Das WTO-Übereinkommen über die Landwirtschaft neu gedacht
Ein neuer Modellvertrag zeigt, wie Handelsregeln für Lebensmittel und Landwirtschaft so umgestaltet werden könnten, dass sie nachhaltige Ernährungssysteme fördern und Menschen, Umwelt sowie künftigen Generationen dienen.
Die Ernährungssysteme stehen unter Druck: Grundwasserleiter trocknen aus, Flüsse werden übernutzt, der Oberboden verschwindet, und die Stickstoffverschmutzung überfordert die Ökosysteme. Der Klimawandel verschärft diese Belastungen und bringt häufigere sowie extremere Wetterereignisse mit sich. Gleichzeitig nehmen ernährungsbedingte Krankheiten weltweit zu, und kein Land ist auf Kurs, die wachsenden Raten von Fettleibigkeit und Diabetes bei Erwachsenen zu stoppen – geschweige denn umzukehren.
Auch die Menschen, die diese Systeme tragen, werden von den Ernährungssystemen im Stich gelassen. Landwirtschaft ist äußerst arbeitsintensiv, bei im Vergleich zu anderen Tätigkeiten relativ geringen Erträgen. Landwirtinnen und Landwirte sind mit volatilen Märkten, unsicheren Lebensgrundlagen und dauerhaft niedrigen Einkommen konfrontiert, während sich Wertschöpfung und Gewinne an anderer Stelle entlang der Lebensmittelkette konzentrieren.
Handelsregeln und -politiken können ein wirkungsvoller Hebel für Veränderung sein. Würden sie anders gestaltet, könnten Handelspolitiken die Anreize neu ausrichten, Nachhaltigkeit belohnen und gerechtere Ergebnisse in den Ernährungssystemen unterstützen. Vor diesem Hintergrund kam eine internationale Gruppe von Fachleuten aus verschiedenen Regionen und Disziplinen zusammen, um die globalen Handelsregeln für Lebensmittel und Landwirtschaft von Grund auf neu zu denken.
Das Projekt Agreement on Agriculture Reimagined wird vom Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern und dem Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) koordiniert; das International Institute for Sustainable Development (IISD) ist ein wichtiger Partner.
Anstatt punktuelle Anpassungen der gegenwärtigen Agrarhandelsregeln vorzuschlagen, legt diese Initiative ein umfassendes Bündel von Prinzipien und Regelungsdisziplinen vor, formuliert in einem multilateralen Modellvertrag zur Regelung des internationalen Handels mit Lebensmitteln und Agrarprodukten im Dienste nachhaltiger Ernährungssysteme.
Im Oktober 2025 veröffentlichte die Gruppe nach drei Jahren intensiven Dialogs und fachlichen Austauschs den Entwurf des „Model Treaty on Agricultural Trade for Sustainable Food Systems“. Der Text befindet sich derzeit in der Konsultation, und die Gruppe bemüht sich aktiv um Rückmeldungen aus einem breiten Kreis von Interessenträgern.
Der Entwurf des Modellvertrags gibt einen Überblick darüber, wie Handelsregeln für Lebensmittel und Landwirtschaft anders (und besser) funktionieren könnten. Im Kern geht der Modellvertrag von einer einfachen Idee aus: Handel sollte den Menschen, dem Planeten und künftigen Generationen dienen – und nicht umgekehrt. Sein einleitender Abschnitt legt die Ziele und Leitprinzipien dar, auf denen das Abkommen beruht. Dazu gehören die Achtung aller Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf Nahrung, der SDGs, der Schutz der Natur sowie das Bekenntnis, grenzüberschreitend „keinen Schaden anzurichten“.
Eine der neuen Eigenschaften des Vertrags ist seine klare Zuweisung von Verantwortung: Von Regierungen wird erwartet, dass sie sich nicht nur am Handel mit Lebensmitteln und Agrarprodukten beteiligen, sondern Handel auch als Instrument nutzen, um nachhaltigere Ernährungssysteme zu unterstützen. Diese Verantwortlichkeiten werden nicht aus dem Nichts erfunden: Sie bauen auf bestehenden internationalen Verpflichtungen im Umwelt-, Menschenrechts- und Arbeitsrecht auf, darunter Verträge, allgemeine Rechtsgrundsätze und Gewohnheitsrecht in Bezug auf indigene Völker, kulturelles Erbe, traditionelles Wissen sowie die Gesundheit von Menschen und Tieren.
Wichtig ist, dass der Vertrag ausdrücklich klarstellt, dass Regierungen das Recht haben, Politiken zu verabschieden, die sie für notwendig halten, um den Übergang zu nachhaltigen Ernährungssystemen zu unterstützen. Dazu gehören Maßnahmen zum Schutz der Lebensgrundlagen von Landwirtinnen und Landwirten, zur Förderung ökologischer Nachhaltigkeit und zur Verbesserung der Ernährung.
Die Veröffentlichung des Entwurfs des „Model Treaty on Agricultural Trade for Sustainable Food Systems“ erfolgt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für das multilaterale Handelssystem (MTS). Die Landwirtschaft bleibt einer der politisch sensibelsten und dauerhaft ungelösten Reformbereiche innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO), wo jahrzehntelange Verhandlungen weiterhin die Grenzen der bestehenden Regeln offenlegen, wenn es darum geht, die heutigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen zu bewältigen.
Anstatt eine fertige Lösung zu präsentieren, soll der Vertrag Überlegungen und Gespräche über die Zukunft des Agrarhandels anstoßen. Er ist ein Denkanstoß, der Agrarverhandlerinnen und -verhandler dazu einlädt, sich neu vorzustellen, wie Handelsregeln den Übergang zu nachhaltigen Ernährungssystemen angesichts von Ernährungsunsicherheit, Klimawandel und Biodiversitätsverlust besser unterstützen könnten. Selbst wenn er nicht in seiner Gesamtheit als Vorlage verwendet wird, kann der Vertrag Anregungen dafür liefern, wie sich Nachhaltigkeit besser in die Regeln für den Handel mit Lebensmitteln und Agrarprodukten integrieren ließe.
Wenn Sie den Entwurf des Modellvertrags lesen oder mehr über die Initiative erfahren möchten, besuchen Sie bitte die Projektwebsite oder schreiben Sie an aoarei@iatp.org.
Letzte Änderung: 23.03.2026 | Erstellt am: 23.03.2026
Den Originalartikel von Nathalie Bernasconi-Osterwalder finden Sie hier beim IMPAKTER Magazine.
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