Die Bluejeansfrau. Ein Romanauszug
Der Roman „Die Bluejeansfrau“ des polnisch-deutschen Schriftstellers Dariusz Muszer erzählt von einem störrischen Mann, einem geheimen Vermächtnis und von drei verschwundenen Gemälden, die seit Jahrzehnten wie ein Fluch über einer Familie liegen: Karol trägt den Auftrag seines Großvaters wie ein Amulett um den Hals und macht sich endlich auf, den Dieb zu stellen – zwischen Aberglauben, Groteske und bitterer europäischer Geschichte bewegt sich diese Erzählung und darf auch als Provokation gelesen werden. Ein Romanauszug voller schwarzem Humor, scharfer Beobachtungen und der Frage, was Heimat, Besitz und Gerechtigkeit eigentlich bedeuten.
1
»Es ist ein guter Tag, die Bilder abzuholen«, sagte ich laut, ohne die Augen aufzuschlagen. Es war früh am Vormittag, und ich lag noch im Bett.
Seit Jahren wiederholte ich diesen Satz und er ist für mich eine Art Morgengebet geworden. Meine Recherchen waren schon längst abgeschlossen und ich glaubte zu wissen, wo genau sich unsere Bilder befanden, in welcher Stadt, in welcher Straße, in welchem Haus, bei welchen Leuten.
Es war eine Aufgabe, mit der mich mein Großvater vor siebzehn Jahren betraut hatte, nachdem ihm Tante Leokadia und Zenek von meinem übergeschnappten Entschluss, mich nach Deutschland abzusetzen, erzählt hatten.
Großvater Symeon bestellte mich damals, im Spätwinter 1985, zu sich, und als ich in seiner Wohnung auftauchte, setzte er mich gleich auf einen Hocker in der Küche und sagte zu mir: »Karol, mein liebster Enkel, das ist die Gelegenheit! Jetzt kannst du endlich unsere Bilder zurückholen.« Und dann sah er mich durchdringend an und sprach weiter: »Das ist eine ungeheuerliche Schweinerei, dass sie schon so lange da herumliegen, obwohl sie ja uns gehören. Du weißt, das ist unsere bewegliche Familienhabe, also auch die Deinige. Unser heiliges Eigentum, das einzige, das uns noch in dieser Welt geblieben ist, nachdem die Kommunisten und andere Barbaren uns alles weggenommen haben. Und du hast ein Recht darauf, es zurückzuverlangen.«
In langen Zügen nahm er ein Gläschen zu sich, verzog anschließend den Mund zu einer zufriedenen Grimasse, als Zeichen der Anerkennung für die Stärke des Zuckerschnapses und für die eigenen Brennkünste, und fuhr fort: »Du wirst der erste Piaskownik sein, der nach drüben geht und mit einer fetten Beute zurückkommt. Alle anderen aus unserer Familie haben es leider nicht geschafft. Sie sind für immer und ewig in der germanischen Erde geblieben, des Lebens beraubt und vergraben. Ich weiß, wovon ich spreche, da ich selbst in der Hinsicht Glück hatte: Drei Jahre habe ich da in einer Kohlengrube als Sklave geschuftet, Schwarzbrot und Wasser hielten mich am Leben. Die Teutonen hatten mich kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf der Straße erwischt und zu sich geholt, damit ich ihre angeschlagene Wirtschaft rettete. Und, der Zar des Universums sei mein Zeuge, das habe ich wahrhaftig getan! Als Dank dafür nahmen sie uns 1944 unsere Bilder weg. Also, mein Junge, fahr um der Gerechtigkeit willen nach Westen, mach den Teutonen richtig Feuer unter ihren blassen Hintern und zeig der weiten Welt, was ein Piaskownik zu bewerkstelligen vermag! Und vergiss dabei nicht: Ohne unsere Bilder kommst du mir nicht wieder ins Haus!«
Er hatte kurz gezögert, bevor er aus dem Leinwandsäckchen, das er stets an der Brust trug, zwei Fotos hervorzog. Ich kannte sie schon von früher; jeder in unserer Familie hatte das eine oder das andere Mal diese vergilbten, leicht überbelichteten, zerkratzten Fotos zu sehen bekommen. Er streichelte und küsste sie jetzt zärtlich, als wären sie seine Geliebte, von der er sich für ungewisse Zeit trennen müsste, und überreichte sie mir samt Säckchen mit den Worten: »Damit du etwas zu Vergleichen hast und damit die Teutonen dich nicht übers Ohr hauen.« Zwei dicke Tränen rollten ihm über die Wangen. Er drehte sich um und wischte sie sich mit dem Ärmel seines Hemdes ab.
Es waren Innenaufnahmen von Großvaters Landhaus in Rostniki, die Schloime Bekierowicz, ein Fotograf aus Tschortkiw in der Ukraine, im Jahre 1938 angefertigt hatte, wie es im unteren Bereich der Lichtbilder vermerkt worden war. Ursprünglich hatten sie die Aufgabe, die Schönheit einer Frau zu bezeugen und sie für die nachfolgenden Generationen festzuhalten. Die Frau hieß Augustyna Piaskownik und war meine Großmutter. Sie wurde aus zwei Perspektiven abgelichtet, während sie sich in ihrem Zimmer auf einer Chaiselongue ausruhte. Doch die Großmutter und der Raum an sich und die verschiedenen herumstehenden Gegenstände waren jetzt, nach so vielen Jahren, zu einer Nebensache geworden. Viel wichtiger war, dass auf den Fotos die drei verloren gegangenen Gemälde zu erkennen waren. Zwei von ihnen hingen damals zu beiden Seiten des Marmorkamins und eines an der Wand zwischen zwei Fenstern mit zugezogenen Vorhängen. Ich hielt also in der Hand den einzigen Beweis dafür, dass die Gemälde tatsächlich existierten und sich einst im Besitz unserer Familie befunden hatten. Bei dem Gedanken, Großvater Symeon habe mir seinen kostbarsten Schatz anvertraut, war mir höchst unbehaglich zumute. Behutsam schob ich die Fotos ins Säckchen und hängte es mir um den Hals.
Als ich mich beim Abschied weigerte, einen in eine karierte Decke eingewickelten Ulanensäbel einzustecken, der angeblich im August 1920 das »Wunder an der Weichsel«, also die Wende des Polnisch-Sowjetischen Krieges, verursacht hatte, lachte Großvater Symeon nur schallend und sagte: »Nimm ihn mit! Man weiß ja nie, was dich unterwegs erwartet!«
Einen langen scharfen Gegenstand kann man im Haushalt immer gebrauchen, sagte ich mir und willigte ein. Dann musste ich mich noch vor dem Großvater auf die Knie niederlassen, und er erteilte mir seinen Segen. Und so wurde ich an diesem schaurig kalten Abend um eine Aufgabe, zwei Antikfotos in einem Leinwandsäckchen, einen heiligen Säbel, eine schmuddelige Decke und einen Segen reicher.
Die letzten Worte, die Großvater Symeon an dem Tag an mich gerichtet hatte, bevor er die Tür hinter mir schloss, waren: »Zieh dich warm an!«
Ich befolgte seinen Rat nicht. Und ich habe meine Gründe, ihn auch heute nicht zu befolgen: Mir ist ohnehin immer zu warm.
Zweifelsohne war mein Großvater ein kluger Mann, der sein Wissen jedoch nicht immer anzuwenden wusste. Ehrlich gesagt lag er meistens völlig daneben, was ihn aber nie daran hinderte weiterzumachen, oder besser ausgedrückt: weiterzupoltern. Er lachte genauso gerne, wie er einen Heidenlärm machte, er fluchte wie ein sozialistischer Bauarbeiter, hatte meist einen Bärenhunger und war immer vom Durst auf Schnaps und Weiber geplagt. Ein Mann aus Blut und Knochen also, wie man in Polen sagt, ein richtiger Kerl. Er ist viel in der Welt herumgereist und hat dies und jenes gesehen. Unsere europäische Geschichte bekam er deutlich am eigenen Leibe zu spüren. Seine Kindheit und Jugendjahre verbrachte er im von Preußen annektierten Polen, dann erlebte er die Sowjets, die Nazis und die polnischen Kommunisten und schließlich ein bisschen Demokratie. Aber mit der Demokratie stand er von Anfang an auf Kriegsfuß. Er traute ihr nicht, er konnte und wollte sie nicht verstehen. Letztendlich hatte sie ihn gewissermaßen umgebracht. Als eingefleischter Osteuropäer war er nur an totalitäre Regime gewöhnt und er weigerte sich, in einem Staat zu leben, »in dem jeder, der nichts zu sagen hatte, sein Nichts trotzdem publik machen durfte«.
Diktatoren achtete er dagegen hoch. Die zwei größten von ihnen habe er sogar persönlich kennengelernt, prahlte er laut, wenn er zu viel Wodka getrunken hatte. Mit solchen Äußerungen stieß er bei seinen Mitmenschen nicht immer auf Verständnis. 1947 wurde er von zwei Sicherheitsbeamten aus einer Kneipe gezerrt, und zwar gleich, nachdem er in der Stammtischrunde ausführlich über seine Arbeit als Kaminheizer erzählt hatte. Doch nicht die Ausübung des Berufs an sich, sondern der Name des Arbeitgebers war der Grund seiner Festnahme: Adolf Hitler. Bis man geklärt hatte, dass Symeon Piaskownik sich die ganze Geschichte aus den Fingern gesogen hatte, vergingen fünf Jahre, die er in verschiedenen Gefängnissen verbrachte. Das war ihm aber keine Lehre. Kurz, nachdem er entlassen worden war, knöpfte er sich den anderen großen Führer vor. Erneut war die Kneipe der Schauplatz seines Vergehens. Blau wie eine Strandhaubitze behauptete er, Batjuschka, unser heiliges Väterchen Stalin, habe einen falschen Schnurrbart aus Biberborsten; das wisse er ganz genau, weil Jossif Wissarionowitsch Stalin sich ihm anvertraut habe, wie es unter Parteigenossen und wahren Freunden so üblich sei. Diese Äußerung kostete ihn glücklicherweise nur ein paar Monate Abgeschiedenheit. Kurz nach Stalins Tod, Anfang März 1953, wurden die Gefängnisse in der Volksrepublik Polen leer gefegt, und Großvater Symeon durfte den Nachhauseweg antreten. Großmutter Augustyna hatte nicht mal richtig gemerkt, dass er überhaupt weg war. Sie dachte, er sei einfach länger an seinem Stammtisch sitzen geblieben. Es besteht kein Zweifel, dass sie vom lieben Zaren des Universums segensreich für das irdische Leben ausgestattet worden war. Bei ihr waren nämlich nicht eine, sondern sämtliche Schrauben locker – davon waren die meisten Einwohner von Rzepin fest überzeugt. Großvater Symeon brachte ihr Wesen auf den Punkt, wenn er meinte, sie schweife in der Welt umher wie sachter Wind in einem blühenden Rapsfeld. Nach ihrem Tod, der sie beim Nähen einer Damenbluse überraschte, blieb sie einfach ein paar Jahre länger auf der Erde, als es geplant und erlaubt war, und irrte als Gespenst umher, bis schließlich ein Ingenieur, der sich nach seiner Pensionierung zum Wünschelrutengänger und Geisterjäger hatte ausbilden lassen, sie mit einer Beschwörungsformel zu den Sternen beförderte.
Nach Stalins Tod brach die Welt meines Großvaters zusammen. In Europa gab es keine Alleinherrscher mehr, mit denen er sich hätte anfreunden können. Hochgradige Parteifunktionäre, die als eventuelle Diktatoren gelten konnten, waren es nicht mal wert, dass man auf sie schnäuzte, wie Großvater sich ausdrückte. »Alles Stümper und Banausen, keine richtigen Führer! Klägliche Versager!«, schrie er, als in den Siebzigern oder Achtzigern einer von ihnen im Fernsehen auftauchte. Bis zum Ende seines Lebens blieb er seinen Lieblingen treu und gern erzählte er über die Begegnungen und Plauderstündchen mit Stalin oder Hitler. Bis heute weiß ich nicht, ob er das alles vielleicht doch nur erfunden hat.
Als ich zwanzig wurde und ihn einmal fragte, warum er diese zwei Monster so bewundere, straffte er seine Lippen und antwortete, die Augen gegen den Himmel gerichtet: »Das waren böse Götter vom zwölften Planeten, die unsere Erde für ihr verabscheuungswürdiges Unternehmen auserwählten. Als sie unter uns weilten, waren sie geliebt, weil wir Menschen viele Schatten in uns verbergen, die wir ausleben müssen, sonst würde die Welt aus dem Gleichgewicht geraten. Jetzt liebt sie niemand mehr. Aber es muss doch einen Menschen geben, der sie aufrichtig liebt, sonst sind sie für immer und ewig verloren und verdammt. Denn nur durch Liebe kann eine böse Seele Liebe erfahren, um Buße zu tun und als Engel zu uns zurückzukehren. Ich, Symeon Piaskownik, habe mich entschlossen, Adolf Hitler und Jossif Stalin zu lieben, und zwar von ganzem Herzen. Und es ist mir schnuppe, was meine Artgenossen davon halten. Die beiden Jungs werden sowieso bald wieder auftauchen, du wirst es noch erleben, und sie werden vor Stolz platzen, wie gut und klug viele Menschen dank ihnen geworden sind.«
Nach dieser Aussage wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, wie sehr Großvater Symeon seine Frau Augustyna überflügelt hatte: Bei ihm waren nicht nur alle Schrauben locker, sondern er hatte gar keine mehr. Aber ich liebte ihn trotzdem.
Nachdem 1989 die Demokratie nach Polen gekommen war, lebte mein Großvater noch knapp zwei Jahre. An einem sonnigen Mainachmittag, als im Fernsehen gerade die Nachrichten liefen, bekam er einen Wutanfall, dem ein Herzinfarkt folgte. Tante Leokadia rief sofort den Rettungsdienst an. Doch als die Telefonistin hörte, der Patient sei zweiundneunzig Jahre alt, war sie plötzlich nicht mehr in der Lage zu sagen, wann und ob überhaupt ein Krankenwagen frei sein würde. Sie legte einfach auf. Onkel Marian holte Frau Kwiatkowska von der dritten Etage, die sich mit Kräutern gut auskannte und die schon viele Krankheiten durch Besprechen gebannt hatte. Sie verabreichte meinem Großvater eine hochprozentige Tinktur, und es geschah ein Wunder, das einige Stunden anhielt.
Kurz bevor Großvater starb, hielt er eine kleine Rede, die von Onkel Marian auf einem Videoband festgehalten wurde. »Frau Kwiatkowska«, sprach mein Großvater auf diesem Video, »gehen Sie mir bitte sofort aus den Augen, ich möchte nicht ihre runzelige Visage als letztes Bild von der Erde mit in den Himmel nehmen.« Dann, als die aufgebrachte Frau Kwiatkowska hinter der Eingangstür verschwand, fuhr er fort: »Nun, ihr fragt euch bestimmt, wie es um mich steht. Ich habe eine gute Nachricht für euch: Heute Nacht werde ich wohl sterben. Allen meinen bekannten und unbekannten Nachkommen möchte ich sagen, dass es sich für mich gelohnt hat, hier zu sein. Ich hatte Spaß am Leben, also werde ich bestimmt auch Spaß am eigenen Tod haben. Was danach passiert, weiß ich nicht, doch ich vermute, dass es nicht mehr so lustig sein wird wie auf der Erde. Ich verspreche, dass ich euch nicht belästigen werde, wie es Großmutter Augustyna – Zar des Universums hab sie selig! – jahrelang getan hat. Hoffentlich treffe ich sie im Jenseits nicht wieder. Ich liebte sie nicht, und sie liebte mich ebenfalls nicht. Wir beide wurden also hier auf Erden genug bestraft. Und jetzt, macht’s gut, meine Lieben. Ich muss leider weg, die Pflicht ruft. Ich werde auf euch im Himmel warten.«
Alle dachten schon, seine Rede sei zu Ende, weil ihm der Kopf auf die Brust gesunken war. Doch Großvater Symeon kam plötzlich wieder hoch, stützte sich auf den Ellenbogen und sagte direkt in die Kamera: »Und du, Karol, mein liebster Enkel, der einzige Piaskownik, der fern von der Familie lebt, dazu unter den blutrünstigen teutonischen Wölfen, schwing endlich deine Beine und hol unsere Bilder ab, wie ich es dir gesagt habe!« Dann änderte er seinen Ton und flüsterte geheimnisvoll: »Erwarte von mir eine Botschaft. Den Schlüssel dafür findest du im Säbel.«
Um Mitternacht war es so weit. Großvaters Mund verließ ein eigenartiges grunzendes Geräusch, und gleich danach machte er sich auf den Weg zu seiner Mutter. Sie warte geduldig auf ihn, hatte er immer behauptet, und halte da oben ein ruhiges, warmes Plätzchen für ihn frei. Alle Familienmitglieder glaubten fest daran, er würde uns die reinste Wahrheit einschenken.
Wir Polen glauben an so Vieles. Manchmal denke ich, unser Leben besteht nur aus Glauben. Im Moment denke ich nicht an den Glauben an den Zaren des Universums, an den wir sowieso glauben, weil es sich so gehört, sondern an den Glauben an Aberglauben. Ohne Zweifel sind Slawen abergläubischer als Germanen. Ein bisschen weniger Aberglaube täte uns bestimmt gut. Bei den Germanen verhält sich die Sache umgekehrt.
Unaufgefordert hat Onkel Marian das Sterbevideo für mich kopiert und mir nach Deutschland geschickt. Ich kann mir schon vorstellen, was er sich dabei gedacht hat. In unserer Familie gilt er als ein Mensch, der die sinnlich-stofflichen Werte gegenüber den geistigen bevorzugt. So beschrieb ihn einmal Onkel Franek, der drei Semester marxistische Philosophie studiert hat, und dieses Etikett ist an Onkel Marian haften geblieben. Er ist ein richtiger Homo faber, der dazu noch einen äußerst ausgeprägten Sinn fürs Geschäftliche besitzt. Für uns alle ein Grund mehr, ihn nicht besonders zu mögen. Eigentlich ist er auch kein richtiger Piaskownik; er hat nur Tante Leokadia geheiratet und auf Großvaters Befehl unseren Namen angenommen, was übrigens Großvater später sehr bedauerte.
Mit meinem Vater verhielt sich die Sache anders. Er legte keinen Wert darauf, der unangebrachten Aufforderung seines Schwiegervaters Folge zu leisten, und änderte seinen Namen nach der Heirat nicht, was gesellschaftlich und rechtlich gesehen völlig korrekt war. Seine Frau und später auch seine Kinder bekamen seinen Namen: Fritzmann. Und so hieß ich bis zum Tod meines Vaters Karol Fritzmann. Erst als mich meine Großeltern in Pflege genommen hatten, wurde ich zu Karol Piaskownik. Darüber war ich sehr froh. Kein Kind auf der Straße konnte mich mehr als Deutschen beschimpfen. Ich war jetzt nicht nur mit Leib und Seele ein Pole, sondern auch mit Nachnamen.
Wenn sich der Tag jährt, an dem Großvater starb, schaue ich mir die Videoaufzeichnung an. Gestern war es so weit. Gestern vor elf Jahren ist er von uns gegangen. Es ist schlimm genug, dass ich nicht bei ihm sein konnte, als er auf dem Sterbebett lag. Doch tausendmal schlimmer ist es, dass ich seinem Begräbnis nicht beiwohnen konnte, weil man mich über seinen Tod überhaupt nicht informiert hatte! Eines Tages wachte ich mit dem merkwürdigen Gefühl auf, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung sei. Ich rief sofort in Polen an, und Tante Leokadia teilte mir weinend mit, Großvater Symeon liege schon seit drei Tagen unter der Erde. Als ich sie fragte, warum man mir kein Telegramm geschickt habe, wurde sie verlegen und weinte noch mehr. Später erfuhr ich, von wem die Idee, mich nicht zu benachrichtigen, stammte: von Onkel Marian, von wem denn sonst! Er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass es für mich zu teuer wäre, wegen solch einer Lappalie wie Großvaters Begräbnis nach Polen zu kommen. Das gesparte Geld sollte ich lieber fürs Aufspüren des verlorenen Familienbesitzes verwenden. Dafür wollte ich ihn und meine ganze Verwandtschaft bestrafen. Jahrelang rührte ich keinen Finger, um unsere Bilder zurückzubekommen. Gestern Nacht, als ich erneut das bleiche und faltige Gesicht meines Großvaters auf dem Bildschirm sah, entschloss ich mich auf einmal, die ganze Sache zu Ende zu bringen. Heute war also der Tag der Versöhnung mit der Familie. Und mit mir selbst. Der Tag, an dem ich Auge in Auge mit dem Dieb stehen würde, um Großvaters Vermächtnis zu vollstrecken.
Wehe dem Leutnant, wenn er nicht da sein sollte!
2
Draußen zwitscherten die Vögel, und die Sonne versuchte, in mein Zimmer hereinzuschauen. Zufrieden stellte ich fest, dass ich mich nur spärlich an meinen Traum erinnern konnte. Ich wusste nur, dass ich von einem Kriegsgefangenenlager in Kroatien geträumt hatte und dass ich, als ein Franziskaner namens Redić mit einem Schlächtermesser auf mich zuging, in der letzten Sekunde fliehen konnte. Den Priester kannte ich von früher, hin und wieder besuchte er mich in der Nacht.
Ich stand auf. Wenn ein dreiundvierzigjähriger Mann sich aufrichtet, kann einiges passieren. Mit ihm. Oder mit der Welt. Diesmal ging es ohne Schmerzen. Mein Kreuz war steif wie das Vorstellungsgespräch bei einem Bestattungsinstitut, aber es tat nicht weh.
Nachdem ich das Bett gemacht hatte, schaltete ich mit der Fernbedienung meinen Sender zum Aufwachen ein: Rockmusik rund um die Uhr. Ich versuchte, mich zu bewegen. Es sollte eine Art Gymnastik sein, aber es war nur lächerlich. Früher hätte es mir etwas ausgemacht, ich hätte mich geschämt, nackt da zu stehen und mich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Doch jetzt war es mir egal. Ich war froh, dass ich immer noch lebte und lächerlich sein konnte.
Im Radio lief Child in Time von Deep Purple, die volle Version. Da konnte ich nicht widerstehen, ich musste es zu Ende hören. Und ich tanzte. Den Nachbarn gönnte ich den bisschen Spaß nicht: Die Vorhänge in meinem Schlafzimmer blieben zugezogen.
Dann ging ich ins Bad und machte das, was man so am Morgen im Bad macht.
Als ich eine halbe Stunde später in der Küche stand und kochendes Wasser ins Glas mit fein gemahlenen Kaffeebohnen goss, klingelte das Telefon. Ich nahm mein Getränk, eilte ins Arbeitszimmer und hob den Hörer ab. Jeden Vormittag wartete ich auf einen wichtigen Anruf, der meinem Leben neue, nicht geahnte Impulse geben könnte. Doch es war nur Weronika, und sie brauchte Hilfe. Zehn Minuten lang erklärte ich ihr auf Deutsch, wie man in Word eine Tabelle zeichnete, und dann fragte ich sie auf Polnisch, wie weit sie mit dem Geschäftsmann aus Mainhattan sei.
»Udo? Der kann mir gestohlen bleiben«, antwortete sie. »Ich habe keine Lust, mich mit ihm zu treffen. Das alles ist mir zu widerlich. Weißt du, was er mir zukommen ließ?«
Das wusste ich selbstverständlich nicht.
»Zwei Kugeln, mit einer Schnur verbunden«, klärte sie mich auf. »Ich sollte sie heute den ganzen Tag tragen und ihm dann meine Gefühle beschreiben, wenn er anruft. So ein Schwein!«
»Weronika, das sind bloß Liebeskugeln! Keine Bange, davon wird man auf keinen Fall schwanger.«
»Schwanger werde ich sowieso nicht. Letzte Woche habe ich eine Spirale gekriegt. Neununddreißig Jahre auf dem Buckel und die erste Spirale, das ist eine Leistung, nicht wahr!« Sie wartete nicht, bis ich mein Staunen zum Ausdruck brachte, sondern fuhr fort: »Der Udo ist echt pervers. Weißt du, worauf er steht? Auf Arschklopfern! Kannst du dir so etwas vorstellen?«
»Warum nicht. Das könnte dir gut tun. Die Durchblutung wird besser und man hat mehr Spaß.«
»Das ist ja abartig! Aber du warst schon immer sexbesessen. Weißt du, wie ich das Ganze mit dem Udo rausgefunden habe? Ich hatte schon so eine Vermutung, da schickte ich ihm ein Foto, eine Tussi im schwarzen Lack, von hinten, und an ihren nackten Pobacken eine Peitsche. Am nächsten Tag kriegte ich eine Mail von ihm. Er war begeistert, dass ich mich für solche Sachen interessiere. Jetzt denkt er, ich sei eine devote Frau! Ich habe schon eine Abschiedsmail an ihn geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Ich muss abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Dann kriegt er von mir einen Denkzettel. Sag mal, was meinst du? Sollte ich nach Frankfurt fahren und mir den Hintern versohlen lassen? Der Junge sieht echt niedlich aus. Ein Meter neunzig lang, blond, blaue Augen, in der Immobilienbranche tätig, selbstständig, eigene Firma. Klingt nicht schlecht, oder? Er würde zu mir passen.«
»Wie der Igel zum Taschentuch. Tue das lieber nicht, wenn du es nicht willst. SM ist Geschmacksache. Warte am besten ab. Wie man bei uns sagt, Frankfurt ist kein Hase, er wird nicht davonlaufen.«
»Ich hätte nichts dagegen, mich an Udo zu vergreifen, das würde mir vielleicht sogar Spaß machen, aber mein Hinterteil ist für mich heilig. Verstehst du, was ich damit meine?«
»So ungefähr. Halte mich auf dem Laufenden.«
Gerade als wir uns verabschiedeten, rief mich eine Frau vom Berufsbildenden Zentrum WAKRO und fragte, auf welches Konto sie das Geld für meine Unterrichtsstunden und für die Fahrkosten überweisen sollte, in ihren Unterlagen habe sie nichts gefunden. Ich sagte ihr meine Kontonummer und meine Bankverbindung und fragte, um welche Stunden es sich handele, in den letzten Monaten hätte ich hin und wieder Lehrervertretungen in Computerkursen gemacht. Sie wisse es nicht genau, sie arbeite in der Buchhaltung und kümmere sich ausschließlich um Abrechnungen, sagte sie. Ich erkundigte mich nach dem Betrag und schmunzelte, als sie hundertfünfzig Euro erwähnte. Nicht schlecht, dachte ich mir, das reicht für die Putzmittel und den Sprit in diesem Monat. Ich bedankte mich und wir verabschiedeten uns. Ich liebe Leute, die mir Geld überweisen wollen. Mehr noch liebe ich Leute, die es tatsächlich tun.
Der Blechdose, die im Schrankschubfach zwischen den zusammengerollten Socken lag, entnahm ich Großvaters Leinwandsäckchen und hängte es mir um den Hals. Während ich mein zweites Glas Kaffee trank und dabei eine Zigarette rauchte, überlegte ich, wie ich mich anziehen sollte. Bei der ganzen Sache ging es schließlich auch um eine patriotische Angelegenheit.
Gekleidet in eine weiße Hose aus Segeltuch, ein rotes Baumwoll-T-Shirt und ein rotes Polyester-Sakko ging ich aus der Wohnung und lief die Treppen hinunter. Erst langsam dämmerte mir, dass sich eine ungeheure Taktlosigkeit in mein Outfit eingeschlichen hatte: Ich sah nicht wie die richtig, sondern wie die verkehrt herum gehisste polnische Nationalflagge aus. Umkehren und mich schnell umziehen wollte ich aber nicht.
Im Vorbeigehen holte ich die Post ab. Vier Werbezettel warf ich gleich in den Papierkorb, der unter den Briefkästen hing, zwei dünne unscheinbare Briefe nahm ich mit. Ich wusste, was sich darin verbarg: Fette Verrechnungsschecks, die mein Leben um einiges lebenswerter gestalten sollten. Ich küsste beide Absenderstempel.
Auf der Straße versuchte ich fieberhaft, mich daran zu erinnern, wo ich meinen Wagen vor drei Tagen abgestellt hatte. In meinem Kopf herrschte Leere. Immer diese Probleme mit dem Parkplatz, ich muss die Gegend wechseln. Hier findet man nach zwanzig Uhr nie einen vernünftigen Parkplatz. Ich klapperte die Umgebung ab und fand meinen violetten Mazda in einer Nebenstraße. Er stand unter einem blühenden Kastanienbaum, und die Vögel waren ihm ziemlich auf den Pelz gerückt. Sie hatten auf seiner Karosserie einen Wettbewerb veranstaltet. Weißgrau sind die Tauben, weißgrau sind ihre Ausscheidungen. Und so stellen sich diese Viecher das Zusammenleben mit den Menschen vor!
Ohne das Auto zu säubern, fuhr ich los. Ich war spät dran. Viel zu viele Jahre zu spät dran. Oder aber fünfzehn Minuten zu spät dran. Wie man’s nimmt. Heut’ oder nie, sang ich und kämpfte mich durch den Verkehr auf die andere Seite der Stadt. Großvater Symeon, der auf mich vom Himmel herabschaut, sollte endlich seine Ruhe finden und stolz auf mich sein. Er hatte schon lange genug gewartet. Ich ebenfalls.
Alle Ampeln waren auf meiner Seite. Sie schalteten sofort auf Grün, als ich mich ihnen näherte.
Copyrights: Dariusz Muszer
Letzte Änderung: 23.04.2026 | Erstellt am: 23.04.2026
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