Verneigung aus Achtung und aus Trauer

Verneigung aus Achtung und aus Trauer

Erinnerung an António Lobo Antunes (1. September 1942 - 5. März 2026)
António Lobo Antunes | © Georges Seguin (Okki)

Ein Nachruf auf den großen portugiesischen Schriftsteller António Lobo Antunes, dessen unver-wechselbare, rhythmisch verschachtelte Prosa ihn zu einem Geistesmentor der Moderne machte. Gegen Schuld, Geschichtsignoranz und Erinnerungsflucht schrieb er in langen, mächtigen Sätzen und erschuf eine einzigartige literarische Landschaft – eine Sprache von solcher Schönheit, dass sie selbst das Unerträgliche ertragbar macht.

[Abschlußzitat: O Esplendor de Portugal / Portugals strahlende Größe (1997/1998) Dtsch. von Maralde Meyer-Minnemann]

Die ich bewunderte, bewundere, vor denen ich gering mich fühle, fühlte, sie gehen dahin eine nach dem anderen, oft hör ich das Fallen der Steine zu spät. Die sie sind und nun schon waren. Gestern schrieb es mir Benjamin Stein, heute fragte mich meine Lektorin, Elvita M. Gross, ob ich über ihn schriebe, diesen großen Romancier, einen der allergrößten … – mich, der ich auch hier doch lieber wieder angedenkend schwiege – weil es sich beinah nicht gehört, dass ein minderer wie ich über seinem Grab auch nur ein einziges Wort erhebt, anstelle mich mit gesenktem Antlitz hinzuknien.

Für mich war er einer meiner leuchtenden manieristischen Türme, ein erziehungsberechtigter, älterer Bruder und wie José Lezama Lima mir der hypotaktische Geistesmentor der Moderne – wenn auch einer Dichtung, die immer im Vergangenen blieb, ein festgewurzelter, so sehr er sich auch herausreißen wollte, Sysiphos der Metaphern, jede gegen das weiter auf ihm, weiter und immer weiter lastende Unheil des Faschismus angeschrieben, um eine Geschichtsschuld zu bewältigen, die sich bewältigen nicht läßt. Sie wird den Portugiesen als Archetypus bleiben wie uns das Hitlergrauen – und das seiner Mordkumpane, die unser ganzes Volk war, schuldig eine jede und jeder, der und die nicht dagegen aufstand, schuldig noch die Enkel, weh dir, wenn du ein solcher bist. Wie ich.

Jede Zeile dieses Romandichters hat sich dem Vermächtnis seines Landes und aber auch der Welt gestellt und seine deutsche Übersetzerin, Maralde Meyer-Mindemann, die mich sein Werk erst kennenließ, erkannte zugleich seiner Sprache Schönheit, die es doch einzig ist, was uns dazu befähigt, uns dem nicht zu Fassenden, zu stellen, das uns erdrückt, ja, auch nur es anzusehen und so es stillzustellen – eine kleine, klitzekleine Chance nur – doch Chance aber doch –, ein neues Solches zu verhindern. Dafür steht große Dichtung, steht ihre große Schönheit ein, die Schönheit ihrer langen Rhythmen und Sätze, die dort am größten wird, wo Unerträglichkeit es ist: damit wir sie ertragen.

Vogelflug, Flügel aus Filz, Schreie, das Meer dort unten, Mus¬sulo, die Kokospalmen, wir gingen zum Strand hinunter, meine Eltern und ich, mein Vater im cremefarbenen Anzug und mit cremefarbenem Panamahut, meine Mutter mit geöffnetem rosa Sonnenschirm, ich mit einem Strohhut, den man unter dem Kinn festband, wir trugen das Mittagessen in einem Korb, den eine Ser¬viette bedeckte, die man auf dem Sand ausbreitete und auf die man die Töpfe stellte, eine Flasche Saft für mich und meine Mutter und eine Flasche Wein für meinen Vater, meine Mutter zog die Handschuhe und die Schuhe nie aus, saß auf einem Schemel und blies mit einem Fächer die Hitze fort, die mein Vater mit der Zeitung fortblies, die Vögel über uns waren die Vögel aus den Gruben von Corimba mit staubigen Flügeln aus Serge, doch ich hatte keine Angst, denn es war Tag, die Soldaten, auch der mit den Lackstie¬feln, würden mich nicht verschleppen und mir weh tun, es gab kein einziges dunkles Zimmer im Haus in Malanje, sie hoben die Maschinenpistolen, fixierten mich mit der Kimme, verschwanden hinter den Waffen, wie ihre Muskeln sich verhärteten, wie ihre Münder sich schlossen, und ich trabte im Sand auf meine Eltern zu, der Hut rutschte mir in den Nacken, ich war glücklich, brauchte sie nicht zu fragen, ob sie mich liebhatten.
FINIS LAUS DEO

Letzte Änderung: 11.03.2026  |  Erstellt am: 11.03.2026

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