Versprechen und Gefahr der CO₂-Entnahme aus dem Ozean
Während die Bemühungen zur Entnahme von Kohlenstoff aus dem Ozean voranschreiten, könnte ein verantwortungsvoller Einsatz sie zu einer wirkungsvollen Ergänzung von Emissionsminderungen machen, sofern die Wissenschaft den Weg weist und nicht Abkürzungen.
Der Ozean bedeckt mehr als 70 % der Erdoberfläche und enthält derzeit mehr als 50-mal so viel Kohlendioxid wie die Atmosphäre. Der Kohlenstoffspeicher des Ozeans enthält 15- bis 20-mal mehr Kohlenstoff als alle Landpflanzen und Böden zusammen. Der Ozean ist der wirksamste Klimaregulator des Planeten und nimmt jedes Jahr rund 25 bis 30 % aller vom Menschen verursachten Kohlenstoffemissionen auf.
Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) stellte 2019 fest, dass Emissionsminderungen allein nicht ausreichen würden, um ein Überschreiten des 1,5-Grad-Ziels zu verhindern, jener Schwelle, ab der nach Einschätzung von Wissenschaftler:innen die schwersten und potenziell irreversiblen Klimafolgen dramatisch wahrscheinlicher werden.
Zugleich betonte das Gremium: „Je länger die Verringerung der CO₂-Emissionen auf null hinausgezögert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, 1,5 °C zu überschreiten, und desto stärker ist die damit verbundene Abhängigkeit von netto-negativen Emissionen nach der Jahrhundertmitte, um die Erwärmung wieder auf 1,5 °C zurückzuführen.“
Seit dieser Aussage sind sechs Jahre vergangen. Um sicherzustellen, dass die Risiken der Kohlendioxidentnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR) – also des aktiven Entziehens von CO₂ aus der Atmosphäre und seiner Speicherung – minimiert werden, wurden führende Wissenschaftler:innen, Universitäten und staatliche Organisationen weltweit damit betraut, diese Lösung zum Schutz unseres Planeten auszuarbeiten, da Emissionsminderungen zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht mehr ausreichen.
Das grundlegende Problem besteht darin, dass Unternehmen weiterhin auf die nächste große technologische Innovation setzen, in sie investieren und ihre Emissionsprobleme lösen, indem sie Netto-Null für sich beanspruchen.
Für jedes Unternehmen, das dem eigentlichen Problem ausweicht – dass Emissionen deutlich reduziert werden müssen und alle Akteure Verantwortung übernehmen müssen –, gibt es einen unsichtbaren Handschlag zwischen CDR-Start-ups und Unternehmen. Diese verständigen sich darauf, weiterzumachen wie bisher, ergänzt um das Versprechen einer technologischen Lösung, deren langfristige Auswirkungen ungewiss bleiben.
In diesem Kontext ist die ozeanbasierte CO₂-Entnahme in den Kreis möglicher Lösungen gerückt. Die Erhöhung der Ozeanalkalinität (Ocean Alkalinity Enhancement, OAE) ist eine spezifische Form der Kohlendioxidentnahme, die zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnt, da einige Wissenschaftler:innen und Unternehmen Geoengineering als Antwort auf die Klimakrise betrachten. OAE nutzt die natürliche Chemie des Meerwassers, um gelöstes CO₂ in Carbonat und Bicarbonat umzuwandeln, wodurch der Ozean mehr CO₂ aufnehmen kann.
Es ist, als würde man dem Meer ein natürliches Antazidum hinzufügen: Indem die Fähigkeit des Ozeans erhöht wird, Säuren zu neutralisieren, kann gesteigert werden, wie viel Kohlendioxid er der Atmosphäre entzieht und dauerhaft bindet. Seit einem Jahrzehnt werden wissenschaftliche Arbeiten zu OAE veröffentlicht, doch der erste US-amerikanische Freilandversuch im offenen Ozean, das LOC-NESS Project, läuft erst jetzt an.
Verantwortungsvolle, wissenschaftlich geleitete Freilandversuche gibt es durchaus, durchgeführt von Institutionen, für die die Gesundheit des Ozeans tatsächlich Priorität hat und nicht bloß ein Marketingversprechen ist. Doch der kommerzielle Sektor drängt bereits in dieses Feld und damit wächst die sehr reale Möglichkeit groß angelegter Projekte, die eher von Gewinninteressen und dem Verkauf von Emissionsgutschriften motiviert sind als von einem gründlichen Verständnis der Folgen.
In manchen Fällen kann es eine bemerkenswerte Lösung sein, Klimaschutzmaßnahmen in Geschäftsmodelle zu überführen und notwendiges klimapolitisches Handeln in unsere kapitalistische Gesellschaft einzubetten. Wenn jedoch geschäftliche Interessen Vorrang davor bekommen, Forschung ihren Lauf nehmen zu lassen, riskieren wir, die Gesundheit des wichtigsten Ökosystems unseres Planeten zu gefährden nur um Unternehmen Deckung für ihre Emissionen zu geben.
Das LOC-NESS Project, das von der Woods Hole Oceanographic Institution geleitet wird, soll untersuchen, wie regionale Meeresbedingungen mit OAE interagieren. Dazu führt das Projekt zwei klein angelegte, eng überwachte Freilandversuche im offenen Ozean durch und bindet Küstengemeinden während des gesamten Prozesses aktiv in die Entscheidungsfindung ein.

Im August 2025 führte das LOC-NESS-Team seinen wegweisenden Freilandversuch im Wilkinson Basin im Golf von Maine durch. Sechs Stunden lang verteilten die Forschenden hochreines Natriumhydroxid zusammen mit einem roten Tracerfarbstoff im Oberflächenwasser, um seine Bewegung nachzuverfolgen. Es folgten vier Tage kontinuierlicher Überwachung rund um die Uhr: Wissenschaftler:innen an Bord eines Forschungsschiffs dokumentierten genau, was mit dem Ozean geschah, als seine Alkalinität leicht erhöht wurde.
Die vorläufigen Ergebnisse sind – vorsichtig formuliert – ermutigend. Die Chemie des Meerwassers kehrte innerhalb des erwarteten Zeitrahmens zu ihren Ausgangswerten zurück, und es wurden keine messbaren Auswirkungen auf das Meeresleben festgestellt. Bakterien, Phytoplankton, Zooplankton, Fischlarven und Hummerlarven innerhalb und außerhalb des Testgebiets zeigten keine signifikanten Unterschiede. Das Experiment bestätigte, dass OAE im kleinen Maßstab Bedingungen schaffen kann, unter denen der Oberflächenozean aktiv Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufnehmen kann. Dennoch betonen Wissenschaftler:innen, dass weitere Forschung nötig ist, insbesondere zu den längerfristigen Auswirkungen auf die Fischerei.
Das Projekt arbeitet außerdem daran, eine der drängendsten technischen Lücken von OAE zu schließen: Derzeit gibt es keine erprobten Methoden, um genau zu messen und zu verifizieren, wie viel Kohlenstoff gespeichert wurde. Ohne einen solchen Rahmen für Monitoring und Verifizierung kann keine Form der ozeanbasierten CO₂-Entnahme verantwortungsvoll in großem Maßstab eingesetzt werden.
Auch andere Initiativen wie die Carbon to Sea Initiative versuchen sicherzustellen, dass OAE auf sichere Weise getestet wird. Sie setzen sich dafür ein, dass Regierungen hochwertige CDR-Forschung unterstützen, anstatt diese Verantwortung vorschnell dem Privatsektor zu überlassen.
Der Ozean und die menschliche Gesundheit sind auf eine Weise tief miteinander verflochten, die selten Schlagzeilen macht. Der Ozean produziert mehr als die Hälfte des weltweiten Sauerstoffs, reguliert die globalen Temperaturen und trägt zur Ernährungssicherheit von mehr als drei Milliarden Menschen bei, die auf Meeresfrüchte als wichtigste Proteinquelle angewiesen sind.
Die Versauerung der Ozeane, eine direkte Folge der Aufnahme von überschüssigem CO₂ durch das Meer, bleicht bereits Korallenriffe aus, löst die Schalen von Austern und anderen Schalentieren auf und stört die marinen Nahrungsnetze, die Küstenwirtschaften weltweit tragen.

Jeder Eingriff in die Chemie des Ozeans, so gut er auch gemeint sein mag, birgt echte Risiken für diese Systeme. Genau deshalb sind Forschungsprojekte wie LOC-NESS wichtig und deshalb braucht es mehr Zeit, um klein angelegte Experimente durchzuführen, bevor OAE als weit verbreitete CDR-Technik eingesetzt wird.
So beeindruckend OAE als wissenschaftliche Entdeckung auch ist: Keine Form der CO₂-Entnahme ist ein legitimer Ersatz für die Senkung von Emissionen. CDR soll den Kohlenstoff adressieren, dessen Freisetzung sich nicht vermeiden lässt nicht die Erlaubnis schaffen, weiterhin Kohlenstoff auszustoßen. Wenn Geoengineering zum Grund wird, Emissionsminderungen zu verlangsamen, hört es auf, eine Klimalösung zu sein, und wird zur Belastung. Der unsichtbare Handschlag zwischen Unternehmen und CDR-Start-ups kann den Klimafortschritt weiter bremsen, statt ihn zu beschleunigen.
Der Ozean nimmt seit Jahrhunderten unsere Fehler auf. Unternehmen und Regierungen müssen die schwierige Arbeit leisten, Emissionen drastisch zu senken, während Forschende weiter mit möglichen Lösungen experimentieren, die globale Emissionsminderungen begleiten können. Leider sind wir längst über den Punkt einer einfachen technologischen Lösung hinaus und wir dürfen den Ozean keinesfalls über seine Belastungsgrenze treiben.
Letzte Änderung: 04.05.2026 | Erstellt am: 04.05.2026
Den Originalartikel von Lena McDonough finden Sie hier beim IMPAKTER Magazine.
Kommentare
Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.