Alle Wetter! Eine Erzählung
Was passiert, wenn über einer beliebten Stadtwiese der Himmel über viele Tage grau liegt und bei den Stadtteilbewohnern die Ahnung wächst, dass sich etwas anderes zusammenbraut als nur der Regen? Mit Spott und genauer Beobachtung schildert Christian Thomas den scheinbar normalen Alltag in einer Großstadt, der von Bürokraten geregelt wird und der vor dem Klimawandel nicht mehr fliehen kann. Und: Die Story ist auch eine bitterböse Satire über die Erziehung.
Was für ein Wetter! Das ist kein Wetter, sondern eine Strafe Gottes! Wieder regnet es! (Anton Tschechow: Unleidliche Menschen) Das habe ich nie erwartet! Nein, das habe ich nie erwartet! Das ist… das ist direkt unwahrscheinlich! (Anton Tschechow: Freude)
1
Dieser Himmel, das war ja überhaupt nicht zu glauben, präsentierte sich an diesem Septembertag grau in Grau, glatt wie Asphalt über der von aufrechten Bäumen gesäumten Innenstadtwiese. Sie war die beliebteste im Stadtteil, sicherlich alles andere als eine gepflegte Fußballwiese, ein Bolzplatz aber unbedingt. Sie war richtig populär, sogar zu einem Biotopziel von Biologieklassen war sie geworden, und wenn sie deswegen als eine Ökozelle galt, dann als eine Ökoidylle noch lange nicht, denn dazu war das Kommen und Gehen auf ihr, der Wiese, von frühmorgens bis in die späten Abendstunden zu unbekümmert. Immerhin, Hundehaufenwiese war sie nur noch eher selten.
Hier bereits lässt sich sagen, dass die Wiese einer intensiven Nutzung unterlag. Dafür sprach, dass sie nicht erst nach Schulschluss ein Dealerumschlagplatz war, und die Aufzählung wäre unvollständig ohne den Hinweis darauf, dass die Wiese an langen Samstagen Grillwiese war, aus Sicht der Ordnungsbehörden allerdings ordnungswidrig. Das war natürlich nur ein Aspekt unter vielen, ein Nebeneffekt, die Wiese betreffend und ihren Gebrauch, ließ sich doch um sie herum joggen, in ihren Bäumen klettern, in ihrem Gebüsch knutschen, auf einem Badetuch sonnenbaden, von ihren Bänken aus gucken. Kurz, ohne Wiese ließ es sich im Stadtteil nicht wirklich leben, kein Wunder, dass diese Wiese mehr war, dass sozusagen im Schoß ihrer Natur eine Festwiese schlummerte, die bloß erweckt werden wollte.
Soweit erst mal bis hierhin.
Denn vielleicht fehlte der Wiese bei allem doch etwas, nämlich ein Teich, groß musste er gar nicht sein, aber er hätte ganz bestimmt eine andere Note in die ganze Anlage gebracht, noch mehr Natur als der Spielplatz, nebenan der Wiese, mit seinen zwei Tischtennisplatten, mit seinen Schaukeln, einer Kletterburg, mit Wippen und den beiden Bänken für Mütter und Väter, zur Beobachtung der Kleinen. Artig, wie sie sich den Platz teilten, die Eltern die Bänke, und über ihre Kinder sprachen, teilten sie diese hübsch in Kategorien ein. Dabei zeigten sich die Erziehungsberechtigten mehr noch als in ihre Kinder in ihre eigenen Erziehungsmethoden bis über beide Ohren vernarrt, während sie mit dem Rücken zur Wiese saßen, denn zu ihr hin waren die Bänke denkbar dumm montiert. Sicher, mit Blick auf Spielplatz und die Spielenden waren die Sitzgelegenheiten angebracht worden, beständig gingen die Gedanken in stets gleicher, kindgerechter Richtung – aus Sicht der berühmten Wiese musste man sich allerdings zu ihr umdrehen. Oder sie aber vor dem inneren Auge haben, wie seit ein paar Tagen schon die Festwiese.
Obwohl so groß wie drei Fußballfelder war man, was deren Chancen betraf, längst skeptisch. Je mehr sich nämlich an diesem letzten Septembertag das Himmelgrau immer mehr breit machte, desto mehr verlor der Himmel gleichzeitig an Höhe und an Tiefe, es ließ den Himmel geradezu schrumpfen, damit auch die Aussichten, dass es ein besonderer Tag werden könnte. Könnte? Sollte, sollte! Ein Festtag für die Kinder sollte es werden, die schon die ganze Woche gezappelt hatten und nicht einschlafen konnten, so dass jedem Elternteil im Stadtteil die Stadtteilkinder wegen des Himmels und seiner Wolkendecke leidtun mussten.
Wieso Decke? Eines der Kinder im Stadtteil, ein Kleinkind noch, so dass es sich an der Hand seiner Mutter befand, hatte es genau gehört, das Wort. Und wem gehört die eigentlich, die Decke? Schätzchen, Decke, das sagt man so.
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Dieses Grau in Grau, es wich am Morgen nicht, es war zur Mittagszeit nicht weg – damals wie auch an unserem Nachmittag nicht. Der Himmel ließ sich nicht beschwören, er blieb so, der Himmel grau wie der Staub auf der Straße. Oder der Asphalt. Derweil fühlte man sich im Stadtteil gegenüber dem Himmel am letzten Septembertag des Jahres 20++ regelrecht machtlos. Hilflos wollte man sich jedoch nicht zeigen. An wen also ließ sich ein Aufbegehren adressieren? Flugs war ein Gedanke zur Hand, die Wetterleute! Denn was hatten die im Regionalsender in ihrer Wochenvorschau eigentlich von sich gegeben? Was man sich von denen nicht alles sagen lassen musste. Fakten oder Prognosen? Seit wann sind Prognosen Fakten?
So bohrte ein Mann nach, dessen Kopf man von Laternenmasten kannte, denen mit den Wahlkampfplakaten. Jetzt, in den Mittagstunden, war er als der kommende Reviervorsteher zu einer Wiesenortsbesichtigung gekommen, Gutherr, Friedemann Gutherr. Der Name brachte einen derartigen Nimbus mit sich, dass, wie seine politischen Gegner einsehen mussten, Friedemann Gutherr zwangsläufig mit absoluter Mehrheit an die Spitze des kommunalen Gremiums gewählt wurde. Dass Friedemann Gutherr an diesem Tag Ende September 20++ zudem Mehrheitsfähiges ansprach, bewies er zwischen 14 und 14 Uhr 15 durch seine Stegreifrede über angebliche Interna aus dem tödlichen Inneren einer lebensbedrohlichen Indoktrinationsanstalt.
Ungeheuer belesen, wie er war, zitierte Gutherr frei Hand aus unglaublichsten Dokumenten. Was auf diese Weise ans Licht kam, wurde immer vertraulicher und zugleich immer fürchterlicher, so dass der Durchblick unter den Zuhörenden immer immenser wurde. Mir nichts dir nichts packte es wildfremde Menschen, immer mehr einig in ihrer Wut auf das ganze System einer inhumanen Wettervorhersage. Nicht mehr mit uns! Empörung hatte die Runde längst befallen, als Friedemann Gutherr auf sein Fazit zusteuerte. Der Aufruf ließ sich folgendermaßen hören: Defätismus bedeutet Kapitulation.
Die Sache also keinesfalls abblasen! So wurde es zehntausendfach in den sozialen Medien verbreitet. Zwar würde es wahrscheinlich keine Sterne zum Fest geben, aber ganz bestimmt Lampions.
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Die brachte man jedoch gar nicht erst an. Zart gebaute Mütter mussten zusehen, wie gewiss geschickte Daddys und montierwillige Nannys es vergeblich versuchten, doch der Wind ließ die lustig bunten Papierlaternen bereits bedenklich zwischen den Fingern flattern. Ziehharmonikaartig wurden sie zurückgestopft in Tüten und Taschen. Vernünftige Nanny-Kinder verfolgten es nachsichtig, verzogene Mütterkinder machten den Eltern brüllend Vorwürfe. Und der Wind?
Der Wind, der Wind, der mittlerweile stoßweise aussetzte, schien nur umso tiefer Luft zu holen, um anschließend Böen durch die Bäume sausen zu lassen, um deren Blätterwerk aufzubauschen – wobei, Moment, um die richtige Reihenfolge einzuhalten, bevor es richtig losging, hatte man schon nichts mehr von den krakeelenden Elstern gehört. Weil sich die beiden im Stadtteil jagenden Bussarde verzogen hatten? Verdrückt hatten sich ebenfalls deren Beutetiere, wie es im Haus Nr. 17 in der Straße am Westend der Wiese der Stadtteilhistoriker Diederich (Didi) Dornbusch, ein Oberstudienrat a. D., 71, von seinem mit allen Schikanen ausgestatteten Oberstübchen aus verfolgen konnte. Sein Annual aufgeschlagen parat, befand D. D. sich auf seinem Beobachtungsstand. War das Verhalten, das die wilden Tiere an den Tag legten, ein Omen?
Was da eintreffen würde, hatte längst ebenso der Stadtteilhistoriker auf dem Radar. Seine Gesichtshaut veränderte sich, sie spielte ins Rötliche, also weitete D. D. den Kragen seines Unisex-Hoodies. Das war ganz richtig so, denn was er damit erreichte, das war, dass der Wetterfühlige besser Luft bekam. D. D. nahm an sich selbst wahr, wie der Luftdruck in den Keller absackte. Viertelstunde um Viertelstunde protokollierte er die Temperaturentwicklung, die relative Luftfeuchtigkeit, die Uhrzeit. Gelernt war gelernt, geübt klopfte er auf sein Barometer. Was er sah, notierte D. D. in der Spalte seines Jahrbuchs unter dem letzten Tag des Monats September. Was er nicht festhielt, war seine wörtliche Bemerkung „richtig scheiße“, obwohl sich das, was er sah, nicht besser beschreiben ließ. Seinen Feldstecher vor Augen, sah D. D. wie ein Unwetterjäger aus einschlägigen TV-Dokus über die Stadtteildächer hinweg den kommenden Minuten entgegen. Von links nach rechts suchte er, kein Auge von seinem Zeiss-Glas abwendend, eine unglaubliche Hochgebirgswand ab. In ihr wie Bauklötzchen die Skyline, in der ganzen monumentalen Wetterfront der Taunus wie Spielzeugkulissen. Vom Westen näherte sich das Unwetter, es rollte heran wie immer aus Richtung der Landeshauptstadt W.
Plötzlich Totenstille, die Ruhe vor dem Sturm, doch schon wenige Sekunden später die erste Woge, die gegen die Scheiben des Oberstübchens schlug. Da machte den Unwetterjäger das Zeiss-Glas blind. Da knipste er besser die Notbeleuchtung an. Da baute sich schon der zweite Tsunami auf, dann der dritte, wie viele noch? Da war D. D. in seinem Element, notierte live für seinen Bericht in der kommenden Ausgabe der Stadteil-Umschau. Im Oberstübchenspind hörte er Einmachgläser klirren, auf seinem Feldbett Sprungfedermatratzen zittern. Vom Haken an der Wand war ein uraltes Souvenir heruntergefallen, mit 17 mitgebracht von einer Klassenfahrt. Am Boden die Helgoländer Lotsenmütze des D. D.
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Der Minutenzeiger auf der Standuhr des Schlechtwetterjägers hatte sich keine sieben Mal gedreht, da mussten sich auf der Wiese viel zu viele Kinder in einem pavillonartigen Partyzelt zusammenquetschen, drei mal sieben, wie das Durchzählen zur Sicherheit ergab. Hätten sie bei Blitz, Donner und Sturzregen nicht so gebibbert, man hätte sie mit ihren gesenkten Köpfchen für ausgestopfte Wesen halten können. Mit schniefenden, sogar triefenden Nasen lugten sie nach draußen. Zum Zelt heraus ließen die Planen einen schmalen Spalt offen, damit trotz der Außentemperatur, die sich im Absturz befand, wenigstens ein bisschen Sauerstoff dorthin gelangte, wo das Unwetter die Zeltinsassen festhielt wie Gefangene. Ob sie vielleicht ein Lied singen wollten? Am besten alle gemeinsam, trotz einer dann noch dickeren Luft in dieser sowieso unnatürlichen Plastikplanenumgebung, dachte eine Aufsichtsperson bei sich, ein geleaster Pädagoge aus dem Kinderhort „Rote Zora“, während er sich mit tabakbraunen Fingern eine Zigarette drehte, nein, nicht für hier, für später, versicherte er seiner Aufsichtspartnerin, einer im Stadtteil bekanntermaßen gefühlsbetonten Seele, seiner Stadtteilnachbarin von schräg gegenüber, während ihrer gemeinsamen Gefangenschaft mit erbarmungswürdig geröteten Augen. Etwa wegen des drohenden Schicksals in den kommenden Minuten? Nein, nein, was sie da an sich hatte, war chronisch. Noch mehr dazu wurde in diesen Minuten nicht bekannt.
Vom Kirchturm herab geschlagene fünf Viertelstunden, auch ältere Kinder hatten die 75 Minuten gestoppt, waren die Zeltinsassen, weil Erwachsene die Unwetterwarnungen auf sämtlichen Informationskanälen nicht ernst nehmen wollten, Zeugen eines GAU geworden, gezwungen, das Ende der Sintflut an diesem Tag abzuwarten, ein Finale, das sich allerdings mit einem Male strahlend über dem Stadtteil ankündigte, ja, schaut doch, was für ein Regenbogen! So dass in dem Spalt zwischen soeben noch stark zusammengerafften Zeltbahnen immer mehr Kinderköpfe auftauchten, Gesichter mit rosigen Mündern und Nasen wie Hasen.
Ready? So fragte ein Kind, es war der Knabe Carlo Kovac, der sich sowieso kein bisschen während des ganzen Untergangs gefürchtet hatte. Ready, echote die Mehrzahl der Befreiten. Und schon stürmten sie auf die SUVs zu, die auf der Wiese geparkt worden waren wie die Wilden. Dorthin brausten die Kinder, wohin sich die Eltern kürzlich hatten flüchten können, bevor es losging, so dass sie die Kinder nicht aus den Augen verloren hatten. Aus den SUVs hatten sie zusehen können, wie der hochbeinige Grill umkippte, und eine Furche durch eine aufspritzende Wiese zog. Die Eltern konnten erleben, wie die Kühltruhe nicht umgekippt war, ebenso wenig wie ihre enormen SUVs, aber auch nicht das ephemere Zelt, seltsam. Und sie konnten sehen, wie die Kinder jetzt auf die offenen Türen der standhaft gebliebenen SUVs zustürmten, um mit ebenso offenen Armen empfangen zu werden.
Uff, was für Tornados! Doch was bist du tapfer gewesen, ich wusste es. Einmal in dem korpulentesten SUV gesagt, wird der Satz in sämtlichen SUVs sofort wiederholt. Die Erleichterung von Elternteilen ist unüberhörbar: Du bist mein großer Held, ja, und Du, mein Schatz, bist meine kleine Wetterhexe. Stolz, familiär begründet, ist anthropologisch erklärbar, dringt durch die dicksten Scheiben von dicken Schlitten in die Außenwelt. Dann wird in einem Gefährt mit rhythmischen Hupen angefangen, dann, auf das Signalhorn des Rudelführers hin, ein Hupkonzert angestimmt. Damit ist aber auch der Moment erreicht, in dem der Pädagoge verwundert aufsah. War er doch tief darin versunken, sich über das Zelt Gedanken zu machen. Das führte dazu, dass er es untersuchte und dabei ein immer ungläubigeres Gesicht machte. Er schüttelte sogar den Kopf, doch unverkennbar für ihn, ebenfalls das Zelt hatte das Schlimme heil überstanden. All die Attacken der Sturmböen, die Wirbel, die über die Wiese zogen, überlebt, und das alles wie durch ein Wunder? Nein, wie Maulwürfe tief wurzelten die Heringe, die Verspannungen hatten zwar gesirrt, die Planen vielleicht geschlackert, aber nicht umwerfend. Denn auf Biegen und Brechen waren die Materialien berechnet worden, wie beschrieben und verkündet in der Betriebsanleitung, so dass am Tag nach dem überstandenen Tief in einer der beiden Kirchen des Stadtteils eine Kerze für den Baumarkt angezündet wurde.
In welcher, ließ sich selbst mit gutem Willen nicht mehr ermitteln. Dagegen ließen sich ohne weiteres drei bis vier Zeugen (mit Namen und Anschrift) benennen, wie am Tag danach allgemein anerkannte Bäume weiterhin aufrecht die Wiese umstanden, sicherlich erheblich entlaubt, aber doch wie tüchtige Schiffsmasten. Schaut nur! Auf der Wiese flimmerten Sonnenflecken. Auf den Straßen war es ein laues Lüftchen, das Straßenstaub zu winzigen Staubhosen aufwirbelte. Schaut doch nur! Sofort musste man sich beeilen, denn schon hatten die kleinen Sehenswürdigkeiten wieder schlappgemacht.
5
Tage später. In sämtlichen Haushalten des Stadtteils wurde nach so langer Zeit immer noch der überstandenen Schicksalsprobe gedacht. Sobald man im Familienkreis darauf zu sprechen kam, wurden die Kinder umgehend wieder traurig, einige sogar für fünfzehn Minütchen erneut so untröstlich, dass sie noch nicht ins Bett wollten. Kein Mensch aber, auch die Erwachsenen nicht, darunter der Pädagoge, der mit tabakbraunen Fingern auf der Bettkante saß und an die Nachbarin, schräg gegenüber, die mit den geröteten Augen, dachte, hätte Näheres über den Himmel sagen wollen, höchstens zum Wetter. Denn nicht den Himmel traf irgendeine Schuld.
So, nämlich als Wetter, wurden die Vorfälle denn auch im Hauptquartier des nationalen Wetterdienstes unter dem 31. September 20++ festgehalten.
6
Wiederum genau dreieinhalb Tage später, also am 8. Oktober, wurde der Bericht durch den Generalsekretär der neuerdings von ganz oben beaufsichtigten Institution korrigiert, zum Glück, wie sich ein Praktikant insgeheim sagte, der sich längst mit den Gepflogenheiten im Haus Am Mariannengraben Nr. 1 in Uff am Main vertraut gemacht hatte, ohne sich mit ihnen jedoch abfinden zu wollen. Denn Defätismus bedeutet Kapitulation, so dass durch den Generalsekretär, der dreieinhalb Tage in der Karibik verbracht hatte, aus dem nasskalten Tag in blauen Buchstaben ein Tag mit Extremwetter in violetter Tinte wurde, also doch noch, seufzte der Praktikant in sich hinein.
Prima, sagte der Generalsekretär in die von ihm einbestellte Runde, denn keinem Mitarbeiter und keiner Mitarbeiterin in seinem Haus wollte er zu dem Fehler unter dem letzten des Vormonats einen Vorwurf machen, weshalb er wörtlich sagte, „kein Vorwurf unter meiner Obhut“, was für ihn ein Lieblingssatz war. Aber es komme ihm nicht nochmal vor, betonte er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand, den jede Person in der Runde aus nächster Nähe kannte: eine Angewohnheit, wie auch immer, jedenfalls vor gegenüberliegenden Augen oder unter einer fremden Nase.
Der Gen. Sekr., er hieß Major, Maximilian Major mit bürgerlichem Namen, und wenn er Kommandant oder Kommandeur von seiner Abteilung Aufbereitung wetterbasierter Daten im nationalen Kontext genannt wurde, übrigens auch hinter seinem Rücken, war ihm das sehr recht. Ja, Kommandeur, Kommandant, das gefiel ihm. In dieser Funktion war er schon seit einigen Jahren angehalten, in den Videotext des regionalen Funk- und Fernsehhauses Vorabinformationen wie folgt einzuspeisen: 0 ‒ keine Warnung, 1 ‒ Wetterwarnung, 2 ‒ markantes Wetter, sowie die beiden Eskalationsstufen 3 ‒ Unwetter und 4 ‒ extremes Unwetter. Manchmal, so hatte der Kommandant komischerweise eine leicht subversive Anwandlung, hätte er bei der Stufe 3 Lust, einen Helm zu tragen. Bei dem Gedanken musste er sich schütteln vor Lachen. Das geschah selten, aber in dem Moment tat er es gern, denn liebend gern hätte er in die verdutzten oder belämmerten Gesichter seiner Crew geschaut. Ließen sich die Mienen noch schärfer durch ihn modellieren? Die ganze Sache womöglich zuspitzen, nämlich auf dem Level 4 ein Revolver an den Gürtel schnallen? Nicht fehlte es dem Kommandanten an Phantasie, aber für Militaristisches war der Mann nun wahrhaftig nicht zu haben.
Jetzt, gegenüber dem Praktikanten gab sich der Zeigefinger des Kommandanten jovial, überhaupt die ganze Hand. Sie steckte dem jungen Mann dessen schwarzen Kolbenfüller ins Revers seiner Allwetterjacke zurück. Dazu nickte der Kommandant, so nach dem Motto, wer mit 20 bis 22 bereits ein dermaßen exquisites Schreibgerät mit Goldfeder nutze, aus dem werde noch was, ganz bestimmt, wurde dem jungen Mann zugezwinkert.
Das war eine günstige Gelegenheit, um als Praktikant umgehend zu handeln. Seinen Füllfederhalter erneut zückend, holte er gleichzeitig ein Buch hervor, so eine Art Album. Es hatte eine Schnalle. Sie mit einem Schlüsselchen aufschließend, reichte der Praktikant sein Album dem Kommandanten, um unter der Rubrik „Besondere Leistungen“ eine schriftliche Bestätigung in seinem Praktikumsbericht zu erbitten, ungesäumt, wie aus der ruckartigen Körpersprache des Praktikanten hervorging. Der Kommandant schaute den jungen Mann durchdringend an, gab das mit seiner Unterschrift versehene Zwischenzeugnis zurück nicht ohne die Bemerkung: Für ihren späteren Biographen.
Wie immer in seinem Amt schien dem Generalsekretär so eine Spitze seinerseits besonders gelungen, zumal in Verbindung mit seinen grauen Augen, grau wie Staub oder Asphalt, die wie Stecknadelknöpfe in tiefen Augenhöhlen lagen, aus denen sie bohrend herausschauten, links und rechts einer Adlernase.
Aber da waren zugleich diese Lippen, wenig vorteilhaft, jedenfalls sobald er sprach. Sie verliehen dem Gesicht des Sprechenden einen … – wie soll man sagen? Was dieser Mann besaß, war womöglich eine Autorität, die sich für sein Team nicht ohne weiteres erklären ließ. Ging sie ihm also im Grunde ab? Oder musste der Generalsekretär nicht doch etwas mitbringen, obwohl man über seine Fähigkeiten nur wenig wusste, denn eigentlich wusste man nur, dass er solo lebte, ein gewisses Vermögen wegen Vorfahren aus einer Tapeziererdynastie hatte, sich deshalb einen teuren Oldtimer leisten konnte und zweimal im Jahr die Karibik gönnte. Für ihn war sie, wohin auch immer man auf diesem begnadeten Fleckchen Erde hinspuckte, ein Paradies. Das allerdings, das musste man ihm nicht lang und breit erklären, gefährdet war. Als Hotspot, immens überlaufen und immer mehr vom Meer gefährdet, wie er sich sagte, trotz wonniger Wogen vor sich, trotz der Kokosnüsse in seinem Rücken. Er konnte zusehen, wie sie, achtlos in die Wellen geschleudert, als halbierte Schalen hilflos havarierten.
Der Kommandant schüttelte kurz den Kopf. Er war ganz weit weg gewesen, während sich seine Crew in einem viel zu kleinen Raum von vielleicht 20, allenfalls 21 Quadratmetern quetschte. Die Abteilung, sieben an der Zahl, war an diesem Tag, unserem 8. Oktober, im Verhältnis drei zu vier angetreten. Vor dem viel zu üppigen Schreibtisch des Generalsekretärs wurde gewusst, dass dessen Geste in Richtung Praktikant nicht das letzte Wort war. „Wer also macht’s?“, war dann eine stehende Wendung, die ihnen galt, bekannt auch als seine Lieblingsfrage aus einer Streaming-Serie, ein Zitat, das regelmäßig im Raum stand, der in allen vier Himmelsrichtungen jeweils ganzwändig unterschiedlich dekoriert war. Erstens: mal mit einer Fototapete, die einen typischen Kommandostand zeigte, dann zweitens: eine unglaublich aufgeräumte Oldtimerwerkstatt, drittens: einen wie geharkten Karibikstrand sowie viertens: eine angegraute Raufaserwand. Hätte man im Team Augen im Kopf gehabt, was man offenbar nicht hatte, man hätte mehr über den Kommandanten wissen können. Fünftens war der Kommandostand fensterlos. Was man hätte unheimlich finden können, wenn man sich nicht daran gewöhnt hätte. Man wusste ja, wo die Tür war, halt der Notausgang, das war auf dem langen Korridor, durch den man sich zum Ausgang vortastete, zur stehenden Wendung geworden.
Moment, unterbrach der Generalsekretär die Teamsitzung, wobei jedem in der atemberaubenden Enge klar war, was gemeint war, das Telefon, so ein altmodischer Apparat, weinrot, den der Angerufene abnahm, und wer war dran? M., sprich die frisch gekürte Ministerin! Immerhin, hielt der Telefonteilnehmer (der Kommandant) die Hand auf die Sprechmuschel, wenigstens nicht der Kanzler, der sich über das Wetter beschwere. Ja, Frau Ministerin, sprach der Kommandant in die wieder offene Muschel, ich höre sie, er höre die ihm aus dem Fernsehen vertraute Stimme sogar gut. Die allerdings war offenkundig auf Hundertachtzig, wie die im Raum Anwesenden es aus der Ohrmuschel metallisch vernehmen konnten. Ja, genau, gab der Kommandant freimütig zu, und dabei hatte er einen Kopf am anderen Ende der Leitung vor Augen, der an eine Hyäne erinnerte.
Irgendwie musste er jetzt handeln. Und so vage ihm das zunächst aufging, seine Reaktion gelang ihm, das muss an dieser Stelle freimütig betont werden, sogar erstaunlich souverän, indem er sich von den Zeugen im Raum ab- und seiner Karibik zuwandte, über die Schulter hinweg mit einer Handbewegung Richtung Tür fächelte. Auf der war nagelneu ein Schild befestigt, auf dem, wer es wollte, lesen konnte: Defätismus ist Verrat.
Die bisher im Raum versammelte Bagage trollte sich schlurfend. Zu hören war dabei ein schmatzendes Geräusch, wie von pitschnassen Socken in eben solchen Schuhen. Und in der Tat, jetzt war auch zu sehen, wie auf dem strandfarbenen Teppichboden hässliche Abdrücke mit Profilen wie von Stiefeln hinterlassen wurden, grau wie aus Staub. Am Telefon versuchte der Kommandant, und dafür schaute er jetzt auf die neutrale Raufaserwand, der immer schriller bellenden Hyäne möglichst ruhig klar zu machen, dass die Bilanz an der Wetterfront im laufenden Jahr kaum vorteilhafter ausfallen werde als während der vorherigen Legislaturperiode. Es sei denn, die neue Regierung, die den eisernen Besen zum Staatswappen erkoren habe, wolle etwa auf die Bilanz…? Der Satz blieb unvollständig. Weil ihn sich der Kommandant, ganz Generalsekretär verbiss.
Alles auf der Welt, schoss es Maximilian Major durch den Kopf, geht zu Ende, auch dieses unrühmliche Gespräch, sprach er sich als Generalsekretär Mut zu, noch bevor er den weinroten Hörer auf den altmodischen Apparat gelegt hatte. Thema also erledigt, allerdings mit welchen Folgen, für ihn, den Generalsekretär, und das ihm anvertraute Haus? Die buschigen Augenbrauen des erst kürzlich von ganz oben organisch verpflichteten M. Major zogen sich zusammen, während er sich sagte, die Regierung werde auch seine Dienststelle binnen Jahresfrist dem Volkskommissariat für nationale Aufklärung unterstellen. Und überhaupt, sagte er sich in diesen dreieinhalb Sekunden, sie werden noch ganz andere an die Wand nageln.
7
Mit solchen Gedanken verließ der Generalsekretär seinen Kommandostand. Er schloss die Tür hinter sich, der Code der Sicherheitsanlage fiepte. Aber wieder löste sie kein Licht auf dem Korridor aus, so dass der Mann sich durch eine biblische Finsternis vortasten musste, 57 endlose Schritte, aber immer mittellange, wie er wusste, dem Lichtstreifen entgegen, den er fixierte, an der Stirnseite, unter der Tür, mit der Klinke, immer die Mitte haltend, denn auf der Linken galt es herunterhängenden Stromstrippen auszuweichen, und rechts hatten die Putzkräfte wahrscheinlich wieder mal Eimer und Schrubber stehen gelassen. Wenn er sie anherrschte, half es trotzdem nichts, obwohl sie mit gesenkten Köpfen Besserung gelobten, ja, der Herr.
Nach einer (halben) Ewigkeit, in der sich sein ganzes Wesen mit dem Korridor nicht abfinden wollte, ertastete der Korridornutzer die Türklinke. Bis dahin im Dunklen pfeifend, denn so versprach es ihm zweifellos das Sprichwort, pfiff er die ersten drei bis vier Takte eines Calypso-Songs. Dann, siehe bereits oben, hatte er, endlich, die Klinke in der Hand, Metall. Eisiges mit festem Griff spürend, lobte er sich, brav gemacht, für seinen blinden Instinkt. Kaum hatte er die Tür vollständig geöffnet, schlug ihm ein dermaßen gleißendes Licht entgegen, dass er wütend wurde, wie übrigens jedes Mal, wenn er so dastand. Es war ein Licht, der Wirkung nach geradezu ein Blitz, der den Geblendeten aber an diesem Tag nicht nur in den Bann schlug, sondern binnen Sekunden zu sich selbst kommen ließ, mit dahin für nicht möglich gehaltenen Folgen. Denn ganz mit sich allein in seinem eigenen Haus, in dem aber auch gar nichts funktionierte, schoss es ihm in einem für ihn historischen Moment blitzartig durch den Kopf: Nach mir die Sintflut.
Den tieferen Sinn des Satzes verstand er folgendermaßen: Ab in die Karibik. Wo doch die Abfindung ready war, die Lebensversicherung sicher war, winkten Wogen, Weißwein und schwarze Frauen, die er liebte. Er, ein abgedankter Kommandant, der es an seinem Karibikstrand zum König gebracht hatte, welche Wonnen, und nicht nur einen Trip während. Mögen die weltweiten Wasser auch steigen, bis vom Strand in die Kokosnusskronen umgesiedelt werden müsse, doch dann würde er ‒ da war er sich sicher ‒ nicht mehr da sein. Denn so verstand er den Sinn des Satzes „Nach mir die Sintflut“.
Im Laufe der folgenden dreieinhalb Tage, die ins Land gingen und ins neue Reich, sah der Generalsekretär ungemein gelassen zu, wie in seiner Mannschaft ausgeknobelt wurde, wer den Übertrag von Papier in die elektronischen Speichermedien final perfekt machen würde. Schon in seinem Büro hatte Maximilian Major nichts anderes erwartet, als dass Maja Mabuse diejenige sein würde, welche… Er hatte zwar nichts mit ihr, denn zog sie jemals ihre wulstigen Wollsocken aus? Aber sie, ihm stets schräg gegenüber begegnend, hatte nun mal im Profil die längsten Backenzähne. So dass an einem Tag Ende Oktober das Vorgefallene nun endlich für die Öffentlichkeit amtlich war. Punkt, mochte es in den sozialen Medien, unter der Schirmherrschaft der neuen Regierung, noch so toben.
8
So unbeschreiblich allein das war, so war es offenkundlich dreieinhalb Tage später, als überall, nämlich im ganzen Land wie im gesamten Reich, erstmals dicke Schneeflocken dicht an dicht aus einem grauen Himmel auf die Erde hinunterfielen. Aber war nicht erst Herbst? Allemal war das im Stadtteil, von dem hier die Rede ist, damals so. So dass in sämtlichen Haushalten, die mindestens ein Kind im Einwohnermeldeamt ihres Bürgerhauses führen ließen, zu hören war: Hinaus, raus aus euren asozialen Stuben, auf zum Rodeln, zum Pilz! Der war damals legendär, denn er war der spitzenmäßigste Spielplatz im Stadtteil, eine künstlich aufgeschüttete Erhebung, bekrönt von einem Pavillon, einem Fliegenpilz aus Holz und Stroh, Teer und Eisen.
Donnerwetter, schallte es durch die Straßen, in denen sich die ersten Schlittenschlangen bildeten, schon ein Stau. Wer ansonsten eine Viertelstunde zum Pilz brauchte, rückte während des verfrühten Wintereinbruchs in fünf Viertelstunden vor, dorthin, wo unter dem Fliegenpilzstrohdach ein Hot-Dog-Stand aus dem Boden gewachsen war. Nicht so drängeln, Kinder, rief der Hot-Dog-Verkäufer, der Trog reicht für alle. Dort, wo kein Dach über bemützten Köpfen war, stoben Schneeflocken, schon noch lustig, aber längst nicht mehr ganz so dicht. Und schaute man sich weiter um, war die Sache zudem die, dass den Schlittenverkehr circa zwei bis drei Eisbären regelten, oder Kühlschränke, wie es auch hieß, faktisch Security in schneeweißen Michelin-Overalls, die mit der Aufschrift Romania-Germania-Romania beflockt war. Es waren handzahme Hünen, die mit auffordernder Miene immerzu die Hand bei jeder ihrer ungezählten Handreichungen aufhielten.
Zwischenzeitlich war aus dem vertrauten Fliegenpilz unter dem Einfluss der Schneeflocken so etwas wie ein verblüffender Zuckerhut entstanden. Aber trotzdem, weil der Himmel mit dem Schnee insgesamt doch nicht so richtig nachkam (aber wie denn bitteschön an einem Herbsttag, hieß es später in einem Kommentar der Stadtteil-Umschau), musste in den Spätnachmittagsstunden gehandelt werden. Ein erfahrener Spielplatzvater zeigte auf die bereits verschlissene Rasenfläche. Bevor sie vollkommen marode werde, bohrte er mit seinen Stiefelspitzen im Boden, müsse Kunstschnee her, und zwar umgehend, betonte er, bereit, sämtliche auch ihm bekannten Gesetze umzustoßen.
Der Spielplatzvater schaute sich um, und er schaute unter den Umstehenden in sehr unterschiedliche Gesichter. War das irre, was er im Kopf hatte, oder bloß eitles Gerede oder ein leeres Versprechen, überhaupt total unmöglich? Oder war der Mann ein Kümmerer, somit das, was er vorbrachte nicht vollkommen unvernünftig? Diese Bemerkung, die keinen wirklichen Einwand mehr bedeutete, führte diskursiv zum Durchbruch. So dass, ohne dass Schriftliches eingereicht worden wäre, eine Schneekanone noch vor dem Abendbrot eintraf.
Als das alles geschah, läuteten im ganzen Stadtteil die Glocken. Irgendeine Macht hatte sie dazu animiert, ein Automatismus, oder doch eine aufmerksame Hand? Derweil wie leergefegt, man kann es nicht anders sagen, waren zu dieser Stunde die Straßen, nämlich dermaßen leer, dass man auf ihnen keiner Menschenseele begegnete. Unter einem grauen Himmel, nach einer Version, die im Umlauf war, grau wie Staub. Das konnte aber überhaupt nicht stimmen, denn den Staub hatte der Schnee weggewaschen. Nach wiederum einer anderen Version glich der Himmel ein bisschen dem Asphalt, dort, wo es schon taute.
Sieh mal an, auch dort hätte man gut eine Schneekanone gebrauchen können. Wie auch immer, das bisschen Schnee reichte, dass sich das Geläute wattiger anhörte als sonst.
Letzte Änderung: 26.03.2026 | Erstellt am: 26.03.2026
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