Der akribische Beobachter
Eldad Stobezki ist in Frankfurt einer der wichtigsten Kenner und Unterstützer der hebräischen Literatur und Kultur: Er beschäftigt sich hauptsächlich mit der Übersetzung jüdischer Literatur, vornehmlich Lyrik, sowie mit Themen wie Identität, Flucht und Zugehörigkeit im Kontext der deutschen-jüdischen Gegenwart und des Exils. Mit “Rutschfeste Badematten und koschere Mangos” tritt er als eklektischer Autor auf, der zwischen träumerischen Überlegungen und der Beschreibung von Begebenheiten des Alltags keine Gelegenheit auslässt, Spannendes und für die meisten von uns Unsichtbares zu dokumentieren und literarisch zu verarbeiten. Von spontanen Begegnungen bis hin zu Erinnerungen an Herkunft zeigt Stobezki, wie eng das Private mit den großen Fragen unserer Zeit verbunden ist. Eine Sammlung von Miniaturen, die lange nachwirkt, findet Gabriel Romano.
Eldad Stobezki beeindruckt – nicht nur mit seiner Literatur, sondern auch mit seinem persönlichen Hintergrund. Vor allem, wenn man mit seinem Werdegang vertraut ist, erhält sein Buch Rutschfeste Badematten und koschere Mangos eine besondere Bedeutung. 1951 in Tel Aviv geboren, lebt er seit 1979 in Frankfurt am Main. Tätig als Lektor, Moderator, Veranstalter von Lesungen und Kulturvermittler, zeichnet er sich durch seine ausgewiesene Kenntnis der israelischen Kultur aus, die nicht nur in seinen Übersetzungen hebräischer Literatur, sondern auch in seinem eigenen Schreiben zum Ausdruck kommt. Er reiht sich kontinuierlich mit seiner Miniaturensammlung in die wegweisenden Stimmen des kulturellen Austauschs zwischen Israel und Deutschland ein.
Rutschfeste Badematten und koschere Mangos ist ein literarisches Gemisch, dessen Form sich schwer in eine einzelne Kategorie einordnen lässt. Der Autor versammelt darin 36 Kapitel mit mehreren Kurztexten; zudem enthält das Buch ein Nachwort von Maria Gazzetti, der ehemaligen und schon legendären Leiterin des Literaturhauses in Frankfurt. Stobetzki erzählt in seinen Miniaturen von der Suche nach Lösungen für große und kleine Probleme, von menschlichen Schwächen und Stärken, von Ansichten und Widersprüchen; er erzählt von Identität, Vergangenheit, Frieden, Trauer, Migration, Ausgrenzung – alles ist dabei; eine klar abgegrenzte thematische Einheit gibt es nicht ‒ zum Glück.
Drei dominante Ausdrucksformen sind jedoch in seinen Texten präsent: Erstens hält Stobezki epiphanische Gedanken fest – Erinnerungen an seine Großeltern und deren Fluchtgeschichte, an uralte religiöse Traditionen oder an sein Ankommen in Deutschland. Zweitens nimmt er eine beobachtende Rolle ein, in der er Alltagsbegebenheiten literarisch schildert. Dabei dokumentiert er Gespräche im Straßenverkehr oder beschreibt den Frankfurter Hauptbahnhof als einen Ort, an dem viele Sprachen zu hören und Begegnungen mit internationalem Publikum möglich sind, und obwohl diese Menschen nicht aus derselben Heimat stammen, teilen sie ein ähnliches Gefühl von Sehnsucht nach der Heimat und Gemeinschaft. Diese beiden Formen sind vor allem in der 18-teiligen „Kleine Kiesel“-Reihe zu finden. Daneben sind auch autobiografische Momente, Beschreibungen und Auschnitte aus der Vergangenheit des Autors für dieses Buch prägend – sie sind sozusagen der dritte erkennbare literarische Fuß und Ausdruck, der sich oft ausführlicher entfaltet als die Miniaturen, die Stobetzkis Gedanken und Beobachtungen festhalten. Er schreibt oft über seine israelische Herkunft und jüdische Identität, also über wiederkehrende Motive in seinem Werdegang, die mit seiner Literatur unzertrennbar sind. Diese Themen bleiben jedoch nicht auf das Persönliche beschränkt: Dem Schriftsteller gelingt es besonders eindrücklich, eine größere Dimension jüdischer Vertreibungsgeschichte durch individuelle Erfahrungen sichtbar zu machen. Geprägt von der Trennung von Verwandten, kultureller Nicht-Zugehörigkeit und verinnerlichtem Identitätsverlust – aber auch von Hoffnung, Mut und wertschätzender Lebensfreude – zeichnet er ein subtiles Bild der jüdischen Diaspora vor und nach dem Holocaust, die das Schicksal vieler Juden, inklusive seiner Familie, nachhaltig beeinflusst hat: „Vertreibung, Flucht, Not, das ist alles in die Familien-DNA eingraviert“ (S. 119).
Auch das Thema Coming-out kommt häufig in Stobezkis Literatur vor: „Ich war der einsamste Mensch der Welt und hatte Suizidgedanken“ (S. 88), schreibt er über den Prozess der Selbsterkenntnis, schwul zu sein, und über die inneren Schwierigkeiten dieser Zeit, in der er lernte, sich selbst zu akzeptieren und in der Öffentlichkeit als Schwuler aufzutreten. Dabei betont er die Wichtigkeit einer offenen, pluralen Gesellschaft – manchmal stechend, manchmal assoziativ: „Blumenkohl gab es damals nur in Weiß. Heute gibt es Blumenkohl in vielen Farben. Die Menschen, die auf die Reinheit des Weißen bestehen, haben verloren. Die Welt ist bunt geworden“ (S. 12).
Ein weiteres Motiv des Buches ist die Corona-Pandemie: Viele Texte entstehen in dieser Zeit als eine Art Tagebuch, in dem er seine Eindrücke von sozialer Distanzierung und zeitlichen Entwicklungen sowie Gedanken über die Natur und die fehlenden spontanen Begegnungen notiert.
Teils literarisch formuliert, zugleich immer pointiert dargestellt, finden sich viele Passagen, die seine Sicht auf soziale Spannungen verdeutlichen. Durch poetische Vergleiche – etwa die Schutzmaske als Metapher für politische Ausgrenzung oder ironische Bemerkungen wie „Was wird man am Ende des Israel-Palästina-Konflikts servieren? Eine halb-koschere Jerusalemer Taube, gegart in Dattelsirup und Oliven?“ (S. 103) ‒ positioniert sich der Autor stets wirkungsvoll mit einer klaren Haltung zu aktuellen globalen Krisen. Als Jude schreibt er kritisch über Ungerechtigkeiten im Gazastreifen und in der Ukraine sowie über die Korruption der israelischen Regierung: „Der Mensch wird immer von Macht angezogen. Was die Ukrainer jetzt mitmachen müssen, ist für die Palästinenser in der Westbank längst Alltag“ (S. 120).
Das Nachwort von Maria Gazzetti liefert eine prägnante Einordnung von Stobezkis Literatur. Gazzetti gelingt es dabei, zentrale Leitmotive des Buches zusammenzufassen und sie mit biografischen Aspekten von Stobezkis Leben zu verknüpfen – es ist eine aufrichtige Einführung für Leserinnen und Leser ohne Vorkenntnisse über den Autor. Auch eine persönliche Begegnung mit dem Autor fließt in ihre Darstellung ein – „Er schreibt alles auf, sinniert über dies und das, und einiges entspinnt sich im Kopf und auf dem Papier“ (S. 144).
Stobetzkis Rutschfeste Badematten und koschere Mangos ist eine fesselnde, zugängliche Sammlung von akribischen Beobachtungen in einem einzigen Gedankenfluss, vermischt mit persönlichen Lebensabschnitten. Aufgrund seiner verführerischen Schreibweise möchte man nicht aufhören, in Stobetzkis Texte einzutauchen. Das Buch fasziniert, indem es aktuelle Probleme und Themen wie Weltfrieden, gesellschaftlicher Pluralismus und die Akzeptanz von Unterschieden pointiert behandelt und auf der anderen Seite eine unterhaltsame, humorvolle Literatur aus unorthodoxen Gedanken und Beobachtungen des mundanen, zugleich anrührenden Alltags schafft. Stobezkis Literatur lässt sich für alle Leserinnen und Leser empfehlen, die sich für Identität, Zeitgeschichte und Gegenwartsliteratur interessieren – und für Texte, die lange nachwirken.
Buchangaben
Titel: Rutschfeste Badematten und koschere Mangos
Autor: Eldad Stobezki
Verlag: Edition W
Erscheinungstermin: 30.09.2024
Seitenanzahl: 150 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 9783949671159
Preis: 16,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 24.04.2026 | Erstellt am: 24.04.2026
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