Dialog gegen Panik

Dialog gegen Panik

Die Angst vor Migration ist unsere Krise: Zu Judith Kohlenbergers “Migrationspanik”
Cover „Migrationspanik“ | © Picus Verlag Wien

Remigration, Abschiebungspolitik, Grenzbefestigung – diese Themen sind präsenter denn je in der politischen Debatte sowie in der bürgerlichen Öffentlichkeit. Der stetige Fokus auf das Thema Migration ist kein Zufall: Er wird politisch instrumentalisiert. Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger analysiert in ihrem Buch “Migrationspanik” die emotionalen Grundlagen des Aufstiegs rechtspopulistischer Kräfte in Europa und präsentiert dabei eine klare Lösung für die daraus resultierende gespaltene Gesellschaft: den Dialog. Dringend relevant, findet Gabriel Romano.

Wir sind verzweifelt. Globale Krisen wie soziale Ungleichheit, die Klimakrise, ungerechte Vermögensverteilung, die Folgen des Kolonialismus sowie zunehmende Kriege und Konfliktherde schaffen allgemeine Verunsicherung. Inmitten dieser geopolitischen Spannungen haben illiberale Tendenzen Hochkonjunktur, weil sie schnelle Lösungen versprechen – nämlich, dass nur eine starke, autoritäre Kraft dazu geeignet sei, unsere komplexen Probleme zu lösen.

Vor diesem Hintergrund analysiert die Autorin Judith Kohlenberger in ihrem kürzlich erschienen politischen Sachbuch Migrationspanik die verallgemeinernde, in vielen Bereichen der europäischen Gesellschaft verfestigte Angst vor Migration. Sie untersucht diese Angst im Zusammenhang mit dem globalen Aufstieg rechtsextremer Strömungen insbesondere im deutschsprachigen Raum, wo rechtspopulistische Parteien wie AfD und FPÖ ein Narrativ propagieren: Migration sei eine unkontrollierbare Krise, die dringend gelöst werden müsse.

Judith Kohlenberger, eine Migrationsforscherin, ist am Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität in Wien tätig, außerdem als Senior Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip) sowie als Affiliated Policy Fellow am Jacques Delors Centre in Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist unter anderem die Integration von Geflüchteten in europäischen Aufnahmeländern unter Berücksichtigung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten.

Obwohl Migration im Fokus des Buches steht, greift Kohlenberger zugleich den globalen Wandel hin zum Autoritarismus und die sogenannte Angstpolitik auf – gerade dadurch zeigt sie, wie eng diese Phänomene miteinander verknüpft sind. Die zunehmende Anfälligkeit für autoritäre Systeme speist sich aus Verzweiflung, Frustration – und vor allem aus Einsamkeit. Aus dem Gefühl heraus, in einer globalisierten, vernetzten Welt keinen Platz zu finden, von gesellschaftlichen Entwicklungen ausgeschlossen zu sein oder mit bestimmten Normen und Erwartungen nicht zurechtzukommen. Genau darin liege eine der größten Gefahren für demokratische Gesellschaften, so Kohlenberger. Ihre zentrale Argumentation verortet Einsamkeit nicht als individuelles, sondern als gesellschaftliches Problem. Autoritäre Kräfte greifen das weit verbreitete Gefühl auf und instrumentalisieren es politisch, indem sie menschliche Vulnerabilität ausnutzen und in Unterstützung für populistische Bewegungen umwandeln – so erklärt sich auch der globale Aufstieg rechtsextremer Strömungen.

Kohlenberger zeichnet ein klares Bild der Gegenwart: Die Erosion zwischenmenschlicher Beziehungen geht einher mit der Verstärkung extremer politischer Positionen, die von Intoleranz und der Dämonisierung politischer Gegner geprägt sind. Abschottung wird zur zentralen Strategie des Autoritarismus, die aus allgemeiner Unzufriedenheit mit der modernen Massengesellschaft, dem Vertrauensverlust in demokratische Instanzen und einem Gefühl des Nicht-Dazugehörens resultiert.

Auf dieser Annahme aufbauend nimmt die Angstpolitik konkrete Gestalt an: Migration wird zur vermeintlich größten Bedrohung für den Nationalstaat erklärt – ein Gedanke, der eng mit einem nationalistischen „Wir“-Konzept verbunden ist. Es entstehen vielfältige Ängste – vor kultureller Veränderung, vor Identitätsverlust oder vor sozialem Abstieg, häufig auch verknüpft mit rassistischen Überlegenheitsvorstellungen. Diese Ängste kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, sogar von Menschen mit Migrationsgeschichte, die z.B. länger im Einwanderungsland leben. Gemeinsam ist ihnen jedoch: Sie münden in Panik. Durch die zusätzliche Konstruktion eines gemeinsamen Feindbildes – historisch die Juden, heute Migrant*innen – entsteht ein ausschließendes Gemeinschaftsgefühl, das Zugehörigkeit verspricht, diese Ängste kanalisiert und komplexe Probleme auf eine einzige Gruppe projiziert.

Die Migrationsforscherin behandelt zudem zentrale Aspekte der Migrationsdebatte wie den demografischen Wandel, die wirtschaftliche Abhängigkeit Europas von migrantischer Arbeit, die zunehmende Verfremdung des Anderen sowie die kontraproduktiven Folgen rechtspopulistischer Politik – etwa wie der verankerte Rassismus, die soziale Ausgrenzung und der Anti-Feminismus. Sie stützt ihre Argumentation auf eine Vielzahl wissenschaftlicher Quellen, empirische Studien, historische Analysen, Erfahrungsberichte sowie geopolitische Theorien. Dies alles verbindet sie zu einer klaren These: Nicht Migration ist das Problem, sondern die Panik vor ihr.

Als Gegenentwurf zur Angstpolitik skizziert die Autorin verschiedene Ansätze innerhalb einer liberalen Weltordnung. Neben menschenrechtsbasierten und rechtsstaatlichen Verfahren – etwa der Überwachung von Menschenrechtsverletzungen an Europas Grenzen oder internationalen Solidaritätsmechanismen – betont sie vor allem die Bedeutung gesellschaftlicher Kommunikation als eine unerlässlich Strategie, um ideologische Abschottung zu überwinden. Nur durch Austausch mit unterschiedlichen Meinungen können Vorurteile abgebaut, Grundannahmen hinterfragt und demokratische Werte gestärkt werden.

Der Dialog wird dabei zur zentralen Praxis demokratischer Gesellschaften und zu einer Voraussetzung dafür, diese zu erhalten – der Dialog sei besonders mit solchen Menschen erforderlich, die demokratische Prinzipien abbauen wollen. Obwohl Kohlenbergers Ansätze logisch und überzeugend aufbereitet sind, bleibt die Frage offen, ob der Dialog allein ausreicht, um gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden. Unbequem ist dabei auch die Frage, ob es nicht auch Personen gibt, die nur begrenzt Empathie für andere Perspektiven entwickeln und selbst im Dialog eine demokratische Weltordnung nicht als sinnvoll anerkennen.

Das Buch überzeugt, indem es die komplexen Zusammenhänge unserer politischen Gegenwart in einer zugänglichen Sprache präsentiert. Besonders gelungen ist die grundlegende Analyse emotionaler Dynamiken der Gegenwartsgesellschaft, die sie als gesellschaftliche – und nicht bloß als individuelle – Problematiken darstellt, ohne sie politisch zu vereinfachen. Die Arbeit ist wissenschaftlich fundiert, bietet aber die Möglichkeit, die Veränderungen in unseren demokratischen Systemen und die Auswirkungen des autoritären Denkens durch eine sinnvoll gegliederte Analyse und ohne unnötig verkomplizierende Fachsprache zu verstehen. Die Schreibweise ist klar, die Themen gut recherchiert und durch eine strukturierte Argumentation miteinander verbunden. Das Buch ist dringend relevant und empfehlenswert für alle, die sich mit der aktuellen Thematik der Migration außerhalb eines ideologisch auseinanderdriftenden Medienökosystems befassen wollen, und zeigt uns, dass hassaufgeladene Lösungen keine Auswege sind. Migrationspanik weist darauf hin, dass nicht Migration die Krise ist, sondern der schwarzseherische Umgang mit ihr.

Buchangaben:
Autorin: Judith Kohlenberger
Titel: Migrationspanik
Untertitel: Wie Abschottungspolitik die autoritäre Wende befördert
Verlag: Picus Verlag Wien
Reihe: Picus Konturen
Erscheinungsdatum: September 2025
Erscheinungsort: Wien
Seitenzahl: 160 Seiten
Auflage: 1. Auflage
ISBN: 978-3-7117-3504-1
Preis: 22,00 € (E-Book 17,99 €)

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 20.05.2026  |  Erstellt am: 20.05.2026

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