Die Facebook-Queen am Ende der Zeiten
Eine merkwürdige Frau dokumentiert auf Facebook ihr Leben und putzt dabei die Gesellschaft herunter: damit eröffnet Richard Schuberth seinen Roman Der Paketzusteller. Das Buch sei eine Komödie, eine Liebesgeschichte und eine sozialpsychologische Beobachtung, so Gabriel Romano, Schuberth zeichne ein Bild unserer Zeit, in der Aufmerksamkeitssucht und die komplizierten Machtverhältnisse unaufhörlich miteinander interagieren würden.
Der 2025 erschienene Roman Der Paketzusteller wurde vom Essayisten, Kulturwissenschaftler und Cartoonisten Richard Schuberth geschrieben. Bereits mit seinem Roman Chronik einer fröhlichen Verschwörung von 2015 wurde der Autor, der auch Musiker ist, für den österreichischen Literaturpreis Alpha nominiert und zählt aktuell zu den eigenwilligen Stimmen der zeitgenössischen österreichischen Literatur. In Der Paketzusteller liefert Schuberth eine scharfe Gesellschaftssatire, die die Leserschaft mit solchen Themen wie Nihilismus, Aufmerksamkeitsökonomie sowie berufliche Ausbeutung konfrontiert.
„Gerhild Pfister, 48, ist Facebook-Queen“ – so beginnt die Beschreibung des Buches auf der Website des Drava Verlags, wo es erschienen ist. Gerhild verbringt tatsächlich sehr viel Zeit online, in der sie täglich mit ihren vertrauten Social-Media-Mutuals interagiert. Doch Gerhild wird bald sterben: Bei ihr wurde Krebs diagnostiziert. Mit dem Wissen, dass sie sich online nicht verewigen kann, bespielt sie ihre Timeline so intensiv wie möglich und nutzt sie gezielt als Werkzeug, um ein gewünschtes Machtverhältnis auszuüben: Im Internet kann sie mit Menschen sprechen, sie bestrafen oder belohnen.
Der erste Teil des Romans liefert eine Beschreibung ihrer Prioritäten und ihrer Denkweise. Gerhild wirkt von Beginn an emotional instabil und selbstgefällig, und sie scheint − auf den ersten Blick ‒ von digitaler Aufmerksamkeit abhängig zu sein. Auf Facebook führt sie eine Art Tagebuch, in dem sie ihre Gedanken zu unterschiedlichsten Themen publiziert. Social Media ist für Gerhild ein digitales Kampffeld, auf dem Aufmerksamkeit und Mitleid von anderen erwirkt werden können. Jede Kommunikation beinhaltet Tricks, die für ein Publikum regelrecht inszeniert werden: „Es geht nicht um die Richtigkeit einer Aussage, es geht darum, wer das Richtige sagt, gegen wen und wann“ (S. 74). Dieses Verhältnis zur digitalen Welt erscheint uns sofort und in erster Linie als ungesund, doch gleichzeitig zeichnet Schuberth damit ein lebensnahes und weit verbreitetes Bild unserer Realität, denn für viele Menschen gilt leider der Satz: „Es gibt kein Leben außerhalb der sozialen Medien“ (S. 16).
Neben ihren wenigen „analogen” Beziehungen zu ihrer Mutter und zu ihrem besten Freund Ferry gibt es noch eine besondere: Sie lernt den Paketzusteller Haydar kennen. Mit ihm beginnt sie eine leidenschaftliche Affäre, die ihrem Leben Euphorie einhaucht und zugleich ihr Bewusstsein für die Arbeitsbedingungen von Paketzustellern schärft. Mit Haydar erlebt sie im Alltag eine neue Routine und erfährt mehr über seine Vergangenheit, seinen sozialen Kreis und die Realität der Ausbeutung in seinem Beruf.
Der zweite Teil des Buchs schockiert. Während der erste Teil stark essayistisch gestaltet ist und sich auf Gerhilds Online-Präsenz konzentriert, ist der zweite Abschnitt erzählerischer: Er konfrontiert die Leserinnen und Leser mit dramatischen Ereignissen, die nihilistisch, unerwartet und erschütternd sind. Der dritte Teil schließt das Werk mit einer beinahe krimiartigen Tonalität ab. Nach einigen Wochen verschwindet Haydar plötzlich aus Gerhilds Leben. Sie erfährt, dass er angeblich ermordet wurde. Von diesem Moment an entwickelt sich die Handlung spannungsgeladen weiter: Gerhild schmiedet neue Pläne, erhält neue medizinische Befunde und begegnet manchen Figuren erneut – es sind Begegnungen, deren Realität teilweise fragwürdig bleibt.
Der Paketzusteller leistet einen wichtigen Beitrag zur literarischen Landschaft und zur gesellschaftlichen Reflexion. Schuberths Werk lässt sich nicht einfach in eine Kategorie einordnen. Der Roman ist nicht in klassische Kapitel gegliedert, sondern arbeitet mit häufig platzierten Zwischenüberschriften: Die Geschichte entwickelt sich über die klassische Romanform hinaus und scheint eher eine Essaysammlung zu verkörpern, wobei die Liebesgeschichte, die soziale Analyse und die Gesellschaftssatire ineinander verschachtelt sind.
Der Autor nutzt vor allem Gerhilds Figur, um eine Satire über unsere heutige performative Realität zu entwerfen. Gerhild ist manipulativ, und man fragt sich in vielen Passagen, ob dem, was sie mitteilt, überhaupt vertraut werden kann. Durch ihre ironische Art in ihrem Charakter lässt sich nicht immer einschätzen, ob ihre Aussagen lediglich Ausdruck ihres pechschwarzen Humors sind oder tatsächlich als menschenfeindlich zu kategorisieren wären. Sie wirkt wie eine selbstgefällige Narzisstin, doch zugleich verspürt sie einen tiefen Pessimismus gegenüber ihrem Leben – ist sie selbstlos oder selbstverliebt?, fragt man sich während der Lektüre.
Gerhild ruft auf den ersten Blick kaum Empathie hervor, doch ihre Diskussionslust und ihre teilweise scharf formulierten Thesen sind faszinierend. Als Leser hat man oft das Gefühl, von ihr alles – und zugleich nichts – erwarten zu können. Gleichzeitig spiegelt sich darin die brutale Realität sozialer Probleme wider – besonders in der Begegnung mit Haydar. Ob Scheinsouveränität, Aufmerksamkeitsökonomie oder prekäre Arbeitsverhältnisse: Diese Themen lassen sich nicht voneinander trennen. Schuberth wählt in diesem Fall eine ironische Darstellung unserer heutigen Welt, die jedoch eng mit menschlichen Emotionen wie Ego, Angst und Wut verbunden ist.
Darüber hinaus greift der österreichische Romancier eine Vielzahl weiterer Themen auf. Schuberths Entscheidung, sowohl psycholgisch relevante Themen wie Hoffnungslosigkeit, Suizid und generationellen Narzissmus als auch politische und wirtschaftliche Diskurse – etwa Antisemitismus, Spätkapitalismus oder Feminismus – einzubeziehen, gestützt durch eine wortgewaltige und spielerische Schreibweise, ist bemerkenswert. Dass er dabei komplexe Dialoge und lange Reflexionen unterschiedlicher Figuren konstruiert, ist ambitioniert und ebenso beeindruckend. Für die Leserschaft ergibt sich daraus die Möglichkeit, eigene Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen.
In diesem Sinne ist Der Paketzusteller eine literarische Meditation über unsere Gegenwart, die zusätzlich bewusst die strukturellen Grenzen traditioneller Romanformen überschreitet. Schuberth gelingt es, gesellschaftliche Spannungen mit satirischer Schärfe zu beleuchten und moderne Widersprüche sichtbar zu machen, ohne einfache Antworten zu liefern. Der Paketzusteller ist damit ein literarisches Werk, das nicht nur unterhält, sondern auch zur Reflexion über unsere Gesellschaft einlädt, die in einer tiefen Identitäskrise steckt und globale und geopolitische Probleme lösen muss.
Buchangaben
Autor: Richard Schuberth
Titel: Der Paketzusteller
Verlag: Drava Verlag
Erscheinungsdatum: 13.10.2025
Erscheinungsort: Klagenfurt (Österreich)
Seitenzahl: 300 Seiten
Auflage: 1. Auflage
ISBN: 978-3-99138-114-3
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 18.03.2026 | Erstellt am: 18.03.2026
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