Im Kopf gefangen

Im Kopf gefangen

Zu Katerina Poladjans mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman “Goldstrand”
Goldstrand | © S. FISCHER Verlag

Eli erzählt von seinem Leben, erinnert sich, analysiert es – aber er scheint nur noch in seinen Erinnerungen wirklich zu leben. Katerina Poladjan zeichnet mit ihrem Roman “Goldstrand“, der mehr einer Novelle ähnelt, ein Bild eines Gefangenen: Ihre Erzählung spiegelt das Innenleben eines in Bewegungslosigkeit verharrenden Mannes wider und schafft gerade dadurch eine gewisse Distanz zur Realität. Zwischen Einsamkeit, Gedankenschleifen und Fragmenten aus der Vergangenheit erfahren wir die Komplexität eines Lebens, das jegliche Emotionalität bewusst verweigert. Es ist ein Experiment der Gefühle, das keine Gefühle mehr hervorruft. Ein Roman, der zwar klug komponiert sei, aber das Risiko scheue, so Mayjia Gille.

Kennen Sie das Gefühl, wenn jemand Ihnen einen Film nacherzählt – detailliert, ausufernd, ohne Rücksicht darauf, ob Sie folgen wollen oder können? Genau dieses unwillige Gefühl stellt sich bei der Lektüre des neuen Romans Goldstrand von Katerina Poladjan ein. Man ist nicht im Hier und Jetzt, weiß nicht recht, wohin es geht, fühlt sich ein wenig ausgeliefert und ist gefangen in den ideenverliebten Erzählungen eines anderen. Es ist eine Stagnation, ein Leben voller Baustellen, Fragmente und Erzählreste – ohne Entwicklungen. Kein Wandel, keine wahrhaftigen, wirklich körperlichen Begebenheiten, es taucht auch keine tiefgreifende Bekehrung auf. Unmengen Story Sheets, drehbuchartig abgespult, verlaufen sich, werden überlagert von anderen.

Man kann diesen intelligenten Roman lesen und mit dem Lesen wieder schmerzlos aufhören, man legt ihn wieder weg, liest ihn wieder und bleibt dennoch derselbe.

Goldstrand ist kein Roman der klaren Linien, sondern einer der Abschweifungen statt Ausschweifungen in „älterer-Männer-Manier“: Im Zentrum steht Eli, fast 60 Jahre alt, Filmregisseur, alleinlebend in Rom. Seine Tochter arbeitet in Oranienburg in der Gedenkstätte Sachsenhausen – ein Ort, der bereits die Schwere andeutet, die über dem gesamten Roman liegt. Eli erzählt unaufhörlich. Filmszenen, Erinnerungen, Assoziationen. Ob dies interessiert oder nicht, bleibt zweitrangig – die Geduld der Lesenden wird in jedem Fall ziemlich beansprucht.

Der knapp 156 Seiten umfassende Text ist eher eine Novelle als ein Roman. Denn Entwicklung findet kaum statt. Es gibt keine echte Veränderung, weder in der Gegenwart noch im Inneren der Figuren. Die Bewegung liegt ausschließlich in der Vergangenheit. Diese wird in langen, oft listenartigen Beschreibungen entfaltet – Requisiten, Räume, Gegenstände, Bilder, die sich aufbauen, ohne sich wirklich zu entladen. Goldstrand ist ein Akademikerroman. Selbst die Figur des handwerklichen Lew muss natürlich ein verkappter, aber studierter Philosoph sein. Die Sprache ist manchmal sehr gewollt durchzogen von geisteswissenschaftlichen Referenzen, historischen Bezügen sowie architektonischen und kulturellen Details. Bildung wird dennoch nicht vorausgesetzt, sondern: die Figuren grenzen sich dadurch ab – und es ist damit eine Hommage an das scheinbar Schöne, Wahre und Gute. Dennoch handelt es sich nicht um einen Bildungsroman, weil dafür jede Entwicklung, jede „Statuskippe“ der Hauptfigur fehlt.

Deutlich wird die menschliche Routine des Lebenslaufes beschrieben: Generationen kommen und gehen wie Wellen, sie machen Geschichte oder werden vergessen – diese Sicht produziert natürlich keine Lebendigkeit. Und so ist es auch hier in diesem Buch: Alles, was Bedeutung hätte, findet nur im Kopf des Protagonisten Eli statt. Seine Mutter wollte kein „a“ an den Namen hängen, weil der dann eventuell zustande kommende Vergleich mit dem gleichnamigen bevollmächtigten Propheten des Alten Testamentes zu wuchtig schiene und zu hohe Erwartungen hervorbrächte. Vielleicht ist es so wie im Leben der meisten Menschen, das nämlich überschaubar ist: Es gibt in dieser Überschaubarkeit keine Vollmacht, keine wirkliche Präsenz, kein Rausch der Hingabe, keine Verzauberung, dafür selbstverliebte Ratlosigkeit. Der Wahlitaliener und Regisseur Eli, der immer noch an seiner Mutter und seine Exgeliebten hängt und in der Vater-Tochter-Beziehung versagt hat, ist umgeben von Unwichtigkeiten, Langeweile und dem verblassten Glanz seiner Filmerfolge. Er besteht lediglich aus einer enormen Speicherkapazität seiner Vergangenheit und manischer Versachlichung. Aber: Alles ist nur Gedanke.

So ist man nicht verwundert, wenn man am Ende im „Abspann“ des Buches folgende Bemerkung Poladjans liest: „In diesen Roman haben einige Worte, an anderen Stellen, auch ganze oder halbe Sätze von Italo Calvino, Marcel Duchamp, Marie von Edinburgh, Caspar David Friedrich, Johann Wolfgang Goethe, Giorgio Moroder, Heiner Müller und Ludwig Wittgenstein Eingang gefunden.“ Abgesehen von der groben Nachlässigkeit, den 1782 an den Weimarer Großdichter von Goethe verliehenen Adelstitel zu vergessen, taucht die Frage auf, warum diese Erwähnung wirklich nötig ist. Auf der gegenüberliegenden Seite liest man: „Ich danke Dr. Thomas Biewer, Dr. Martin Raspe, Dr. Jörn Schafaff und meiner Dottoressa.“

Spätestens dann möchte man ausrufen: dann macht doch einfach euer Ding! Und vielleicht ist das auch etwas, was der hier vorliegenden Novelle fehlt: Verbundenheit und Ergriffenheit. Der Mann Eli, fast wie von einer künstlichen Intelligenz kühl und mit gebührendem Abstand beschrieben, bleibt diffus. Man erfährt zwar von Ängsten, von möglichen Traumata, von Einsamkeiten, aber nicht wirklich viel über seine Empfindungen, seine wahrhaften Berührtheiten. Und dafür ist der Roman scheinbar auch gar nicht da: Eli zeichnet sich hier vielmehr als Konstruktion eines Menschen ohne wirkliche Kontaktfähigkeit ab – vielleicht depressiv, vielleicht hypochondrisch, vielleicht bindungsgestört.

Die Autorin verweigert eindeutige Zuschreibungen ebenso wie klare Motivationen, denn das würde ganz sicher zu einer Berührung führen. Selbst Elis Therapie bleibt rätselhaft – weder Ziel noch Anlass werden wirklich greifbar. Die Figur der Therapeutin mischt sich ab und an in seine Gespräche ein, schon ein wenig unprofessionell in ihrer Arbeit, bleibt jedoch randständig. Formal verzichtet die Autorin weitgehend auf Orientierungshilfen. Dialoge sind nicht klar markiert, Übergänge oft fließend. Der Einstieg in die eigentliche Rahmensituation – eine Therapiesitzung – wird erst spät erkennbar. Zunächst muss man sich durch dichte, teils überladene Beschreibungen durcharbeiten, ohne zu wissen, worauf alles hinausläuft.

Die politische Ebene des Romans bleibt ebenso eindeutig wie konventionell. Faschismus und Antifaschismus erscheinen in vertrauten Mustern, ohne Ambivalenz oder zeitgenössische Brechung. Auch hier wird nichts infrage gestellt, nichts verschoben – alles bleibt in bekannten Kategorien verhaftet. Der titelgebende Goldstrand bleibt dabei überraschend in Zurückhaltung. Er taucht immer wieder auf, wie ein fernes Motiv, beinahe wie ein versunkenes Atlantis. Stattdessen dominiert die Vergangenheit Europas, insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkriegs und dessen Nachwirkungen – hier liegt der eigentliche Schwerpunkt des Romans.

Auffällig ist die durchgehende emotionale Distanz. Wo Szenen das Potenzial hätten, zu berühren, werden sie gebrochen durch nüchterne Beschreibung oder reflexive Einschübe. Die Erzählinstanz greift immer wieder ein – kommentiert, erklärt, lenkt. So entsteht eine Metaebene, die Nähe verhindert und Spannung unterläuft. Ein Beispiel dafür ist eine Szene in der Kirche: Eli fällt mit dem Stuhl um – ein Moment, der sowohl tragisch als auch komisch sein könnte. Doch statt emotionaler Verdichtung folgt eine sachliche, fast beiläufige Beschreibung, und dadurch wird die Möglichkeit zur Berührung konsequent vermieden. Das Buch zieht nicht in Bann, es manipuliert nicht, es illusioniert nicht – im Gegenteil.

Diese Verweigerung von Emotionalität ist offensichtlich kalkuliert. Wer Drama und Pathos sucht, wird hier nicht fündig. Stattdessen bietet der Roman eine gewisse sachliche Ruhe, eine intellektuelle Distanz. Das kann entlastend wirken – oder ermüdend. Denn über weite Strecken entsteht ein Gefühl der Bewegungslosigkeit. Eli lebt mehr in seinen inneren Bildern als in der Realität. Als Filmregisseur verlagert er seine Wahrnehmung in imaginierte Szenen. Das reale Leben erscheint ihm blass, uninteressant. Begegnungen bleiben oberflächlich, Beziehungen fragmentarisch.

Die Handlung selbst ist kaum stringent. Vieles wirkt konstruiert, manches gewollt. Gleichzeitig gibt es ständig interessante Ideen – etwa die Figur eines Schauspielers, der trotz Ausschlusses immer wieder in Filmszenen auftaucht und sich nicht „herausschneiden“ lässt. Solche Einfälle blitzen auf, werden aber selten weiterentwickelt. Was wirklich bleibt, ist das Porträt eines Mannes, der sich in die Vergangenheit zurückzieht, weil die Gegenwart ihm nichts mehr zu sagen hat: „Ich öffne jeden Morgen die Augen und frage die Gegenwart, was sie mir zu erzählen hat. Doch sie antwortet mir nicht“ – dieser Satz könnte als Schlüssel zum gesamten Roman gelesen werden.

Doch auch in der Vergangenheit findet sich keine echte Wärme. Dazu bräuchte es tiefe Empfindsamkeit, einfacher, vielleicht sogar, demütiger Menschen. Stattdessen: Beschreibungen, Listen, Reflexionen. Insgesamt bleibt Goldstrand ein „anständiger“ Roman – im doppelten Sinne: kontrolliert, gebildet, diszipliniert, aber auch zurückhaltend, vorsichtig, nie ausbrechend. Er fordert nicht heraus, riskiert wenig, verweigert sich sowohl emotionaler als auch erzählerischer Zuspitzung, kommt dem Lesenden nie zu nahe.

Eine Erzählung über das verhüllte Leben – die ganz gewöhnliche Tragik wahrscheinlich der meisten normalen Menschen, im Glauben ihrer Besonderheit doch nur Getriebene ihrer Systeme zu sein.

Buchangaben:
Autorin: Katerina Poladjan
Titel: Goldstrand
Verlag: S. FISCHER Verlag
Erscheinungsdatum: 27.08.2025
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Seitenzahl: 160 Seiten
Auflage: 1. Auflage
ISBN: 978-3-10-397176-7
Preis: 22,00 € (E-Book 19,99 €)

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 09.04.2026  |  Erstellt am: 09.04.2026

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