Die Satanische Bibel lesen: eine diabolische Verführung (Teil 1/2)

Die Satanische Bibel lesen: eine diabolische Verführung (Teil 1/2)

Teil I: Zur Geschichte der Church of Satan und Einführung zu „The Satanic Bible“
Cover

Anton Szandor LaVeys „The Satanic Bible“ gilt bis heute als ein missverstandenes Werk zwischen okkulter Provokation und humanistischer Philosophie. Uwe Schüttes Essay verfolgt die Spuren einer »Religion ohne Gott« – von LaVeys Church of Satan im San Francisco der 1960er Jahre über die Satanic Mass als multimediale Inszenierung bis zu den schrägen Eigenschaften dieser Bewegung. Schütte analysiert LaVeys Werk mit einem besonderen Blick auf seine kulturellen, religiösen, theologischen, theosophischen und literarischen Aspekte, die unter anderem zu der Frage führen, ob Satanismus Fundamentalkritik am Christentum sein kann und welche Rolle die Teufelsfigur (als der Böse oder der tragische Rebell) dabei spielt. Schüttes Essay ist eine spannende Reise durch den kulturellen Untergrund des 20. Jahrhunderts im Kontext eines umstrittenen Buches, das kaum gelesen, aber dafür oft zitiert wird.

»It is time to set the record straight!«
(Anton Szandor LaVey, The Satanic Bible)

»Satanism demands study – not worship!«
(Anton Szandor LaVey, The Satanic Rituals)

»Derzeit nicht lieferbar.« Was mich nicht wirklich erstaunt. Zumindest bietet ein privater Händler in England ein Exemplar an, wenngleich leicht überteuert. Keine Wahl also, ich klicke auf »Buy«. Aufgrund der dem Brexit zu verdankenden Komplikationen des Postverkehrs zwischen dem Vereinigten Königreich und der Eurozone dauert es ewig, bis die Buchsendung im Postkasten liegt. Als ich gespannt das mit Zoll-, Prüfungs-, Luftpost- und sonstigen Aufklebern reichverzierte Polsterkuvert öffne, kommt ein kleinformatiges Trade Paperback allerbilligster Machart zum Vorschein: flapsige Broschur, extrem holziges Papier, leicht verschmierter Druck, schlechte Klebebindung. Selbst das Design des schwarzen Covers besticht durch Anspruchslosigkeit: Autor und Titel in weißen Lettern, darunter das ominöse Siegel des Baphomet in Pink. Aber viel war wohl nicht zu erwarten von Anton Szandor LaVeys The Satanic Bible; ein spinnertes Machwerk, okkulter Unfug, verquerer Inhalt, entsprechend der schäbigen Verpackung. So dachte ich.

Umso überraschender, was in dem etwas über 250 Seiten langen Kompendium zu entdecken war: Der »schwarze Pabst« LaVey legt unter dem skandalisierenden Scheingrund der Teufelsanbetung eine materialistische Philosophie dar, die eminent humanistische, gar konservative Züge trägt. Ein vernünftiger Mann. Nachgerade bestechend die Volte, mit welcher LaVeys Satanismus darauf insistiert, dass es den Satan selbstredend nicht gibt; die sich durch alle Offenbarungsreligionen ziehende, zumal im Christentum als bogeyman dienende Gestalt des Luzifers stellt lediglich eine Symbolfigur für die neue, aus dem Geiste der kalifornischen Gegenkultur der 1960er Jahre geborene Kunst-Religion bereit, in der die Ethik eines radikal antinomischen Nonkonformismus ihren bemerkenswerten Ausdruck findet.

LaVey verurteilt in der Satanic Bible ausdrücklich all jene Zweckentfremdungen, die wir hinreichend aus den Horrorfilmklischees der Popkultur kennen, also die Vorstellung Lucifer würde leibhaftig erscheinen, sofern im Rahmen einer Schwarzen Messe eine Jungfrau auf dem Teufelsaltar geopfert wird oder man irgendwelche Pülverchen in einem Pentagramm verstreut, auf dass Meister Urian aus dem Rauche entsteigen möge. Alles unautorisierte Veruntreuungen. Kindereien. Selbst Goethes Faust lag falsch: »To become a Satanist, it is unnecessary to sell your soul to the Devil or to make a pact with Satan«¹, betont die Satanic Bible. Desgleichen lehnt der ehemalige Nachtklub-Organist LaVey sämtliche popmusikalischen Evokationen und Adorationen des Teufels ab, von den ihre »Sympathy For The Devil« deklarierenden Rolling Stones über den Hard Rock von Black Sabbath bis zu heutigen skandinavischen Black Metal-Bands wie Mayhem, Dissection oder Watain.

Hormonell geplagte Teenager mögen lieber die Violine erlernen anstatt in selbstgezeichneten Pentagrammen stehend die Namensliste der höheren Dämonen zu rezitieren. Ein, wie nicht selten aus dem Munde von Anton LaVey, weiser Ratschlag. Ihm galten Werke Richard Wagners, die heroische und düstere Themen miteinander verbanden, oder die introspektiven und melancholischen Gymnopédies von Erik Satie, sinnlich-leidenschaftliche Stücke wie Sergei Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 2 oder Camille Saint-Saëns lustvoll-intensiver Danse Macabre als wahrer musikalischer Ausdruck satanistischer Werte. Sollte sich seine so intelligente wie nonkonformistische Philosophie wider Erwarten allgemein durchsetzen, prophezeite LaVey zu Beginn der 1970er Jahre, würde eine künftige Jugend ohnehin nichts anderes mehr hören als Modest Mussorgskys von dunkler Ekstase geprägtes Orchesterwerk Eine Nacht auf dem kahlen Berge als musikalische Evokation einer dämonischen Walpurgisnacht, deren unheimlicher Höhepunkt der Auftritt des Teufels ausmacht.

Wir schweifen ab. Das liegt in der Natur unserer diabolischen Sache. Lauert doch, fängt man nur an vom Satanismus zu sprechen, allenthalben die Versuchung, vom rechten Pfade abzuweichen, um bizarre Anekdoten aus dem esoterischen Milieu der todernsten wie atheistischen Teufelsanbetung zu referieren. Dergleichen Einflüsterungen wollen wir, weitgehend zumindest, widerstehen. Denn der Fokus hier soll auf der Satanic Bible liegen, obgleich es viele andere Ansatzpunkte gibt, sich dem faszinierenden Thema des Satanismus zu nähern². Bevor wir jedoch den Zentraltext der teuflischen Religion aufblättern, gilt es den Autor des Werkes und die von ihm gegründete Kirche ein wenig kennenzulernen.

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Anton Szandor LaVey, bürgerlich: Howard Stanton Levey, stammt aus dem ostjüdischen Einwanderungsmilieu der Vereinigten Staaten. Als schillernde Figur der kalifornischen Subkultur war er im okkulten Untergrund der Sixties bekannt dafür, einen Leichenwagen als Auto zu fahren und sich einen Leoparden als Haustier zu halten. Der Versuch, im Dickicht der Legendenbildung die (wohl recht banale) frühe Biografie des Privatmannes Levey zu rekonstruieren, soll hier erst gar nicht unternommen werden. Nur so viel ist unbestreitbar, und damit beginnt unser Interesse an ihm: Zu Beginn der 1960er Jahre entschloss sich der im April 1930 geborene Howard Levy auszubrechen aus seinem ihm vorbestimmten Kleinbürgerschicksal, um Autor seines Lebens zu werden. Sich den Kopf zu rasieren war der erste Schritt, ein Teufelskostüm zu tragen der nächste. Als Anton LaVey erfand er sich neu als Wegbereiter eines sehr weltlichen Satanismus, oder präziser gesagt: einer eminent skeptischen, agnostischen, rationalistischen, ja gar wissenschaftlich fundierten religiösen Lehre, in deren Zentrum die Verehrung des Teufels stand als Sinnbild aufgeklärter Anliegen, denn Satan fungiert, wie ehedem, als rebellischer Engel im Widerspruch gegen eine überholte Herrschaftsordnung. Lucifer ist daher unser Verbündeter im Kampf gegen kontrafaktische Geltungsansprüche, gegen Aberglauben, Irrationalismus und Wahnglauben aller Art: „Satanism as a rejection of superstitious supernaturalism”,⁴ so der Satanist Lucien Greaves.

Die in der Walpurgisnacht des Jahres 1966 von Anton LaVey gründete Church of Satan besaß ihr Hauptquartier in seinem exzentrischen Wohnquartier, dem Black House in Haight-Ashbury in San Francisco, mitten im kulturellen Zentrum der Hippiebewegung. Besucher empfing der „schwarze Pabst“ zunächst im Wohnbereich, welcher durch seine extravagante Inneneinrichtung im Stile eines viktorianischen Salons glänzte. LaVey hatte ein okkultes Kuriositätenkabinett angesammelt, in dem neben dem Käfig für seine Raubkatze und mehreren von ihm gemalten Gruselgemälden beispielsweise das Schwert eines Tempelritters, der Schädel eines Papstes, Rasputins Schaukelstuhl, die Pfeife von Oberokkultist Aleister Crowley oder die in einer ägyptischen Urne aufbewahrte Asche von Bram Stoker zu finden waren. (Über die Authentizität dieser Wunderkammer wage ich hier keine Zusicherungen zu geben.)

Wichtiger war ohnehin der Keller. Dort befand sich die Ritual Chamber mit dem Altar, an dem LaVey als Hohepriester des Leibhaftigen seine Schwarzen Messen feierte. Das Heiligtum des Satanismus. Ideale Fotokulisse für die Teufelsmessen, bei denen oben unbekleidete Frauen neben dem Altar standen, um den luziferischen Zeremonien einen skandalisierenden Kitzel zu geben. Nicht nur sensationalistische Fotografien, auch eine Schallplatte wie keine andere wurde dort aufgenommen: Satanic Mass prangt vor blutrotem Hintergrund über einem schwarzen invertierten Pentagramm, dessen fünf Ecken auf hebräische Buchstaben weisen, die das Wort »Leviathan« bilden. Das Siegel des Baphomet, unheiliges Insignium des Satanismus. »Recorded LIVE at the Church of Satan, San Francisco« verrät das Cover weiters; rückseitig steht zu lesen: »The first authentic recording in history of a Satanic Ceremony, conducted by Anton Szandor LaVey«.

Die gesamte A-Seite der Platte nimmt der knapp zwanzigminütige Mitschnitt der Schwarzen Messe ein: ominöse Orgelakkorde erklingen, irgendwo zwischen Kirchenorgel und Jahrmarktsmusik, dazu zeremonielle Gongs. Wenn nach rund vierzig Sekunden die tiefe Stimme von LaVey erklingt, schlägt die Atmosphäre um in Richtung Hammer Horror-Film: »In nomine Dei nostri Satanas Luciferi excelsi! In the name of Satan, the Ruler of the earth, the King of the world, I command the forces of Darkness to bestow their Infernal power upon me! Open wide the gates of Hell and come forth from the abyss to greet me as your brother and friend!«, ruft der Magus feierlich den Fürsten der Finsternis an.

Für die musikalische Untermalung der Satanic Mass verantwortlich zeichnet ein gewisser Dietrich von Kröller, der als ehemaliger Pianist des Berliner Sportpalastes ausgewiesen wird. Hinter dem Pseudonym des deutschen Aristokraten verbirgt sich selbstredend LaVey selbst. Dieser galt, zumindest nach eigener Einlassung, als musikalisches Wunderkind und betrachtete sich zeitlebens weniger als Okkultist, denn als Musiker. Seine Besucher im Black House beeindruckte er gerne, indem er auf einem Synthesizer ausgreifende Medleys zum Besten gab, die eigene Improvisationen mit Musikstücken wie Wagners Walkürenritt oder dem Horst Wessel-Lied verbanden. Die Fähigkeit ohne Blatt spielen zu können, hatte sich LaVey in seinen musikalischen Lehrjahren als Zirkus- und Kirmesmusikant sowie als Orgelspieler in freak shows, Nachtclubs und Strip-Theatern erworben. Doch, wie betont, alle Angaben ohne Gewähr.

Das musikalische Thema, das die Aufzeichnung der Schwarzen Messe auf der A-Seite umrahmt und als »Hymn to Satan« firmiert, klingt zunächst wie gruselige Filmmusik, ist aber die Korruption einer Trauer-Motette von Bach, die auf »Jesu, meine Freude« (BWV 227) basiert. Die instrumentalen Zwischenspiele, mit denen LaVey alias Kröller die liturgischen Teile des Teufelsdienstes verbindet, gereichen wiederum den psychedelischen Exerzitien regulärer Bands jener Zeit zur Ehre. Nimmt man noch den an afro-amerikanische Gospel-Praxis gemahnenden Call-and-Response-Austausch mit der diabolischen Gemeinde hinzu oder die Passagen, in denen LaVey in der henochischen Geheimsprache des Dr. Dee aus dem 16. Jahrhundert die höheren (oder vielmehr: tieferen) Mächte beschwört, erlaubt dies, die Satanic Mass als Hörwerk bzw. als Audiodokumentation einer künstlerischen Performance zu begreifen.

Nichts anderes stellt das satanische Brimborium ‒ nüchtern betrachtet, will sagen: von seiner esoterischen Theatralik bereinigt ‒ ohnehin dar. Ist doch der Satanismus LaVey’scher Prägung ein »paradoxical attempt to create an antireligious religion«⁵, die sich gegen die Hegemonie der Offenbarungsreligionen auflehnt. Gegen den Skandal des auch nach zweieinhalb Jahrhunderten Aufklärung unveränderten Geltungsanspruchs dreier Wüstenreligionen über die Gesellschaft im 21. Jahrhundert, bei dem die kontrafaktische Behauptung der Existenz personaler Gottgestalt dazu dient, Eingriffe in die Lebensführung von Individuen zu rechtfertigen und uns Selbstdenkern toleranten Respekt vor archaischen Vorstellungen aufzwingt. Mehr noch, das Phänomen des (Aber)Glaubens wird im öffentlichen Leben spätmoderner Gesellschaften sogar staatlich protegiert. Religionsausübung genießt trotz evidenter Kontrafaktizität grundgesetzlichen Schutzstatus, obgleich doch zu argumentieren wäre, dass sie allenfalls als private Glaubenspraxis demokratischen Schutz beanspruchen dürfte.

Doch brechen wir die polemische Digression ab, auch wenn hier der Versuchung nachgegeben musste, ein paar nötige Gegenworte zu Christentum und Konsorten anzubringen. Zurück vielmehr zur Satanic Mass: Die B-Seite der Platte besteht quasi aus einem Schnelldurchlauf der Satanic Bible. Mit reichlich Hall rezitiert LaVey erst den »Prologue«, gefolgt von den fünf Abschnitten der infernalischen Diatribe des »Book of Satan«. Vermittels seines irdischen Stellvertreters verkündet der teuflische Verderber und Vertilger den Zuhörern sein infernalisches Gesetz. Während LaVey den Katechismus des Satanismus mit insistentem Tonfall rezitiert, ist erneut eklektische musikalische Untermalung zu hören, diesmal jedoch aus der Konserve – so etwa »Siegfrieds Trauermusik« aus Wagners Götterdämmerung oder das Finale aus John Philip Sousas Marsch »Stars and Stripes Forever«.

Das im Juli 1968 veröffentlichte Album erlaubte nur kurze Einblicke in die Satanische Bibel, die erst Ende 1969 erschien. Anton LaVey orchestrierte die Ankunft des Satans im Amerika der 1960er mithin als multimediales Bündel aus Buch und Platte, die zum Ausweis des Anbruchs eines luziferischen Äons eingespeist werden in die (sub)kulturelle Zirkulation, um die Strahlkraft der Church of Satan zu verstärken. »Lucifer is risen, once more to proclaim: ›This is the age of Satan! Satan Rules the Earth!‹ The gods of the unjust are dead. This is the morning of magic, and undefiled wisdom. The FLESH prevaileth and a great Church shall be builded, consecrated in its name« (23), wie der »Prologue« des »Book of Satan« verkündet.

LaVeys Gegenprojekt war fest verankert im popkulturellen Untergrund, lieferte nicht nur – wie es die Pop-Musik auszeichnet, ein Paket aus Musik, Text, Bildern und Styling, sondern schnürte dem Satanismus durch die Gründung der Church of Satan gar eine veritable Gesamtästhetik. Satans Fan-Gemeinde. Deren Zentralfigur war der Charismatiker LaVey mit seinem markanten Styling als Teufelsgestalt, nämlich eine Kreuzung aus Bela Lugosi im Dracula-Kostüm und Emperor Ming the Merciless (der Bösewicht aus Flash Gordon) samt Schnurrbart, wobei hinzukam, dass sich der Church of Satan eine ganze Reihe von Prominenten assoziierten, glamouröse Showbizgestalten von Sammy Davis Jr. über Jayne Mansfield bis später Marilyn Manson.

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Mit der sich schnell eines beträchtlichen Zulaufs erfreuenden Church of Satan beginnt der moderne Satanismus. Entsprechend designierte LaVey 1966 zurecht als Year One Anno Satanas. Bevor wir aus der Warte des Jahres 59 AS eine Evaluation der Satanic Bible unternehmen wollen, gilt es, die Geschichte des Satanismus betreffend, in aller Kürze ein paar grundlegende Dinge festzuhalten. So etwa den doch bedeutsamen Umstand, dass es »den Satanismus« nie gegeben hat. Die christliche Kirche hat den angeblich im Geheimen praktizierten Teufelsdienst erfunden, um so über einen Hebel im Vorgehen gegen häretische Strömungen zu verfügen. Genauso wie die Ammenmärchen von den mit Lucifer Unzucht treibenden Hexen, die folglich auf dem Scheiterhaufen brennen mussten. Hundertfach.

Angesichts einer bis in die kulturellen Urgründe zurückreichenden Vorstellung der Teufelsfigur waren diese Schauergeschichten überaus potent. Folglich konnten daran Schriftsteller und Künstler anknüpfen, um in ihren Auseinandersetzungen mit der fiktiven Teufelsgestalt dissidente Weltsichten zu gestalten. Der Religionswissenschaftler Ruben van Luijk beschreibt dies als Übergang von der Anfangsphase der christlichen Attribution zur künstlerischen Rehabilitation durch bahnbrechende Schriftsteller wie Dante mit dem Inferno seiner Divina Comedia, John Miltons Versepos Paradise Lost und William Blake in visionärer Prosa wie Marriage of Heaven and Hell bzw. in Gedichten wie den Songs of Experience. Damit verwandelte sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts der einstige Inbegriff des Bösen in eine aufrührerische Heldenfigur, nämlich die des tragischen Revolutionärs, der nach seinem gescheiterten Aufstand in die Hölle verbannt wird, aber – in den Worten Miltons – unbeirrt erklärt: »Better to reign in Hell than serve in Heaven!«⁶

Dieses rundum gewandelte Satansbild nun lieferte eine Vorlage für englische Romantiker wie Lord Byron, Percy Bysshe Shelley oder William Hazlitt, um positiv besetzte Teufelsgestalten zu kreieren. Auch die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts wandte sich der Teufelsfigur verstärkt zu, wie sich nicht zuletzt zeigt, dass diese in Gestalt des Mephistopheles einen gewichtigen Auftritt im Zentralwerk unserer Sprache macht, während französische Literatur sich stärker von den Zuschreibungen der englischen Autoren beeinflussen ließ, die ihn als Titanen, Rebellen, Außenseiter perspektivierten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebt die künstlerische Auseinandersetzung mit einer Teufelsgestalt einen veritablen Boom angesichts solcher Strömungen wie Symbolismus, Décadence und Okkultismus, bei denen der Antichrist als subversiver Freidenker zum Bündnispartner aller Verachteten, Unterdrückten und Ausgebeuteten avanciert.

Insbesondere der okkulte Untergrund des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – für den hier exemplarisch genannt seien der französische Schriftsteller Éliphas Lévi, der das Siegel des Ziegengottes Baphomet entwarf, das LaVey später zum Symbol des Satanismus erwählte, Madame Blavatsky als Begründerin der Theosophie, in deren Vorstellungswelt der Teufel vornehmlich als modernisierender »spirit of Intellectual Enlightenment and Freedom of Thought«⁷ gilt sowie Aleister Crowley, selbsternanntes Beast 666, der durch transgressiven Lebensstil und seine esoterische Philosophie zeitgenössische Vorstellungen über den Satanismus prägte, obgleich er keineswegs ein Satanist war – all dies und noch mehr lieferte den kulturellen Materialfundus, aus dem sich die Popkultur der 1960/70er Jahre bediente: von den Horrorfilmen der Hammer-Studios über Roman Polanksis Schocker Rosemary‘s Baby und weiter zum okkulten Kino eines Kenneth Anger, um nur beim Genre Film zu bleiben. Soweit, wie vorausgeschickt, in aller Kürze, und damit Verkürzung zur kulturellen Transmission samt künstlerischen Deutungswandel der Satansgestalt.

Auf die Rehabilitation folgte der entscheidende Schritt zur Appropriation (in weiterhin Luijk’scher Terminologie): Vor dem skizzierten (pop)kulturellen Hintergrund vollzieht sich die Gründung der Church of Satan, mit der erstmals eine offen der Teufelsanbetung sich verschreibende Organisation auf den Plan tritt. »Satan wants you!«, stand auf Postern, die LaVey in San Francisco anbringen ließ. Dass die Church of Satan von Beginn an klar machte, dass Satan, genauso wenig wie andere übernatürlich Entitäten, nicht existierte, war zwar das bedeutende Verdienst von LaVeys subkulturellen Unterfangen – zugleich sorgte es dafür, dass die Kirche des Satans auf längere Frist durch die Grabenkämpfe zwischen der atheistischen und theistischen Fraktion zerrissen wurde.

LaVey, dies sei hier nur angedeutet, aber nicht ausgeführt oder gar kritisch diskutiert, scheint als Privatperson keine einfache Persönlichkeit gewesen zu sein, stimmt auch nur ein kleiner Teil dessen, was seine Widersacher in Satanis über ihn berichten⁸. Wenn sein Name hier fällt, so ist damit allein das Autorsubjekt der Satanic Bible gemeint, das sich durch diesen, wie andere Texte, die seinen Namen tragen, konstituiert. Uns geht hier nur der LaVey an, der sich als erste Gestalt der Kulturgeschichte öffentlich zum Sprachrohr des Teufels macht, zugleich aber die Existenz allen übernatürlichen Hokuspokus bestreitet und sich vehement abgrenzt vom kanonischen Korpus okkulter Klassiker, sind doch »every tract and paper, every ›secret‹ grimoire, all the ›great works‹ on the subject of magic nothing more than sanctimonious fraud.« (21) Diese Schwindelschriften verfluchte er daher mit den Worten, es mögen die »flames of Hell burn brighter for the kindling supplied by these volumes of hoary misinformation and false phrophecy«. (21)

Denn der Satanismus LaVey’scher Prägung, und nur dieser ist gemeint, wenn das S-Wort hier weiter fällt, ist nicht okkult-häretischer, sondern sozial, kulturell und politisch dissidentischer Prägung. Ganz so, wie es sich für Satan den Widersacher, den Infragesteller, den Rebellen und Lichtbringer gehört.

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Theoretisieren wir ein wenig: Im Sinne der künstlerischen wie politischen Subversionstechnik der Subversiven Affirmation – die sich im kapitalistischen Westen nie so stark etablieren konnte wie im sozialistischen Osten, wo der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, Ideologie und Alltag, kontrafaktischer Behauptung und defizitärer Realität ungleich evidenter war – lässt sich die Gründung der Church of Satan verstehen als effektive Kritik am Geltungsanspruch des Christentums. LaVey nahm gleichsam das bekannte Wort von Marx auf, demzufolge es gelte, den Verhältnissen ihre eigene Melodie vorzuspielen, um sie zum Einsturz zu bringen. Was hier hieß, wie so viele kluge Geister vor ihm, die Existenz von Gott zu bezweifeln, vielmehr das christliche Lügennarrativ vom Dasein des Satans wörtlich zu nehmen, indem er einen institutionellen Rahmen zu dessen Anbetung schafft, um so zugleich die kontrafaktische Natur von Religionen offenzulegen.

Subversive Affirmation, das heißt hier: Der Satanismus widerspricht der Grundlage aller Offenbarungsreligionen, nämlich der präsupponierten Realexistenz eines übernatürlichen Wesens. »Satanism begins with atheism«, so Magus Peter Gilmore, gegenwärtiger Hohepriester der Church of Satan, »There’s no God, there’s no Devil. No one cares!«⁹. Wie Gilmore weiter erläutert, verfolgt seine Kirche »a common sense, rational, materialist philosophy, along with theatrical ritual techniques meant as self-transformative psychodrama«.¹⁰ Der Teufel darf daher wortwörtlich als Anti-Christ verstanden werden: »Satan is a symbol, nothing more«, so wiederum LaVey 1986 in einem Interview mit der Washington Post, »Satan signifies our love of the worldly and our rejection of the pallid, ineffectual image of Christ on the cross«.¹¹

Das gegenkulturelle Projekt des LaVey’schen Satanismus liefert mithin eine Fundamentalkritik am Christentum, indem zugleich eine säkulare Alternative angeboten wird in Form der Teufelsanbetung als selbstreflexiv-ästhetische Praxis. LaVey hat stets den aufgeklärten Aspekt seines Satanismus betont, der, inspiriert von den Schriften von Freud und Nietzsche, eine neue Form aufgeklärter Religionspraxis installierte, »which reread elements of magic and occultism from a materialist, practical, and ›scientized‹ point of view«,¹² wie die Religionswissenschaftler Asbjorn Dyrendal, James R. Lewis und Jesper Aa. Petersen betonen.

Es war eine popkulturelle Inszenierung sondergleichen: Der sich als »schwarzer Pabst« inszenierende LaVey bot das beeindruckende, im doppelten Wortsinne, Schauspiel eines Stellvertreters des Satans auf Erden. Doch hinter LaVey, mit Bazon Brock gesprochen, stand kein wirklicher Teufel, keine schwarzmagische Hexerei und auch sonst kein transzendentes Brimborium oder metaphysischer Geltungsanspruch, sondern »nichts als die Überzeugungskraft seines Beispiels«,¹³ mit der er die Tradition des Satanismus in säkularisierter Form kritisch neubegründete als Philosophie, Einladung und Angebot, ein individualistisches, hedonistisches, antiautoritäres Leben zu führen.

LaVey war Beispielgeber dafür, und dies in exemplarischer Weise, denn er verkörperte die satanistische Ethik, dass die Befolgung eines solchen Programms Hand in Hand geht mit der Achtung von Mensch und Tier, konservativem Respekt vor gesellschaftlichen Regeln, der strikten Absage an Drogenmissbrauch sowie der Ablehnung aller Formen von sexueller oder anderer Gewalt. Auch in dieser humanistischen Hinsicht verstand LaVey seine Kirche als Gegenentwurf zu den etablierten Offenbarungsreligionen, in denen Frauenrechte beschnitten werden, Tiere archaischen Schlachtungspraktiken unterworfen sind und man weitverbreiteten Kindesmissbrauch systematisch unter den Tisch kehrt.

Die Ambivalenz zwischen Affirmation und Subversion der fiktionalen Satansfigur, wir sagten es, war die Achillesferse der Church of Satan. Die Organisation blieb nicht verschont von der Automatik, dass Institutionalisierung zu Fraktionskämpfen, dem Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit, der Degeneration idealistischer Anfänge führt. Von einer anfangs überschaubaren Zahl von Proselyten entwickelte sich die Church of Satan im Verlaufe der ersten Hälfte der 1970er von einem kalifornischen Lokalphänomen zu einer nationalen Erfolgsgeschichte. Immer mehr lokale »grottos« mussten als Zweigstellen gegründet, eine (bald in Frage gestellte) Führungshierarchie etabliert, die steigenden Organisationskosten durch (eine missglückte) Kommerzialisierung finanziert werden und dergleichen mehr. Ebenso begann LaVey, den Verführungen des Erfolgs zu erliegen, verteilte höhere Ränge in der Kirchenhierarchie oft nach Gutdünken und begann seine berüchtigte Prominenz privat zu kommerzialisieren.

Die zunehmende Zahl der Kirchenmitglieder führte immer stärker zu internem Streit um LaVeys Autorität zur Führung des (selbstredend selbstverliehenen) »Infernal Mandates« als irdischer Stellvertreter des Teufels. Zwar machte er in Anbetracht der Glaubensgrundsätze der Church of Satan gewisse Zugeständnisse an jene Theisten, die Satan für bare Münze nahmen, beharrte aber konsequent die aufgeklärt-säkulare Natur seines Satanismus als »an antinomian self-religion for productive misfits, with a (cynically) carnivalesque take on life, and no supernaturalism.«¹⁴ LaVeys Vorgabe, den modernen Satanismus zu konfigurieren als Neuinterpretation der romantischen Tradition sowohl als diabolische showmanship in Form der satanistischen Inszenierungen wie auch im Lichte wissenschaftlich-rationaler Erkenntnisse über die befreiende psychologische Wirkung von Ritualen, den kulturanthropologischen Erkenntnissen zur Genese von Gottesvorstellungen als primitiven Projektionen oder den kulturkritischen Thesen Nietzsches über die Tiernatur des Menschen, geriet zunehmend in Bedrängnis.

In seiner rechten Hand Michael Aquino erwuchs ihm während der ersten Dekade der Church of Satan ein Opponent, der sich zur Stimme des okkult-magisch orientierten Flügels der Kirchenmitglieder machte. Der Verlockung, die Persönlichkeit des 2019 durch Selbstmord per Gewehrschuss in den Kopf verstorbenen Offiziers für psychologische Kriegsführung des US-Militärgeheimdienstes, der als NATO-Verbindungsoffizier in Deutschland und Verehrer des Nazi-Esoterikers Heinrich Himmlers in der Wewelsburg ein satanistisches Ritual abgehalten haben soll, hier anekdotenreich auszukleiden, wollen wir bewusst widerstehen.

Einschlägig hingegen bleibt, dass Aquino im Widerspruch zum karnevalesken Geist der Church of Satan mit allem Bierernst – wie auch rund Dreiviertel aller sich in den Vereinigten Staaten heute zum Christentum Bekennenden – an die reale Existenz des Teufels glaubte. Dieser, so Aquino, sei ihm 1975 infolge eines Evokationsrituals leibhaftig erschienen und habe dabei enthüllt, dass sein wahrer Name Set¹⁵ laute. Des Weiteren enthüllte Set in einem rund vierseitigen Machwerk, das Aquino als automatisches Schreiben verklärte und den Titel The Book of Coming Forth by Night gab, seinen diabolischen Willen betreffs Stellvertretertum auf Erden: »Michael Aquino, you are become Magus V* of the Aeon of Set.«

Vergleichbar solchen Beispielen wie dem Book of Mormon oder dem Koran bzw. im esoterischen Kontext Aleister Crowleys The Book of the Law, die sich als Diktat höherer Gottheiten gerieren, instrumentalisierte Aquino so seine wenig originelle Erfindung Set als Vorwand für das Schisma des Satanismus. Für die Church of Satan bedeutete das einen schweren Schlag. LaVeys infernalische Autorität war angegriffen, kleinere Schismen folgten, so dass mit der Abspaltung des Temple of Set unter der Führerschaft Aquinos die goldene Zeit der Church of Satan beendet war. LaVeys Führerschaft wurde zunehmend erratisch, die Ausrichtung der Church of Satan wechselte, seine Strahlkraft ging zusehends verloren, familiäre Streitigkeiten und Rechtsprobleme kamen hinzu. Doch all dies braucht hier nicht repetiert zu werden.¹⁶

Springen wir nur noch zum letzten Kapitel in der Biografie ihres Autors: Anton LaVey starb, nur 67 Jahre alt, an einem Lungenödem in einem katholischen Krankenhaus in San Francisco. Kein schöner Tod als Satanist unter dem Kreuze Christi zu sterben. Aber ihm blieb keine andere Wahl: als Notfall eingestuft, musste der Krankenwagen das nächstgelegene Spital ansteuern. Sein genaues Todesdatum ist umstritten; offiziell wird der 31. Oktober angegeben. LaVey aber starb nicht passgenau zu Halloween 1997, sondern bereits zwei Tage zuvor. In der kalifornischen Nekropole Colma fand die satanische Begräbniszeremonie statt, zu der nur geladene Gäste Zutritt hatten. R.I.P. Anton Szandor LaVey.

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Die Heilige Schrift des Satanismus. Der Klassiker des okkulten Untergrunds. Esoterischer Bestseller bis heute, erhältlich in unzähligen Sprachen. Die Satanische Bibel erschien im Dezember 1969 beim Verlagsriesen Harper Collins, und zwar ausgerechnet in einem auf Liebesromane spezialisierten Imprint. Ein anrüchiger Titel, in vieler Munde, doch wenig gelesen außerhalb des Zirkels der Obskuranten, die an Beelzebub glauben, egal ob in realer oder symbolischer Gestalt. So berüchtigt das Buch ist, so wenig verstanden wird LaVeys bedeutendste Schrift bis heute. Die meisten Lektüren dürften nach wenigen Seiten enden, vor allem Missverständnisse produzieren und jene Lesart übersehen, die hier erprobt wird, nämlich die Satanische Bibel als ein literarisches Werk zu betrachten. (Was sich doch zwingend schon daraus ergibt, dass der Teufel ja eine Fiktion ist.)

Ein wesentlicher Befund sei gleich vorweggenommen: The Satanic Bible ist wesentlich ein Werk der bricolage mit uneindeutiger Autorschaft. Ein hastig aus Vorbestehendem zusammengewürfeltes Werk, entstanden quasi als Auftragsarbeit im Gefolge des Aufsehens, das Rosemary’s Baby ausgelöst hatte, wobei der bequeme LaVey die meiste Arbeit seiner damaligen Partnerin Diane Hegarty überließ – so zumindest berichtete mir LaVeys Schwiegersohn Nikolas Schreck bei einem sommerlichen Gespräch im Schwarzen Café in Berlin.¹⁷ Was so stimmen mag, oder auch nicht. Deswegen halten wir uns, wie zuvor ausgedeutet, vornehmlich an das, was konkret vorliegt, also das seit 1969 in unveränderter Form gedruckte Buch. Die akademische Forschung hat, wenngleich angestoßen durch Schmähschriften gegen LaVey aus der Feder von Michael Aquino und dem Ehepaar Nikolas Schreck und Zeena LaVey – die heute beide getrennt in Berlin leben und sich längst vom Satanismus verabschiedet haben – herausgearbeitet, bei welchen okkulten Texten, deren Bruchstücke in den neuen Kontext eingebettet wurden, sich LaVey instinktsicher bediente. »In his use of sources, LaVey engaged in a dynamic process of appropriation and innovation to create something new, a work of his own that can claim its own validity and authority,«¹⁸ so der Bibelwissenschaftler Eugene Gallagher.

Der satanistische Diskurs, den LaVey in der Satanic Bible entfaltet, zielt auf Effekt und Überwältigung, dient zugleich zur Entwicklung einer »materialistic magic«¹⁹ wie zur Stilisierung der Persona des Anton LaVey nicht allein als gesalbter Stellvertreter des Teufels auf Erden, sondern vor allem als Verkünder der frohen Botschaft Satans. Gerade dies war neu: Satan kommt endlich selber zu Wort! »For all the centuries of shouting-down the Devil has received, he has never shouted back at his detractors […] but now he feels it is time to shout back. […] Each verse is an inferno. Each word is a tongue of fire. The flames of Hell burn fierce…. and purify! Read on and learn the Law.« (29) Man darf die Satanische Bibel zudem in gewisser Hinsicht als Beispiel für literarische Autofiktion lesen, denn LaVey inszeniert den von ihm propagierten Satanismus als durch seine Person und Lebensführung authentifiziert. Desgleichen legt er seinen Lesern im Vorwort mit entwaffnender Ehrlichkeit jene Lektürehaltung unmissverständlich nahe, ohne die das vierteilige Werk nicht angemessen zu verstehen wäre: »Herein you will find truth – and fantasy. Each is necessary for the other to exist but each must be recognized for what it is.« (21f)

Daher vom Proviso ausgehend, die Satanic Bible als ein Werk zwischen Dichtung und Wahrheit zu verstehen, bleibt noch festzuhalten, dass LaVey es nicht nur den Lesern überlässt, zwischen beiden Kategorien zu unterscheiden, sondern mehr noch die literarische Natur des Bandes betont, gehört doch zu den Qualitäten literarischer Texte, dass diese durch den Einsatz poetischer und fiktiver Elemente eine Form höherer Wahrheit hervortreiben. »Man needs ceremony and ritual, fantasy and enchantment«, so LaVey, »Satanism, realizing the needs of man, fills the large grey void between religion and psychiatry. The Satanic philosophy combines the fundamentals of psychology and good, honest emotionalizing, or dogma. It provides man with his much needed fantasy.« (53)

Ein solcher Versöhnungsversuch von Ratio und Religion unter dem Zeichen Baphomets war ein unerhörtes Experiment, nämlich einen Mittelweg zu gehen, der dem damaligen kalifornischen Zeitgeist wie dem kulturellen Entwicklungsstand des Westens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entsprach. Dementsprechend erinnerte LaVey daran, dass römisch-antiker Deutung folgend Luzifer als »the bearer of light, […] the personification of enlightenment« (39) galt. Doch so wie die Aufklärung nicht abgelöst werden kann von ihrer Dialektik, die sie ins Gegenteil umschlagen lässt, so sehr erwies sich LaVeys künstlerische Konstruktion eines modernen Satanismus als ein Unterfangen, das – wie wir noch sehen werden – nicht gefeit war vor den Widersprüchen, die entstehen, wenn man Ritual und Rationalismus, Magie und Materialismus zu synthetisieren versucht.

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The Satanic Bible enthält vier »Bücher«, vier unterschiedliche Ansätze, die Kunde vom Höllenfürsten zu kommunizieren. Bereits der erste Auftritt des Teufels hat es in sich: Wortmächtig wendet sich »His Infernal Majesty« im »Book of Satan«, das dem höllischen Element des Feuers zugeordnet wird, in Form einer »infernal diatribe« (27) an die Leser, um seine antichristliche Botschaft zu verkünden:

»In this arid wilderness of steel and stone I raise up my voice that you may hear. […] / Behold the crucifix; what does it symbolize? Pallid incompetence hanging on a tree. / I question all things. As I stand before the festering and varnished façades of your arrogantly superior moral dogmas, I write thereon in letters of blazing scorn: Lo and behold; all this is fraud! / Gather around me, Oh! ye death-defiant, and the earth itself shall be thine, to have and to hold! / […] Too long right and wrong, good and evil have been inverted by false prophets! / No creed must be accepted upon authority of a ›divine‹ nature. Religions must be put to the question. No moral dogma must be taken for granted – no standard of measurement deified. There is nothing inherently sacred about moral codes. Like the wooden idols of long ago, they are the work of human hands, and what man has made, man can destroy!« (30f)

Und so weiter… Voller Pathos imitiert und verspottet das im archaisierenden Duktus der King James Bible auftretende »Book of Satan« christliche Glaubensvorstellungen, wobei die intendierte Blasphemie noch gesteigert wird dadurch, dass Satans Diatribe in einigen Teilen deutlich an die Bergpredigt erinnert, obgleich solche biblische Stilmittel wie Seligsprechungen und Wehflüche dabei in einen nietzscheanischen Diskurs invertiert werden: »Blessed are the strong, for they shall possess the earth – Cursed are the weak, for they shall inherit the yoke!« (34) Dem Predigtcharakter entsprechend handelt es sich erzähltheoretisch betrachtet um eine luziferische Rollenprosa, intendiert nicht allein zur Lektüre, sondern für den öffentlichen Vortrag.

Eine beachtliche literarische Leistung LaVey also? Nicht ganz. Denn er hat nahezu das gesamte »Book of Satan« plagiiert. Die Erzsünde des Akademikers gleichsam, aber ein Gelehrter war er ja nicht. Die unterschlagene Quelle ist der 1896 unter dem Pseudonym Ragnar Redbeard veröffentlichte Text Might is Right or The Survival of the Fittest, für den höchstwahrscheinlich der neuseeländische Politaktivist und Autor Arthur Desmond verantwortlich zeichnet. Dessen agitatorische Schrift repräsentiert eine heikle Mischung aus einseitiger Nietzsche-Rezeption, Anarchismus und protofaschistischen Gedankengut. Neben dem sozialdarwinistischen Einschlag sind darin antidemokratische und antisemitische Positionen prominent vertreten. Ein überaus degoutantes Werk, das sich in rechtsradikalen Kreisen bis heute gewisser Beliebtheit erfreut.

LaVey nun bedient sich dieser Vorlage auf durchaus bemerkenswerte Weise, die demonstriert, »that he has adapted rather than simply adopted the message of his source.«²⁰ Seine radikale Bearbeitung verkürzt die rund 200 Seiten Redbeards auf nicht einmal sechs Seiten. Vollständig entfällt dabei der antisemitische wie antifeministische Anteil, zumal dieser sexuelle Gewalt gegen Frauen rechtfertigt. Ebenso kürzt LaVey den antiparlamentaristischen Affekt des Agitators Redbeard/Desmond stark, während der an Nietzsche orientierte, sozialdarwinistische Gehalt noch durchscheint. Ungefiltert erhalten bleibt allein der antichristliche Affekt, der nun dem Teufel – der in Might is Right übrigens gar nicht vorkommt – in den Mund gelegt wird, nur angelegentlich ergänzt durch Zeilen, die von LaVey stammen.

Im »Book of Satan« navigiert LaVey zwischen dem Bedürfnis, für Provokation und Empörung zu sorgen, diese Transgressionen zugleich aber einzuhegen, indem sein Satan eine sophistische Lehre predigt, die sich allerdings kaum vom klassischen Epikureismus unterscheidet und ohnehin von jedem aufgeklärten Menschen geteilt werden dürfte: »Life is the great indulgence – death, the great abstinence. Therefore, make the most of life – HERE AND NOW! / There is no heaven of glory bright, and no hell where sinners roast. Here and now is our day of torment! Here and now is our day of joy! Here and now is our opportunity! / Choose ye this day, this hour, for no redeemer liveth!« (33)

Moment: Sagten wir nicht gerade, das LaVey eine vorbestehende Textgrundlage auf kreative Weise bearbeitet hat, bei der aus dem Quelltext etwas Eigenständiges entsteht? »In doing that, he resembles […] the authors of many other, more hallowed, scriptural texts. In assembling his Bible, inadvertently or not, LaVey employed a mode of composition used for more than two thousand five hundred years in the West to produce texts that have come to be regarded as scripture«,²¹ befindet Gallagher. Auch wenn der säkulare Satanist LaVey keinen Zweifel daran lässt, dass seine Bibel keine heilige Offenbarung durch den Prinzen der Finsternis darstellt, so kommt er der Zielsetzung, seiner rationalen Ausprägung der Teufelsanbetung einen Zentraltext zu geben, der das Äquivalent zur Stellung der Bibel im Christentum einnimmt, formal nirgends so nahe wie im »Book of Satan«. Die un/heilige Schrift des Satanismus.

Buchangaben
Titel: The Satanic Bible
Autor: Anton Szandor Lavey 

Verlag: Avon Books / William Morrow Paperbacks, HarperCollins

Erscheinungstermin: 1. Dezember 1969

Seitenanzahl: 272 Seiten

Sprache: Englisch
ISBN: 978-0-380-01539-9
Preis: 13,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.
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¹ Anton Szandor LaVey, The Satanic Bible, New York 1969, S. 61. Weitere Zitatnachweise per Sigle.
² Wer anbeißt hier sei verwiesen auf meine anderen Annäherungsversuche, insbesondere GODSTAR. Die fünf Leben des Genesis P-Orridge, Meine 2022, wo ich die ganze Kulturgeschichte des Satanismus aufrolle und dessen Rolle als Wegbereiter der okkulten Industrial-Bewegung in England erläutere; in »Den Teufel mit Beelzebub austreiben? Satanismus und andere Kontrafaktizitäten, gelesen mit Bazon Brock«, in: Weimarer Beiträge XX (2026), S. xxx–yyy wiederum unternehme ich eine Lesart des Satanismus vor dem Hintergrund der Theoreme von Bazon Brock.
³ Zur schillernden Gestalt von LaVey vgl. Massimo Introvigne, Satanism: A Social History, Leiden/Boston 2016, 299–306.
⁴ Zitiert nach: Introvigne, Satanism, 554.
⁵ Luijk, Children of Lucifer, 328.
⁶ John Milton, Paradise Lost, Book 1, Vers 263.
⁷ Helena Blavatsky, The Secret Doctrine, the Synthesis of Science, Religion and Philosophy, Bd. 2, London 1888, 162.
⁸ Wer sich auf die Ebene der Verleumdung begeben will, sei verwiesen auf die zahlreichen Schriften und Interviews von Michael Aquino, Nikolas Schreck und anderen.
⁹ Vgl. https://www.churchofsatan.com/what-the-devil/ [letzter Zugriff 15.9.2025].
¹⁰ Peter H. Gilmore, Opening the Adamantine Gates. An Introduction, in: LaVey, The Satanic Bible, 9–18, hier: 9.
¹¹ Walt Harrington, Anton LaVey. America’s Satanic Master of Devils, Magic, Music and Madness, in: Washington Post Magazine, 23.2.1986.
¹² Dyrendal, Lewis, Petersen, The Invention of Satanism, 65.
¹³ Brock, Animierte Animatoren, in: ders., Der Barbar als Kulturheld, Köln 2002, 45–52, hier 51.
¹⁴ Dyrendal, Lewis, Petersen, The Invention of Satanism, 70.
¹⁵ Aquino leitete den Namen nicht vom biblischen Set als drittem Bruder von Kain und Abel ab, sondern der altägyptischen, für Wüste und Stürme zuständigen Gottheit Seth.
¹⁶ Vgl. Dyrendal, Lewis, Petersen, The Invention of Satanism, 58–70.
¹⁷ Berlin-Charlottenburg, 19.8.2025.
¹⁸ Gallagher, Sources, Sects, and Scripture, 105f.
¹⁹ Dyrendal, Lewis, Petersen, The Invention of Satanism, 72.
²⁰ Gallagher, Sources, Sects, and Scripture, 111.
²¹ Eugene V. Gallagher, Sources, Sects, and Scripture. The ›Book of Satan‹ in The Satanic Bible, in: Per Faxneld, Jesper Autor. Petersen (Hg.), The Divil’s Party. Satanism in Modernity, Oxford 2013, 103–122, hier:105.

Letzte Änderung: 13.05.2026  |  Erstellt am: 13.05.2026

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