Der keine Angst vor den Elohim hat
Artur Becker ist kein gewöhnlicher Lyriker, und „Bartel und Gustabalda“ ist kein gewöhnlicher Gedichtband. In einer Welt aus Erinnerung, Liebe und Göttlichkeit schafft der polnisch-deutsche Autor poetische Räume, die über Grenzgänge hinausgehen. Das Buch ist ein Sprachrausch über den Himmel und die Erde – zugleich über die Menschheit, die Geschichte und die Philosophie –, in dem Rhythmen zerlegt und neu erfunden werden. Ein wahrer Dichter! – so Dariusz Muszer.
Artur Becker ist ein seltener Vogel unter den begnadeten Lyrikern. Er gehört zu den Beatniks, die fähig sind, Rhythmus in den Versen scheinbar zu verlieren, um aus einem solchen Verlust gleich einen neuen, noch verworreneren und geheimeren Rhythmus zu erzeugen. Seine Poesie ist wie eine Droge: manchmal Fliegenpilz oder Whisky, meistens aber der Wein.
Das musste ich schon 1987 feststellen, als er noch jung war und seine in Verden (Aller) auf Polnisch verfassten Gedichte nach Strzelce Krajeńskie in der Neumark, wo ich in einem Kulturhaus arbeitete, für einen Lyrikwettbewerb einschickte. Einen Preis hatte er damals bekommen, natürlich! Denn der Ausländer aus dem Westen konnte viele Leute mit seinen Strophen verzaubern, mich eingeschlossen. Dann besann er sich aber anders, wechselte die Sprache, und er schrieb dann jahrzehntelang ausschließlich auf Deutsch. Und dafür hatte er eine beachtliche Anzahl an Stipendien und Literaturpreisen bekommen. Der Wechsel und der nicht ganz freiwillige Verzicht auf die eigene Muttersprache haben sich also in gewisser Weise gelohnt. Doch seit Kurzem benutzt der Autor, was ein Glück für die Poesie ist, wieder beide Sprachen, um seine Metaphern aufzuschnüren und die Welt zu beschreiben.
Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, sage ich gleich: Bartel und Gustabalda wurde auf Deutsch geschrieben. Und bloß ein paar polnische Überbleibsel zieren hin und wieder den Text: jętka, pani, dobranoc oder Warmia. Ein russisches Wort findet man ebenfalls: gospodin. Italienische Vokabeln tauchen dagegen scharenweise auf: Mercato del Pesce di Rialto, Centro Tedesco di Studi Veneziani oder Castle Romeo, womit der Autor seine Liebe zu Venedig und Italien zum Ausdruck bringt. Vereinzelt wird Englisch und Altgriechisch (Panta rhei) geschrieben. Ja, viele Sprachen sind eben keine vielen Köche: Sie verderben nicht den Brei, sondern machen ihn für einen Gourmet noch schmackhafter.
Artur Becker hat keine Angst vor den Elohim, wie die Menschenerzeuger im Althebräischen heißen. Manche behaupten, es seien Götter gewesen, die durch Experimente und Genmanipulationen uns erschaffen hätten. Andere dagegen sind fest überzeugt: Es seien bloß Engel gewesen. Becker scheint zu wissen, wie man die Wogen glätten und die Streitereien unter den Bibelforschern schlichten kann: „Und die Elohim sagen: / Ich müsste auf die Barrikaden gehen und deine Lippen / Vor dem Ausverkauf retten, Magdalena“ (Und die Elohim sagen). Die Liebe ist also Beckers Dietrich zur Ewigkeit und ein Serum gegen das Vergessen.
Wie alle Beckers bisherigen Werke wurde auch Bartel und Gustabalda Magdalena gewidmet. Sie wird in dem Gedichtband zweiundzwanzigmal erwähnt, was sie annähernd zu einer Hauptmetapher macht. Es ist allgemein bekannt, dass jeder Dichter, der etwas auf sich hält, ein Fleckchen Erde, einen Fluss oder einen See und vor allem ein holdes Mädel, das zum Anbeten geeignet wäre, braucht. Becker, der seit der Trennung von seiner Frau im Frankfurter Hotel Lindley sein irdisches Dasein fristet, hat schon vor über dreißig Jahren ein solches Mädchen gefunden und es sogar geheiratet. Das ist aber ganz nebensächlich, denn nur zufällig trägt sie den Vornamen Magdalena. Sie ist nämlich keineswegs identisch mit der Magdalena aus Beckers Gedichten, mit einer idealen Frau also, die nur auf dieser Erde zu wandeln scheint. In Wahrheit handelt es sich bei Beckers Magdalena um das Ewig-Weibliche aus der Sicht eines modernen Barden, der liebt und daher verlassen wird: „Magdalena, aber du warst immer da. / Du konntest verzeihen und schweigen ‒ / Hier, sieh, deine Schwester aus dem Paradies frisst mir aus der Hand / Und vermisst ihre Götter“ (Die Liebste).
Wenige deutschsprachige Dichter beschäftigen sich gegenwärtig mit Gott. Er sei tot, weil man Nietzsche falsch verstanden habe, scheint uns Becker sagen zu wollen. Obwohl er sich selbst als Atheist bezeichnet, geht er weiter den Weg des Altmeisters Czesław Miłosz: Bei ihm sind Gott und sein Gegenspieler stets präsent. In seinen Versen kämpfen Gut und Böse nach wie vor um die Seelen der Menschen und die Vorherrschaft auf unserem Planeten.
Dass Beckers Gott bisweilen heidnische Züge von Donnergott Pērkons annimmt (Das Land der Dreitausend Seen und Wälder) oder aber sogar im Plural als Elohim auftritt, macht die ganze Sache noch interessanter. Er schreibt: „Und die Juden sagen vielleicht zu Recht, Geliebte, / Dass sich Gott niemals mit einer fleischlichen Reinkarnation beschmutzen würde“ (Maria Magdalena), um sich gleich auf die Seite der gezwungenermaßen immer wieder auf die Erde zurückkehrenden Menschen zu schlagen: „Wir gehen nun auch heute weiter: Filme drehen, uns selbst feiern und bestaunen, / Und keiner der Ihren soll uns mehr als Gott in die Suppe spucken, / Denn wir sind Bartel und Gustabalda, müssen nicht mehr leben, nicht mehr sterben“ (Durch Jahrhunderte).
Eine würdige Pointe zu den dichterischen Selbstgesprächen über/mit den/dem Schöpfer(n) findet man im Gedicht, dessen Titel schon alles verrät: Auch der nächste Himmelsgott wird uns wieder langweilen. Ja, richtig erkannt: Gegen die tote Hose bei den Göttern ist im Universum noch kein Kraut gewachsen.
Artur Becker ist es gelungen, einen vielseitigen Gedichtband zu schreiben: über die Liebe, über die Menschheit, über die Geschichte, über die Philosophie und auch über kleine Sachen und noch kleineres Leben. Er ist ein Troubadour, er dichtet und singsangt zugleich, was auch erklärt, warum so viele von seinen Poemen vertont wurden. Wenn er Gott wäre, würde er beim Jüngsten Gericht nicht wählerisch oder alleinseligmachend sein: Er würde alle Menschen an- und aufnehmen und keinen einzigen verstoßen. Und er wäre sogar bereit, die Apokalypse abzuschaffen. Ein wahrer Dichter!
Buchangaben:
Titel: Bartel und Gustabalda
Autor: Artur Becker
Verlag: parasitenpresse
Erscheinungstermin: 11.09.2019
Seitenanzahl: 140 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3947676484
Preis: 14,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 29.04.2026 | Erstellt am: 29.04.2026
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