rudolf Arnheim und Georg Stefan Troller oder Marcel Reich-Ranicki. Arnheim hat ein Buch über den Film als Kunstform geschrieben; schon sehr früh, als der Tonfilm noch nicht erfunden war. Trotzdem beschreibt Arnheims Analyse das Wesentliche, das Neue an diesem Medium. Als wir das Buch in Frankreich herausbringen wollten, fragte ich an, in welcher Sprache er den Vertrag abschließen wolle. Zurück kam ein halbseitiger englischsprachiger Brief, mit dem er uns die exklusiven Rechte in französischer Sprache einräumte; außerdem wurden eine moderate prozentuale Beteiligung an den Verkäufen und die grundlegenden Pflichten des Verlags festgelegt, also das Buch herauszubringen und lieferbar zu halten.
So lauteten die Verlagsverträge aus den fünfziger Jahren; auch der Brecht-Vertrag mit L΄Arche, immerhin über ein Gesamtwerk, war nicht viel länger. Diese kurzen Verträge waren Teil einer Welt, die vom Vertrauen bestimmt war, das man in eine Person oder eine Verabredung setzte; in der man sich, um eine Vereinbarung zu bestätigen, die Hand gab; in der Anwälte nur im Streitfall hinzugezogen wurden, als „ultima ratio“.
Wer Marcel Reich-Ranicki erlebt hat, weiß, dass er sich gerne reden hörte. Das klingt vielleicht abfällig, und ist doch Teil des Problems, das sich durch das Gespräch mit ihm zieht: Sein Verhältnis zu Deutschland blieb gespalten; er suchte Anerkennung und fand sie in den Frankfurter Kreisen. Im Dunstkreis der FAZ und des Suhrkamp Verlags gab es genügend Menschen, denen es genau so erging. Nur, dass er als Jude eine Spur schneller war, mehr Chuzpe und eine raumfüllende Stimme hatte. Das brachte ihm nicht nur Vorteile, denn ein Teil der deutschen Dichter lehnte seine klaren Urteile entschieden ab. Was Reich-Ranicki zu Heinrich Böll sagte, ist aufschlussreich. Man habe in der Nachkriegszeit jemanden gebraucht, den man feiern konnte, einen aufrechten Deutschen, der im Krieg und unbescholten gewesen sei. Max Frisch sei nicht in Frage gekommen, weil er Schweizer war, und für die sei es ja leicht gewesen, unbescholten aus der Nazi-Misere herauszukommen.
Herlinde Koelbl fragt diesbezüglich auch Gottfried Reinhardt, den Sohn des großen Theaterdirektors und Regisseurs Max Reinhardt, der ebenfalls über Böll lästert. Wenn es noch die jüdischen Literaturkritiker der Vorkriegszeit gegeben hätte, wäre es, so Reinhardt, nicht zu einem solchen Fehlurteil gekommen. Böll war nämlich 1972 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen worden.
Wird man damit dem Kölner Autor gerecht? Böll schreibt einen gemächlichen Stil, ist pingelig genau, schaut kaum über den bürgerlichen Tellerrand. Seiner Sprache fehlt der Swing, doch erzählt er die Geschichte des rheinischen Bürgertums ohne falsche Scham. Nennt die Verhältnisse beim Namen. Macht keinen Hehl aus seiner Beklommenheit. Während die damalige Avantgarde sich in sprachlichen Konzepten oder luftigen politischen Plänen sonnte.
Ganz anders Troller. Als Fernsehreporter musste er konkret sein, das Publikum verlangte es. Er spricht die Verluste an, beinahe hochmütig macht er sich über die Abwesenheit von Leichtigkeit her. „Denken Sie an die Witzblätter, die Schlager, den Boulevard, das Kabarett, die Mode. Warum ist es denn in Deutschland so langweilig?“ Wir kennen die Antwort: Es ist die Ausrottung und Vertreibung von allen, die in Deutschland anders gedacht und gefühlt haben als die Nazis.
Vor mehr als dreißig Jahren sind diese Gespräche geführt worden. Die Mauer ist gefallen, Bewegung ist ins Land gekommen. Die Deutschen beäugen ihre Designer-Klamotten und dinieren in Restaurants, die sich nicht schämen, den Kunden für kleine Portionen gequirlten Schaums schwindelerregende Rechnungen zu präsentieren. Auf der Weinkarte eines Berliner Sterne-Restaurants werden Flaschen der Domäne Romanée-Conti angeboten, von denen die teuerste bei über 20.000 € liegt. Ende 2021 tritt Frau Merkel ab und eine Koalition des Fortschritts will sich an die Arbeit machen.
Letzte Änderung: 11.02.2026 | Erstellt am: 11.02.2026
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