Eine Terrorballade für unsere Zeit

Eine Terrorballade für unsere Zeit

Historie trifft Krimispannung: Rezension zu Michael Pfeiffers „Terrorballade“
Cover „Terrorballade“ | © Edition Outbird

Michael Pfeiffers Roman „Terrorballade“ löst schon mit seinem Titel Neugier aus – dieses Gefühl bleibt auch bis zum Ende der Lektüre bestehen. Geboren ist der Romancier in Wiesbaden und kennt sich damit auf dem Buchterrain prima aus, er kennt es buchstäblich wie seine Westentasche: Sein fünfter Roman verknüpft historische Fakten mit Fiktion zu einem spannenden Krimivergnügen. Zwischen lakonischem Humor, Detektivarbeit sowie gegenwärtigen Debatten über Gewalt und Widerstand entfaltet sich eine Geschichte, die unterhält und zugleich überrascht. Frank Winter blickt auf Pfeiffers Buch, das Fans von Hammett und Chandler gleichermaßen begeistern wird.

Es geht um die dritte und letzte Generation der RAF/Rote Armee Fraktion. Im Mittelpunkt steht der Filmvorführer Sänger, dessen Handwerk nicht mehr benötigt wird. Unser digitales Zeitalter grüßt. Arbeitslos ist er also und hat kürzlich geheiratet. In einem Wiesbadener Café wartet er auf seine Frau, die mit Kleidereinkäufen für die Flitterwochen beschäftigt ist.

… als eine Frau, die mit drei anderen Leuten an einem Tisch gesessen hatte, aufstand und zu ihm herüberkam. Sie war ein bisschen älter als er selbst, mager, mit breiten Hüften und strähnigen Haaren.

Sänger benötigt einen Moment, um sich an den Namen der Frau zu erinnern, die er von der früheren linken Wiesbadener Szene kennt, und seine Begeisterung hält sich in Grenzen, denn:

Ich konnte damals mit eurem linken Quark nichts anfangen. Aber der war mir im Rückblick dann doch sehr viel lieber als der rechte Quark, den heute manche für Widerstand halten.

Bettina – so heißt die Frau – möchte, dass er ihren Ex-Freund Robby ausfindig macht. Detektivisch hat Sänger sich bereits erfolgreich betätigt, und so ist die Bitte nicht abwegig. Derjenige, um den es geht, ist ein Informant des Verfassungsschutzes. Robert, alias Robby, Zimmermann, der sich verstecken muss, hat einen Brief gesendet, abgestempelt in Deutschland. Sänger blockt ab, will nichts mit der Geschichte zu tun haben. So ist es ihm sehr recht, als seine Frau auftaucht. Marlene, Chefin der Lokalredaktion des „Wiesbadener Kurier“, passt gut zu ihrem Gatten. Ihre Vorliebe für Scotch Whisky ist eine der Gemeinsamkeiten. Als Erstes möchte sie wissen, wie viele Sänger bereits intus hat, und bestellt, seiner Antwort entsprechend. Weil der Barkeeper etwas verdutzt ist, erklärt sie:

Ich meine vier Gläser mit genau dem Inhalt, den dieses hier hat. Alle vier in einer Reihe vor mir auf dem Tresen. (…) Direkt hier, wo ich sie in Reichweite habe.

Nach der Begegnung im Café beginnt Sänger, neugierig geworden, zu recherchieren. In der Hessischen Landesbibliothek frischt er sein Gedächtnis auf. Robert „Robby“ Zimmermann war ein „Technikfreak mit Anarchotendenzen“, den der Verfassungsschutz erfolgreich unter Druck setzte, als Spitzel zu arbeiten. Im Jahr 1989 zog er nach Wiesbaden und engagierte sich in der linken Szene, wurde zum Kurier zwischen dieser und der RAF. Schließlich besiegelte er, mit Signalsender und Mikrofon ausgestattet, in Bad Kleinen 1993 das Ende der Vereinigung.

Sänger nimmt den Auftrag an und erfährt, dass Zimmermanns Brief in Hamburg abgestempelt wurde. Der Detektiv ermittelt zunächst weiter in Wiesbaden und schließlich in der Hansestadt, wo er mit seiner Frau kurzerhand die Flitterwochen verbringt. Einen zweiten Aufenthalt absolviert er allein und gerät in die Hände von … – nein, natürlich werden wir das nicht verraten, sondern lediglich sagen, dass Sänger seine Ermittlungen erfolgreich beendet.

Die Lektüre des Buches ist überaus lohnend, der lakonische Humor einer der vielen Vorzüge neben der knappen, präzisen Zeichnung der Protagonisten. Nicht zu vergessen die spannende Story, die sich langsam, sicher und unausweichlich vor dem Lesenden entfaltet. Ikonische Autoren der literarischen Kriminalliteratur wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler würden ihren Hut ziehen. Wer in Klassikern des modernen Films beschlagen ist, lacht etwas mehr. Noch Unkundige dürfen sich über die peu à peu eingestreuten „Filmtipps“ freuen – sie haben auf diese Weise einen weiteren, kulturellen Nutzen. Last but not least wäre da noch die eingangs erwähnte, gekonnte Mischung von neuerer Geschichte und Fantasie. Pfeiffer geht vor wie auch der Autor eines guten historischen Romans: Alles, was erzählt wird, hätte so geschehen sein können. Dabei spielt die Geschichte der RAF und die Frage, ob Gewalt ein legitimes Mittel ist, um gesellschaftliche Veränderung zu bewirken, eine große Rolle.

Buchangaben
Titel: Terrorballade
Autor: Alexander Pfeiffer
Verlag: Edition Outbird
Erscheinungstermin: 1. Februar 2024
Seitenanzahl: 234 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3948887612
Preis: 07,95 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 08.05.2026  |  Erstellt am: 08.05.2026

divider

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn mit Ihren Freund:innen:

divider

Kommentare

Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.

Kommentar eintragen