BRIEF AN DIE BRIEFE AUS PRAG

BRIEF AN DIE BRIEFE AUS PRAG

REZENSION ZU JUTTAS SCHUBERTS »BRIEFE AUS PRAG«
Cover Jutta Schubert - Briefe aus Prag | © Kulturmaschinen Verlag

Dass Briefe eine besondere Kraft besitzen, Literatur und Leben miteinander zu verweben, zeigt nicht zuletzt die wertschätzende Kritik von Ferdinand Blume-Werry. Er sieht in Schuberts »Briefe aus Prag« eine gelungene Hommage an Kafka, die zugleich ein eindrucksvolles Porträt der Stadt zeichnet.

Um es vorwegzunehmen. Es gibt sie noch, Briefe, die uns unmittelbar berühren, voller Sinnlichkeit und der Offenheit Erlebtes mitzuteilen, mal melancholisch, mal euphorisch und stets von genauen Beobachtungen begleitet. Jutta Schuberts »Briefe aus Prag«, die vor gut zehn Jahren zunächst nur als Blog zugänglich waren, liegen nun in Buchform vor. Erschienen anlässlich des 100. Todestages von Franz Kafka, führt uns die Autorin durch Prag und folgt den Spuren des bis in unsere Tage wirkmächtigen Schriftstellers und seiner anhaltenden Verehrung und Präsenz in der Stadt an der Moldau. Was wäre geeigneter als gerade in der Textform des Briefes sich Kafka zu nähern, der selbst zahlreiche Briefe schrieb, die zu den Glanzlichtern der deutschen Literatur zählen.

»Wer sich auf Recherche befindet, ist ein Suchender und nimmt den Blick des Liebenden ein« heißt es an einer Stelle des Buches (S.47), die sich, das Feuer des Lesenden entfachend, wie eine literarische Zündschnur liest. Während ihres einmonatigen Autorenstipendiums des Hessischen Literaturrats in Zusammenarbeit mit dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren durchstreifte Jutta Schubert im November 2014 die tschechische Hauptstadt und schreibt jeden Tag einen Brief. Hinreißend wie sie in ihrem Brief vom 14. November mutterseelenallein den gealterten Ballsaal des Colloredo-Mansfeld-Palais betritt und sich in die Vorstellung versteigt, dass plötzlich alles belebt und beleuchtet ist, um Giacomo Casanova vor ihrem geistigen Auge auftreten zu lassen: »Die Türen zum Ballsaal schwingen auf, die Geigen, das Cembalo, alle tanzen … In den beiden einander gegenüberliegenden Kaminen prasseln anheimelnde Feuer, die Spiegel darüber brechen das Licht der tausend Kerzen, …Für einen Moment könnte er sich beinahe einbilden, zurück in Venedig zu sein, …« (S.88/89) Spätestens an dieser Stelle bricht aus der Autorin ihre ganze Theatererfahrung und ihr Talent als Regisseurin hervor. Das ist großes Kino, bewegend.

Hält man inne und bedenkt, dass Briefe zu den ältesten Textformen zählen, und unser digitales Zeitalter diese Jahrtausende alte Kunst des Briefeschreibens zurückdrängt, kommt Wehmut auf. Man muss sich nur fragen, warum wir uns von Zeit zu Zeit sogar von Büchern trennen, jedoch niemals von Briefen, zumal wenn sie handgeschrieben sind, gerne wiedergelesen werden, um sie hernach in einer besonderen Schatulle aufzubewahren. Vielfach sind solche Briefe Liebesbriefe. Insofern wundert es nicht, wenn Jutta Schubert die meisten ihrer Briefe mit »Liebster,« beginnt. Die Magie eines Briefes, das, was ihn zu etwas Besonderem macht, ist nun mal sein konkreter Adressat, die Ansprache. Nicht jedem erzählt man einen bestimmten Sachverhalt in gleicher Weise. Ebenso wie man nicht jedem alles erzählen wird. Das Gegenüber bestimmt Ausdruck, Sprache und Stil des Mitgeteilten. Die von der Autorin gewählte Briefform zur Mitteilung ihrer Erlebnisse dürfte wohl überlegt sein. Dadurch nimmt sie den Leser gewissermaßen mit auf ihre Reise nach Prag, lässt ihn teilhaben, erzeugt Nähe.

Mitnichten haben wir es hier jedoch mit einem Reiseführer in Briefform zu tun. Der erfahrenen Autorin gelingt eine entscheidende Wende, die ihr Buch in dessen Mitte auf eine ganz andere Ebene hebt. Denn plötzlich schreibt sie einen Brief an Herrn Dr. Kafka, erzählt ihm von ihrem Besuch des Neuen Jüdischen Friedhofs, auf dem er begraben liegt, und teilt ihm mit, dass sein Freund Max Brod seine Schriften nicht, wie ursprünglich angedacht, vernichtet, sondern herausgegeben hat. Durch diesen Kunstgriff gelingt der Autorin ein Brückenschlag zwischen der damaligen Zeit und einem Heute, ohne sich in langatmige, literaturwissenschaftliche Details verlieren zu müssen. Gleiches gilt auch für den an Milena Jesenská gerichteten Brief, in dem es heißt: »Sie als Person, als Frau, als Journalistin, als selbständig Denkende und Handelnde, als Liebende, gingen durch diese Briefe als Figur in die Weltliteratur ein, als habe Kafka sie nicht besser erfinden können.« (S.98) Hier werden die 1952 von Willy Haas herausgegebenen »Briefe an Milena« ins Spiel gebracht. — Fast beiläufig, und ohne ein Briefroman sein zu wollen, erinnert mich das Buch an die hohe suggestive Kraft, die von Briefromanen ausgehen kann, nicht zuletzt da diese Form auch das in ihr schlummernde Potential einer politischen Wirkung in sich trägt. In einer Zeit, da die Wirklichkeitsverdreher an den Tischen der Großmacht unsere mühsam errungenen Demokratien aufs Spiel setzen und Oligarchen ihre Phantasie zur territorialen Aufteilung der Welt missbrauchen, ist es nur folgerichtig, dass Jutta Schuberts Buch auch einen Brief an Václav Havel enthält, datiert auf den 17.11.2014 und damit 25 Jahre nach der Samtenen Revolution. Einen Schriftsteller dann zum Staatsoberhaupt gewählt zu haben, war ein besonderer Moment, stehen der Zunft doch gewöhnlich nur indirekte Mittel der Einflussnahme zur Verfügung, darunter Offene Briefe. Man kann sich nur wünschen, dass wieder mehr Briefe geschrieben werden. Und deshalb sei es mir gestattet, der Autorin mit einem kurzem Brief auf ihre Briefe zu antworten:

Liebe Jutta Schubert!
Meine früheste Erinnerung an Kafka liegt inzwischen fast sechzig Jahre zurück und war eine Frage an meinen in Mähren geborenen Großvater. Wenn er bei unseren Besuchen nicht gerade an seinem Klavier saß und Smetana spielte, so saß er meist vor seinen Büchern, aus denen er uns Kindern vorlas. Einmal fragte ich ihn »Und wer ist das, der aus dem Buch hervorschaut?« In einem der Bände steckte eine Schwarz-Weiß-Fotografie oder eine Postkarte, die ein hageres Gesicht zeigte, das mich mit stechendem Blick ansah. »Das ist Franz Kafka«, sagte er, »Den kennst du noch nicht. Er hat seltsame Bücher geschrieben. Eines Tages, wenn Du älter bist, wirst du ihn bestimmt lesen.« Es sollten Jahre vergehen, bis ich ein erstes Buch von ihm las, den »Bericht für eine Akademie«. Teile daraus flossen in eine der Arbeiten für ein völlig überlaufenes Proseminar ein, das sich mit dem Thema der Freiheit beschäftigte. Typisch für die Mitte der Siebzigerjahre. Leider ist mein Text verloren gegangen. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich Kafkas zutiefst skeptische Haltung gegenüber der Freiheit mit dem Freiheitsbegriff bei Schelling verglich. — Vielen Dank für die »Briefe aus Prag«, die mich sehr bewegt haben. Mögen diese Briefe zahlreiche Leser finden! Herzlichst, F.

Letzte Änderung: 19.03.2025  |  Erstellt am: 19.03.2025

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