Verneigung aus Achtung und aus Trauer
Ein Nachruf auf den großen portugiesischen Schriftsteller António Lobo Antunes, dessen unver-wechselbare, rhythmisch verschachtelte Prosa ihn zu einem Geistesmentor der Moderne machte. Gegen Schuld, Geschichtsignoranz und Erinnerungsflucht schrieb er in langen, mächtigen Sätzen und erschuf eine einzigartige literarische Landschaft – eine Sprache von solcher Schönheit, dass sie selbst das Unerträgliche ertragbar macht.
Die ich bewunderte, bewundere, vor denen ich gering mich fühle, fühlte, sie gehen dahin eine nach dem anderen, oft hör ich das Fallen der Steine zu spät. Die sie sind und nun schon waren. Gestern schrieb es mir Benjamin Stein, heute fragte mich meine Lektorin, Elvita M. Gross, ob ich über ihn schriebe, diesen großen Romancier, einen der allergrößten … – mich, der ich auch hier doch lieber wieder angedenkend schwiege – weil es sich beinah nicht gehört, dass ein minderer wie ich über seinem Grab auch nur ein einziges Wort erhebt, anstelle mich mit gesenktem Antlitz hinzuknien.
Für mich war er einer meiner leuchtenden manieristischen Türme, ein erziehungsberechtigter, älterer Bruder und wie José Lezama Lima mir der hypotaktische Geistesmentor der Moderne – wenn auch einer Dichtung, die immer im Vergangenen blieb, ein festgewurzelter, so sehr er sich auch herausreißen wollte, Sysiphos der Metaphern, jede gegen das weiter auf ihm, weiter und immer weiter lastende Unheil des Faschismus angeschrieben, um eine Geschichtsschuld zu bewältigen, die sich bewältigen nicht läßt. Sie wird den Portugiesen als Archetypus bleiben wie uns das Hitlergrauen – und das seiner Mordkumpane, die unser ganzes Volk war, schuldig eine jede und jeder, der und die nicht dagegen aufstand, schuldig noch die Enkel, weh dir, wenn du ein solcher bist. Wie ich.
Jede Zeile dieses Romandichters hat sich dem Vermächtnis seines Landes und aber auch der Welt gestellt und seine deutsche Übersetzerin, Maralde Meyer-Mindemann, die mich sein Werk erst kennenließ, erkannte zugleich seiner Sprache Schönheit, die es doch einzig ist, was uns dazu befähigt, uns dem nicht zu Fassenden, zu stellen, das uns erdrückt, ja, auch nur es anzusehen und so es stillzustellen – eine kleine, klitzekleine Chance nur – doch Chance aber doch –, ein neues Solches zu verhindern. Dafür steht große Dichtung, steht ihre große Schönheit ein, die Schönheit ihrer langen Rhythmen und Sätze, die dort am größten wird, wo Unerträglichkeit es ist: damit wir sie ertragen.
Letzte Änderung: 11.03.2026 | Erstellt am: 11.03.2026
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