Die Berichte aus Deutschland

Die Berichte aus Deutschland

Auszug aus Rudolf Rachs neuem Buch „Der dritte Blick“
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Das ungewisse Schicksal Deutschlands angesichts der technologischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen weltweit ruft auch Schriftsteller und Intellektuelle auf den Plan, die sich nicht nur Sorgen um ihre Heimat machen: Sie fragen auch nach den alten und neuen Werten und reflektieren die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands in der zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt, in der die Künstliche Intelligenz den Ton angibt. Wie wirkt sich all das auf unsere Wertevorstellungen aus? Was ist heute überhaupt noch wichtig? Welche Rolle spielt dabei die Vergangenheit? All diese Fragen stellt Rudolf Rach, ein Theaterkenner, ehemaliger Verleger sowie Autor von Romanen und Essays, in seinem neuen Buch „Der Dritte Blick“, das ein Kompendium aus Lebenserinnerungen, Begegnungen, Anekdoten und Reflexionen zu unserer Epoche ist und in der Edition Faust am 12. Februar 2026 erscheint.

Im folgenden Auszug beschäftigt sich Rach damit, wie man im Ausland auf Deutschland, insbesondere auf die alte-neue Hauptstadt Berlin, blickt, und es wird dabei deutlich, dass die Vergangenheit, die des Dritten Reiches und der DDR, nach wie vor eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung Deutschlands in Frankreich und im benachbarten Ausland spielt ‒ vor allem durch die Architektur und durch die Bilder im Kopf, die sich scheinbar nie ändern.

Kommt jemand in eine Stadt, fällt der erste Blick auf die Häuser und Straßen. Viel hängt davon ab, ob die Sonne scheint oder es regnet, ob der Ort auf einem Berg oder am Wasser liegt. Dann erst nimmt man die Menschen wahr. Dass im Hintergrund eine Regierung wirkt, fällt dem Gast erst auf, wenn er das erste Strafmandat kassiert. Ob das Stadion umgebaut werden soll oder das Theater nach jahrelangen Renovierungsarbeiten endlich wieder eröffnet wird, ist für den Besucher zweitrangig. Genauso ging es uns; wir blieben ein paar Tage in Köln und fuhren wieder weg. Theater oder Konzertsäle füllten sich ohne uns. Als die Aufenthalte länger wurden, änderte sich das. Was für ein Komfort, am späten Nachmittag die Programme durchzublättern und anschließend zu Fuß ins Konzerthaus gehen zu können.

Jahrzehntelang hatte ich Deutschland nur von außen gesehen, ein Land in der Mitte Europas, umgeben von Nachbarn, die jeder für sich ein eigenes Verhältnis zu dem lange zweigeteilten, dann wiedervereinigten Staat unterhielten. Seit sich die Deutschen für eine neue Hauptstadt entschieden, schickten die ausländischen Zeitungen und Fernsehsender ihre Korrespondenten nicht mehr nach Bonn, sondern nach Berlin. Berlin wurde wieder synonym für Deutschland. Doch Berlin hatte einen unangenehmen Beigeschmack. Die Straßennamen waren noch immer dieselben, der nationalsozialistische Hautgout wollte nicht weichen; viele der wilhelminischen Prunkbauten wurden in die neue Zeit gerettet. Und über dem Osten hing immer noch der Geruch von Lysol, dem billigen Desinfektionsmittel aus DDR-Zeiten.

Die architektonische Dominanz der früheren Zeiten verlor sich, als spektakulären Neubauten auf den Plan traten. Doch das preußische Berlin, dem der Nationalsozialismus ein schändliches Ende setzte, blieb in den Köpfen der Nachbarn lebendig. Des Kaisers neue Kleider verfingen nicht, jedenfalls nicht in so kurzer Zeit. Die ausländischen Korrespondenten verrichteten ihre Arbeit, durchaus um Objektivität bemüht, aber in ihren Köpfen kreisten immer noch die alten Gedanken. Ihre Berichte klangen jetzt anders als die Berichte aus Bonn, an das man sich schon gewöhnt hatte. Die kleine Stadt am Rhein und der Fluss flößten Vertrauen ein. Seit Jahrtausenden fahren Schiffe und Boote über diese Wasserstraße, verbinden den Norden mit dem Süden, und wenn der Fluss über die Ufer tritt, sind die Schäden meist schnell repariert. Bonn hat römische Ursprünge, Beethoven ist hier geboren; vielleicht klingt der Name auch deswegen sympathisch.

Gleichgültig, ob sie aus Bonn oder Berlin kamen, die Berichte aus Deutschland elektrisierten mich. Wenn sich in einer Überschrift ein Hinweis auf Deutschland befand, las ich den Artikel vor allen anderen. Immer mit der bangen Hoffnung, dass er nichts Negatives enthalte, obwohl es mir im Grunde hätte egal sein können, denn die Berichte übten ja keinen direkten Einfluss auf mein Leben aus. Trotzdem gingen sie mir nach. Fast immer drehte es sich um die Vergangenheit, die Nazi-Vergangenheit und das Geld, das in Deutschland inzwischen verdient wurde und dem der deutsche Staat seinen Einfluss verdankte. Selbst als Frankreich – und andere Länder – ihr Ziel erreicht hatten und der Euro eingeführt war, hörte die Konzentration auf die Vergangenheit und das Geld nicht auf. Beides schien untrennbar zusammenzuhängen.

Letzte Änderung: 24.01.2026  |  Erstellt am: 24.01.2026

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