Antigone solle doch Ruhe geben, den Frieden nicht gefährden

Antigone solle doch Ruhe geben, den Frieden nicht gefährden

Gespräch mit dem deutsch-polnischen Schriftsteller Matthias Nawrat anlässlich der Preisverleihung in Berlin am 25. Februar 2026
Das neue Buch des Preisträgers

Der Berliner Literaturpeis wird verliehen durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin und Stiftungsratsvorsitzenden der Stiftung Preußische Seehandlung, Kai Wegner. Als Preisträger wird Matthias Nawrat von Prof. Dr. Günter M. Ziegler, Präsidenten der Freien Universität Berlin, auf die Gastprofessur für deutschsprachige Poetik der Stiftung Preußische Seehandlung am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin berufen. Die Laudatio hält die Autorin und Kulturjournalistin Juliane Liebert.

In der Jurybegründung von Maja Beckers, Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann, Dr. Sonja Longolius, Dr. Wiebke Porombka und Prof. Dr. Julia Weber heißt es: „Das Werk von Matthias Nawrat […] ist eine konsequente Erkundung Europas: seiner Landschaften, Mentalitäten, seiner Ungleichheiten und nicht zuletzt seiner eklatanten Gewaltgeschichte.“

Das Gespräch mit Matthias Nawrat führte der Schrifstellerkollege und Faust-Kultur-Redakteur Artur Becker

Artur Becker: Was ist für Dich der Unterschied zwischen Ost- und Mittelosteuropa? In Westeuropa spricht man vor allem vom Osten.

Matthias Nawrat: Alle drei sind für mich keine rein geografischen Begriffe. Mittelosteuropa meint für mich die Region, die über die frühere Zugehörigkeit zur k. und k. Monarchie eine gemeinsame politische und kulturelle Geschichte hat, auch eine gewisse Emanzipationsgeschichte, die zu der Entstehung von Staaten wie Polen, Tschechien, Slowakei oder Ungarn geführt hat. Kulturell gehört für mich dazu auch mindestens noch die Ukraine, obwohl diese andererseits auch zu Osteuropa gehört. Hingegen Belarus oder die Ostukraine würde ich eher als osteuropäisch bezeichnen, da dort der Einfluss Russlands größer war als in den anderen Regionen und Ländern, die stärker westeuropäisch geprägt sind, etwa durch die Französische Revolution.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang außerdem den Einfluss der orthodoxen beziehungsweise der katholischen und später protestantischen Kirche. Ukrainisch oder Belarussisch werden wie Russisch mit kyrillischen Zeichen geschrieben, und die unterschiedlichen kirchlichen Traditionen haben sich auch unterschiedlich auf die Kultur und das Verhältnis zu staatlicher Autorität ausgewirkt. Aber auch die Trennung nach kirchlichem Einfluss ist unscharf, denn auch Rumänien oder die Republik Moldau haben eine orthodoxe Tradition, genauso wie Bulgarien oder Serbien, und diese Staaten werden ja eher zu Südosteuropa oder zum Balkan gezählt.

Der Begriff „Osten“, der in den westeuropäischen Diskursen oft verwendet wird, ist jedenfalls ein Begriff, der sozusagen alles, was jenseits des Eisernen Vorhangs lag, in einen Sack steckt. In dem Wortpaar Osten und Westen steckt eine alte Wertigkeitsdualität, die im Grunde mit kolonialen Denkmustern verwandt ist und schon während der Christianisierung der Slawenstämme eine gewisse Wirkung ausübte, später etwa von Preußen benutzt und von den Nazis schließlich totalitär pervertiert wurde. In diesem Wertigkeitsdenken gilt der Westen als zivilisiert, der Osten ist die Entsprechung des „Heart of Darkness“, also der dunkle Teil des Kontinents, in dem unzivilisierte oder weniger weit entwickelte Menschen leben.

Wie erklärst Du Dir die Tatsache, dass die polnische Literatur und polnische Themen es nicht leicht in Deutschland haben, auf dem hiesigen Buchmarkt? Schließlich ist dieses Land wie Frankreich der größte Nachbar Deutschlands. Und was hat der Zweite Weltkrieg damit zu tun? Schließlich sind schon mehr als 85 Jahre seit seinem Ende vergangen.

Ich denke, das heutige Deutschland und seine öffentlichen Diskurse sind sehr viel globaler und diverser geworden, als sie es vor zehn, zwanzig Jahren waren. Innereuropäische Perspektiven machen daher auch nur noch einen Teil der Debatten und des Interesses aus.

Das Ungleichgewicht im Interesse hat aber sicher auch nach wie vor mit den erwähnten Ost-West-Denkmustern vieler Menschen in Deutschland zu tun – allein schon aus dieser Abwertung der mittelost- und osteuropäischen Länder im Denken resultiert ein mangelndes Interesse an den Sprachen, Literaturen und Kulturen, sie werden nämlich als kompliziert und „wild“ betrachtet, obwohl zum Beispiel ein Pole oder eine Polin es ja zur deutschen Sprache genauso weit hat wie ein Deutscher oder eine Deutsche zur polnischen – die Komplexität und „Wildheit“ ist also von beiden Seiten her betrachtet genau gleich. Dazu kommt meines Erachtens, dass in Deutschland weiterhin, ohne dass die Leute es merken, ein gewisser Großmachtgeist wirkt – da ist dann Russland das wichtige Land östlich der deutschen Grenze, die angeblich so große Kultur, der Partner im Geiste. Alles dazwischen ist zu vernachlässigen.

Das Problem hat aber auch strukturelle Gründe. Innerhalb von Europa wurde jahrhundertelang daran gearbeitet, die kulturelle wie wirtschaftliche Selbstständigkeit Polens und anderer mittelosteuropäischer Länder und Kulturen entweder zu unterdrücken oder ganz auszulöschen, nämlich in Form von Ausbeutung der Ökonomie und der systematischen Vernichtung der Intelligenzija durch die drei Teilungsmächte Preußen, Österreich und Russland, dann durch Nazideutschland und zuletzt durch das imperiale Russland im Kleid der Sowjetunion (das sich heute ja wieder in einem abermals neuen Kleid zeigt). Daraus resultiert das ökonomische Gefälle innerhalb Europas, das der Kapitalismus verstärkt hat und weiterhin verstärkt, weshalb Polinnen und Polen selbstverständlich Deutsch lernen, um etwa an den Universitäten oder auf den Feldern und in den Pflegezimmern in den westeuropäischen, wohlhabenderen Ländern Geld zum Leben zu verdienen (was zumindest im Falle Polens übrigens sich wohl allmählich ändert).

Unter dem Einfluss der USA und demokratischer Grundordnungen, also auch der Meinungsfreiheit und der freien Medien und Universitäten konnten sich zudem in den westeuropäischen Ländern tatsächlich während der Ost-West-Teilung freiere und auch diversere Gesellschaft entwickeln, letzteres auch aufgrund ihrer Kolonialgeschichte, was bei den Intellektuellen aus Mittelosteuropa wiederum die Sehnsucht verstärkt hat und nach wie vor verstärkt, sie wandern noch heute ab – bei den westeuropäischen Intellektuellen bestätigt dieser Umstand hingegen die alten Vorurteile.

Für mich kommt dann noch etwas hinzu, das ich als ein Problem des Erinnerns bezeichnen würde. Bei vielen Menschen aus Deutschland löst der Gedanke an eine Urlaubs- oder Bildungsreise, die nicht nach Frankreich, Spanien oder Italien, sondern beispielsweise nach Polen führt, schwierige Gefühle aus. Die Konfrontation mit der eigenen Verstrickung in das, was die Vorfahren in den „Bloodlands“ getan haben, wird sehr gerne verdrängt – eine Reise nach Polen verspricht für Deutsche jedenfalls keinen sorgenfreien Urlaub. Wenn diese Verbrechen im öffentlichen Diskurs erinnert werden, dann aus sicherer Entfernung, im Gefühl, dass man moralisch überlegen und vorbildlich sei. Man wendet sich mit diesem Gefühl der moralischen Überlegenheit dann gern anderen Problemen zu, dem Rechtsruck in den USA etwa oder der Kolonialgeschichte in „ferneren“ Ländern. Wirkliches Interesse an Polen und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks hat man kaum. Strukturell ist dieses Problem auch deshalb, weil schon in den Schulen Französisch und Englisch, nicht aber Polnisch, Tschechisch oder Ungarisch gelehrt werden. Und selbstverständlich kommen diese Länder auch nicht im Geschichtsunterricht vor – außer als Orte, an denen die Deutschen taten, was sie taten. Die Deutschen sind dann auch die Hauptfiguren dieser Geschichtserzählung.

Würdest Du sagen, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine den Deutschen endlich klargemacht hat, warum sich die Polen über ganze Jahrzehnte übergangen fühlten, sobald es zwischen Deutschland und Russland um Zusammenarbeit ging? Zum Beispiel bei Nord Stream 2.

Ich denke, viele Menschen in Deutschland haben verstanden, was Russland für ein Staat ist und wie seine Eliten funktionieren, was das auch für die kleinen europäischen Nationen in Mittelosteuropa oder im Baltikum bedeutet. Das merkt man auch an einigen Entscheidungen der letzten sowie der aktuellen Bundesregierung. Man hört auf die Argumente der Ukraine, aber auch anderer mittelosteuropäischer oder der baltischen Staaten, zumindest in einem gewissen Rahmen. Und auch in der Kulturwelt begegnet man einer neuen Form von Interesse, etwa an der ukrainischen Literatur. Neulich wurde im ZEITmagazin ein Artikel der polnisch-deutschen Chefredakteurin Emilia Smechowski über Mehrsprachigkeit bei Kindern publiziert. In der Printausgabe wurde der Teaser auch auf Polnisch veröffentlicht, online kann man den ganzen Text in einer polnischen Version lesen, das halte ich für einen Schritt nach vorne hin zu einem Europa, das alle seine Regionen als gleichwertig betrachtet.

Freilich gibt es andererseits auch Menschen, die die überholten Denkmuster, auch angefeuert von den Einflüssen populistischer Parteien, wieder aufleben lassen. Das gleiche Phänomen beschrieb immer wieder zum Beispiel der Schriftsteller Gustaw Herling-Grudziński in den 1980er-Jahren in seinen Essays und in seinem berühmten „Tagebuch bei Nacht geschrieben“. Anhand der Reaktionen aus der BRD, Frankreich, Italien oder den USA auf die Vorgänge rund um die Besetzungen der Danziger Werft durch die Solidarność und auf die spätere Ausrufung des Kriegsrechts durch die Kommunisten dokumentierte er die Sorge oder gar den Vorwurf Westeuropas, dass die aufmüpfigen Polinnen und Polen Russland reizten und eine Destabilisierung des Kräftegleichgewichts zwischen Ost und West riskierten, bis hin sogar zum Atomkrieg. Es stand die Forderung im Raum, dass sie sich doch gefälligst fügen sollten, denn es gebe Schlimmeres als Unfreiheit. Gustaw Herling-Grudziński verwies in diesem Zusammenhang auf den Antigone-Mythos bei Sophokles. Antigone will gegen die Weisung des Despoten Kreon die Leiche des durch seinen Widerstand in Ungnade gefallenen Bruders begraben, obwohl Kreon die Beerdigung unter Androhung von Todesstrafe verbietet. Herling-Grudziński vergleicht den Westen mit Antigones Schwester Ismene, die ihre Schwester überreden will, den Leichnam nicht zu begraben, auf die Würde ihres Bruders nicht zu pochen, also keinen Widerstand zu leisten, ihrer beider Leben nicht aufs Spiel zu setzen. Antigone solle doch Ruhe geben, den Frieden nicht gefährden.

Apropos Sophokles. Wer ist dein literarischer Patron? Jeder Schriftsteller hat doch seinen Meister. Gombrowicz?

Nein, ich habe so etwas nicht. Ich habe mich eine Weile mit Gombrowicz beschäftigt. Es war eine Art inneres Gespräch, das bei der Arbeit an meinen Romanen „Unternehmer“ und „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ wichtig war. Genauso waren viele andere Autorinnen und Autoren für mich sehr wichtig als zentrale Gesprächspartnerinnen und -partner. Der erwähnte Gustaw Herling-Grudziński spielte für mich in den letzten Jahren, während der Arbeit an „Das glückliche Schicksal“ eine Rolle, weil es mir um ähnliche moralische Probleme ging wie diejenigen, mit denen er sich befasst hat. Genauso wichtig waren davor Toni Morrison und ihre großen Romane über die Geschichte und Gegenwart der afroamerikanischen Bevölkerung der USA. Oder die Lyrik von Czesław Miłosz, Valżyna Mort, Nelly Sachs, Elizabeth Bishop oder Thomas Tranströmer. Es gibt für mich, das habe ich im Falle von Gustaw Herling-Grudziński wieder bemerkt, immer eine Phase, in der ich mich tiefgründig mit dem Werk und auch mit dem Leben eines Autors oder einer Autorin beschäftige, weil mich eine geistige Verwandtschaft darin anzieht. Diesmal war ich vor Kurzem sogar in Neapel, wo er bis zu seinem Tod im Exil gelebt hat, habe mich mit seiner Tochter, der Historikerin Marta Herling, getroffen, habe sein Archiv besucht, mich sogar auf die Suche nach seinem Sommerhaus in Dragonea an der Amalfiküste gemacht, das in seinen Tagebüchern eine Rolle spielt und das meine Frau und ich auch tatsächlich mit Hilfe einer sehr freundlichen Bewohnerin des Ortes fanden – es ist etwas verwildert, aber es existiert noch. Aber dann gibt es auch den Moment, da merke ich – das bin ja nicht ich. Die Verwandtschaft hat ihre Grenzen, eine gewisse Distanz stellt sich ein, eine Art Emanzipation vollzieht sich. Man entwickelt sich weiter, sucht plötzlich woanders, nach etwas anderem, folgt einer anderen Spur.

Wie wird Deine Zukunft als Prosaautor, Essayist und Lyriker aussehen? Was liegt Dir noch dringend auf dem Herzen, was Du in Deinen Büchern anpacken willst?

Das ist schwer, so explizit zu beschreiben. Ich denke zum Beispiel überhaupt nicht von Themen aus. Ich habe eher eine vage Vorstellung davon, dass ich eine neue Form finden muss. Gerade denke ich, ich möchte als nächstes nicht unbedingt einen historischen Stoff bearbeiten, sondern eher wieder näher an die Gegenwart und ihre moralischen Dilemmata, Untiefen. Und dafür muss ich eine Form finden, denn die Gegenwart ist an sich sehr flach, wenn man nicht unter ihre Oberfläche kommen kann, und dafür braucht man eine gewisse Sprache, ein gewisses Verfahren der Suche nach den tieferen Strukturen – man muss lernen, die Gegenwart historisch zu verorten. Aber nach jedem beendeten Buch komme ich mir wie ein Säugling vor, der mit der Sprache überhaupt nicht umgehen, der den einfachsten Satz nicht hinschreiben kann, weil alle Sätze nur noch falsch klingen – etwas „Wahres“ sagen zu können, das muss erst wieder allmählich möglich werden, das muss ich ganz von Anfang an lernen, wie das Gehen. Es gibt Autorinnen und Autoren, die Sprache wie ein festes Werkzeugset benutzen, das sie für jedes neue Thema wieder genau gleich anwenden – das ist für mich nicht möglich.

Der Berliner Literaturpreis ist sehr angesehen, eben nicht nur in Berlin, Deiner Heimat sei 14 Jahren. Aber Du gehörst eher zu den stillen und bescheidenen Autoren. Deshalb: Sind solche Preise auch eine Verpflichtung? Noch besser und intensiver zu schreiben? Für unsere Geschichte und Gesellschaft mehr Verantwortung zu übernehmen? Oder eher ein Ansporn, um sich zurückzuziehen und sich dem Eigentlichen zu widmen, nämlich dem Schreiben und Lesen auf der einsamen Insel, auf der alle Schreibenden leben?

Um etwas Wahres über die Condition humaine sagen zu können, muss man sich, denke ich, zurückziehen. Man muss, wie Herta Müller das in einem Essay formuliert hat, ganz privat werden mit den Toten. Das bedeutet aber nicht eine Privatheit im Sinne des Rückzugs ins Private. Sondern eher: den Toten als Einzelner begegnen, also nicht als Vertreter einer Nation, einer Denkschule, einer Ideologie, einer Gruppe, eines Clans. Und dafür ist es notwendig, sich vom Rauschen der Zeit zu entfernen. Als Einzelner der eigenen Zeit und den Toten, nicht nur den eigenen, entgegentreten und mit ihnen sprechen, darum geht es. Aber genau das hat auch etwas mit gesellschaftlicher Verantwortung zu tun. Über meinem Schreibtisch hängt ein Zitat, es stammt von Czesław Miłosz, aus seiner Essaysammlung „Zniewolony umysł“ (dt. „Das verführte Denken“) von 1951, in der er verschiedene psychologische Archetypen der mit den Kommunisten kollaborierenden Intellektuellen im stalinistischen Polen analysiert. In dem Zitat beschreibt er, wie er direkt nach dem Krieg in die vollkommen zerstörte Stadt Warschau zurückkehrte, wo er nur Schuttberge vorfand, nicht einmal ein Hund war auf der Straße zu sehen, kurz vorher waren im Warschauer Aufstand rund 200.000 Menschen ermordet worden. Sinngemäß übersetzt sagt Miłosz: Die eigene, innere Hölle, etwa das Leiden am Leben in einer Großstadt oder in einer schwierigen Zeit zu beschreiben, wie das moderne Dichter gerne tun, ist billig. Wenn man einmal einen Ort gesehen hat, an dem alles Leben ausgelöscht wurde, dann lernt man, dass es einem beim Schreiben nicht um einen selbst und die eigenen Wehwehchen oder das depressive Leiden an der Gegenwart gehen darf. Das wahre „Waste Land“ sei ein Ort, in dem nichts und niemand mehr lebe. Dieses Zitat ist für mich sehr wichtig. Es erinnert mich daran, dass man als jemand, der in der Lage ist, zu schreiben und zu veröffentlichen, eine Verantwortung hat – dass es um das Leben und um andere Menschen geht. In einer Zeit, in der Menschenverachtung und Faschismus wieder salonfähig werden und auch demokratische Parteien sich immer weiter den populistischen annähern, die Mitmenschlichkeit als „Ideologie“ in Verruf gerät, ist diese Verantwortung wieder ganz real.

Danke für das Gespräch!

Ich danke auch!

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Begründung der Jury

Das Werk von Matthias Nawrat – beginnend mit den Romanen »Wir zwei allein« (2012), »Unternehmer« (2014) und »Die vielen Tode unseres Opas Jurek« (2015) über »Der traurige Gast« (2019), »Reise nach Maine« (2021), dem Gedichtband »Gebete für meine Vorfahren« (2022) und schließlich den Reiseessays in »Über allem ein weiter Himmel. Nachrichten aus Europa« (2024) – ist eine konsequente Erkundung Europas: seiner Landschaften, Mentalitäten, seiner Ungleichheiten und nicht zuletzt seiner eklatanten Gewaltgeschichte. Der 1979 im polnischen Opole geborene Autor, der 1989 mit seiner Familie nach Bamberg emigrierte, unter anderem in der Schweiz studierte und mittlerweile in Berlin lebt, erzählt von den Verbrechen des Nationalsozialismus ebenso wie von jenen des Stalinismus, vor allem aber erzählt er von ihrem Fortwirken in der Gegenwart. Zugleich eröffnen seine Texte Einblicke und Einsichten in ein heutiges Europa, das die Geschichte und Kultur seiner östlichen Mitgliedstaaten häufig marginalisiert.

So wie Matthias Nawrat einen eingeschränkten westlichen Horizont immerzu aufreißt und den Blick in alle Richtungen öffnet, so bedeutet Zeit bei ihm stets Gleichzeitigkeit. Es ist das Dazwischen, die subkutane Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit und deren verborgenes Wirken, die er in seinen Texten herausarbeitet, das Beziehungsgeflecht hinter den Bruchstücken unserer Wirklichkeit, die unsichtbaren Linien, die von der Vergangenheit in die Gegenwart führen. Wenn Matthias Nawrat in seinen Texten, seien es Romane, Essays oder Gedichte, den europäischen Raum erkundet, dann erkundet er ihn wie ein Archäologe, der behutsam die historischen Sedimentschichten abträgt. Ebenso behutsam, nie auftrumpfend, dabei zugleich von äußerster Präzision und poetischer Strahlkraft ist seine Sprache.

Grundiert wird das Schreiben Nawrats zum einen von einem fundamentalen Zweifel an der Sprache selbst, an Sprache überhaupt, die er in der permanenten Gefahr sieht, ideologisch überformt zu werden. Das gilt für die Euphemismen des Kapitalismus, wie sie sich in dem Roman »Unternehmer« in die Körper schon der Jüngsten einschreiben und diese versehren, ebenso wie für die deformierte und verschleiernde Sprache des Sozialismus in dem Roman »Die vielen Tode unseres Opas Jurek«. Ausgerechnet »Paradies« heißt dort das Kaufhaus, in dessen Regalen die Waren fehlen und wo deshalb umso eifriger Geschäftigkeit simuliert wird – ein Sinnbild des sozialistischen Systems. Dieser Sehnsuchtsort des titelgebenden Großvaters als das Versprechen stets verfügbarer Delikatessen spiegelt zugleich als Gegenbild das Grauen, das diesem Großvater widerfuhr: seine nicht allein dem Hunger geschuldeten Qualen in Auschwitz, wohin ihn die Nationalsozialisten verschleppten.

Grundiert wird das Schreiben Nawrats zum anderen von einem unerschütterlichen Humanismus, von dem Angebot zum Gespräch – zwischen den Zeiten und den Menschen. Ein Humanismus, der sich jenseits von politischen Deklamationen vor allem in der Empathie zeigt, mit der er auf die Figuren seiner Romane ebenso wie auf die Menschen schaut, denen er auf seinen Reisen begegnet.

Für sein beeindruckendes literarisches Werk erhält Matthias Nawrat den Berliner Literaturpreis 2026 der Stiftung Preußische Seehandlung. Die Jury gratuliert dem Autor sehr herzlich zu dieser Auszeichnung.

Die Jury

Maja Beckers, Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann, Dr. Sonja Longolius, Dr. Wiebke Porombka, Prof. Dr. Julia Weber

Berlin, im Januar 2026

Letzte Änderung: 25.02.2026  |  Erstellt am: 25.02.2026

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