Das schöpferische Es der Lyrik

Das schöpferische Es der Lyrik

Rezension zu Jane Wels’ Gegenwartslyrik in ihrem neuen Gedichtband „Das Es Reiten“
Cover „Das Es Reiten“ | © edition offenes feld

Mit ihrem zweiten Gedichtband „Das Es Reiten“ entwickelt Jane Wels eine Poetik, die vertraute thematische Motive der Gegenwartslyrik in eine schwebende, eigenständige Bilderwelt überführt. Zwischen Erzähler, Adressat und einer eigensinnigen „Es“-Kraft entstehen kurze Texte von poetischer Präzision, die weniger erzählen als vielmehr Resonanzräume öffnen und dadurch mit unserer Sinnlichkeit spielen. Ein Buch, das zugänglich und zugleich vielschichtig ist, findet Gabriel Romano.

„Das Es Reiten“ heißt der zweite Lyrikband der Autorin Jane Wels. 1955 in Mannheim geboren und heute im Nordschwarzwald lebend, trat Wels erst vor wenigen Jahren mit ihrer Lyrik an die Öffentlichkeit. Die studierte Entwicklungspsychologin und Medienwissenschaftlerin begann 1989 mit dem Schreiben von experimentellen Texten, die begrenzt, nämlich in ihrem engen Freundesumfeld, zugänglich waren, genauso wie auch ihre Fachtexte. Im Laufe ihrer Berufsjahre veröffentlichte sie zunehmend in Literaturzeitschriften und Online-Magazinen, bevor 2024 schließlich ihr Lyrikdebüt „Schwankende Lupinen“ beim unabhängigen Verlag edition offenes feld erschien – jenem Verlag, in dem auch ihr zweiter Lyrikband „Das Es Reiten“ publiziert wurde.

Der neue Gedichtband enthält auch ein Grußwort des Lyrikers José F. A. Oliver, betitelt „Poesiegewähr ohne Bitterstoffe“, in dem er den charakteristischen Stil der Schriftstellerin hevorhebt und den Lyrikfans ankündigt: Eine besondere „Es“-Entität komme durch eine „ernsthafte Leichtigkeit“ der Sprache zum Ausdruck – diese seien Wels’ Markenzeichen, die uns Leserinnen und Leser später im Laufe der Lektüre vertrauter vorkämen. Mit lyrischer Präzision buchstabiere Wels die Liebe; ihre Worte würden sinnlich und sensibel wirken, als würden ihre Buchstaben nach der Autorin selbst schmecken – so der bekannte Dichter Oliver.

Inhaltlich bewegt sich „Das Es Reiten“ zunächst im Feld vertrauter, für die Lyrik konstitutiver Motive: Wels schreibt über menschliche Begegnungen, sensible Gesten, genuine Zärtlichkeiten, Naturbeobachtungen sowie naive Erinnerungen und Sehnsüchte. Die Szenarien sind dabei oft intim und wiedererkennbar – ein Zimmer im einfallenden Morgenlicht, Räume, die noch die Spuren der Nacht tragen. Traumartig verschränken sich äußere Betrachtungen und innere Empfindungen, die zusammen mit Metaphern und Personifikationen zu der Bildung einer dichten, fantastischen, fast schwebenden Bildlichkeit beitragen. Die Gedichte folgen keiner strengen Linearität und experimentieren mit gestalterischen Möglichkeiten; sie entfalten sich eher in fragmentarischen Gedankenbewegungen und inneren Monologen als in einer bestimmten Handlung – dies ist eine Schreibweise, die formal in vielen anderen zeitgenössischen lyrischen Werken präsent ist und genau deswegen vertraut wirkt.

Obwohl das Buch thematisch nicht unbedingt überrascht, gelingt der Lyrikerin etwas Eigenständiges: Mit oft nur wenigen Zeilen pro Seite schafft sie eine tiefgründige lyrische Erfahrung. Ihre Texte laden nicht nur dazu ein, den im Kopf enstandenen Bildern zu folgen, sondern auch dialogische Räume zu besuchen, die „uns“ mehr oder weniger anrufen, herbeirufen – ein „Ich“ und ein „Du“ treten hier dann in Beziehung. Hier wird Wels’ psychologischer Hintergrund deutlich: Sie arbeitet in ihrer Poesie mit zerbrechlichen Grenzen zwischen den Stimmen „Ich“ und „Du“, die dazu keine feste Rolle verkörpern und durchlässig, fließend bleiben. Doch scheint es, dass weder „Ich“ noch „Du“ im Zentrum stehen; dieses nimmt vielmehr die titelgebende „Es“-Entität ein. In gewisser Hinsicht fühlt man sich bei Wels und ihren Ich-und-Du-Spielen an Gedichte der wunderbaren Dichterin Mascha Kaléko erinnert.

Dieses „Es“ entsteht als eine schöpferische, schreibende Kraft – sie ist also der unbewusste Ursprung und kann nicht vollständig kontrolliert werden. Es handelt sich hierbei um eine Potenz, die sich aus meiner Sicht als Manifestation Wels’scher Kreativität lesen lässt; die sprachliche Verkörperung dieses Unbewussten und die Distanzierung vom „Ich“-Zustand bewirken literarisch, dass ihre einzigartige Lyrik überhaupt dadurch erst entworfen werden kann – die Autorin war sozusagen nicht beteiligt, sondern ein allmächtiges Wesen, das die Literatur kreiert: das Daimonion. Wels’ Lyrik richtet sich nicht auf die Selbstbestätigung eines Subjekts – wegen der Abwesenheit fester Rollen zwischen dem Erzähler und dem Adressaten –, sondern schafft Platz für Assoziationen, Resonanzen und imaginative Sensationen: Ihre Lyrik ist nicht nur sensibel, sondern wild, eigenständig und entgrenzend.

Verse wie „Ich schreibe in Schichten aus Glaswasser. Kälte ist ein stummer Fluss“ (S. 34) veranschaulichen, wie präzise und berührend ihre Poetik ist. Ein weiteres Beispiel findet sich gleich am Anfang des neuen Lyrikbandes: „Sag’ mir, was du willst, meine linke Hand wird es schreiben. Sie legt dein Staunen ins Regengrüne, verzapft sich in Erinnerungen aus verschlucktem Hall. Jeder Buchstabe schmeckt nach dir“ (S. 11) – so entfaltet sich der zarte Prozess des Schreibens. Auffällig ist zudem die Widmung bestimmter Gedichte an enge Freund*innen oder andere Künstler*innen, darunter Jörn Peter Budesheim, Rebecca Horn und Andrascz Jaromir Weigoni.

Eine wichtige Rolle für dieses Buch spielt der Herausgeber Jürgen Brôcan, mit dem die Autorin eine enge Zusammenarbeit verbindet. Brôcan hat ihre beiden Lyrikbände betreut und zum zweiten Buch den Essay „Sehfeld und Imagination“ beigesteuert. Darin reflektiert er Jane Wels’ Schreibimpuls: Entspringe die Lyrik einem äußeren Geist, oder sei sie Ausdruck eines inneren, auf die Welt reagierenden Bewusstseins?, fragt er. Brôcan konzentriert sich jedoch weniger darauf, eine Antwort auf Wels’ kreativen Prozess zu finden und endgültig zu formulieren, als vielmehr darauf, jene Qualität und Einzigartigkeit hervorzuheben, die ihre Verse so besonders machten: durch ihre spürbare Leidenschaft, Lebensbejahung und Freude an der Welt. So eine literarische Lebendigkeit sei selten, und sie würde die Leserinnen und Leser unmittelbar mittragen – so Brôcan. Persönlich kann ich es nach dem Lesen des Buches „Das Es Reiten“ bestätigen: Wels’ Erfreuung an der Welt spürt man in ihren Versen definitiv, man kann es bestätigen – an vielen Stellen.

Bei aller Komplexität verliert ihre Lyrik jedoch nicht eine grundlegende Wirkung: Sie vermag zu berühren, zu unterhalten, die Wirklichkeit für einen Moment positiv in ein neues Licht zu rücken und neue Denkbewegungen anzustoßen. Die Lektüre empfiehlt sich insbesondere für Leserinnen und Leser, die eine sich neu etablierende Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik entdecken möchten – eine Stimme, die sich trotz einer gewissen thematischen Vertrautheit nicht auf die Pflege der Konventionen beschränkt, sondern durch ein eigenständiges Spiel mit unserer Sinnlichkeit im Kontext lyrischer Entitäten überrascht. In „Das Es Reiten“ gelingt es Wels, eine Poetik zu entwickeln, die zugleich zugänglich und vielschichtig ist – gerade in dieser Balance erreicht sie ihre besondere Stärke.

Buchangaben:
Titel: Das Es Reiten
Autor: Jane Wels
Verlag: edition offenes feld
Erscheinungstermin: 17.06.2025
Seitenanzahl: 92 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 9783842384149
Preis: 19,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 17.04.2026  |  Erstellt am: 17.04.2026

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