
In dieser locker geführten Reihe wird Musik auf Tonträgern vorgestellt, die absoluten Referenzcharakter hat. Wir widmen uns Platten, die jenseits der Trends Bestand haben und durch ihre einzigartige klangliche, technische, interpretative und/oder politische Dimension Einfluss auf die musikalische Landschaft nahmen. Bewusst wird hier der Fetisch des Allerneusten ignoriert, stattdessen auf Gebliebenes geschaut – und das, was bleiben sollte, und zwar über alle Genres der Musik hinweg. Wir laden Schreibende dazu ein, sich an der Reihe zur klanglichen Zeitlosigkeit zu beteiligen.
Aufmerksam wurde ich durch die Nominierung des mir noch gänzlich unbekannten Walters Bacos für den Österreichischen Jazzpreis als »Bestes Album 2024«; Faust wie → Dschungel und -leser kennen mein Faible für Klaviersoli, die sich nicht mit den üblichen dreieinhalb bis vier Minuten abgeben, sondern ausgedehnte, sozusagen sonatische Großformen sind, deren wahrscheinlich berühmtester Protagonist Keith Jarett ist. Ich will in eine Musik hineingesogen werden oder in sie hineinfallen. Das fordert immer: Zeit. Alles andere kommt mir wie ein Coitus interruptus im Ohr vor oder ein, sagen wir, »Quickie«, noch dazu im Stehen. Im Klo des Waschsalons hat sowas vielleicht seinen Platz, ist aber eben nichts als, wie manch ein netter Abend, »nett«. Ich für meinen Teil will Spuren, will besetzt werden von der Musik – wofür, daß etwas »Ohrwurm« ist, für einen für mich nicht genügt; gerade in der Improvisation erwarte ich akustische Abenteuer, die weniger melodisch anrührend als kompositorisch raffiniert sind und mich mit Unerwartbarem derart konfrontieren, daß mein Geist selbst, indem er mitdenkt, zu fühlen beginnt und schließlich ganz berauscht ist. Billig ist das nicht zu haben. Billig meint »simpel«. Ich brauche kompositorische oder improvisierende Komplexität; deshalb bin ich für Pop nur in seltnen Fällen offen. Er hört nämlich immer schon auf, kaum daß er angefangen hat.
Kurz aber dürfen solche Musikstücke durchaus von Pop-Charakter sein, nur eben eingebettet in ein mehrfach gebundenes Geflecht der thematischen Arbeit, aus der sich solche Momente als, sagen wir, flüchtige schwebende Inseln herausheben.
Zu meinem begeisterten Erstaunen geschah dies heute früh in Walter Bacos Piano Parcours, die im Mai 2024 bei ACOM, der Austrian Composer’s Association, erschienen und → über amazon music leicht abrufbar sind. Ja, die einzelnen Stücke wirken unmittelbar miteinander verbunden; in der »klassischen« Musik würde von einer »Suite« oder »Fantasiestücken« gesprochen – was nicht nur, aber auch an Bacos solistischem Stil liegt, der Maniera sozusagen seiner Finger, die bisweilen an Jasper van’t Hof erinnert, aber tatsächlich auch einiges vom Duktus Kühns & Wollnys, jedenfalls → in Tandem, hat. Allerdings, darüber sollten wir uns klar sein, daß es sich um live-Improvisationen handelt; die Komplexität dieses Albums ist nicht über langes Tüfteln hergestellt, sondern eine des unmittelbar tanzenden Geistes, dem nichts als das angespielte musikalische Thema vorgegeben ist, mitunter nicht mal das, sondern es schält sich allmählich erst heraus, wird dann aber nicht nach Mainstreamart, ich schreib mal, »abgefeiert«, sondern in aller Regel gleich wieder zerlegt und ständig umgearbeitet, sich permanent verwandelnd – was Hörerin und Hörer teils mit unmittelbarem Vergnügen, teils gar Entzücken mitverfolgen dürfen, was teils aber ihre scharfe Konzentration erfordert. Und manchmal geht’s nicht anders, man lacht auf. Oder versinkt in Melancholie, aus der eine und einen plötzlich ein Riff herausreißt, das uns ins Thema zurückschwemmt.
Dergleichen Figuren finden sich bei Baco bis in quasi Kinderszenen, etwa fast noch zu Anfang im dritten Stück »Augentrost«, das zudem das Wort »Suite« expressis verbis benutzt und damit schon indiziert, daß wir nicht von einander unabhängige Stücke zu hören bekommen. »Augentrost« ist überdies eine tapsig-hübsch gewollte Erzählung.
Jedenfalls machen diese Improvisationen eine Riesenfreude und lassen uns manchmal aber auch schwelgen. Welch eine erlösende Entdeckung an diesem Mittwochmorgen! Als wär schon wieder Mai … und siehe! – SIEHE: Soeben geht die Sonne auf.

Walter Baco
Piano Parcours
Improvisationen für Klavier solo
→ amazon music (mp3-Download 8,99 €)
PODCAST
Walter Baco → im Gespräch
Letzte Änderung: 02.04.2025 | Erstellt am: 02.04.2025
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