Die Satanische Bibel lesen: eine diabolische Verführung (Teil 2/2)

Die Satanische Bibel lesen: eine diabolische Verführung (Teil 2/2)

Teil II: Die vier Bücher der „Satanic Bible“ – Kritik, Performance, Magie und Wirkung auf die Literatur und Kunst
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Wie kann eine »Religion ohne Gott« funktionieren – und entfaltet schon die Lektüre von Anton Szandor LaVeys „Satanic Bible“ einen »truly magical effect«? Uwe Schütte liest die vier Teile des Buchs als ein spannungsreiches Gefüge aus Religionskritik, Inszenierung, Magie und Ästhetik: Das »Book of Satan« persifliert christliche Glaubensvorstellungen, das »Book of Lucifer« entwirft eine materialistische Ethik der Selbstbestimmung und des hedonistischen Individualismus, das »Book of Belial« versteht satanistische Magie als Psychologie und Performance, und das »Book of Leviathan« verankert das Werk mit den »Enochian Keys« in einer esoterischen Traditionslinie. Dabei geht Schütte zentralen Fragen nach: Ist die „Satanic Bible“ eine Form (post)moderner religionskritischer Philosophie? Wie passt die rationale Deutung des Teufels als menschliche Projektion zu einem zugleich beanspruchten Übernatürlichen der Magie? Und wie lässt sich die Wirkung des Buchs auf Kunst und Literatur beschreiben?

Der Begriff Bibel wird im alltäglichen Sprachgebrauch gerne für ein Vademecum oder Handbuch benutzt, in dem nützliche Informationen zum konkreten Gebrauch versammelt sind. Just diese Funktion übernimmt der zweite Teil der Satanic Bible, der den Titel »The Book of Lucifer« trägt. Der Rolle des römischen Gottes als Lichtbringer und Verkörperung der Aufklärung entsprechend, betreibt LaVey hier Aufklärung als Ent-Täuschung. Das will sagen, so wie Marx es unternahm, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, so will LaVey althergebrachte Denkweisen und überholte Wahrheiten einer Revision unterziehen, die im Geiste des »bearer of light« seine Leser von geläufigen Täuschungen befreien soll. »It has been said ›the truth will make men free‹. The truth alone has never set anyone free. It is only DOUBT which will bring mental emancipation. […] It is time to set the record straight. False moralisms and occult inaccuracies must be corrected. « (39)

Umfasste das »Book of Satan« keine sechs Seiten, so ist das »Book of Lucifer« weit über sechzig Seiten lang. Es versammelt zwölf essayistische Verständigungsschriften, die in der Frühzeit der Church of Satan entstanden und in Form hektografierter Blätter unter den Mitgliedern zirkulierten. Glaubensgrundsätze des Satanismus, die Lehren LaVeys und zentrale Orthodoxie werden vorgestellt und erläutert, wobei die Vorlagen einer Überarbeitung unterzogen wurden, um sie auf die Lektürehaltung einer nun zwar externen, den darin präsentierten Inhalten aber gleichfalls offen gesinnten Leserschaft abzustimmen. Die Texte schneiden eine Vielzahl von Themen an, und variieren markant in Länge von rund einer bis zu acht Seiten. Das »Book of Lucifer« widmet seine Aufmerksamkeit vor allem einer satanischen Anthropologie, die von Aspekten der Theologie und Soteriologie bis hin zu Gebieten wie Soziologie, Politik und Ethik reichen.

Grundlage des rationalen Satanismus ist die materialistische Einsicht, »man, and the action and reaction of the universe, are responsible for everything. The Satanist doesn’t mislead himself into thinking that someone cares.« (41) Es gibt nur uns, verloren in einem unermesslichen Universum, das unsere Verständniskapazität übersteigt. Das Einzige, was als übergeordnete Macht existiert, sind die Naturgesetze, die bekannten und die unbekannten, denen alles unterworfen ist. In den unbekannten Naturgesetzen sieht LaVey den Ansatzpunkt einer Form wissenschaftlicher »Magie«, zumal der historische Rückblick lehrt, dass »when ›magic‹ becomes scientific fact, we refer to it as medicine, astronomy, etc.« (49). Doch das diffizile Thema satanischer Magie wollen wir zunächst zurückstellen; es wird uns im »Book of Belial« ausführlich beschäftigen.

Dem Stichwort Ritual hingegen müssen wir uns widmen: Auf die Frage, warum er seine Philosophie nicht schlicht Humanismus nennt, entgegnet LaVey: »There is more than one reason for this. Humanism is not a religion. It is simply a way of life with no ceremony or dogma. Satanism has both ceremony and dogma.« (50) Es geht nicht ohne – »both provide man with his much needed fantasy« (53), denn dabei handelt es sich um anthropologisch tiefreichende Bedürfnisse des Menschen. Zum anderen hat die Kultpraxis eine an den Erkenntnissen der Psychologie wie Psychoanalyse orientierte Funktion therapeutischer »Reinigung« von repressiven Prägungen, pathologischen Persönlichkeitszügen und dergleichen. »The performance of Satanic rituals does not embrace the calling forth of demons« (56), erläutert LaVey, sondern fungiert als eine Form performativen Theaters, bei dem durch die kommunale Erfahrung der uneigentlich gemeinten Teufelsanbetung eine heilsame Veränderung erzielbar wird.

Wieder einmal begegnet uns der sympathische Zug des Satanismus, das Abgelehnte, hier also die Anbetung kontrafaktischer Göttergestalten, nicht durch direkte Kritik zu begegnen, die den Geltungsanspruch der Gottesanbeter nur bestätigt, sondern vielmehr eine reflektiert-aufgeklärte Synthese aus Vernunft und Unvernunft herzustellen, geleitet von der Einsicht, dass letztere eine quasi »unsaubere« Form der ersteren ist. Oder anders gesagt: Das menschliche Verlangen nach Ritual und spirituellem Surplus wird im Satanismus nicht ignoriert, aber eingedenk der Einsicht, dass wir es sind, die Götter erschaffen, umgelenkt von der Anbetung phantasmagorischer Entitäten zur Stärkung der eigenen Individualität: »Satanism, in fact, is the only religion which advocates the intensification or encouragement of the ego.« (94) Der höchste Feiertag im satanischen Kalender ist daher der eigene Geburtstag, gefolgt von Walpurgisnacht und Halloween als den beiden nächstwichtigen religiösen Festivitäten.

Die im »Book of Lucifer« entwickelte Ethik des Satanismus gestaltet sich als Absage an Scheinheiligkeiten aller Art, insbesondere der christlichen. So bescheinigt die Satanic Bible der Tugend der Feindesliebe eine emphatische Ungültigkeitserklärung: »The Satanist believes you should love strongly and completely those who deserve your love, but never turn the other cheek to your enemy!« (64) Wie so oft, in meinen Augen, eine rundum befürwortenswerte Haltung, nicht nur im persönlichen wie beruflichen Umgang mit anderen, sondern desgleichen im internationalen politischen Verkehr. Wer sich zu unserem Feind erklärt, dem begegnet man nicht, indem man seiner Gewalt nachgibt, sondern mit Stärke antwortet. So wie im Fall der russischen Kriegserklärung gegen den »kollektiven Westen«. (Zu den erklärten Zielen Putins gehört übrigens, neben der Ausrottung solcher in der Ukraine als auch bei uns verorteten Untugenden wie Homosexualität, Nazismus und Drogensucht darüber hinaus auch der Satanismus!) Satan spricht daher (durch sein Sprachrohr LaVey): »You should do unto others as you would have them do unto you, but if your courtesy is not returned, they should be treated with the wrath they deserve.« (51)

Ebenso widerspricht LaVeys Satan der christlichen Verzichtsethik, wissen wir doch dank Freud et al., dass nicht nur Unterdrücktes und Verdrängtes in unguter Form zurückkehrt, sondern auch die derzeit allenthalben unter dem Vorzeichen verordneter Achtsamkeit gepredigte Entsagungsideologie sich als eine Form sozialer Repression erweist. »The most simplified description of the Satanic belief is: INDULGENCE INSTEAD OF ABSTINENCE.« (81) Natürlichen Bedürfnissen nachzugeben ist keine Sünde, konstituiert dies doch ein perfides Schuldkonzept, das der Satanismus als christliches Manipulationsinstrument rundum ablehnt. Ein ausgeglichener Triebhaushalt ist nicht nur dem individuellen Glück förderlich, sondern ebenso dem sozialen Zusammenleben. LaVey inszeniert sich dabei aber keineswegs als Prediger der Ausschweifung, sondern mahnt allenthalben zu gemäßigtem Alkoholkonsum und rigorosem Verzicht auf Drogen.

Was wiederum Sexualität betrifft, sei erneut betont angesichts der zahlreichen Verleumdungen und Hysterien, die sich mit dem Begriff des Satanismus verbinden, dass die Satanic Bible eine strikte Absage an Missbrauch in jeder Form erteilt. Verurteilt wird insbesondere sexuelle Gewalt gegen Kinder auf das Allerschärfeste: » Satanism encourages any form of sexual expression you may desire, so long as it hurts no one else.« (69) Oder genauer und unmissverständlicher: »If you attempt to impose your sexual desires upon others who do not welcome your advances, you are infringing upon their sexual freedom. Therefore, Satanism does not advocate rape, child molesting, sexual defilement of animals, or any other form of sexual activity which entails the participation of those who are unwilling or whose innocence or naïveté would allow them to be intimidated or misguided into doing something against their wishes.« (70)

Mit diesem Proviso gilt es Positionsbestimmungen zu lesen wie diese: Satanismus »is a religion of the flesh, the mundane, the carnal – all of which are ruled by Satan, the personification of the Left-Hand Path.« (52) Wer sich also verführen lässt vom Satanismus, vom rechten Wege abzweigt, um auf dem linken Teufelspfade zu wandeln, den erwartet eine hedonistische Philosophie, die sich an der so simplen wie unbezweifelbaren Feststellung orientiert: »Life is one great enjoyment; death the one great abstinence.« (92) Satanismus, wie ihn LaVey verstand, zielt zugleich nietzscheanisch auf eine Zerstörung der christlichen (Repressions-)Moral, um ein infernalisches Plädoyer für eine verantwortlich verstandene Freiheit zu halten: »Satan represents responsibility to the responsible.« (25) Das »Book of Lucifer« endet mit einem so einfachen wie vielsagenden Palindrom: »So, if ›EVIL‹ they have named us, evil we are – and so what! The Satanic Age is upon us! Why not take advantage of it and LIVE!« (63)

Das »Book of Belial« verschreibt sich, laut Untertitel, der »Mastery of the Earth«, womit gesagt sei: es widmet sich der satanischen Magie. Schwarze Zauberkunst, wie kaum betont werden braucht, ist reinster Unsinn. Kindergartenmärchen. Doch das hält LaVey nicht davon ab, irrationalen Praktiken wie Schwarzmagie und Hexerei, satanischen Zauberritualen und, im abschließenden vierten »Book of Leviathan«, der Anrufung von Dämonen in einer fiktiven Engelssprache einen quantitativ bedeutenden Anteil zu geben, indem diesen beiden Teilen immerhin rund 160 Seiten der nur 250 Seiten langen Satanic Bible zugewiesen werden. Widerspricht der Raum, den LaVey der Magie gewährt, nicht völlig dem rationalen, materialistischen Charakter des Satanismus, den ich hier in rehabilitierender Intention wieder und wieder betone? In der Tat. »There remains much paradox, if not contradiction, in the fact that LaVey’s materialist, rationalist religion borrowed much of its appeal from the sinister and unexplained and from colourful rites that invoked the names of old gods and old demons«,¹ wie van Luijk konstatiert.

Warum also? Nun, erstens, fungierte die Satanische Bibel als Werbeschrift für eine aufstrebende Organisation, was LaVeys Berührungsangst vor solch Esoterischem senkte, das als evidente Attraktionsfaktoren für Interessierte dienen könnte. Er hat von Beginn an Öffentlichkeitswirksamkeit durch Skandalisierung und ambivalente Botschaften über den Status und die Wirkungsmacht des Satanismus zu erzeugen versucht. Mit publikumswirksamen Taschenspielertricks war er – sofern diese Legende stimmt – seit seiner Zeit als Clubpianist bestens vertraut. Zweitens war der Satanismus, wie ihn LaVey in seiner rationalen Variante neu erfand, unzweideutig in einer okkulten Tradition verankert, aus der sich der Aspekt der Magie kaum ablösen ließ. Die Church of Satan konnte nicht von Hexensabbat sprechen, unter dem Siegel des Baphomet ihre Schwarze Messen feiern, ihren High Priest of Satan als mächtigen Magus propagieren und dergleichen mehr, ohne das Thema Magie auszuklammern.

Das also war LaVeys Zwangslage. Er rückte zwar nie von der atheistischen Position ab, dass der Teufel eine symbolische Gestalt, eine menschliche Projektion ist, doch beließ zugleich eine Unbestimmtheitszone, dass womöglich doch etwa Übernatürliches im Spiel sein könnte. Schließlich kann man ja nie ganz wissen. Entsprechend prägt seine aufgeklärte Position die Satanische Bibel, in der sich zugleich jedoch, in offenkundigem Zugeständnis an die theistischen Gemeindemitglieder der frühen Church of Satan, wiederholt Ausführungen finden, die ganz bewusst Raum für Interpretation ließen. So ist einer der Texte aus dem »Book of Lucifer« der Möglichkeit von »Life after death through fulfillment of the ego« (91) gewidmet, wobei durchaus unklar bleibt, ob damit gemeint ist, dass die durch Annahme der satanistischen Religion gewonnene Vitalität dem Individuum zu einer Persönlichkeit verhilft, die – wie LaVey – für ein Nachleben im kulturellen Gedächtnis sorgt, oder doch etwas Wörtlicheres, wenn es beispielsweise heißt, dass »this vitality will allow the Satanist to peek through the curtain of darkness and death and remain earthbound«? (94)

Im »Book of Belial« fokussiert LaVey auf das Thema satanistischer Magie, in weniger ambivalenter denn durchaus widersprüchlicher Weise. Den hanebüchenen Unfug der esoterischen wie okkulten Tradition von sich weisend, vertritt LaVey die Position, dass echte Magie materialistisch sei, »magic with both feet on the ground« (109), konzediert aber mit entwaffnender Offenherzigkeit, dass satanistische Zauberei »applied psychology« (110) zum Verwechseln ähnlichsehe. »LaVey’s ritual magic is merely a form of psychodrama«², urteilt Massimo Introvigne. Magie bedeutet für LaVey, sich wissenschaftlicher Erkenntnisse und Techniken zu bedienen, wobei gilt: »Magic is never totally scientifically explainable, but science has always been, at one time or another, considered magic.« (110)

Letzteres ist eine kaum von der Hand zu weisende Feststellung. Sie könnte zudem die Basis für den Entwurf einer Theorie für die Praxis der Magie liefern, die von der nüchternen Einsicht ausgeht, dass starke Placebowirkungen, forcierte Techniken der Autosuggestion oder extreme Fälle von Psychosomatik, ganz zu schweigen von unwahrscheinlichen Koinzidenzen einerseits oder verdeckten Manipulationen andererseits, zu Ergebnissen führen können, die man – als nüchterner Beobachter von außen und erst recht als abergläubiger Adept – als wundersames Wirken anerkennen kann. Doch einen solch aufgeklärten Standpunkt, der das Kontrafaktische nicht als Gegensatz, sondern als möglichen Sonderfall des Faktischen zu fassen sucht, nimmt LaVey nicht ein.

Beginnen wir, wie es Usus ist, mit seiner Definition: »The definition of magic, as used in this book, is: ›The change of situations or events in accordance with one’s will, which would, using normally accepted methods, be unchangeable‹«, dekretiert LaVey, um prompt zu relativieren: »This admittedly leaves a large area for personal interpretation.« (110) Indeed. Seine Lehre von der satanistischen Zauberei unterscheidet zwei Hauptformen, die niedere und die hohe Magie. Niedere Magie ist kaum mehr als die Kunst der psychologischen Manipulation eines anderen Individuums durch den Magier. Mithin das, was Mentalisten zu allgemeinen Unterhaltungszwecken bzw. Pick-up-Artisten zu sexueller Gratifikation beherrschen, also dergestalt mit Psychologie, Suggestion, Beobachtung, Manipulation und Sprachtricks zu arbeiten, dass der Eindruck entsteht, man könne Gedanken lesen, fremde Entscheidungen beeinflussen oder sei gar im Besitz übernatürlicher Fähigkeiten. Wie kaum erstaunt, nimmt »sex magic«, verstanden als Manipulation zur Durchsetzung des eigenen Willens vermittels sexueller Faktoren wie Kleidung, Geruch oder Blicken (»the evil eye«) breiten Raum in LaVeys »Lesser Magic« ein, wobei paarungswillige Hexer freilich nicht zu hohe Erwartungen haben sollten: »All you dirty old men out there that think you’re going to get a sexy young girl just by saying a magical incantation or buying a do-it-yourself-voodoo kit«, so ein sarkastischer LaVey, »have another think.«³

Relevanter hier ist die hohe Form der zeremoniellen Magie, welche durch kollektive Rituale auf die Psyche der Ausführenden zielt. Psychodrama in LaVeys Worten also; genauso gut könnte man Performance oder Theater sagen. Oder einfach showmanship: LaVey zieht sein Teufelskostüm an, die Gruppe der Satansanhänger steckt gleichfalls in wallenden Kostümen, gemeinsam absolviert man vor dem Altar, auf dem eine nackte Frau liegt, eines der satanistischen Rituale, deren Abläufe die Satanic Bible spezifiziert; im Begleitband und Nachfolgewerk The Satanic Rituals von 1972 sind neun weitere Riten zu finden. Selbstredend konstituiert der satanistische Ritualkanon eine erfundene Tradition: Auch zur Konzipierung der Rituale bediente sich LaVey so freimütig wie eklektisch aus vorbestehenden Quellen, beispielsweise James Thompsons atheistischen Gedicht The City of Dreadful Night (1876) oder Texten von H.P. Lovecraft, sowie völlig frei erfundenen Vorläufern wie der Schwarzen Messe der fiktiven Societé des Luciferiens, die er aus dem antiklerikalen Skandalroman Là-Bas (1891) von Joris-Karl Huysmans entnahm.

»Satanic Ritual is a blend of Gnostic, Cabbalistic, Hermetic and Masonic elements, incorporating nomenclature and words of power from virtually every mythos«,⁴ markiert LaVey den synkretistischen Charakter satanistischer Ritualpraxis. Die religionshistorische Forschung betont die Dualität von sanitization and satanization als vornehmliches Kennzeichen; LaVey griff die vorbestehende Tradition okkultistischer Rituale auf, wobei er sich insbesondere bei Crowley bediente (der selber höchst adaptiv vorgegangen war bei seiner Aneignung früherer Ritualpraxis), um sie dann von unpassenden Aspekten zu bereinigen und zugleich satanistische Elemente einzufügen. Der Aspekt der »Reinigung« betraf nicht nur esoterische Aspekte, die auf Übernatürliches abzielten, sondern ebenso alles, was mit Tieropfern oder dergleichen, der satanistischen Philosophie inkompatiblen Praktiken zu tun hatte: »LaVey’s practical magic was embedded in a distinctly modern ideological framework, […] characterized by an immanent and not transcendent outlook on the world.«⁵

Es muss eine eigentümliche Erfahrung gewesen sein, damals in der Ritual Chamber von LaVeys Black House an einer der Gruppenveranstaltungen teilgenommen zu haben: künstlerische re-enactments einer non-existenten okkulten Tradition von Satansriten, deren Inspirationsfundus die popkulturelle Imagination der Teufelshuldigung lieferte. Kostüme, Glocke, Gong, Kerzen, Kelch, Schwert, Phallusobjekt, Pentagramm und nicht zuletzt die Musik, plus nackter Frau auf dem Altar – die Erfahrung eines Rituals der »Higher Magic« zielte darauf ab, alle Sinne zu bedienen und Emotionen freizusetzen. Der Effekt einer Gruppenbindung bei dergleichen entsteht ohnehin von allein: »The massing together of persons who are dedicated to a common philosophy is bound to insure a renewal of confidence in the power of magic«, so LaVey, der – erneut ganz Aufklärer – religiöse Zeremonien pauschal als eine »form of self-deceit« und als »training school for temporary ignorance« bewertet, jedoch eine entscheidende Qualifizierung reklamiert: »The difference is that the Satanist KNOWS he is practicing a form of contrived ignorance in order to expand his will, whereas the other religionist doesn’t«. (120)

LaVey festzulegen im Hinblick auf den ontologischen Status von Magie, oder genauer gesagt: die tatsächliche Effektivität magischer Rituale bleibt schwierig. Ohne Magie wäre der Satanismus nicht attraktiv, denn selbst eine rationale Religion lässt sich nicht ohne ein Element des Unerklärbaren, bei aller aufgeklärten Fundierung des Magiebegriffs in Psychologie bzw. (unbekannten) Naturgesetzen, begründen. Die satanistische Erztugend des Zweifels muss im Kontext Magie folglich zurückgestellt werden zugunsten eines Lavierens, das letztendlich im Unbestimmbaren darüber bleibt, wie möglich sein soll, »to isolate the otherwise dissipated adrenal and other emotionally induced energy, and convert it into a dynamically transmittable force« (111), auf dass sich qua Ritual eine »magische« Wirksamkeit erzielen lasse. Am besten verortet man den Begriff der satanistischen Magie insofern im Graubereich (para)psychologischer Phänomene sowie der letztlich ungeklärten Mechanismen, aufgrund derer sich gruppentherapeutische Wirkungen einstellen bei kollektiv absolvierten Ritualen, sei es ein okkulter Satansritus, das gemeinschaftliche Aufsagen des Vaterunsers oder der bei einer Rekrutenvereidigung geleistete Schwur, das Vaterland bis zum Tode zu verteidigen.

*

Die Konstruktion eines magischen Systems für die aufgeklärte Kunstreligion des Satanismus als produktive Synthese aus okkulter Tradition und freier Erfindung gipfelt im vierten, »Book of Leviathan« betitelten Teil. Aus unserer Perspektive, die Satanische Bibel einer literarischen Lesart zu unterziehen, ist der dem mythischen Wasserunwesen gewidmete Teil allein schon daher interessant, weil LaVey in seiner Einleitung die, nun, magische Macht von Sprache hervorhebt, denn nicht nur gilt, dass »words become monuments to thought«, mehr noch: durch im zeremoniellen Kontext gesprochene Worte lassen sich »soaring heights of emotional ecstasy or raging pangs of anguish« (143) im Sprecher wie im Hörer induzieren, sofern man sie voller Inbrunst und mit allem Ernst spricht.

Gilt für Lyrik, dass deren Wirkung mehr durch Form denn Inhalt, mehr durch den Klang der Sprache als dem Sinn der Worte zu entstehen vermag, so liefert der mystifizierende Kontext eines satanistischen Rituals erst recht den Rahmen, die Macht des Worts zu beschwören. Dem eingedenk, endet die Satanic Bible mit den neunzehn »Enochischen Schlüsseln«, die aus der okkulten Tradition kaum wegzudenken sind. Dass LaVey sie für den Satanismus requirierte, indem er sie weitgehend in der Fassung übernahm, die Aleister Crowley für den Hermetic Order of the Golden Dawn zu Ende des 19. Jahrhunderts zusammenstellte, beweist erneut, wie eng unverfrorene Selbstbedienung und strategischer Traditionsanschluss bei ihm ineinsfallen. Die »Enochian Keys«, im Verlaufe ihrer mehr als vierhundertjährigen Geschichte auch als »Enochian Calls« apostrophiert, sind ein mithin langlebiger Hokuspokus, der auf den Londoner Mathematiker, Alchimisten und okkulten Philosophen Dr. Dee aus dem späten 16. Jahrhundert zurückgeht.

Gemeinsam mit dem Seher Edward Kelley gelang dem Elisabethanischen Magus Dee zwischen 1582 und 1589, so zumindest wird vielfach geglaubt, via »Kristallschau« jene primordiale Sprache aus der mythologischen Urzeit vor dem sogenannten Sündenfall zu rekonstruieren, die damals wie heute, wie vielfach weiters geglaubt wird, von Engeln gesprochen wird. Und somit auch von Dämonen. Daher sollen die nach dem biblischen Stammvater Henoch – der in der okkulten Tradition als Empfänger von Engelsbotschaften gilt – benannten »Schlüssel« bzw. »Rufe« es ermöglichen, zur Inkantation höherer Sphären zu dienen, ebenso aber brauchbar sind, den gefallenen Engel Satan samt seiner niederen Höllenscharen anzurufen.

Kompletter Unfug, mithin. Sich auf die satanistische Obertugend des Zweifels besinnend, lässt sich die adamitische Engelssprache allerdings würdigen als überaus einflussreiche literarische Kunstsprache wie auch als kontrafaktisches Kuriosum angesichts der Bedeutungszuweisung samt des Geltungsanspruchs, mit dem die »Enochian Keys« nahezu ein halbes Jahrtausend lang die fromme Mär bezeugen, man könne durch Rezitation sich Zugang verschaffen – darauf bezieht sich die Bezeichnung »Schlüssel« – zu astralen Sphären oder dämonischen Herrschaftsräumen. Die Satanische Bibel wird also von zwei Fremdquellen umklammert, die in unterschiedlicher Weise dazu dienen, dem Satanismus Legitimität zu verleihen: während das »Book of Satan« die diabolische Antireligion als weltliche Philosophie in einem sozio-kulturellen Diskurs verortet, verankert das »Book of Leviathan« die Satanic Bible in einer esoterischen Traditionslinie.

Dass die Aufnahme der »Enochian Keys«, glaubt man den LaVey-feindlichen Streitschriften von Aquino, allein die pragmatische Erwägung war, dass dem Verleger die ersten drei Teile in quantitativer Hinsicht als nicht quantitativ ausreichend für eine Buchpublikation erschienen, ändert wenig daran, dass LaVeys eine kluge Entscheidung traf. Uns interessiert ohnehin nur der vorliegende Text. Unübersehbar in der Tat ist die evidente Seitenschinderei, mit der das »Book of Leviathan« nahezu die gesamte zweite Hälfte der Satanic Bible einnimmt, obgleich die henochischen Schlüssel meistenteils nur zwei vier bis sechs Zeilen umfassen.

Die neunzehn Phantasietexte werden jeweils durch eine kurze Einleitung LaVeys und (s)eine »Übersetzung« ergänzt. Wie hat man sich dies vorzustellen? Ein Beispiel: Der achte Schlüssel, erläutert LaVey, »refers to the emergence of the Satanic Age.« (201). In toto lautet er:


»Bazodemelo i ta pi-ripesonu olanu Na-zodavabebe ox. Casaremeji varanu cahisa vaugeji asa berameji balatoha: goho IAD. Soba miame tarianu ta lolacis Abaivoninu od azodiajiere riore. Irejila cahisa da das pa-aox busada Caosago, das cahisa od ipuranu telocahe cacureji o-isalamahe lonucaho od Vovina carebafe? NIISO! bagile avavago gohon. NIISO! Bagile mamao siasionu, od mabezoda IAD oi asa-momare poilape. NIIASA! Zodameranu ciaosi caosago od belioresa od coresi ta beramiji.« (203)

Übersetzt – so behauptet LaVey der Vorlage Crowleys weitgehend folgend – bedeutet dieses gibberish:


»The midday of the first is as the third indulgence made of hyacinthine pillars, in whom the elders are become strong, which I have prepared for mine own justice, saith Satan, whose long continuance shall be as bucklers to Leviathan. How many are there which remain in the glory of the earth, which are, and shall not see death until the house falls and the dragon doth sink? Rejoice!, for the crowns of the temple and the robe of Him that is, was, and shall be crowned are no longer divided! Come forth!, appear.« (204)

Das ganze Unterfangen der Präsentation der neunzehn Beschwörungstexte liefert mithin ein weiteres Musterbeispiel für LaVeys Doppelstrategie der sanitization and satanization, werden doch die frommen Anrufungen der christlichen Gottheit in Dees lateinischem Original pauschal ersetzt durch Referenzen auf den Höllenfürsten, »to the great horror of some occult connaisseurs.«⁶

Wie Egil Asprem in Arguing with Angels, dem Standardwerk zur Geschichte der henochischen Magie, die satanistische Angelogie LaVeys betreffend betont, gilt die rationalisierende Tendenz im Umgang mit esoterischem Material für den Traditionskorpus der henochischen Anrufungen. »LaVey did not see the language of the calls as really ›angelic‹, or indeed as having anything to do with any metaphysical concept of ›angels‹.«⁷ Vielmehr schreibt LaVey sarkastisch, dass Engel »are only ›angels‹ because occultists to this day have lain ill with metaphysical constipation.« (155) Asprem insistiert daher zurecht, LaVey »tended to view their efficacy in purely pragmatic or psychological terms.«⁸ Nichts anderes sollten auch wir tun, wenn wir LaVey folgend die henochischen Schlüssel als Sprachklangspiel verstehen, deren »Magie« im ästhetischen Effekt liegt, den die in ein mystifizierendes Gewand aus Engelssprache, Kristallschau und arkanem Wissen gekleideten Dadaismen auf willig gestimmte Satanisten ausüben. Dennoch: Die henochischen Anrufungen wirken – obgleich sie nicht übernatürlicher Herkunft sind.

Was für LaVeys Intervention in die Überlieferung der henochischen Schlüssel – sowie cum grano salis insgesamt für den Satanismus – gilt, ist, wie Asprem konstatiert, »the emergence of the postmodern condition in occultism«.⁹ Religionshistoriker und Kulturanthropologen haben diese Entwicklung einer »Entzauberung« von Magie anhand einer Vielzahl esoterischer Traditionsstränge beobachten können. Was die Aufklärung nicht wirklich vermochte, da sie die für den Okkultismus anfälligen Magieadepten eher weiter in ihren Aberglauben trieb, gelang im 20. Jahrhundert im Gefolge von Politprotest und Subkultur, nämlich die neue Kritik am hegemonialen Geltungsanspruch der grand récits auf die Legitimationsnarrative der okkulten Meistererzählungen auszudehnen. Was kein geringes Verdienst des Kompilators der Satanischen Bibel darstellt. Das ist das eine.

Das andere betrifft unsere literarische Sichtweise auf das »Book of Leviathan«: Indem LaVey den henochischen Anrufungen einen beglaubigten Status zuweist – um einerseits seinem Satanismus so eine okkulte Legitimation zu geben und andererseits um sich als deren Hohepriester eine authentifizierende Autorität zu verleihen, nämlich indem er vorgibt, in der Satanischen Bibel erstmals »the TRUE Enochian Calls, as received by an unknown hand« unzensiert zu präsentieren – verstärkt sich der literarische, genauer gesagt: der fiktionale Charakter der Satanic Bible. Auf den bewährten, wenngleich in der gegenwärtigen Literatur in Vergessenheit geratenen Trick der Herausgeber- bzw. Übersetzerfiktion zurückgreifend, stellt er in einer Fußnote die steile Behauptung auf, erstmals die »wahren« henochischen Anrufe in einer »unexpurgated version, translated by Anton LaVey« (156) der satanistischen Gemeinde zur Verfügung zu stellen.

Was LaVey hier also betreibt ist, ein literarisches Spiel mit Authentizität und dem Status von Textebenen – und somit nicht weit entfernt von einem Vergleichsbeispiel wie etwa H.P. Lovecrafts The History of the Necronomicon (1927/38). Dieser kurze Text darf als Exempel für Lovecrafts literarische Technik einer Erzeugung von Pseudo-Authentizität gelten, indem die historische Gestalt des Dr. Dee zum Übersetzer des imaginären Grimoires wird, welches durch den Erzählkosmos von Lovecraft vagabundiert. Okkultismus und Literatur verbinden sich zu dem, was die religionswissenschaftliche Forschung als »okkulturellen Diskurs« umschreibt: eine intertextuelle Traditionslinie, in der historische okkulte Textbestände als Projektionsfläche für moderne Narrative des gefährlichen, verbotenen, arkanen Wissens fungieren.

Ähnlich in der Satanic Bible: LaVey appropriiert einen Schlüsseltext der okkulten Tradition, dessen Autorschaft an eine reale Person zurückgebunden ist, obgleich die henochischen Schlüssel selbstredend (sinn)freie Erfindungen sind, denen erst Crowley und dann LaVey durch ihre vermeintliche Übersetzung eine gezielte Relevanz zuweist; letzterer natürlich im Kontext des Satanismus: »Apocryphal as they have become […], the Enochian Calls are the Satanic paeans of faith.« (156) Es ist mithin ein ausgebufftes Manöver, die Leser der Satanic Bible eingangs vor den hanebüchenen Schriften des okkulten Kanons zu warnen, um ihnen zum Abschluss einen bearbeiteten Kerntext dieses Kanons zu präsentieren, denn die Doppelstrategie, seine primäre atheistische Klientel zu bedienen, ohne die theistischen Teufelsanbeter zu verlieren, sorgt für jenes ambivalente Arrangement, durch das zugleich die doppelbödige Natur eines literarischen Diskurses erzeugt wird.

Mithin ein okkulturelles Vexierspiel zwischen Authentizität und Fiktion, Literatur und Okkultismus. Ein literarisches Exerzitium nicht zuletzt auch deshalb, weil LaVey die ästhetische Wirkung der henochischen Anrufungen der höheren Sphären – die doch nichts mit Adam, aber viel mit Dada zu tun haben – wie folgt beschwört: »In Enochian the meaning of the words, combined with the quality of the words, unite to create a pattern of sound which can cause tremendous reaction in the atmosphere. The barbaric tonal qualities of this language give it a truly magical effect which cannot be described.« (155)

*

Lesen wir ein Buch, das wir als Literatur einordnen, so stellen wir bereitwillig allfällige Zweifel an der Authentizität des Erzählten zurück. Vielmehr lassen wir uns ein auf das, was der Autor, in der Maske seines Erzählers, zu sagen hat über Dinge, die so, wie berichtet, nicht passiert sind. Lesend bleiben wir dennoch am Ball. Wir suspendieren unsere Vorbehalte gegen das, was wir im Buch vorfinden. Alles im vollen Bewusstsein, uns bereitwillig verzaubern zu lassen von dem Text, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Übt also nicht Literatur, selbstredend auch Kino, Musik und so weiter, einen »truly magical effect« aus, durch den uns in den raren Fällen wahrhaft geglückter Kunst zudem das Gefühl ergreift, dass sich eine neue Einsicht, höhere geistige Sphäre, zuvor unbekannte Klarheiten gewonnen zu haben?

Die Wirkungs- und Funktionsweise von Literatur, samt ihrer rezeptionsästhetischen Aspekte, dergestalt auf so einen Absatz zu verkürzen ist durchaus problematisch. Ich weiß. Für gerechtfertigt halte ich aber meine literarische Lesart der Satanic Bible, erschließt dieses so faszinierende wie berüchtigte und missverstandene Buch doch eine ganze Reihe bedenkenswerter An- und Einsichten zwischen »truth and fantasy«. Dass es ein zusammengewürfeltes Sammelsurium aus Prätexten darstellt, spricht keineswegs gegen die Bedeutung von LaVeys Werk, schließlich verhält es sich mit der judäisch-christlichen Bibel ohnehin nicht viel anders.

Ein zynischer Blick in die vier »Bücher« der Satanistische Bibel würde Befunde ergeben, wie ausgedeutet, die sich zu Schlagworten wie Plagiat, Recycling, Märchenstunde und Fiktion verkürzen ließen. Mein offener, wohlmeinender Blick hingegen, der nicht nur vom Interesse, sich vorurteilsfrei mit einem vielfach disqualifizierten Bereich der Religionsgeschichte zu beschäftigen, sondern insbesondere von der intellektuellen Haltung getragen ist, erachtet es in Anerkennung der »normativen Kraft des Kontrafaktischen«¹⁰ für nötig, sich ausdrücklich mit dem zu beschäftigen, was Gültigkeitsansprüche jenseits aller faktischen Basis erhebt. Am gleichsam dialektischen Beispiel des Satanismus lässt sich nämlich studieren, wie kritisch umzugehen ist mit denjenigen, die glauben, eine Unmittelbarkeit zu Kontrafakten wie »Gott« oder »das Vaterland« herbeizwingen zu können. Austauschbare Kontrafakte stehen ohnehin im Zentrum jeder Kultur, denn alle Kulturen behaupten ihre Besonderheit durch eine für alle Mitglieder verbindliche »Wahrheit«, an der kein Zweifel, keine Kritik erlaubt ist, obgleich sie allesamt ideologische Hirngespinste sind: Allah oder Kommunismus als teleologische Erlösungserzählungen, MAGA oder Eurasismus als neue Formen des Nationalismus, sprachpolizeiliche Bevormundung oder »gewaltfreie« Ernährung als Formen des Reinigungspathos – wahnhafte Ideen, deren Durchsetzung zu gesellschaftlichen Antagonismen und schlimmstenfalls zu kriegerischen Konflikten führen.

Des Weiteren beschreibt das Brock’sche Wort von der normativen Kraft des Kontrafaktischen überaus zutreffend die gegenwärtige Lage, in der es zu einer zunehmenden Abschaffung des unbestreitbar Faktischen durch das streitbare Kulturkämpferische kommt, also insbesondere all die Lügen und Erfindungen, fake news, Verschwörungserzählungen und sonstigen Falschmeldungen, mit denen zumal gemäß dem Prinzip eines flood the zone with shit nicht nur die digitale Unratszone überschwemmt wird. Damit nun soll nicht gesagt sein, die von der Church of Satan betriebene Verehrung der Satansfigur sei als Vorläuferprojekt zum libertären Zerstörungswerk Trump’scher Prägung zu verstehen, obgleich LaVey so wenig ein Geheimnis aus der Nicht-Existenz des Teufels macht wie der US-Präsident in aller Offenherzigkeit keinen Zweifel am mafiösen wie korrupten Charakter seines kleptokratischen Politikverständnisses lässt.

Nein, worum es geht, ist am Beispiel des in der Satanic Bible kodifizierten Satanismus neben einer Demonstration der subversiven Strategie einer Negativen Affirmation (sprich: emphatischer Verehrung einer Respektsfigur, deren Existenz zugleich vehement bestritten wird) zugleich für uns Heutige ein Paradigma geboten wird, anhand dessen wir annehmen können, dass Vernunft, die ihren Namen verdient, sich nur durch »Verfahren begründet, mit welchem man einen vernünftigen Gebrauch von der Unvernunft machen kann«,¹¹ ganz wie das LaVey in seinem aufgeklärt-rationalen Umgang mit der erfundenen Schreckgestalt des Höllenfürsten vorgeführt hat.

Der Satanismus repräsentiert eine (post)moderne Anknüpfung an eine religionskritische Traditionslinie, die, exemplarisch gesprochen, von Voltaire, Rousseau, Feuerbach bis Nietzsche reicht. LaVey »preached, one could say, salvation from salvation, deliverance from the idea that one needs to be delivered.«¹² Eine emanzipative Lehre, die von der Entmündigung befreit, denen die kulturellen Glaubenssätze uns unterwerfen. Davon befreit und enttäuscht müssen wir uns nicht länger dem uns Vor-Gesetzten, Vor-Gedachten unterwerfen, müssen keinem Glauben, keiner Ideologie, keiner Theorie folgen, sondern vermögen jene Artistik einzuüben, die wir vom Seiltänzer unter der Zirkuskuppel kennen: dieser führt vor, wie man über ein über den Abgrund gespanntes Seil sicher wandelt, indem man sich an einer Balancierstange festhält. In ähnlicher Weise müssen wir unsere Autonomie als Menschen begründen, indem wir zum Selbstbegründer unserer Existenz werden, indem wir Stabilität finden, allein durch das, was wir uns selber gegeben haben als vernunftgetragene Überzeugungen. Ein Gedanke, an dem wir uns festhalten können. Denn unser weiterer Weg wird ins Ungewisse führen.

Zuletzt noch, quasi im Nachgang, abschließende Worte pro domo. Bezeichnend, um noch auf die gern belächelte Ebene des Anekdotischen zu wechseln, erschien mir bei meiner Beschäftigung mit der Satanischen Bibel der erstaunliche Ignorantenstolz, mit der insbesondere professorale Gesprächspartner, denen ich von diesem Essay erzählte, dem ihnen durchweg unbekannten LaVey begegneten. Dies galt zumal für solche Literaturwissenschaftler, die sich mit religionsgeschichtlichen Fragestellungen, wenngleich durchweg der jüdischen Variante, oder, aufgrund ihres privat betriebenen Glaubens, mit solchen der christlichen Variante beschäftigten. Ablehnung und Vorbehalte, bestenfalls Verwunderung und dubiose Blicke ‒ was mich auf gefestigte Vorurteile, mangelnde intellektuelle Neugier, vielleicht auch Furcht vor Regelverletzungen schließen lässt. Wäre unserer demokratischen Debattenkultur, dem akademischen Diskurs, auch dem gesellschaftlichen Umgang mit Konfliktfeldern aber nicht dienlich, wir entwickelten eine intellektuelle Kultur, in der gerade das, was als irrelevant, als verdächtig, als potenziell gefährlich gar aus dem vorherrschenden intellektuellen Diskurs verbannt wird, besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden würde?

Heiner Müller benannte als seine utopische Vorstellung von dem, was Sozialismus bedeutet, den »universalen Diskurs, der nichts ausläßt und niemanden ausschließt.«¹³ Ein solcher Diskurs dürfte ohne eine Rehabilitation des Satanic Bible als ein nicht nur aus literarischer Perspektive anerkennungswürdiges Werk nicht auskommen.

Buchangaben
Titel: The Satanic Bible
Autor: Anton Szandor Lavey 

Verlag: Avon Books / William Morrow Paperbacks, HarperCollins

Erscheinungstermin: 1. Dezember 1969

Seitenanzahl: 272 Seiten

Sprache: Englisch
ISBN: 978-0-380-01539-9
Preis: 13,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.
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¹ Luijk, Children of Lucifer, 343.
² Massimo Introvigne, Satanism: A Social History, Leiden/Boston 2016, 316.
³ LaVey, Letters from the Devil, in: The National Insider v. 27.4.1969.
⁴ LaVey, Satanic Rituals, 21.
⁵ Luijk, Children of Lucifer, 338f.
⁶ Luijk, Children of Lucifer, 337.
⁷ Egil Asprem, Arguing with Angels. Enochian Magic & Modern Occulture, Albany 2012, 115.
⁸ Egil Asprem, Arguing with Angels. Enochian Magic & Modern Occulture, Albany 2012, 112.
⁹ Egil Asprem, Arguing with Angels. Enochian Magic & Modern Occulture, Albany 2012, 160.
¹⁰ Zitiert nach Umschlagstext von Brock, Noch ist Europa nicht verloren. Kritik der kabarettistischen Vernunft. Band 2, Berlin 2020.
¹¹ Bazon Brock, Lustmarsch durchs Theoriegelände. Musealisiert Euch!, Köln 2008, 131.
¹² Luijk, Children of Lucifer, 329.
¹³ Heiner Müller, Der Schrecken die erste Erscheinung des Neuen, in: Werke, Bd. 8, Frankfurt/M. 2005, 208–212, hier: 212

Letzte Änderung: 15.05.2026  |  Erstellt am: 15.05.2026

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