Wenn Bello beim Canto fehlt

Wenn Bello beim Canto fehlt

„Francesca da Rimini“ in der Oper Frankfurt
Jessica Pratt (Francesca)  | © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Eine echte Kuriosität: 1831 komponiert und erst 2016 in Italien uraufgeführt. Ihre deutsche Erstaufführung erlebte die Oper „Francesca da Rimini" von Saverio Mercadante vergangenen Sonntag in Frankfurt. Leider weitgehend ohne die musikalischen Zutaten, die eine Belcanto-Oper verlangt. Nach Meinung von Andrea Richter hätte deshalb noch weitere 185 Jahre auf das Werk gewartet werden können.

Frankfurter Erstaufführung von Saverio Mercadantes Oper „Francesca da Rimini“

Der Komponist Saverio Mercadante aus Neapel dürfte selbst großen Opernliebhabern noch nicht begegnet sein. Ganz anders als seine Zeitgenossen Vincenzo Bellini (1801-1835), Gaetano Donizetti (1797-1848) oder Gioachino Rossini (1792-1868). Dabei war er zu Lebzeiten in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich und Österreich sehr berühmt, und Werke aus seiner Feder kamen in allen genannten Ländern zu Uraufführungen. Insbesondere seine Opern. 58 hat er verfasst, bis zu vier in manchen Jahren. Vielleicht sind es insgesamt sogar mehr. Denn die Francesca da Rimini wurde auch erst 2011 wiederentdeckt. Man kann ihn damit als Opern- Fließband- Produzenten bezeichnen. Was damals durchaus üblich war. Schon Händel komponierte über 40 Opern (plus 25 Oratorien, nachdem die Londoner von den Opern im italienischen Stil genug hatten), Rossini 42 Opern, Donizetti 66, Bellini nur 11, was aber wohl nur an seinem frühen Tod lag. Denn die Praxis der Opernhäuser damals sah vor, dass in jeder Spielzeit Uraufführungen gezeigt werden mussten, um das Publikum zufrieden zu stellen. Dementsprechend war der Bedarf an neuem Bühnenstoff groß. Man stelle sich vor, das wäre heute noch so. Dann hätte sich die moderne Opern-Klangsprache längst gleichberechtigt etabliert.

Während sich die anderen genannten Belcanto-Komponisten auf den Bühnen bis heute halten konnten, eben weil sie immer wieder neue Opernstoffe nachlieferten, verschwanden die Werke Mercadantes in Archiven. Wohl weil er sich ab 1840 hauptsächlich um seinen langersehnten Job als Direktor des königlichen Konservatoriums in Neapel mit festem Einkommen und weniger um den Nachschub von Opernkompositionen kümmerte. Vor allem die Ausbildung guter Orchestermusiker lag ihm am Herzen. Denn an qualitativ hochwertigen Klangkörpern mangelte es – vor allem in der Königsstadt Neapel – eklatant.

Francesca da Rimini gab es tatsächlich. Sie war eine adlige Zeitgenossin des wohl berühmtesten Dichters Italiens, Dante Alighieri (1265-1321) und wurde von ihm zu einer der Hauptpersonen seiner Göttlichen Komödie gemacht. Aus ihrer Geschichte strickte der berühmte Librettist Felice Romani den Text für Mercadantes Belcanto-Oper.

Die Handlung: Vorspiel: Der Krieg zwischen Ravenna und Rimini soll durch die Hochzeit von Francesca, der Tochter des Herrschers von Rimini, Guido, mit Lanciotto, dem Herrscher von Rimini, beendet werden. Dieser hat seinen attraktiven Bruder Paolo zur Brautwerbung geschickt, der sich wiederum in die hübsche Francesca verliebt und sie sich in ihn. Im Hochzeitsbett muss sie aber feststellen, dass nicht Paolo, sondern der hässliche Lanciotto ihr wahrer Ehemann ist. Er bemüht sich redlich, jedoch erfolglos um ihre Gunst. Bald vermutet er hinter ihrer Abneigung einen anderen Mann. Als er Frau und Bruder bei einem romantischen Lektüre-Stündchen erwischt, wird er vor Eifersucht wahnsinnig und gibt ihnen die Wahl zwischen Waffe oder Gift. Nach einigem Hin und Her sterben – wie könnte es anders sein! – die Liebenden.

Jessica Pratt (Francesca und Chor der Oper Frankfurt | © Foto: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Im Zentrum von Belcanto-Opern steht der melodienreiche Gesang. Das Orchester hat, bis auf die Ouvertüre und ggf. Zwischenspiele, eine überwiegend dem Gesang dienende Funktion. Weshalb es übrigens zu Belcanto-Zeiten einen riesigen Kult um besonders gute Sänger gab.

Damit kommen wir zum Knackpunkt der Aufführung: Bis auf den grandiosen Tenor Theo Lebow als zunächst liebender und dann wütender Lanciotto, Erik van Heyningen als Francescas Vater Guido (Bariton) und den hervorragenden Chor fehlten manchen Protagonisten das Verständnis und/oder das Können für ihre Rollen. Allen voran die Hauptrolle Francesca, an deren Performance nun einmal das Wohl und Wehe der gesamten Oper hängt, in der Person von Jessica Pratt (Sopran). Ihre Stimme erwies sich als wenig flexibel und modulationsfähig. Zudem nahm sie es beim Ansteuern und Halten von Tönen und Tempi mit der Genauigkeit nicht sehr ernst, worunter insbesondere die so wichtigen Koloraturen litten. Dramatische Ausbrüche Francescas mündeten in Geschrei. Von fehlenden Legati oder Staccati ganz zu schweigen. Den immerhin richtig gesungenen Passagen von Kelsey Lauritano (Mezzosopran, Hosenrolle Paolo) mangelte es an erforderlicher stimmlicher Kraft und Leidenschaft. Was zur Folge hatte, dass das wichtigste Element des Belcanto, nämlich der schöne Gesang mit schönen, berührenden Melodien, sich nur viel zu selten entwickeln konnte. Mit der weiteren Folge, dass sich die Begeisterung für die Wiederentdeckung des Komponisten Saverio Mercadante in Grenzen hält. Vielleicht ändert sich das, wenn im April die Sopranistin Anna Nekhames die Partie übernehmen wird.
 

Jessica Pratt (Francesca) mit Ensemble | © Foto: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Letzte Änderung: 28.02.2023  |  Erstellt am: 28.02.2023

Kelsey Lauritano (Paolo) | © Foto: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Francesca da Rimini
Dramma per musica in zwei Akten
Musik: Saverio Mercadante (1795-1870)
Text: Felice Romani
 
 
Musikalische Leitung: Ramón Tebar
Inszenierung: Hans Walter Richter
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Raphaela Rose
 
 
Die Mitwirkenden
Francesca Jessica Pratt
Paolo Kelsey Lauritano
Lanciotto Theo Lebow
Guido Erik van Heyningen
Isaura Karolina Bengtsson
Guelfo Brian Michael Moore
 
 
Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Weitere Vorstellungen: 5., 11., 15., 18., 25. März, 2. und 8. April 2023. Bitte die un-terschiedlichen Ausführungsbeginne beachten.

Oper Frankfurt

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