Zwischen Schweigen und Trauer
Judith Hermanns Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ beschreibt eine Reise nach Radom in Polen, wo der Großvater der Autorin während der deutschen Besatzung im Dienste der Waffen-SS eingesetzt war. Doch geht es in neuem Buch der Bestsellerautorin weniger darum, die Biografie der Familie aus der Kriegszeit und Okkupation Polens an seinem Beispiel historisch zu rekonstruieren, als vielmehr um die Erinnerung, die die Familie an diesen Mann kultiviert hat ‒ wie auch darum, wie diese Erinnerung alle geprägt hat. Indra Wussow, Historikerin und Psychologin, zeigt sich von dem Ringen der Autorin mit dem schwierigen Stoff ‒ dem Versuch der Erinnerung an einen Täter ‒ fasziniert.
Man wird nicht automatisch zur Erzählerin einer Familiengeschichte. In den meisten Familien geschieht eher das Gegenteil: Geschichten verschwinden. Sie lösen sich auf in Halbsätzen, in vagen Andeutungen, in jenem eigentümlichen Schweigen, das oft mehr sagt als jede Erinnerung. Dass jemand beginnt, diese Lücken dennoch zu erkunden, ist selten selbstverständlich. Es bedeutet häufig, gegen ein stilles Einverständnis anzuschreiben.
Auch dieses Buch beginnt in einem solchen Raum des Schweigens. Eine Erzählerin macht sich auf den Weg in eine Vergangenheit, die zugleich familiär und historisch ist. Sie reist nach Polen, versucht herauszufinden, welche Rolle ihr Großvater, ein Mitglied der Waffen-SS, während der deutschen Besatzung spielte, und verbringt einen Winter in Radom, der Großstadt im südlichen Zentralpolen, in der ihr Großvater eingesetzt war. In der Einsamkeit des dunklen polnischen Winters versucht sie zu begreifen, wie seine Verbrechen ihre Familie geprägt haben.
Was zunächst wie eine klassische Spurensuche wirkt, entwickelt jedoch bald eine andere Dynamik. Denn der Text folgt nicht der Logik einer historischen Rekonstruktion. Er bewegt sich vielmehr entlang der eigenwilligen Wege der Erinnerung: sprunghaft, tastend, manchmal widersprüchlich. Von Radom fährt sie zu ihrer Schwester nach Neapel. Die Schwester ist Archäologin, die in Pompeji damit beschäftigt ist, eine antike Katastrophe auszugraben, aber keinen Sinn für die eigenen Gespenster zu haben scheint. Der Text entwickelt sich nicht entlang einer historischen Chronologie, sondern in unterschiedlichen Erinnerungsbahnen. Ein Ort ruft den nächsten hervor, eine Interaktion öffnet eine andere Zeit. Immer wieder Gespräche mit der unwilligen Mutter am Telefon, die sich partout an nichts erinnern will und doch immer wieder von der suchenden Tochter herausgefordert wird.
Es gehört zum Konzept des Buches, die eigene Spurensuche mit den kollektiven psychologischen Folgen der NS-Zeit in Deutschland zu verbinden. Die Autorin reist mit einer kleinen Handbibliothek nach Radom und hat auch Alexander und Margarete Mitscherlich im Gepäck. Eine kluge, aber auch riskante Wahl. In ihrem 1967 erschienenen Buch Die Unfähigkeit zu trauern beschrieben Alexander und Margarete Mitscherlich eine Gesellschaft, die den Zusammenbruch des Humanen im Nationalsozialismus nicht wirklich betrauert hatte. Statt sich der eigenen Verstrickung zu stellen, entwickelte sich eine kollektive Abwehr: Schuld wurde verdrängt, Verantwortung verschoben und die Vergangenheit rationalisiert.
Ein Schlüsseltext der deutschen Nachkriegsgeschichte. Doch im Buch der Erzählerin erscheint er nicht als fertige Erklärung. Die Mitscherlichs liefern kein Modell, das sich einfach auf eine Familiengeschichte anwenden ließe. Vielmehr setzen sie eine Bewegung des Nachdenkens in Gang. Plötzlich wird sichtbar, wie eng private Erinnerung und kollektive Geschichte miteinander verbunden sind, und die Autorin Hermann inszeniert es hier als ein privates Experiment, um eben jene „Unfähigkeit zu trauern“ zu verstehen, und sieht sich mit der selbstgewählten Aufgabe konfrontiert, diese Unfähigkeit aufzulösen.
Nun ist das Buch bereits 1967 erschienen, Deutschland ist zwei Generationen weiter und somit stellt sich mir als Psychologin und Historikerin die Frage, warum die Autorin sich dieser These bedient, während es gerade in der letzten Zeit viele historische und psychologische Texte zur kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ‒ und über Erinnerung per se ‒ gegeben hat. Der Psychoanalytiker Roger Frie hat diese Prozesse als eine Form moralischer und biographischer Arbeit beschrieben. In seinen Studien über Nachkommen von Tätern zeigt er, wie stark sich historische Forschung und persönliche Selbstverortung miteinander verschränken können. Wer beginnt, die eigene Familiengeschichte im Kontext nationalsozialistischer Gewalt zu untersuchen, betritt nicht nur ein historisches Feld, sondern auch ein emotionales und ethisches, dass sich aus vielen Erinnerungssplittern zusammensetzt und ein neues, aber immer unvollständiges neues Bild ergibt.
Das erlebt die Autorin auf ihrer Reise hinein in die Erinnerung selbst in scheinbar willkürlichen Momenten, wenn sie von der Erinnerung heimgesucht wird. Diese Erlebnisse beschreibt Hermann als Momente von Epiphanie; später hat sie Heimweh selbst nach dem winterlich trostlosen Radom, weil dieser Ort nun mit solch einer Erinnerung mit ihr verbunden ist. Es ist ein Ankommen in der Erinnerung, dass sie so gerne teilen möchte, doch da ist niemand, der dasselbe fühlt. Nicht nur weil Erinnerung etwas Individuelles ist, sondern auch weil nicht jeder den Schmerz des Verlusts oder der Erkenntnis aushält.
Nicht ohne Grund tauchen im Buch Szenen des Schwimmens auf: das leere Hallenbad in Radom, das kalte Meer von Neapel. Im Wasser verliert der Körper sein Gewicht, für einen Moment schwebt er zwischen Oberfläche und Tiefe. Diese Schwerelosigkeit ähnelt der Erfahrung der Erinnerung selbst. Auch sie setzt etwas in Bewegung, löst sich von der linearen Zeit und trägt einen an Orte, die zuvor verborgen waren.
Vom Beben der Erinnerung
Zum Beispiel in das Berlin der 2000er. Ein Cousinentreffen aller Enkelinnen desselben Großvaters, alle Töchter einer Familie, deren Geschichte durch ihn, den SS-Mann, mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden ist. Die Szene wirkt zunächst fast idyllisch. Ein Familientreffen unter Frauen derselben Generation. Die Atmosphäre ist leicht, die Frauen sind erfolgreich, ihre Kinder flachsblond, es wird gelacht und getrunken. Diese Szene kippt auf dem Nachhauseweg. Die Erzählerin sagt zu ihrer Schwester, dass dieses Treffen „todtraurig“ gewesen sei. Die Schwester widerspricht sofort. Es sei nicht alles immer traurig und wendet sich von der Schwester brüsk ab, und der Kontakt ist danach lange unterbrochen.
Hier zeigt sich eine der zentralen Fragen des Buches: Wie verteilt sich Erinnerung innerhalb einer Familie und was bedeutet es, wenn die Erinnerungsarbeit so schmerzhaft ist, dass es einfacher scheint, sie zu unterlassen? Obwohl alle sieben Frauen dieselbe genealogische Geschichte teilen, erleben sie ihre Bedeutung offenbar sehr unterschiedlich oder eben gar nicht. Für die Erzählerin hat sie ein unsichtbares Gewicht und erst durch das Kreisen um ihren Großvater assoziiert sie ihn mit dem Riesen aus dem Märchen vom kleinen Däumling, der seine eigenen sieben Töchter frisst. Das Bild ist grotesk, und doch zeigt gerade diese Verstörung, wie stark Bilder der Vergangenheit sind und was für eine fast schon metaphysische Wucht Bilder der Erinnerung haben können.
Eine der eindrücklichsten Szenen des Buches zeigt, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart auftaucht. Sie beginnt mit etwas scheinbar völlig Unpolitischem: den Regeln eines Erdbebens. Was tut man, wenn die Erde bebt? Man bleibt stehen, sucht eine freie Fläche. Ist man im Haus, stellt man sich unter den Türrahmen und wartet, bis es vorbei ist. Diese nüchterne Sprache der Stabilisierung bildet den Auftakt zu einer Szene, in der genau diese Stabilität ins Wanken gerät. Die Schwester der Erzählerin fragt nach einem Erdbeben, während sie mit der Familie ihrer Schwester in der Wohnung der verstorbenen Agata Alba essen und den Nachlass besichtigen. Die Erzählerin fühlt das Haus schwanken, die Zwischenböden verschieben sich, Kisten rutschen. Für einen Moment scheint es, als würde sich jemand unter ihnen bewegen. Der erste Schreck gilt nicht dem Beben der Erinnerung selbst, sondern der Vorstellung, dass jemand sich dort oben versteckt haben könnte. Aus diesem Moment der Verunsicherung entsteht eine der stärksten Imaginationen des Buches. Die Erzählerin sieht ihren Großvater aus den Archiven hervortreten nicht als Foto, nicht als Dokument, sondern wie eine Figur auf einer Bühne, als trete er aus einem Wald auf eine Lichtung.
Der Großvater erscheint in unterschiedlichen möglichen Gestalten: in kurzen Hosen und mit den Stiefeln der SS oder in einem zugeknöpften Mantel mit dem „Schaustellergesicht“. Dass sich die Erzählerin für diese zweite Figur entscheidet, ist aufschlussreich. Das Schaustellergesicht deutet auf eine Rolle, auf eine Inszenierung. Der Großvater erscheint nicht nur als historischer Täter, sondern auch als jemand, der Geschichte aufführt, der sich in Bildern zeigt und zugleich hinter ihnen verbirgt. Von den Zwischenböden aus blickt er auf die Szene darunter. Die Schwester, ihr Mann Carlo, die Kinder, die Erzählerin selbst, seine Enkel und Urenkel sitzen um Agatas langen Tisch. Sie essen aus dem Geschirr einer verstorbenen italienischen Kommunistin, plaudern, leben ihr Leben.
Der Großvater betrachtet diese Szene wie eine Ausgrabung. Und hier erhält sie eine zweite Bedeutungsebene. Die Schwester arbeitet als Archäologin in Pompeji, jenem Ort, an dem die Vergangenheit in den Formen eines plötzlich unterbrochenen Lebens sichtbar geworden ist. Auch hier wirkt der Blick des Großvaters wie der Blick auf eine archäologische Stätte: die Nachfahren, die sich um einen Tisch gruppieren, als wären sie freigelegte Figuren einer Geschichte, deren Ursprung längst unter Asche begraben liegt. „Das also ist sein Stamm, seine Sippe“, heißt es an dieser Stelle. Der Satz wirkt beinahe trocken, fast beiläufig, und doch liegt in ihm eine eigentümliche Ambivalenz. Die genealogische Sprache von Stamm und Sippe erinnert unweigerlich an jene völkischen Begriffe, mit denen der Nationalsozialismus selbst operierte.
Gleichzeitig wird sie hier in einen ganz anderen Kontext gestellt: eine Familie im Alltag, Kinder, Gespräche, Kichererbsen auf angeschlagenen Tellern. Der Großvater steht damit nicht nur für eine Vergangenheit, sondern für eine genealogische Kontinuität, die sich nicht einfach auflösen lässt. Tätergeschichte verschwindet nicht mit dem Tod der Täter. Sie bleibt Teil der Familiengeschichte, eine Schicht, die sich über Generationen hinweg durch die Gegenwart zieht.
Und hier, den Tod einer ungekannten Frau betrauernd, löst sich die Unfãhigkeit zu trauern auf, der Opa verliert seine Macht, gerade weil man ihn betrauern kann und seine Geschichte integrieren lernt. Und damit zeigt die Autorin, wie die Erinnerung eine Katharsis darstellen kann. Diese Katharsis wird allerdings durch ein Symbol eingeführt, das zugleich Hoffnung und Irritation auslöst: einen Dreidel, den die Erzählerin ihrem Neffen aus Krakau mitgebracht hat. Der kleine Kreisel mit den hebräischen Buchstaben ist ein Spiel um die Erinnerung an das Wunder des Überlebens und wirkt in diesem Kontext ambivalent. Einerseits steht er für Hoffnung und für die Möglichkeit eines Dialogs über die Vergangenheit. Andererseits bleibt der Zweifel: Darf sich eine deutsche Täterfamilie dieses Symbol jüdischer Überlieferung einfach aneignen?
Schuld und Sühne in Radom
Radom ist ein zentraler Resonanzraum der Erinnerung, die Stadt, in der die Schuld des Vorvaters wie der Fluch der Atriden auf der Erzählerin lastet. Sie hat es sich nicht leichtgemacht, hat Akten im Bundesarchiv in Berlin eingesehen, sich auf den Weg in die Wirkungsstätte ihre SS-Großvaters gemacht, dort die deutschen Taten recherchiert und erfühlt. Auch in einer selbst auferlegten Einsamkeit, die sowohl die Bürde der unaussprechlichen Tat als auch das Schweigen der vielen Toten respektiert, die wahrscheinlich auch ihr Großvater mit zu verantworten hat.
Radom hatte vor dem Krieg eine blühende jüdische Gemeinde, und das von den Deutschen errichtete Ghetto war eines der größten im sogenannten Generalgouvernement. Doch Spuren verschwinden mit der Zeit, Archive sind lückenhaft. Dokumente fehlen, und so bleibt auch hier vieles dieser Täterbiographie unbeantwortet. Diese Erfahrung ist Historikern vertraut. Archive sind keine vollständigen Gedächtnisse der Vergangenheit. Sie bestehen aus Zufällen, Überlieferungsbrüchen und Leerstellen. Vieles wurde nie aufgeschrieben, anderes ist verloren gegangen.
Die Erzählerin erspürt diese Leere, die einen Tatort auch lange nach der Zeit heimsucht. Radom leckt noch immer an seinen Wunden. Der Onkel fragt, wie sie es schafft, sich an einem solchen Ort ins behagliche Bett zu legen, und sie schweigt. Was soll man auch sagen: angesichts des Leids, das durch das Denkmal der zerstörten Synagoge repräsentiert wird, oder der Traurigkeit über den Shabat mit dem einzigen lebenden Juden von Radom. Die Erzählerin erspürt die Orte der Erinnerung intuitiv, und die Historikerin und Psychologin in mir steigen in ein Zwiegespräch darüber ein, wieviel Geschichte und Ereignisse Teil dieser Suche sein müssten. Die Psychologin versteht, dass es hier um das mutige Herantasten an die familiäre Nazi-Vergangenheit geht und dass diese erratische Suche Teil der Auseinandersetzung mit unangenehmen Wahrheiten ist ‒ es geht um Innerlichkeit und nicht um Fakten.
Für die Historikerin ist Engführung des Textes problematisch. Radom war nicht nur ein Ort jüdischer Verfolgung, sondern zugleich Schauplatz massiver Gewalt gegen die polnische Bevölkerung, Zwangsarbeit, Deportationen, Terror und systematische Repression gehörten ebenso zur deutschen Besatzungspolitik. Im Buch tritt diese historische Mehrschichtigkeit jedoch nur am Rand hervor. Dadurch gerät aus dem Blick, dass dieselben Täterinstitutionen, insbesondere die SS, nicht nur am Holocaust beteiligt waren, sondern auch zentrale Akteure der brutalen Vernichtungs- und Unterdrückungspolitik gegenüber der polnischen Bevölkerung waren. Gerade für deutsche Leserinnen und Leser wäre es wichtig, diese gesamte Dimension der Gewalt sichtbar zu halten.
Ist das Verschwinden des polnischen Leids hier auch einem Zeittäschchen geschuldet? Der letzte Teil des Buches trägt den Titel Tidslomme, Zeittäschchen, ein Begriff des dänischen Schriftsteller und Theologen K. E. Løgstrup, der Situationen beschreibt, in denen die lineare Zeit plötzlich aufhört, dominant zu sein. Gemeint sind kleine Taschen in der Zeit als Momente oder Orte, in denen etwas aufbewahrt bleibt, während anderes verschwindet. Die Erzählerin erfährt hier doch noch etwas von ihrer Mutter, die sich an ein Kinderspiel aus dem Berlin der fünfziger Jahre erinnert. Als Kinder vergraben sie kleine Gegenstände in der Erde, bedecken sie mit Scherben oder Glas und lassen sie dort zurück. Manche dieser kleinen Geheimnisse bleiben erhalten, andere gehen verloren.
Das Buch endet nicht mit einer Lösung. Es endet mit einer Haltung. Nicht mehr mit dem Schweigen der Verdrängung, sondern mit einem Schweigen, das Raum lässt für Fragen, für Erinnerung, für ein mögliches Gespräch
Erscheinungsdatum: 25. Februar 2026
Sprache: deutsch
Auflage: 1. Auflage
Seitenanzahl: 160
Autor/Autorin: Judith Hermann
Verlag/Hersteller: FISCHER, S.
Produktart: gebunden
Gewicht: 240 g
Größe (L/B/H): 204/128/20 mm
ISBN: 9783103977646
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 12.03.2026 | Erstellt am: 12.03.2026
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