So viele Küsse gesammelt!
Ted Huffmans Neuinszenierung der Oper „Příhody lišky Bystroušky“ (Das schlaue Füchslein) von Leoš Janáček an der Staatsoper Unter den Linden begeistert Alban Nikolai Herbst. Das Zusammenspiel von Janáčeks Musik, geprägt von tschechischer Sprachmelodie, und Simon Rattles Leitung erlauben eine geniale dreiteilige Opernperformance, die selbst tschechische Aufnahmen in den Schatten stellt.
Simon Rattle ist Leoš Janáček verfallen wie ich; von diesem Klangkosmos einmal eingesaugt, findet man kaum noch hinaus. Bei eigenwilligen Komponisten ist das so, wenn ihr Werk eine geschlossene, unverwechselbare Welt ist; man mag mit ihr erst Schwierigkeiten gehabt haben, mußte sich hineinhören, offen für sie sein, und es kann auch Jahre dauern – unversehens legt sich ein Hebel um, eine Weiche, und wir jagen in die Sucht. So geschah es mir. Ich erinnere mich noch, wie ich in Braunschweig meine erste Jenufa hörte und mir von dem, was ich wahrnahm, wirklich schlecht geworden ist. Ich war um die fünfzehn Jahre jung, genau weiß ich das nicht mehr, und hielt die Oper für unerträglich atonal – ja, ich floh sie, verließ das Haus. Hinzu kam meine – bis heute währende – Fremdheit dem slawischen Sprachklang gegenüber. Was sie begründet, keine Ahnung, nur dass es so ist. Rein instrumental ist es kein Problem, doch sowie gesungen wird … Janáček war der erste Komponist, der diese meine innere Abwehr durchbrach, und da dann gleich massiv. Wochenlang kam ich aus seiner Klangwelt nicht mehr heraus, badete in ihr. Ähnlich süchtig war ich über lange Zeiten nach Britten gewesen, nach Schnittke, Pettersson, andren. Zur Zeit meiner nicht gutgegangenen ersten Janáčekbegegnung, fast die ganze Kindheit und Jugend hindurch war ich’s nach Tschaikowski, den ich dann für Jahre Gustav Mahler weichen ließ.
Janáček also. Daß er es war, mir die Ohren zu öffnen, liegt vielleicht genau daran, dass kein zweiter Komponist wie er, so habe ich mehrfach gelesen, seinen Melos direkt aus der tschechischen Sprechmelodie entwickelt hat. Was ich nicht beurteilen, sehr wohl aber empfinden kann, wie mich sein Melos hier erwischt. Ein „Problemfall” allerdings blieb. Dieses schlaue Füchslein nämlich – und nicht des Stückes selber wegen, sondern der Inszenierungen halber. Fast alle, die ich kenne, betonten etwas wenn nicht Naives, so doch so gemeintes Kindliches, eine vorgeführte Unschuld des Hinsehns, die den Regisseuren wie dem Publikum gefällt. Man fühlt sich so gerührt besonnt! Mir ist das fremd. Ein bißchen davon wirkt auch an dieser neuen Inszenierung mit. Wobei die musikalische Behandlung allerdings zur schönsten und ergreifendsten gehört, der ich bislang habe zuhören dürfen. Denn so penibel Rattle die Details, bisweilen sogar kantig, aus dem Klangstrom herausschälen läßt, bleibt er doch untergründig, ja, eben: auf irdische Weise lyrisch. In der Tat, es ist ein Privileg, dem zuhören zu dürfen. Rattle und die Staatskapelle Berlin sind die geradezu ideale Wahl und stellen selbst in einen leichten Schatten, was ich an originalen tschechischen Aufnahmen habe: als Vinyl vor Jahren, nein Jahrzehnten in Prag gekauft und mit zurück nach seinerzeit noch Frankfurt am Main geschleppt, obwohl meine Janáček-Zeit noch gar nicht angefangen hatte. Nur dass ich zu jenen gehöre, die um Eingänge kämpfen, hören, hören und wiederhören, bis sie denn endlich begreifen. So immer meine Hoffnung. Tatsächlich fiel der Euro bei mir erst hier in Berlin an der Deutschen Oper. Interessanterweise war es eine (wenn man so will) Inszenierung, die das Kindliche ganz besonders hätte hervorheben können, es aber eben nicht tat. Kent Nagano dirigierte nämlich das Deutsche Sinfonieorchester zu Geoff Dunbars auf eine Stunde gekürzter, überdies auf Englisch, was in keiner Weise paßt, gesungener Zeichentrickfassung, einer BBC-Produktion von 2003, die auf den Vorhang projiziert wurde, während die Musiker völlig normal im Orchestergraben spielten. Was diese Fassung auszeichnet, ist eine ausgesprochene Nähe zu den tatsächlichen Naturzusammenhängen, töten und getötet werden und dennoch lieben, wie es nur geht – und eben diese Natur auch lieben, zu werden, sein und zu sterben. Es ist keine Wiederkehr des Füchsleins, sondern die eines anderen nächsten, was Janáček uns hier erzählt: die Muster kommen wieder, die Seelen aber nicht. Und in den Mustern aufersteht die Schönheit. An diesem Nexus sind so gut wie alle Inszenierungen gescheitert, die ich seither sah.
Die neue an der Lindenoper scheitert nur zum Teil. Ja, die Kinderakrobaten, die als schwirrende, wirbelnde, fliegende Tierwelt die Bühne bevölkern, sind hinreißend, alles, alles das ja. Aber nahe kommt Ted Huffman dem Pantheismus dieser Oper bei Werbung und Vereinigung des schlauen, zur jungen Dame unterdessen erwachsenen Füchsleins mit diesem eleganten Halbstarkenfuchs, als der ihr zum Brautgeschenk einen noch frischen Kaninchenkadaver vor ihre schlanken Pfötchen legt. Den verzehren sie nun beide, und vor Wohlsein küssen sie sich, halb noch das Gesicht voll Blut, aus dem sie es grade gezogen. Überhaupt ist diese Liebesszene von ungeheuer sanfter, einer rasend zärtlichen Gewalt inklusive der Füchsin narzisstischer Selbstlust: auf Englisch klingt diese Arie nicht grundlos nach Bernstein. Nur wird hier „Maria” nicht angesungen, sondern die Füchsin besingt sich selbst: absolut reizend, aber auch absolut eitel. Zum Vergöttern für jeden, der nicht so auf Moral steht. Indes der Schluß dieser Inszenierung ist abermals zu menschlich versöhnlich: so unangemessen anthropomorph, wie Disney Rudyard Kipling verfilmt hat. Doch die großen Stärken sind eben auch da, besonders in der Musik. Vera-Lotte Boecker und Magdalena Kožená sind stimmlich schon jede für sich große Wunder, aber zu- und beisammen fast von dieser Welt nicht mehr. Und Svatopluk Sem gibt dem Förster eine nicht gebrochene, aber wissende Stärke: Mit dem Füchslein kann er nicht leben, schon gar nicht mit der erwachsenen Füchsin, doch ohne sie ist er wie leer und hält sich an seiner Erinnerung fest – als seine mittlerweile schwer resolute Frau noch selber solch ein Füchslein gewesen:
Je to pohádka či pravda? Pohádka či pravda? Kolik je tomu let, co jsme kráčeli dva mladí lidé, ona jak jedlička, on jak šerý bor? Také jsme hříbky sbírali, tuze pohmoždili, pošlapali, protože … Protože pro lásku jsme neviděli. Co však huběnek, co však huběnek jsme nasbírali! To byl den po naší svatbě, bože, to byl den po naší svatbě!
Je to pohádka či pravda? Pohádka či pravda? Kolik je tomu let, co jsme kráčeli dva mladí lidé, ona jak jedlička, on jak šerý bor? Také jsme hříbky sbírali, tuze pohmoždili, pošlapali, protože … Protože pro lásku jsme neviděli. Co však huběnek, co však huběnek jsme nasbírali! To byl den po naší svatbě, bože, to byl den po naší svatbě!” “Ist es ein Märchen oder Wahrheit? Märchen oder Wahrheit? Wieviele Jahre ist es her, dass wir gegangen sind, zwei junge Leute, sie wie eine Tanne, er wie ein dunkler Fichtenwald? Auch haben wir Pilze gesammelt, sehr gequetscht, zertrampelt, weil … weil wir vor Liebe nichts mehr sahen. Was aber an Küsschen, was aber an Küsschen haben wir gesammelt! Es war der Tag nach unserer Hochzeit, Gott, es war der Tag nach unsrer Hochzeit!
Und nun ist er ein alter Mann – und sieht ein Füchslein wieder:
“… jak by mámě z oka vypadla!”
Der Mama wie aus dem Auge gesprungen! So dass nun Sie, ja, Sie … in diese Oper springen, nämlich am 7. oder 13. März um 19.30 Uhr oder am 15., und aber da dann anderthalb Stunden früher:
→ Karten
Oper in drei Akten (1924)
Musik von Leoš Janáček
Text von Leoš Janáček nach der Novelle von Rudolf Těsnohlídek
Musikalische Leitung: Simon Rattle Inszenierung:Ted Huffman Mitarbeit Regie: Sonoko Kamimura
Spielleitung: José Darío Innella, Marcin Łakomicki Bühne: Nadja Sofie Eller Kostüme: Astrid Klein
Licht: Bertrand Couderc Choreographie: Pim Veulings Einstudierung Chor: Dani Juris
Einstudierung Kinderchor: Vinzenz Weissenburger Dramaturgie: Detlef Giese, Elisabeth Kühne
Letzte Änderung: 05.03.2026 | Erstellt am: 05.03.2026
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