Wie wirkungsvoll wäre eine Fleischsteuer – und was würde sie die Verbraucher kosten?
Eine neue Studie zeigt: Würde Fleisch in der EU nicht mehr ermäßigt besteuert, könnten die Umweltauswirkungen der Ernährung – etwa Treibhausgasemissionen, Land- und Wasserverbrauch – um rund 3,5 % bis 5,7 % sinken, ohne die jährlichen Lebensmittelkosten pro Haushalt stark zu belasten. Modelle gehen davon aus, dass Verbraucher im Schnitt nur 12 € bis 26 € mehr pro Jahr zahlen würden, während durch zusätzliche Steuereinnahmen eine sozial verträgliche Umverteilung möglich wäre. Auch ein CO₂-Preis auf alle Lebensmittel könnte ähnliche oder größere Umweltvorteile bringen. Steuerliche Hebel könnten also helfen, die unsichtbaren Umweltkosten von Fleisch endlich sichtbar zu machen.
Globale Ernährungssysteme gehören zu den größten Treibern des Klimawandels, des Verlusts der biologischen Vielfalt und der Erschöpfung von Süßwasser. Trotz der zunehmenden wissenschaftlichen Belege spiegelt der Preis für Fleisch in den meisten Ländern nicht die tatsächlichen ökologischen Kosten seiner Produktion wider. Diese Lücke hat die Forderungen nach einer Fleischsteuer verstärkt.
Eine neue Studie, veröffentlicht im Magazine Nature, legt nahe, dass die Bepreisung von Fleisch entsprechend seiner Umweltkosten den ökologischen Fußabdruck von Ernährungsweisen verringern könnte, ohne die Haushaltslebensmittelrechnungen dramatisch zu erhöhen.
Die Forschung, die am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und an Partnerinstitutionen durchgeführt wurde, modellierte, was passieren würde, wenn Fleischprodukte mit dem vollen Mehrwertsteuersatz (MwSt) besteuert würden, statt weiterhin von ermäßigten Lebensmitteltarifen zu profitieren. Obwohl die Analyse sich auf die Europäische Union (EU) konzentrierte, sagen die Forscher, dass die Ergebnisse zeigen, wie Fiskalpolitik global Ernährungssysteme beeinflussen könnte.
Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) machen Ernährungssysteme mehr als ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen aus. Die Tierproduktion trägt einen erheblichen Anteil dieser Emissionen, insbesondere Rind- und Lammfleisch, die pro Kilogramm deutlich höhere Emissionen verursachen als pflanzliche Proteine. Die Fleischproduktion benötigt zudem große Landflächen, fördert Abholzungen, trägt zum Verlust der biologischen Vielfalt bei und verbraucht große Mengen an Süßwasser.
Trotz dieser Auswirkungen wenden viele Länder ermäßigte Steuersätze auf Grundnahrungsmittel, einschließlich Fleisch, an. Die Studie argumentiert, dass solche Regelungen die externen Umweltkosten – die sozialen und ökologischen Folgekosten, die nicht im Verkaufspreis enthalten sind – oft nicht berücksichtigen.
Ergebnisse der Studie
Die Forscher nutzten detaillierte Haushaltskonsumdaten aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten und simulierten die Auswirkungen der Abschaffung ermäßigter Mehrwertsteuersätze auf Fleisch mit Anwendung der Standard-MwSt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine solche Reform die Umweltauswirkungen des Lebensmittelkonsums um etwa 3,5 % bis 5,7 % reduzieren könnte, einschließlich Treibhausgasemissionen, Landnutzungsdruck, Wasserverbrauch und Nährstoffverschmutzung.
Im Durchschnitt würden die Haushalte zwischen 12 € und 26 € mehr pro Jahr für Lebensmittel bezahlen. Gleichzeitig würden die Regierungen zusätzliche Steuereinnahmen erzielen. Die Forscher schlagen vor, diese Einnahmen umzuverteilen, um einkommensschwache Haushalte zu unterstützen, nachhaltige Landwirtschaft zu fördern oder die MwSt auf Obst und Gemüse zu senken.
Die Studie untersuchte auch einen direkten Preis für Treibhausgasemissionen auf Lebensmittel, schätzte diesen auf etwa 52 € pro Tonne CO₂-Äquivalent. Dieser Ansatz brachte ähnliche Umweltvorteile, erfordert jedoch komplexere Regelungen.
Warum die Bepreisung von Fleisch wichtig ist
Weltweit ist die Nachfrage nach Fleisch in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen – angetrieben durch Bevölkerungswachstum, steigende Einkommen und Urbanisierung. Mit der Industrialisierung von Ländern nimmt in der Regel auch der Fleischkonsum zu.
Laut einer 2018 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Studie von Forschenden der Universität Oxford mit dem Titel Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers beansprucht die Tierproduktion rund 77 % der globalen landwirtschaftlichen Flächen, liefert jedoch lediglich 18 % der weltweit konsumierten Kalorien. Gleichzeitig erzeugt die Tierhaltung Methan – ein Treibhausgas, das kurzfristig deutlich klimaschädlicher ist als Kohlendioxid. Zudem trägt der Einsatz von Stickstoffdünger für den Anbau von Futtermitteln zu Lachgasemissionen und zur Gewässerverschmutzung bei.
Diese Umweltbelastungen beschränken sich nicht auf die Produktionsländer. Der internationale Handel verbindet Konsument:innen in wohlhabenderen Staaten mit Abholzung, Wasserknappheit und Bodendegradation in anderen Regionen der Welt. Durch eine Anpassung der Besteuerung könnten politische Entscheidungsträger Preissignale setzen, die die tatsächlichen Umweltkosten widerspiegeln und so langfristig Konsummuster verändern.
Die wirtschaftswissenschaftliche Forschung zeigt konsistent, dass Preise das Kaufverhalten beeinflussen. Zwar werden Ernährungsgewohnheiten von Kultur, Verfügbarkeit und Einkommen geprägt, doch können Preisänderungen die Nachfrage schrittweise verschieben – insbesondere dann, wenn sie mit Aufklärungskampagnen und einem verbesserten Zugang zu pflanzlichen Alternativen kombiniert werden.
Soziale und politische Herausforderungen
Lebensmittelsteuern sind politisch sensibel. Kritiker warnen, dass höhere Preise einkommensschwache Haushalte unverhältnismäßig belasten könnten. Die Studie erkennt dieses Problem an und betont die Bedeutung der Umverteilung der Steuereinnahmen, etwa durch gezielte finanzielle Unterstützung oder niedrigere Preise für nachhaltige Lebensmittel.
Ein weiteres Hindernis ist die kulturelle Bindung an Fleisch: In vielen Regionen gilt Fleischkonsum als Tradition oder Statussymbol. Entscheidungsträger müssten daher die Balance zwischen Umweltzielen und gesellschaftlicher Akzeptanz finden.
Befürworter argumentieren, dass Regierungen bereits fiskalische Instrumente wie Steuern auf Tabak, Alkohol und fossile Brennstoffe einsetzen, um gesundheitliche und ökologische Ziele zu erreichen. Eine vergleichbare Logik auf Lebensmittel anzuwenden, stelle eine Weiterentwicklung der Agrar- und Klimapolitik dar.
Teil eines umfassenderen Wandels
Die Forschenden betonen, dass Besteuerung allein das globale Ernährungssystem nicht grundlegend verändern wird. Agrarreformen, technologische Innovationen, Transparenz in den Lieferketten und Ernährungsbildung bleiben unverzichtbar. Dennoch ist die Fiskalpolitik eines der direkteren Instrumente, die Regierungen zur Verfügung stehen.
Während Länder daran arbeiten, ihre internationalen Klimaverpflichtungen im Rahmen des Pariser Abkommens zu erfüllen, rücken Ernährungssysteme zunehmend in den Fokus. Die Reduzierung von Emissionen aus Energie und Verkehr wird nicht ausreichen, wenn die Emissionen aus der Landwirtschaft hoch bleiben.
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass moderate Preisanpassungen messbare ökologische Verbesserungen bewirken könnten. Auch wenn eine Reduzierung der Umweltbelastung um 3 % bis 6 % gering erscheinen mag, bedeutet sie im globalen Maßstab erhebliche Emissionsminderungen, weniger Landumwandlung und einen geringeren Wasserverbrauch. Darüber hinaus geht das Prinzip, Preise an Umweltkosten auszurichten, über Fleisch hinaus. Ähnliche Ansätze könnten auch auf andere ressourcenintensive Produkte angewendet werden.
Was passiert als Nächstes?
Die Debatte über eine Fleischsteuer dürfte sich verschärfen, da Regierungen zunehmend unter Druck geraten, Klimaziele mit wirtschaftlicher Stabilität in Einklang zu bringen. Einige Länder haben bereits damit begonnen, nachhaltigkeitsbezogene Maßnahmen in der Ernährungspolitik zu prüfen, während andere weiterhin zögern, in Lebensmittelmärkte einzugreifen.
Ob durch eine Reform der Mehrwertsteuer, CO₂-Bepreisung oder gezielte Subventionen – die grundsätzliche Frage bleibt dieselbe: Sollten die Umweltkosten der Lebensmittelproduktion an der Ladenkasse sichtbar werden? Die „Nature“-Studie legt nahe, dass selbst moderate fiskalische Veränderungen dazu beitragen könnten, Konsummuster zu verschieben und ökologische Belastungen zu verringern
Letzte Änderung: 16.02.2026 | Erstellt am: 16.02.2026
Den Originalartikel von Nmesoma Ezetu finden Sie hier beim IMPAKTER Magazine.
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