Mythen über erneuerbare Energien entkräften

Mythen über erneuerbare Energien entkräften

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 | © ダモ リ/ Unsplash

Diese Woche im Bereich Sustainability laden wir dazu ein, gängigen Mythen über erneuerbare Energien auf den Grund zu gehen: Was sagen die Daten tatsächlich?

Mythos 1: Das Stromnetz kann erneuerbare Energien nicht bewältigen

Dieser Mythos übertreibt das Problem. Berichte der Internationalen Energieagentur (IEA) aus den Jahren 2019, 2021 und 2022 zeigen, dass die Integration erneuerbarer Energien ins Stromnetz zwar tatsächlich eine Herausforderung darstellt. In den frühen Phasen des Ausbaus variabler erneuerbarer Energien bleibt das Netz jedoch häufig gut beherrschbar, insbesondere in gut geplanten Systemen, in denen Betreiber über die richtigen Werkzeuge verfügen. Das Hauptproblem besteht meist nicht darin, dass erneuerbare Energien grundsätzlich schwer integrierbar sind, sondern darin, dass Stromnetze, Marktregeln und Genehmigungsverfahren mit dem Ausbau nicht Schritt gehalten haben.

Ein Beispiel dafür ist das Vereinigte Königreich: Laut einem BBC-Bericht ist das nationale Stromnetz physisch durch begrenzte Übertragungskapazitäten eingeschränkt und wurde ursprünglich rund um ältere fossile Kraftwerke in der Nähe von Verbrauchszentren aufgebaut. Windparks hingegen werden in windreichen Regionen errichtet, die weit von diesen Nachfragezentren entfernt liegen. Infolgedessen erhielt Schottlands größter Windpark im Jahr 2024 rund 65 Millionen Pfund, um seine Produktion in 71 % der Zeit zu drosseln. Das bedeutet, dass das Problem weniger bei den erneuerbaren Energien selbst liegt, sondern vielmehr darin, das Stromnetz umzubauen und auszubauen, damit Strom effizient von den windreichen Regionen Nordschottlands zu den Bevölkerungszentren im zentralen Gürtel transportiert werden kann.

Wie lässt sich dieses Problem lösen? Laut den IEA-Berichten am besten durch eine bessere Netzplanung, strengere Anschlussregeln, verbesserte Prognosen und Steuerungsmöglichkeiten sowie Investitionen in Netzausbau und Flexibilitätsressourcen. In diesem Sinne ist die Netzintegration weniger ein Grund, den Ausbau erneuerbarer Energien zu bremsen, sondern vielmehr ein Anlass, das Stromsystem entsprechend zu modernisieren.

Mythos 2: Erneuerbare Energien sind unzuverlässig oder zu volatil

Es stimmt, dass die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht. Laut IEA handelt es sich jedoch um eine technische Herausforderung mit bereits etablierten Lösungen, nicht um ein grundlegendes Hindernis für ein zuverlässiges Stromsystem.

Eine zentrale Strategie ist die geografische und technologische Diversifizierung. Moderne Stromsysteme verlassen sich nicht auf einen einzelnen Windpark oder Solarpark, sondern gleichen Stromerzeugung über große Regionen und verschiedene Technologien hinweg aus.

Laut IEA-Bericht von 2023 übertraf die Stromerzeugung aus Wind und Solar erstmals die Wasserkraft. Das zeigt, dass ein diversifizierter Energiemix stabile Energieversorgung im großen Maßstab ermöglichen kann.

 | © Foto: https://eepublicdownloads.entsoe.eu/clean-documents/Publications/maps/2024/ENTSOE_Grid_Map_Northern_Europe.pdf

Internationale Stromverbindungen ermöglichen außerdem den Ausgleich zwischen Ländern und Strom wird dort genutzt, wo er benötigt wird. Gleichzeitig verlangen Regierungen zunehmend, dass neue Projekte Batteriespeicher oder Pumpspeichertechnologien integrieren, um Energieverfügbarkeit zu garantieren.

Zusätzlich sind die Kosten für Batteriespeicher deutlich gesunken. Zwischen 2016 und 2019 reduzierten sich die Kosten für sogenannte „Behind-the-Meter“-Speicher nahezu um die Hälfte. Dadurch können Haushalte und Unternehmen zunehmend eigene Mini-Netze aufbauen.

Mythos 3: Erneuerbare Energien sind zu teuer

Während dieser Mythos Anfang der 2010er Jahre noch zutraf, sind erneuerbare Energien laut IRENA-Daten aus dem Jahr 2025 inzwischen deutlich günstiger als fossile Brennstoffe, was die Behauptung widerlegt, sie seien zu teuer. IEA-Berichte aus den Jahren 2019 bis 2023 zeigen einen starken Rückgang der Stromgestehungskosten (Levelized Cost of Energy, LCOE) für Photovoltaik und Onshore-Windenergie.

Der global gewichtete durchschnittliche Stromgestehungspreis (Levelized Cost of Energy, LCOE) für großskalige Photovoltaikanlagen sank von 0,45 US-Dollar pro kWh im Jahr 2010 auf 0,05 US-Dollar pro kWh im Jahr 2022. Gleichzeitig fiel der Wert für Onshore-Windenergie von 0,105 US-Dollar pro kWh auf 0,035 US-Dollar pro kWh. Im Jahr 2023 lagen die Stromerzeugungskosten von 96 % der neu installierten großskaligen Solar- und Onshore-Windanlagen unter denen neuer Kohle- oder Gaskraftwerke. Bis 2028 wird erwartet, dass dieser Anteil nahezu 100 % erreicht. Bereits drei Viertel dieser neuen Anlagen erzeugen Strom günstiger als sogar bestehende fossile Kraftwerke.

Eine Grafik von Our World in Data veranschaulicht diesen Rückgang bis 2024: Die Stromgestehungskosten für Photovoltaik, Onshore-Wind und Offshore-Wind sind auf unter 0,05 US-Dollar pro kWh (inflationsbereinigt auf 2014-US-Dollar) gefallen und haben damit die meisten anderen erneuerbaren Technologien kostenmäßig überholt.

Selbst unter Berücksichtigung von Systemwerten wie Flexibilität werden neue Solar- und Onshore-Windanlagen in wichtigen Märkten voraussichtlich auch bis 2028 günstiger bleiben als fossile Alternativen. Ausschreibungen in Regionen wie dem Nahen Osten und Nordafrika erzielen aufgrund hervorragender natürlicher Ressourcen und großer Projektgrößen rekordniedrige Solarstromgebote. Der weltweite Unterstützungsbedarf für Wind- und Solarenergie führte bis 2022 zu Nettokosteneinsparungen von rund 80 Milliarden US-Dollar und dürfte mit weiter sinkenden Kosten weiter steigen.

Diese Entwicklungen bestehen trotz der Inflation im Jahr 2022 fort: Laut IRENA-bezogenen Daten sparten erneuerbare Energien allein im vergangenen Jahr rund 520 Milliarden US-Dollar an Brennstoffkosten ein. Politische Instrumente wie Ausschreibungen und Stromabnahmeverträge (Power Purchase Agreements, PPAs) treiben den Ausbau zudem zunehmend ohne Subventionen in wettbewerblichen Märkten voran.

Mythos 4: Erneuerbare Energien benötigen zu viele Subventionen

Die Vorstellung, dass erneuerbare Energien übermäßige finanzielle Unterstützung benötigen, um im großen Maßstab ausgebaut zu werden, wird durch Marktdaten zunehmend widerlegt. Wie bereits beim vorherigen Mythos erwähnt, haben sich Wind- und Solarenergie von teuren Nischentechnologien zu den weltweit wettbewerbsfähigsten Optionen für neue Stromerzeugung entwickelt. Der IEA-Bericht von 2023 schätzt, dass 96 % der neu installierten großskaligen Photovoltaik- und Onshore-Windanlagen niedrigere Stromerzeugungskosten aufwiesen als neue Kohle- und Erdgaskraftwerke und dass drei Viertel dieser Projekte sogar günstigeren Strom lieferten als bestehende fossile Kraftwerke.

Doch wie steht es mit der Abhängigkeit von Subventionen? Während dies früher bei Fördermodellen wie den britischen Einspeisetarifen tatsächlich der Fall war, lief dieses System 2019 aus. Seither haben marktgetriebene Mechanismen, unsubventionierte Geschäftsmodelle und Skaleneffekte die Kosten erneuerbarer Energien weiter gesenkt.

Laut IEA-Berichten aus den Jahren 2023 und 2024 fielen die Preise für Solarmodule allein im Jahr 2023 um fast 50 %, und dezentrale Solarsysteme sind für private und gewerbliche Verbraucher:innen, die ihre Stromkosten senken wollen, wirtschaftlich zunehmend attraktiv geworden.
Der Ausbau erneuerbarer Energien wird daher immer weniger als finanzielle Belastung verstanden, sondern vielmehr als strategische Investition in die Energiesicherheit und als Möglichkeit, das Energieportfolio eines Landes oder Unternehmens zu diversifizieren. Seit 2010 haben zusätzliche erneuerbare Energien ohne Wasserkraft schätzungsweise 1,3 Billionen US-Dollar eingespart, da sie die Abhängigkeit von teuren Importen fossiler Brennstoffe verringert haben.

Letzte Änderung: 14.04.2026  |  Erstellt am: 14.04.2026

Den Originalartikel von Ariq Haidar finden Sie hier beim IMPAKTER Magazine.

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