Konservendosen im lyrischen Labyrinth
Ein ungewöhnlicher Erzähler, eine Welt aus surrealen Betrachtungen in Konservendosen: In “Masleboi” verabschiedet sich Thomas Kunst von einer klassischen erzählerischen Handlung und entwirft ästhetisch und anarchistisch eine neue literarische Sprache, die sich vor allem aus Erinnerungen, Eindrücken und Wünschen speist. Es ist eine isolierte Wirklichkeit, die zugleich imaginärer nicht sein könnte – eine faszinierende, etwas überfordernde und dennoch unterhaltsame Geschichte, findet Gabriel Romano.
Masleboi, der neue Roman des im ländlichen Asyl der Leipziger Provinz lebenden Autors Thomas Kunst, provoziert auf ganzer Linie. Das vom Suhrkamp Verlag herausgegebene Buch will mehr sein als eine klassische Geschichte und nähert sich einem Bewusstseinsfeld, das unaufhörlich mit unserer Intuition spielt. Diese Vorgehensweise ist im Grunde genommen der spezifischen poetischen Entwicklung Kunsts geschuldet, dessen Literatur tief in der Lyrik verankert ist – hunderprozentige Lyriker, die Prosa schreiben, bleiben in erster Linie Dichter, auch wenn sie regelmäßig Romane vorlegen wie Kunst.
In Masleboi schafft Thomas Kunst eine Realität, die Tagträume, autofiktionale Merkmale und fragmentarische Betrachtungen unserer Welt miteinander verbindet. Der Roman folgt einem namenlosen Erzähler, der in einem Ort namens Otchanganarriva wohnt – anscheinend in einem fremden Land – und rastlos Briefe an eine Frau namens Masahlena schreibt. Vieles bleibt uns bis zum Ende der Erzählung fremd und ungelöst. Allerdings stellt der Autor eine Hauptfigur vor, die sich allmählich der Gesellschaft entzieht und jede Möglichkeit vermeidet, sich auf irgendwelche Interaktionen mit ihr einzulassen.
Die wenigen Informationen, die wir über den Erzähler erhalten, liefern die Alltagssituationen, die oft komisch, sinnlos und realitätsfern wirken. Er sammelt Konservendosen, und diese bilden einen großen Teil seines häuslichen Ökosystems, als wären sie seine Familienmitglieder. Die Etiketten löst er von den Konserven, um sie als Material für den Bau seiner Möbel und Gebrauchsgegenstände zu verwenden. Auch über seine Liebe Masahlena ist wenig bekannt – sie bleibt ebenso eine rätselhafte Figur.
Im Laufe der Geschichte begegnen wir auch vagen Kindheitserinnerungen, die vom Erzähler immer in größeren Zusammenhang mit unterschiedlichsten Themen gestellt werden: Wir erfahren auf diese Weise seine kritischen Gedanken zu Flucht, Krieg und sozioökonomischen Systemordnungen. Zudem werden in vielen Passagen des Romans Zeitungsausschnitte zitiert, die oft scheinbar grundlos im Buch platziert sind. Die Themen werden selten nach einer logischen Struktur behandelt, sondern verkörpern eher allegorisch die internalisierten Gefühle des Erzählers: Sehnsucht, Anpassungsbedürfnis, Angst, Frustration, Zugehörigkeit und so weiter. Mit seiner ungewöhnlichen Routine, isolierten Verhaltensweise und der Beschreibung fragmentierter, teilweise surrealer Gedanken geht es im Kern dieser Erzählung weniger um eine klassische Handlung, die sich normalerweise über viele Kapitel hinweg entwickelt, sondern vielmehr um Bewusstseinszustände, die unsere Überzeugungen ständig in Frage stellen.
Thomas Kunst ist ein avantgardistischer Autor – zumindest, was einen großen Teil seines Prosawerks angeht. Als genuiner Lyriker trägt sein Stil deutlich poetische Züge, und obwohl sein neuestes Werk als Roman bezeichnet wird, fühlt es sich beim Lesen eher wie ein langes Prosagedicht an. In dem Buch ist das experimentelle Vorgehen bezüglich der Form und des Stils klar zu erkennen: Die Struktur ist fragmentiert, die Sätze prägnant, und die Erzählung entfaltet sich in einer lyrischen Fantasterei, bei der man sich nie sicher sein kann, ob die Ereignisse real sind. Masleboi wirkt in dem Sinne wie ein innerer Monolog oder ein Traumzustand, der doch mehr über Stimmungen und Assoziationen als über einen klaren Plot definiert werden kann.
Die rhythmische Sprache, ungewöhnliche Metaphern und häufige, manchmal etwas ermüdende, jedoch sicherlich beabsichtigte Wiederholungen entwerfen eine avantgardistische literarische Landschaft, deren Sprache mehr zum Poetischen tendiert als zum Erzählerischen. Sie erzeugt eine hypnotische Wirkung und vermittelt den Eindruck eines obsessiven Gedankengangs. Hinzu kommen abrupte Themenwechsel und absurde Bilder in Form von Satzfragmenten, die sich eher assoziativ als logisch erklären lassen. Somit „irritiert“ der Autor bewusst die Lesenden und richtet den Fokus auf die Erzeugung von Effekten durch eine total offene, der Anarchie huldigende Sprache, die quasi vor nichts zurückschrecken kann und darf: Der Autor will Erwartungen brechen, Orientierungslosigkeit erzeugen und mit den herkömmlichen Vorstellungen der Lesenden spielen.
Stilistische Spiele mit rhetorischen Figuren sind Kunsts Markenzeichen, seine Fans und Leser sind mit ihnen bestens vertraut. In seinem 2021 erschienenen Roman Zandschower Klinken setzt er die Wendung „aber in umgekehrter Reihenfolge“ fünfundfünzigmal ein, das Symbol „Taxi“ kommt in diesem Buch neunundsechzigmal vor. Der Suhrkamp Verlag charakterisiert Kunsts Prosa als „wild, formsprengend und überbordend“. Ähnlich werden auch in Masleboi einige Sätze bewusst wiederholt, wobei sich der Erzähler – bitter und sarkastisch – sogar darüber lustig macht: „Ich freue mich schon jetzt auf all die Kritikerlieblinge, die nachprüfen, wie oft dieselben Formulierungen in meinem angeblichen Roman vorkommen“ (S. 182).
Diese experimentelle Struktur lässt deswegen viel Raum für mögliche Interpretationen des zentralen Leitmotivs. Die Konservendosen könnten sowohl den Versuch von Kontrolle und Ordnung symbolisieren als auch eine in sich kohärente Ersatzwelt für echte Beziehungen darstellen. Zugleich verweist die Sammlung auf die Absurdität menschlicher Gewohnheiten. Die zunehmende Isolierung der Hauptfigur führt dazu, dass ihr täglicher Bericht unzuverlässig erscheint: Der Text lässt oft offen, was real ist und was nur im Kopf des Erzählers existiert. Existiert Masahlena wirklich? Oder imaginiert der Erzähler das Ganze? Die Erzähltechnik des sogenannten Bewusstseinsstroms (Stream of Consciousness) funktioniert hier besonders deutlich: Gedanken, Wahrnehmungen und Assoziationen werden unmittelbar wiedergegeben, ohne klare Ordnung oder logische Struktur. Der Autor provoziert, gibt aber nur selten irgendwelche Antworten.
Die Leseerfahrung führt teilweise zu einer Verwirrung, insbesondere bei solchen Leserinnen und Lesern, die an klassische Romanstrukturen gewöhnt sind – es ist allerdings eine vom Autor gewollte Wirkung, die für experimentelle Literatur typisch ist. Man versucht ständig, einen Sinn in den Überlegungen zu finden, wird jedoch am Ende von den komplizierten Gedankenstrukturen des Erzählers ziemlich überfordert. Aber gerade diese provokante Orientierungslosigkeit ist Teil der künstlerischen Absicht und wird durch die erzeugte Unsicherheit im Kontext der Frage nach Realität und Einbildung zu einer der zentralsten Spannungen des Romans.
Masleboi ist kein Werk, das sich leicht erschließt – gerade in seiner sprachlichen Eigenwilligkeit liegt jedoch seine absolute literarische Besonderheit. Das Buch verlangt Geduld und Bereitschaft zur Irritation, belohnt jedoch mit einer dichten, zwischen Absurdität und Melancholie schwebenden Sprachwelt: „Ich merke, wie dieser Roman allmählich seinem Ende entgegengeht. Die Ideen gehen aus“ (S. 177). Kunst gelingt es, eine kreative Literatur zu schaffen, die gleichzeitig fasziniert, überfordert und unterhält, und zeigt damit eindrücklich, dass ein Roman nicht zwingend erzählen muss, um zu wirken – sondern gerade in der ästhetischen Offenheit und anarchistischen Unbekümmertheit seine größte Kraft entfalten kann.
Buchangaben
Titel: Masleboi
Autor: Thomas Kunst
Verlag: Suhrkamp Verlag
Erscheinungstermin: 11.03.2026
Seitenanzahl: 223 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-518-43277-8
Auflage: Suhrkamp Verlag, 1. Auflage
Preis: 25,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 16.04.2026 | Erstellt am: 16.04.2026
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