Der verstoßene Maler und der frühere Bundespräsident

Der verstoßene Maler und der frühere Bundespräsident

Auszug aus Rudolf Rachs neuem Buch „Der dritte Blick“
Cover

Das ungewisse Schicksal Deutschlands angesichts der technologischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen weltweit ruft auch Schriftsteller und Intellektuelle auf den Plan, die sich nicht nur Sorgen um ihre Heimat machen: Sie fragen auch nach den alten und neuen Werten und reflektieren die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands in der zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt, in der die Künstliche Intelligenz den Ton angibt. Wie wirkt sich all das auf unsere Wertevorstellungen aus? Was ist heute überhaupt noch wichtig? Welche Rolle spielt dabei die Vergangenheit? All diese Fragen stellt Rudolf Rach, ein Theaterkenner, ehemaliger Verleger sowie Autor von Romanen und Essays, in seinem neuen Buch „Der dritte Blick“, das ein Kompendium aus Lebenserinnerungen, Begegnungen, Anekdoten und Reflexionen zu unserer Epoche ist und in der Edition Faust am 12. Februar 2026 erscheint. Im folgenden Auszug beschäftigt sich Rach mit einem Akt des durch die Nazis verstoßenen Malers Ernst-Ludwig Kirchner sowie mit dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der bei den Nürnberger Prozessen seinen Vater verteidigt hatte.

Die Wanderausstellung war 1937 in den Münchner Hofgarten-Arkaden durch Joseph Goebbels, den umtriebigen Minister für Volksaufklärung und Propaganda, eröffnet worden. Das Grinsen des Ministers belegt seine Zufriedenheit; wieder ein voller Erfolg. Tausende Besucher, die sich von dreisten Slogans in die Ausstellungen locken ließen: „Gequälte Leinwand, seelische Verwesung, krankhafte Phantasten, geisteskranke Nichtskönner“ – so charakterisierte ein Flugblatt die Maler und Bildhauer. „Von Judencliquen preisgekrönt, von Literaten gepriesen“ wurden hier Werke ausgestellt, „für die Staatliche und Städtische Institute Millionenbeträge deutschen Volksvermögens verschleuderten, während deutsche Künstler zur gleichen Zeit verhungerten. Seht Euch das an! Urteilt selbst!“

Der Maler Ernst-Ludwig Kirchner, kein Jude, gehörte ebenfalls zu den Verstoßenen. Das Städelsche Kunstinstitut musste seine Bilder abhängen und Kirchner erschoss sich kurze Zeit später in der Nähe von Davos. Der Direktor Georg Swarzenski, dessen Verdienste um das Museum unbestritten waren, wurde abgesetzt und floh in die Vereinigten Staaten. Sein Nachfolger wurde Ernst Holzinger, ein Fachmann, der zu retten versuchte, was zu retten war. Unter anderem half er die Sammlung von Kurt Hagemann, einem Kenner und Mäzen expressionistischer Bilder, vor der Beschlagnahmung zu bewahren. Aus Dankbarkeit stifteten die Erben nach dem Kriege verschiedene Werke Kirchners dem Museum, das heute wieder über einen soliden Bestand an expressionistischen Bildern verfügt.

Eines davon ist der „Stehende Akt mit Hut“, 1910 entstanden. Eine attraktive Frau, fast lebensgroß, schaut den Betrachter leicht trotzig und eine Spur verächtlich an. Sie trägt einen breitrandigen, schwarzen Hut, der mit ihrem makellos weißen Körper kontrastiert. Um den Hals eine Kette, schwarze Ohrclips und an den Füßen raffinierte rote Stöckelschuhe. Eine Dame der besseren Gesellschaft, nur splitternackt. Da stockt der Atem. Umso mehr, als die Dame ihre Nacktheit trägt, als sei sie formvollendet angezogen. Die Blöße kleidet sie so gut, dass sie bei einem gesellschaftlichen Anlass nichts zu fürchten gehabt hätte. Der Mut der Aktmodelle war zu allen Zeiten bewundernswert; hier wird er selbst zum Thema. Kirchner hat einen feministischen Akt gemalt, der das Selbstbewusstsein der Frauen im 20. Jahrhundert vorwegnimmt. Vergleichbar der Natürlichkeit der Eva, die Jan van Eyck gemalt hat, oder den nackten Frauen von Cranach, dem Älteren, auf die sich Kirchner bezieht. Cranach verkörpere deutsche Kunst, fand Kirchner, kühn und formvollendet, an der sich alles, was folgt, messen lassen müsse.

Abends ist HA Schult zu Besuch. Als der Blick seiner Frau Anna auf ein Buch von Hannah Arendt fällt, kommen wir auf Eichmann zu sprechen. Anna Zlotowskaya ist eine russische Jüdin und verteidigt die Deutschen. Kein Land habe sich zu seinen früheren Verbrechen so eindeutig bekannt. Das sei anerkennenswert. HA Schult erzählt freimütig, dass sein Vater erst für die Nazis und dann für die SED gearbeitet habe. Unverblümtheit ist eine Stärke. Durch Aktionen in Russland, China und Amerika ist er viel Prominenz der letzten Jahrzehnte begegnet, auch Richard von Weizsäcker.

„Ein Nazi, hart wie ein Knochen“, haut er in die Debatte.

Korrekt ist, dass der frühere Bundespräsident seinem Vater Ernst von Weizsäcker bei den Nürnberger Prozessen beigestanden hat. Jeder Anwalt hat das Recht, einem Angeklagten beizustehen. Warum sollte ein Sohn nicht seinen Vater verteidigen? Bei einem Staatsbesuch in Frankreich, nach dem Fall der Mauer, wurde Weizsäcker, inzwischen Bundespräsident, von der Journalistin Anne Sinclair interviewt, die aus der Familie Rosenberg stammt; ihr Onkel ein bekannter Kunsthändler; Picasso hat ihre Mutter gemalt. Weizsäcker sprach passabel Französisch und wollte mit seinen Kenntnissen glänzen. Das geriet ihm zum Nachteil, denn als er nach einem Wort suchte, versuchte er mit einem Lächeln die Situation zu überbrücken. So entging ihm, dass die Journalistin – mehr zu sich selbst – bemerkte: „Wenn sie lachen, muss man besonders vorsichtig sein.“

Die Anspielung auf die KZ-Schergen war unverschämt, doch wenn man bedenkt, dass der Vater des damaligen Bundespräsidenten während des Krieges als Staatsekretär im Auswärtigen Amt tätig war, erscheint die Sache in einem anderen Licht. In einem Roman rollt Fridolin Schley den Prozess neu auf. Wir erfahren, dass die Verteidigung Weizäckers in Nürnberg nicht mit Spitzfindigkeiten geizte: Als Eichmann aus dem Reichsicherheitshauptamt anfragte, „ob Bedenken gegen die Deportation von 6000 französischen und staatenlosen Juden in das Konzentrationslager Ausschwitz“ bestünden, brachte Ernst von Weizsäcker, handschriftlich zwei Änderungen an. Das Wort „Bedenken“, so die Verteidigung, wurde durch den Begriff „Einwände“ ersetzt und außerdem verlangte er, dass die betroffenen Juden „polizeilich näher zu charakterisieren“ seien. Hieraus werde ersichtlich, argumentierte der Sohn, dass der Vater gegen den Vernichtungsprozess verhalten protestierte und den Kreis der zu deportierenden Juden habe eingrenzen wollen.

Letzte Änderung: 31.01.2026  |  Erstellt am: 31.01.2026

divider

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn mit Ihren Freund:innen:

divider

Kommentare

Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.

Kommentar eintragen