Ein Spiegelkabinett der Komik
Alexander Pfeiffer findet Gefallen an den Possen und Glossen des Buches von Erwart Reder, er hebt das Tempo, die Fabulierlust und den Hintersinn hervor. Auch der individuelle Stil des Autors gefällt ihm.
Bis in die Ausläufer des letzten Jahrhunderts zurück erstreckt sich die Publikationsgeschichte des Maintaler Autors Ewart Reder. Führte zuletzt in seinem Gedichtband „Die hinteren Kapitel der Berührung“ ein eher entschleunigter Blick die Kamera und sorgte für stille Beobachtung, steht der Autor in seinem neuen Sammelband „komisch, dass wir nicht merken, dass wir komisch sind. Possen und Glossen“ quasi durchgehend auf dem Gaspedal.
Wohl nicht ganz zufällig präsentiert sich auf der Startlinie dieses Buchsprints die Glosse „Zugetextet“. Auf den folgenden 282 Seiten textet Ewart Reder seine Leserinnen und Leser nämlich nach Strich und Faden und allen Regeln der Kunst zu mit Kolumnen, Satiren und Kurzgeschichten, die zwischen 2011 und heute in der Frankfurter Rundschau, dem neuen deutschland oder etwa dem Literaturboten erschienen sind.
Die vorliegende Sammlung packt all das, was da über viele Jahre entstanden und publiziert wurde, in Buchform zusammen und sorgt in der Abfolge der Texte für ein Tempo, das gelegentliches Luftholen unabdingbar macht. Wie der Autor hier Alltägliches auseinanderschraubt, auf verschlungenen Wegen durch die eigenen Hirnwindungen schleust und aufgeladen mit zutiefst individueller Empfindung in Worten und Sätzen wieder ausstößt, das mutet bisweilen wie ein Wettrennen mit sich selbst über lange Distanz an. Als hätte der Autor seine Gedanken beim Schreiben in rascher Folge aufgereiht wie Dominosteine, die unter den Augen des Lesers übereinander herfallen, einer nach dem anderen, beinahe schneller, als man folgen kann.
Hier bricht sich eine überbordende Fabulierlust Bahn, die durch keinerlei redaktionelle Eingriffe gebändigt scheint – quasi Reder pur: hintersinnig, kreiselnd, fast schwindlig machend. Manche Sätze muss man zweimal lesen, um sicherzugehen, dass da impliziert wird, was man wahrgenommen zu haben glaubt. Das mutet an wie ein Spiegelkabinett, dessen Brechungen und Reflektionen einen taumeln lassen. Beim Zuklappen des Buches muss man sich dann erstmal schütteln, den festen Boden unter den Füßen wiederfinden.
Als „ein Buch voll mit Comedy“ wird das Werk im Klappentext angepriesen. Ob das tatsächlich „Comedy“ ist, was Ewart Reder hier auffährt, das mögen andere beurteilen. Gemessen an dem, was uns das Fernsehen unter diesem Label verkauft, gibt es zwischen den Deckeln dieses Buchs deutlich zu viel Hintersinn, zu viele scharfe Kanten, die das Autorenhirn schlichtweg nicht abzuschleifen für nötig befunden hat. Die Leserinnen und Leser werden es Ewart Reder danken. Wer braucht schon Comedy, wenn er Komik haben kann?
Ewart Reder: komisch, dass wir nicht merken, dass wir komisch sind. Possen und Glossen. Mit fünfzehn Zeichnungen und Aquarellen des Autors. Pop-Verlag, Ludwigsburg 2025
ISBN: 978-3-86356-414-8
Letzte Änderung: 27.01.2026 | Erstellt am: 27.01.2026
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