Flüchtiger Zufall, bleibende Spuren

Flüchtiger Zufall, bleibende Spuren

Über die Fragilität menschlicher Begegnungen: Rezension zu Adrian Kasnitz’ Erzählband „Der gelbe Hut von Mister Biller“
Der gelbe Hut von Mister Biller | © parasitenpresse

Zufällige Begegnungen waren während der Pandemie plötzlich unmöglich – Adrian Kasnitz macht sie zum literarischen Prinzip. In zwölf Kurzgeschichten erzählt der Kölner Autor von menschlichen Begegnungen, die nachwirken – von denen man alles und zugleich nichts erwarten darf. Zwischen Spaziergängen, Städten und Erinnerungen entfaltet sich eine literarische Reflexion über die Unberechenbarkeit des Lebens. Spannend, sensibel und subtil, findet Gabriel Romano.

Adrian Kasnitz lebt als Schriftsteller, Lyriker, Kurator und Veranstalter in Köln. Als Verleger der Parasitenpresse, in der auch sein neues Prosabuch Der gelbe Hut von Mister Biller erschienen ist, schreibt Kasnitz hauptsächlich Lyrik und Essays. Neben den Veröffentlichungen von Gedichtbänden, Romanen sowie Kurzprosa beschäftigt er sich auch mit Fotografie und Geschichte. Die Arbeit an seinem letzten Band wurde durch ein Arbeitsstipendium des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

In seinem Buch Der gelbe Hut von Mister Biller betrachtet Kasnitz mit großer literarischen Sensibilität die Komplexität menschlicher Begegnungen und all das, was sie mit sich bringen: Erinnerungen aus der Vergangenheit, ambivalente Gefühle und unangesprochene Konflikte. Mit einer Sammlung von zwölf Stories erzählt der Autor von der zarten Behaglichkeit des Wiedersehens und der kontemplativen Stille des Auseinandergehens, wobei diese beiden Elemente in den Kurzgeschichten nicht voneinander zu trennen sind. Zwischen Erinnerung, Stadt und Innenraum zeichnet Kasnitz ein Bild des Zufalls, das gleichzeitig provoziert und bezaubert.

„Die Idee für die Geschichten entstand in der Pandemie-Zeit, als zufällige Begegnungen verboten waren“ (S. 92), schreibt Kasnitz in seiner Danksagung. Wir haben hier also mit einer Sammlung von unerwarteten Begegnungen zu tun, die so erzählt werden, als wären sie schriftlich zufällig festgehalten worden. Am Beispiel verschiedner Reisen wird der Lesende mit unterschiedlichen Verabredungen und ihren Eigenheiten vertraut gemacht. In Städten in Deutschland, Tschechien, Ungarn, Albanien, Lettland, China, Rumänien, Italien und England erleben wir Beziehungen, die auseinandergehen, Freundschaften, deren Festigkeit trügt, und Bekanntschaften, die sich als herzliche Erinnerungen entfalten – real, dokumentarisch, anrührend.

Mit einem dominierenden Ich-Erzähler setzen die Geschichten eine intime Tonalität ein: Die Leser fühlen sich somit von Anfang an mit der Erzählung eng verbunden. Die Sätze sind kurz, die Sprache leicht, die Lektüre sehr angenehm. Ob manche Geschichten hundertprozentig autobiografisch sind, bleibt unklar. Durch bemerkenswerte fiktionale Elemente – die keinesfalls negativ zu verstehen sind – gewinnt die Schlussgestaltung einen überraschenden Effekt; bei unerwarteten, teils skurrilen Ereignissen fragt man sich, ob das Beschriebene tatsächlich so geschehen ist.

Die Kurzgeschichte Pedro Pascal und Emma Stone ist jedoch die einzige, die explizit als eine wahre Erzählung bezeichnet wird: „Da die Ereignisse der folgenden Geschichte wirklich auf diese Weise geschehen sind, ändere ich die Namen sämtlicher Personen. Alle männlichen Figuren darin heißen Pedro Pascal und alle weiblichen Figuren heißen Emma Stone“ (S. 61). Als längste Erzählung der Sammlung wirkt sie auf den ersten Blick äußerst verwirrend: Eine Begegnung mit jemandem aus einer alten Freundesgruppe ruft eine Vielzahl von Erinnerungen an Menschen aus der Studienzeit hervor – was ein exemplarischer Mechanismus für den Kern des Werkes ist. In der Geschichte geht es um ein Uni-Projekt, das aus gemeinsamen Literaturinteressen heraus konzipiert, gefördert und weiterentwickelt wird. Neben strukturellen Entscheidungsprozessen treten neue Figuren auf, die die Dynamiken der Zusammenarbeit verändern. Daraus entfaltet sich eine Erzählung, in der sich der Verrat, die Lüge und das Verlassenwerden nicht nur auf zwischenmenschliche Beziehungen beschränken, sondern auch das gesamte Leben der Figuren endgültig erschüttern.

Obwohl wiederkehrende Symbole, die in fast allen Geschichten präsent sind, ins Auge fallen – etwa das eiskalte Bier oder der klebrige Schweiß im Sommer – folgen die Erzählungen keinem einheitlichen Muster. Eine chronologische Reihenfolge fehlt, wodurch sich die Erfahrungen der Figuren mit Erinnerungen aus der Vergangenheit vermischen; dennoch wirkt diese Unordnung nicht verwirrend, da die Absätze die unterschiedlichen Gedankengänge sinnvoll im Text platzieren. Was der Autor hier schafft, darf man nicht unterschätzen, denn es gelingt ihm, die Unberechenbarkeit menschlicher Begegnungen – und damit des Lebens – mit Erfolg literarisch zu übersetzen, indem er Grauzonen stärker hervortreten lässt als klare und meistens ermüdende Gegensätze von Schwarz und Weiß: Erinnerung und Gegenwart werden bei der Schilderung der verschiedenen Zusammenkünfte nicht voneinander getrennt, sondern miteinander verknüpft.

Insgesamt überzeugt Der gelbe Hut von Mister Biller durch seine sensible Darstellung menschlicher Begegnungen, die zwischen Zufall, Erinnerung und Emotion oszillieren. Besonders gelungen ist die Verbindung aus routinemäßigen Situationen und kontemplativen Reflexionen, auch wenn die fehlende klare Reihenfolge stellenweise eine gewisse Orientierung beim Lesen erschwert. Gerade diese Offenheit zeigt sich jedoch zugleich als Stärke, da sie die unvorhersehbare Vielschichtigkeit zwischenmenschlicher Erfahrungen widerspiegelt. Somit ist Kasnitz’ Erzählband vor allem für solche Leserinnen und Leser empfehlenswert, die sich auf leichte, aber spannende Geschichten einlassen möchten und gedankliche Impulse sowie unerwartete Handlungen suchen.

Buchangaben
Titel: Der gelbe Hut von Mister Biller
Autor: Adrian Kasnitz
Verlag: parasitenpresse
Erscheinungstermin: 01.03.2026
Seitenanzahl: 94 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-98805-079-3
Preis: 14,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 10.04.2026  |  Erstellt am: 10.04.2026

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