Pivo, Pivo und Erkenntnis

Robert Carsens Inszenierung von Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček, geleitet von Simon Rattle, an der Staatsoper Unter den Linden ist weit mehr als eine satirische Opernrarität. Mit scharfem Blick für historische Parallelen und politischer Sprengkraft schlägt Carsen eine Brücke von den Hussitenkriegen über den Prager Frühling bis in unsere Gegenwart – und lässt am Ende einen überdimensionalen Panzer auf die Zuschauer zurollen. Ein grotesker Scherz? Nein, eine beklemmende Vision, die Alban Nikolai Herbst an der Berliner Staatsoper erlebt hat.

Am Ende erschreckt uns furchtbar ein Panzer. Verzeihen Sie, dass ich spoiler, doch schon hier ist es wichtig, den völlig unversehenen Eindruck eines Erschreckens zu vermitteln, das den Schrecken eben nicht verhüllt. Genau dazu hat → diese Oper nämlich wirklich das Zeug. Und das hat Robert Carson gesehen.
Zwar ist der Panzer, der plötzlich auf uns zurollt, nichts als ein deutlich überdimensioniertes Bobbycar. Doch selbst als der Jux, der es ist, bleibt er uns in der Kehle stecken – allzu nah dem, was uns droht. Dabei hat Carson wirklich noch nicht ahnen können, dass zwei Tage nach der Lindenopernpremiere (16. März, ich selbst sah die zweite Vorstellung am 19.) … hat er nicht ahnen können, daß Putin und Trump die ukrainischen Lande für ein Stadion nehmen würden, um telefonisch ein Eishockeyspiel zu vereinbaren. Indes, hat eigentlich nicht Rußland mit sowas → schlechte Erfahrung gemacht? Klar, dass sich Carson diesen Hieb nicht versagt. Denn gehen wir wie er mit seinem wie Janáčeks Musiktheater nach 1968 zurück, bzw. schaut dieser nach dahin voraus, ergibt sich eine solche Aktualität, dass wir uns an ihr schneiden könnten. Was er zumal damit erreicht, ist, der Oper die seltsam unangemessene Heiterkeit zu nehmen, die sie am Ende ausstrahlt, und eben nur da. Als hätte sich der Komponist nun doch noch mit den Biederfrauen und -männern versöhnt, die er so wenig mochte wie Svatopluk Čechs Herrn Brouček – dessen Abenteuer er eben deshalb vertonte.
Wir kommen einfach nicht umhin, an die Ukraine zu denken. (Vier bis fünf Minuten braucht eine Iskanderrakete nach Berlin, bis Frankfurt dauert’s kaum wesentlich länger … Und also rollt bei Carson am Schluß dieses überdimensionierte Bobbycar kanonenbestückt auf uns bis ganz an den Bühnenrand zu.)
So wird die Brücke zwischen dem Uraufführungsjahr dieser Oper, 1920, und den Aufbruchs- und Revoltejahren der vergangenen Siebzigerjahre fast bruchlos bis ans Ufer der unmittelbaren Gegenwart geschlagen. Wobei dies nicht nur als szenische Idee fasziniert, sondern in Radu Boruzescus, des Bühnengestalters, Realisierung rundweg überzeugt. Nicht zwar, dass sie, was doch naheläge, phantastisch wäre, nein! Sie wirkt vielmehr als wie von einem Verne geträumt, als der noch ein klein-Jules gewesen. Was dem Herrn Brouček völlig entspricht, obwohl der doch längst Mann ist und seine, sagen wir, Beschränktheit mit Mißgunst überspielt. Als Vermieter ist er sowieso Halunke. Bloß dass die übrigen Protagonisten wesentlich besser auch nicht sind. Sympathieträger gibt es hier also eigentlich keine. Jedenfalls hat der Komponist in seine Mitmenschen ganz offenbar wenig Vertrauen gesetzt, politisch nun schon gar nicht. Andererseits feiert er die Kämpfer, auch die militanten, des frühen böhmischen, bei Carson tschechischen Widerstands – was nicht durchaus angenehm ist; als Deutscher tu ich mich mit Nationalismen nach wie vor schwer. Mit den heroisch aufgeblähten Chorgesängen erst recht, ziemlich fett im letzten Teil der Oper. Sie mögen allerdings für Menschen in Verteidigungsnot nicht nur verständlich, sondern vielleicht sogar unentbehrlich sein. Auch hier hilft zur Ukraine hinüber der Blick.

Was für Janáček also der spätmittelalterliche Freiheitskampf der Hussiten war, wird bei Carson, nur eben umgekehrt, die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die einmarschierenden Sowjets. Insofern aber die tschechische Bevölkerung nicht den bewaffneten, sondern einen friedlichen Widerstand wählte, ist auch die Anspielung auf „Woodstock“ schlüssig, der er eine ganze Szene widmet. In den Hussitenkriegen obsiegte zumal der gemäßigte Widerstand. Also läßt uns diese Inszenierung all die jungen Tschechen sehen, die tatsächlich, Blumen in den Händen, auf die sowjetischen Panzer sprangen und sich, die Blümchen liebevoll schwenkend, herumkutschieren ließen.
Musikalisch funktioniert diese Flowerpower leider weniger gut, eigentlich gar nicht. Was an Janáčeks spezieller Tonsprache liegt, die sich an den Rhythmen des gesprochenen Tschechischs eben nicht nur ‚orientiert‘, sondern sie geradezu nachgestellt hat. Die sind von Woodstock so weit weg, dass die eh als Karikatur gezeichneten Hippies, wenn sie zur eGitarre greifen, eigentlich nur albern wirken. Und hören können wir sie nicht: zu fremd einander beider Melos. – Daß Carsons Woodstockteil sich mit Janáčeks Tonsprache bei bestem Willen legieren nicht läßt, schwächt den ersten Akt immens.
Umso dringlicher, drängender und eben auch weniger konstruiert erfüllt der zweite dann den Raum: Er füllt ihn gänzlich aus. Hinreißend, wie präzise Simon Rattle der Lindenoper Staatskapelle sich der ständigen Gebrochenheiten dieser Musik und zugleich ihrer Grandiosität hingeben läßt. Doch auch dem vom ersten Bild an immer wieder aufsteigenden Liebesthema gibt sie den nötigen Schmelz, und zwar egal, ob es rein leitmotivisch anklingt, instrumental, oder ob auch ausgesungen. Wobei ihm, dem Thema selbst, etwas apersonal-Allgemeines eignet. Das verleiht Janáčeks Oper den besonderen Rang, indem die Liebessehnsucht zweier Menschen zu der von allen Menschen wird. So mögen „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ satirisch zwar gemeint sein und sehr spezielle Zeitgenossen karikieren, die Oper erhebt sich darüber hinaus. Auch insofern bietet sie sich für neue Deutungen unbedingt an.
Übrigens vermitteln an der Lindenoper bereits die Stimmen, dass keine Figur durchweg sympathisch ist; fast alle singen sie ein wenig scharf, Aleš Briscein ganz besonders, des jungen tschechischen Liebhabertenors: Bisweilen gerät sein Gesang geradezu grell. Da läßt sich seiner Freundin Zögern durchaus verstehen. Wirklich „schön“ singt aber auch sie nicht, über nichts legt Janáček „schönen Schein“. Zugleich sind seine Anforderungen an Sängerinnen und Sänger enorm; ohne zu pressen, läßt sich das wahrscheinlich gar nicht oder nur von wenigen erfüllen. Zumal Rattle die Musik expressiv aufpeitscht. Es würde zu dieser schlimmen Satire auch andres nicht passen, die ihrer Zeit ein Zeugnis ausstellt, das eben noch der unsren ist. Natürlich rufen wir das schnell hinweg, gegröhlt „Bier, ein Bier!“ („Pivo“ in der Oper, „Pivo, pivo!“) – und werfen Münzen in den Wohlstandsschlitz der Musikbox. Kaum aber, dass sie fallen, durchbricht er Tür und Wand und rollt, der Panzer, mitten in die Kneipe, das Geschützrohr gerichtet auf uns Gäste, die wir doch nur amüsieren uns wollten. Und es für lange Zeit auch so taten.
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ANH, Berlin & Frankfurt am Main
22. – 24. März 2025
Leoš Janáček
Die Ausflüge des Herrn Brouček
Musik von Leoš Janáček, Text von Leoš Janáček u. a. nach Svatopluk Čech
Inszenierung Robert Carsen – Bühne Radu Boruzescu – Kostüme:
Annemarie Woods – Licht – Robert Carsen, Peter van Praet –
Video Dominik Žižka – Choreographie Rebecca Howell – Chor – Gerhard Polifka –
Dramaturgie Robert Carsen, Patricie Částková, Elisabeth Kühne
Peter Hoare – Aleš Briscein – Gyula Orendt – Lucy Crowe –
Carles Pachon – Clara Nadeshdin – Natalia Skrycka – Arttu Kataja –
Stephan Rügamer – Linard Vrielink – Gyula Orendt
Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin
Simon Rattle
Die nächsten Vorstellungen:
27. März 2025, 29. März 2025, 3. Apr. 2025
jeweils um 19.30 Uhr
→Karten
Letzte Änderung: 25.03.2025 | Erstellt am: 25.03.2025
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