Die düstere Heimat der Tradwives

Die düstere Heimat der Tradwives

Über den neuen Roman von Hannah Lühmann “Heimat”
Cover „Heimat“  | © hanserblau

Was passiert, wenn politische Ideologien in den intimsten Raum unseres Lebens eindringen? In “Heimat” zeichnet Hannah Lühmann ein Bild unserer politischen Gegenwart in Europa: den Aufstieg ultrakonservativer Bewegungen. Zwischen den Umständlichkeiten des Lebens, den leisen, oft verdrängten Gefühlen des Alltags und der Suche nach Zugehörigkeit erzählt sie von einer beunruhigenden gesellschaftspolitischen Entwicklung, die uns erschreckend nah ist. Eine hochaktuelle, relevante Literatur, meint Gabriel Romano.

Heimat heißt der neueste Roman der Autorin Hannah Lühmann. Die 1987 in Berlin geborene Kulturjournalistin schreibt unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Die Zeit“. Nach ihrem Romandebüt Auszeit, das ebenfalls bei Hanserblau erschienen ist, reflektiert die Autorin in ihrem neuen Buch Heimat kritisch persönliche Krisen im Verhältnis zu konservativen Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft.

In Heimat begleiten wir das Leben von Jana, die kürzlich aus der Stadt in eine neue Siedlung gezogen ist. Mit ihren zwei kleinen Kindern und ihrem Mann hofft sie auf ein ruhiges Leben, um bald ihr drittes Kind zu bekommen. Mit der Kündigung ihrer ehemaligen Vollzeitbeschäftigung und dem Bruch ihrer Routine in der Stadt fällt es ihr schwer, sich in dem neuen Viertel einzuleben. Eine gewisse Unzufriedenheit packt sie und beherrscht ihren Alltag: Hat sie die richtige Entscheidung getroffen?

Doch Janas Alltag verändert sich durch die Begegnung mit Karolin, einer gutaussehenden Frau, die Janas Aufmerksamkeit sofort weckt. Allmählich betritt Jana Karolins Welt: Sie hat fünf Kinder und einen Ehemann. Sie wohnt im Wald in einem wunderschönen Haus, das von Kiefern umsäumt ist; ihr Leben scheint problemlos und gemütlich. Karolin ist eine typisch traditionelle Hausfrau und postet auf Instagram ihre Kochideen, Hausfrauen-Hacks und Putzroutinen: Sie ist eine Tradwife-Influencerin.

Die Tradwife ist eine US-amerikanische Bewegung, die sich in den letzten Jahren auf Social Media weltweit schnell verbreitet hat. In den sozialen Medien teilen Frauen konservative Werte miteinander, sodass ein gemeinsames Hausfrauen-Netzwerk entsteht. Sie verfestigen christliche Rollenbilder (Männer als Versorger, Frauen als Erzieherinnen), sprechen über die Bedeutung der familiären Einheit und betonen die Wichtigkeit der Haushaltsroutine für die Funktionsweise der Ehe. Zugleich lehnen sie bestimmte Aspekte ab, die heutzutage selbstverständlich erscheinen: Frauen auf dem Arbeitsmarkt, Kita-Betreuung oder Impfungen.

Hinter den Kulissen geht es bei dieser Bewegung um die Verbreitung und Verstärkung eines sehr konservativen Weltbildes, das sich prinzipiell gegen die Gleichberechtigung richtet. Weibliche Autonomie spielt keine Rolle, Gehorsamkeit ist die Regel: „In der Bibel steht es klar und deutlich: Wir Frauen sollen uns dem Mann unterordnen“, heißt es in dem Roman (S. 81). Gerade in kleineren Gemeinden mit begrenzter Meinungsvielfalt kann sich dieses Phänomen auch besonders leicht verfestigen – ein Umstand, der sich in Janas neuem Lebensumfeld widerspiegelt.

Was das Buch auch nicht ausspart, ist die äußerst realistische Darstellung der Verbindungen des Hausfrauen-Phänomens Tradewife zur rechtsextremen Szene: Die AfD gewinnt die Wahlen in der Gemeindevertretung der Siedlung, in der Jana lebt, und wird von den Tradwives als sinnvolle Lösung für ihre Probleme angesehen: Karolin unterstützt sie aktiv.

Karolin wird im Buch als eine makellose Frau dargestellt: Sie hat die perfekte Ehe, vorbildliche Kinder und alles unter Kontrolle – zumindest nach außen hin. Und Jana verlangt all das auch für sich selbst, sie möchte genauso leben wie ihre Freundin und all das haben, was Karolin erreicht hat: Ihr Neid wird zur Besessenheit.

Am Ende des Buches erreicht ihr Gefühlszustand den Höhepunkt: Als Karolin im Urlaub ist, betritt Jana hochschwanger ihr leeres Grundstück. Dort manifestieren sich Janas Wünsche und Frustrationen in träumerischen Bildern – alles wirkt wie ein Schlafwandeln. Ob dies tatsächlich geschieht oder Einbildung ist, bleibt offen.

Lühmann greift kritisch weitere Themen auf: die Vernetzung von Verschwörungstheoretikern in Telegram-Gruppenchats, Schwangerschaftsabbruch und Pro-Life-Haltungen sowie das Leid der Frauen unter häuslicher Gewalt infolge extremer Unterordnung. Doch viel gewichtiger und zentraler als die Handlung des Romans ist die Analyse einer wachsend konservativen Welle, veranschaulicht durch die Tradwife-Bewegung. Der Autorin gelingt es, die Umstände und Gründe, die zur Entwicklung solcher Bewegungen beitragen, pointiert darzustellen: Eine orientierungslose Frau ohne Perspektive in einem neuen Umfeld strebt nach Zugehörigkeit, Unterstützung und Sicherheit. Jana ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom gesellschaftlicher Verunsicherung.

Mit einem beobachtenden, nüchternen Stil gelingt es dem Roman, ein gesellschaftliches Phänomen durch eine individuelle Geschichte sichtbar zu machen, wobei beide Elemente in der Erzählung untrennbar miteinander verbunden sind. Das Buch zeigt vor allem, wie anfällig Menschen in Zeiten persönlicher Unsicherheit für eine Rückkehr zu traditionellen Lebensmodellen sind, wodurch Zugehörigkeit und Identität zunehmend fragil werden. Insgesamt ist Heimat eine sehr relevante Auseinandersetzung mit der Frage, wie eng persönliche Krisen und die Anfälligkeit für konservative Ideologien miteinander verknüpft sind.

Buchangaben:
Autorin: Hannah Lühmann
Titel: Heimat
Verlag: hanserblau
Erscheinungsdatum: 19.08.2025
Erscheinungsort: München
Seitenzahl: 176 Seiten
Auflage: 1. Auflage
ISBN: 978-3-446-28282-7
Preis: 22,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 12.05.2026  |  Erstellt am: 12.05.2026

divider

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn mit Ihren Freund:innen:

divider

Kommentare

Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.

Kommentar eintragen