O schwarze Geburt eines sehr weißen Schwans

O schwarze Geburt eines sehr weißen Schwans

Wagners „Lohengrin“ an der Staatsoper Unter den Linden Die Wiederaufnahme des 18. Januars 2026
Martin Gantner (Friedrich von Telramund), Ekaterina Gubanova (Ortrud), René Pape (Heinrich der Vogler), Adam Kutny (Heerrufer des Königs), Vida Miknevičiūtė (Elsa von Brabant) und Herren des Staatsopernchors | © Monika Rittershaus

Am 18. Januar, fünf Jahre nach ihrer so genannten „Publikumspremiere“, wurde Calixto Bieitos viel diskutierte „Lohengrin“-Inszenierung, musikalisch nunmehr von Simone Young geleitet, in das Programm der Staatsoper unter den Linden wieder aufgenommen ‒ für wenige Abende allerdings nur. Alban Nikolai Herbst, von seinem Sohn begleitet, war dabei, und beide seien hinterher, genau so formuliert er es, „geflasht“ gewesen – begeistert wie der ganze Saal: „(…) der beste Lohengrin ist’s meines Lebens“ und „ zugleich eine der besten Operninszenierungen überhaupt.“ So dass er leidenschaftlich zu einem Besuch der Inszenierung aufruft. Zumal es dieser Abende nicht mehr noch gibt als drei.

Schon bei der sogenannten Publikumspremiere im November 2021 – die „tatsächliche“ hatte unter Coronabedingungen ein knappes Jahr zuvor vor leerem Saal stattgefunden – … schon nach dieser zweiten Premiere, vor also einem halben Jahrzehnt, hatte ich unbedingt über Calixto Bieitos Inszenierung schreiben wollen, auch über – damals – Thomas Guggeis bemerkenswertes Dirigat. Denn da gab’s keinen Zweifel, dass ich die beste Lohengrin-Inszenierung meines Lebens gesehen hatte, und gehört, ja eine der besten Musiktheaterinszenierungen überhaupt. Und legte mir wie immer, als ich heimfuhr auf dem Rad, schon die Begründungen zurecht, wollte zur Früharbeit am nächsten Morgen schreiben. Und aber dann … dann … ─ Ich weiß nicht mehr, was war, auch meine normalerweise penibel geführten Arbeitsjournale in Der Dschungel schweigen … ─ irgendetwas hielt mich ab.

Wie dankbar war ich nun, dass diese Inszenierung, wenn zwar mit „teil“weise neuer Besetzung, wieder aufgenommen wurde, besorgte mir die Karten (mein Sohn war mit dabei) und hörte und sah zu, mit feuchten Handflächen, was aber davon nicht rührte, dass mir zuweilen die Tränen liefen, einfach so, für sich. Denn ja, es stimmt, der beste Lohengrin ist’s meines Lebens sowieso, aber eben auch eine der besten Operninszenierungen überhaupt.

Was mich vor ein Problem stellt.

Zwar, dass wir Zeugen der Geburt eines sehr weißen Schwanes durch eine wunderschöne schwarze Frau werden, sie sogar mit Brustknospenpiercing, und dass insgesamt Sarah Derendingers Filmkunst, die mit der realen Szene bisweilen nahtlos verschmilzt, vom surrealen Feinsten ist – das darf ich sagen, und wie uns da der Atem stockt, ja sowieso, weil vieles unter Wasser … und auch von einem Trompeten-, bzw. Fanfarenkonzert erzählen, das ich, wiewohl es eigentlich redundant ist, eine „3-D-Performance“ nennen muß … Wenn Sie hingehen und lauschen, werden Sie sofort verstehen, was ich meine … – sowie, welche auch, noch immer, sangliche Präsenz René Pape als Vogeler hat und dass ihm Wolfgang Kochs entschiedener Friedrich von Telramund darin in gar nichts nachsteht (na gut, im dritten Akt geriet die Stimme ein wenig ins Zittern, doch die szenische Gegenwärtigkeit des Mannes glich das völlig aus)… und dass mit Eric Cutler ein Lohengrin auf der Bühne steht, der nicht wirklich ein Held, sondern eigentlich von Anfang an gebrochen, ein Jammerlappen aber dennoch nicht ist, weshalb er mich nun ein für alle Male lehrte, die späte Gralserzählung nicht länger mehr für einen uninteressanten Schlager zu halten … mir stockte fassungslos der Atem, als er dicht an „Taube“ einhielt nach „Alljährlich naht vom Himmel eine“, wimpernschlagskurz, aber aus erschauernder Tiefe, und dann … dann aber ansetzte, ansetzte … ja überhaupt, auch Elsa, also Elza van den Heever (wurde sie wirklich nach dieser, der andren, Elsa benannt? – sowas denkt sich da unmittelbar)… – Pardon, wie Frau van den Heever ganz ebensolche millisekundenkurzen Pausen vor den ganz höchsten Tönen, wie quasi sich versenkend, betet … solche Klänge habe ich zuletzt von Laura Aikin gehört, fast drei Jahrzehnte ist das her, nie vergessen, nie vergessen, hier im selben Haus, Sophie, … und diese Ortrud! ─ mit welchem Groll, mit welcher Wut sie Anja Kampe gibt, ein altes Recht einzuklagen, das, anders als das Christentum, die Frauen noch zu ehren wußte, leibliche Frauen, keine menstruationslosen à la Elsa, von der mir, ebenfalls zum ersten Mal, fast schmerzhaft deutlich wurde, was für ein geradezu geborenes Opfer sie ist, ja, auch des strahlenden Lohengrins. Hören Sie nur seine Anklage an! ihr vor die Füße gespien, weil sie die verbotene Frage stellt – eine, die aber genau ins Zentrum dieser – ja, ist es das denn? – Tragik zielt und sie entblößt. ─ Wie??? Lohengrin ist Parsifals, des keuschen Gralshüters, Sohn? O Wunder der Keuschheit! Wunder der unbefleckten Empfängnisse all!

Sie müssen da einfach hinein.

Auch schon um das Feuer zu hören, das Simone Young aus der Staatskapelle schlägt. Was für eine Dynamik, die leisen Stellen so leise, dass es verdammt nochmal fies ist, wenn auf einem der Nachbarsitze sich die zarte Frau, egal ob vorsichtig, rührt, und wie leise auch immer er knarrt, dieser Sitz: Es nervt, es nervt, es stört. Und schon aber wächst der Klang, schwillt an und paßt schon nicht mehr in den Saal, will durch die Wände ins Freie. Die reißen sonst doch ein! Es ist, als ließe die Dirigentin den Musikern zur Gänze freie Hand – die schießen unter den Zügeln einfach hindurch. Doch glauben Sie es nur – solln es glauben, ja, sollen die Zügel nicht mehr spüren, die doch nur umso fester lenken, was, na klar, erneuten Widerdruck bewirkt, auf dessen Wellen wir schon tranceartig hin- und hergeworfen werden bis zum dunklen, weil nicht erlösenden, sondern einem – welch ein Geniestreich Bieitos! – ambivalenten Ende. Das erträgt unsre woke, moralische Zeit fast schon gar nicht mehr. Hat der riesige Jubel hernach das nicht gemerkt? Und ich, ich jubelte ja selber mit … Aber nein, ich darf es nicht erzählen. Alles, was ich noch mehr berichten würde, als ich nun schon tat, wäre unlauter – so nennt es mein sechsundzwanzigjähriger Sohn: – „gespoilert“. Der von dieser Aufführung genauso geflasht war wie ich.

Noch drei Aufführungen:

25. Jan. 2026
17.00 Uhr

1. Feb. 2026
17.00 Uhr

7. Feb. 2026
17.00 Uhr

Tickets finden sie online hier

Lohengrin
Romantische Oper in drei Aufzügen (1850)
Musik und Text von Richard Wagner

Musikalische Leitung:
Thomas Guggeis
• Inszenierung:
Calixto Bieito
• Mitarbeit Regie:
Barbora Horáková
• Bühne:
Rebecca Ringst
• Kostüme:
Ingo Krügler
• Licht:
Michael Bauer
• Video:
Sarah Derendinger

Besetzung:
• Heinrich der Vogler:
Gábor Bretz
• Lohengrin:
Andreas Schager
• Elsa von Brabant:
Elza van den Heever
• Friedrich von Telramund:
Martin Gantner
• Ortrud:
Ekaterina Gubanova
• Heerrufer des Königs:
Adam Kutny
Staatsopernchor,
Staatskapelle Berlin

Letzte Änderung: 22.01.2026  |  Erstellt am: 22.01.2026

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