»Ich bin eine Lehrende und Lernende«

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Gespräch mit Aïcha Diallo
	  Aïcha Diallo | © Foto: Ibrahima Thiam, Senegal

Wer aus einem Land in ein anderes Land flieht, fasst nicht so rasch Fuß, weil die Entschiedenheit für die Herkunft oder die Ankunft dem Gefühl oft noch nicht verfügbar ist. Doch Black Diaspora bedeutet inbesondere der jüngeren Generation auch etwas Bewegendes und Produktives. Cornelia Wilß sprach mit der Kultur- und Bildungswissenschaftlerin Aïcha Diallo über das Imaginieren neuer Orte, Retraumatisierung und Widerstand.

Pariser Platz. Anfang November. Ich bin mit Aïcha Diallo zum gemeinsamen Spaziergang durch den Tiergarten verabredet. Aïcha Diallo ist Kultur- und Bildungswissenschaftlerin und lebt in Berlin. Sie entwickelt transkulturelle Ideen und Formate in Projekten zur Kunst, Kultur, Migration und zum Postkolonialismus in Deutschland und in internationalen Kontexten. Als wir mit unserem Gespräch beginnen und ich ihr das Mikrofon hinhalte, gibt sie zu bedenken, dass die Rolle der Befragten neu für sie sei. Normalerweise sei sie es, die die Fragen stellen würde, sagt sie lachend. Wie und warum Aïcha Diallo das macht, und was daran so begeistert, darauf werden wir zu sprechen kommen. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen Bildungsarbeit, digitale Kommunikation, Empowerment durch kulturelle Ausdrucksformen und konflikt- und traumasensitive Ansätze.

Imaginieren

Guinea war 1958 das erste westafrikanische Land, das seine formale Unabhängigkeit vom französischen Kolonialismus erlangt hatte. Sein erster Präsident, Ahmed Sékou Touré, proklamierte damals einen eigenen panafrikanischen Sozialismus; der „pacte colonial” sollte für immer aus dem Bewusstsein der Afrikaner*innen verschwinden. Berühmt geworden ist sein Diktum „Wir ziehen Armut in Freiheit dem Reichtum in der Sklaverei vor.“ Obwohl die Eltern Aïcha Diallos Ahmed Sékou Touré als Mann der Befreiung vom Joch des Kolonialismus betrachteten und bewunderten, war der Druck, den Tourés Regime im Zuge seiner Regentschaft auf missbillige Oppositionelle in Guinea ausübte, zu stark geworden. Die Eltern entschieden sich, ihr Land zu verlassen und gelangten über Freetown, Dakar, Abidjan schließlich nach Berlin. Der Vater kannte die Stadt. Er hatte dort ein paar Jahre davor zunächst in Ost- und dann in Westberlin eine Ausbildung gemacht, war dann nach Guinea zurückgekehrt. Nach der Flucht arbeitete er in Berlin als Medizinischer Laborant im Krankenhaus.

„No Pass, but Nine Passports“ – Miriam Makeba and the Performance of Panafricanism  | © Foto: Foto: Chimurenga Chronic: „On Circulations and the African Imagination of a Borderless World“, 2018 (https://chimurengachronic.co.za/no-pass-but-nine-passports/)

„Obwohl ich die Fluchtgeschichte meiner Eltern und meines Bruders nicht unmittelbar erlebt habe, ist sie mir durch die Erzählungen meiner Mutter gegenwärtig. Ich bin damit aufgewachsen. Genauso wie mit der Musik der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba, die über viele Jahre im Exil lebte, eine Zeitlang auch in Guinea, und neun Pässe von den Ländern, in den sie eine Zeitlang lebte, hatte.“ Ob ihre Eltern den Kindern das Gefühl gegeben hätten, dass Berlin ein vorübergehender Ort sei, und ihre Familie plante, irgendwann nach Conakry zurückzugehen, frage ich. Aïcha Diallo zögert mit ihrer Antwort: „Ich glaube, das Gefühl in der Diaspora zu leben, war stärker. Der Konflikt, den meine Eltern lösen mussten – zwischen dem Dortbleiben und dem Hierhergehen – hat sich nicht aufgelöst. Auch ich kannte die Sehnsucht, von hier wegzugehen. Das hat etwas mit der Zugehörigkeit zur Schwarzen Diaspora zu tun. Es gab die westafrikanischen Communities hier in Berlin. Wir haben uns hier in unseren Gemeinschaften wiedergefunden. Doch es gab auch immer die Imagination, sich mit anderen Afrikaner*innen, die an anderen Orten leben, zu verbinden, nach den gemeinsamen Narrativen in unseren Geschichten, Kulturen und Ausdrucksformen zu suchen. Meine Mutter hat das sehr kultiviert, auch mit der Schwarzen US-amerikanischen Kultur. Das war für sie wichtig, um sich als Teil der globalen Diaspora zu erleben.“

Einen anderen Ort imaginieren? Wie wird im Kontext Schwarzer Kultur dieser Begriff gelesen, der sich ja nur unzulänglich mit Vorstellungskraft übersetzen lässt, frage ich. Was bedeutet es, sich einen anderen Ort zu imaginieren? Geht es darum, sich neu zu verorten? Wichtig sei zwischen place und space in der persönlichen und kollektiven Erfahrungswelt zu unterscheiden, sagt Aïcha Diallo. „Imagination hat etwas mit Übertragung zu tun und schließt den Prozess des Reparierens (to repair) mit ein. Wenn man sich einen neuen Ort vorstellen kann, dann schwingt darin etwas Aktives und Transformatives mit, das mit dem Widerständigen zu tun hat. Imagination im Sinne von Reparieren ermöglicht uns, Geschichte und bestimmte Narrative zu rehabilitieren und Verantwortung dafür zu übernehmen“, sagt Aïcha Diallo und wirft ein Wort des Dichters Derek Walcott zur Inspiration, wie sie sagt, ins Gespräch:

Break a vase, and the love that reassembles the fragments is stronger than that love which took its symmetry for granted when it was whole.
This gathering of broken pieces is the care and pain of the Antilles, and if the pieces are disparate, ill-fitting, they contain more pain than their original sculpture, those icons and sacred vessels taken for granted in their ancestral places.
aus: Derek Walcott, The Antilles: Fragments of Epic Memory)

Kunst und Kultur bewegen sich nicht im luftleeren Raum, sie transportieren Symbole, Ideen, sinnliche Erfahrungen und Bilder. Bilder, die toxisch sein können, sagt Aïcha Diallo. „So kann man über Kolonialität reden, aber zugleich selbst koloniale Bilder reproduzieren, das kann sehr minimal und schnell gehen. Diese Bilder können für betroffenen Personen re-traumatisierend sein. Ich glaube nicht an lineare Deutungen, von Zeit und Raum sowieso nicht; Erfahrungen sind mehr wie ein living archive, die Grenzen vermischen sich.“

Auf der Homepage der in Berlin ansässigen Heinrich Böll Stiftung kann man ein von Aïcha Diallo erstelltes Dossier, The Living Archive: kulturelle Produktionen und Räume, nachlesen. Aus unterschiedlichen Perspektiven werden dort Standpunkte und kreative Prozesse gezeigt, „um ein differenziertes Bild des komplexen Geflechts von Kunst/Kultur und Migration/Postkolonialismus in Deutschland und darüber hinaus zu kartografieren“. Im klassischen Sinne, ist dort zu lesen, stellt ein „Archiv“ eine Sammlung dar, die nach bestimmten Ordnungskategorien funktioniert. In dem Zusammenhang wird Vergangenes klassifiziert und fixiert. The Living Archive hingegen versteht sich als „imaginäres Archiv, das die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen schriftlichen und alternativen Überlieferungen und zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren verwischt und neu miteinander verwebt.“ Living archive, sagt Aïcha Diallo, „ist ein Motor für mich. Ein Werkzeug, ein Konzept, das ich weitertrage und mit dem ich etwas bewegen kann“.

Listening

Wir gehen nun schon das zweite Mal um das Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal im Tiergarten herum. Aïcha Diallo erzählt, dass sie gerne beim Radio gearbeitet hätte. France Inter, der legendäre Kultursender, und Radio France Internationale (RFI), der französische Auslandsrundfunk – als Kind habe sie viel Radio gehört. Seit einiger Zeit produziert Aïcha Diallo selbst Podcasts. „Societies never know it, but the war of an artist with his society is a lover’s war, and he does, at his best, what lovers do, which is to reveal the beloved to himself and, with that revelation, to make freedom real.“ James Baldwins Satz, das Verhältnis des Künstlers mit seiner Gesellschaft als Krieg unter Liebenden zu bezeichnen, ist der Titel der Podcast-Reihe A Lover’s War entlehnt. Die Gespräche kann man nachhören. Der rote Faden der Reihe sind die direkten und indirekten Verbindungen zwischen Konflikt, (Re-)Traumatisierung und Widerstand/Resilienz. In Erinnerung ist mir das Gespräch mit der Künstlerin und Pädagogin Rajkamal Kahlon. In ihren Zeichnungen, Gemälden und performativen Installationen folgt Kahlon den fotografischen und textuellen Spuren von Menschen, denen sie in Kolonialarchiven begegnet, die tatsächlich noch lebendig seien „und etwas von uns verlangen.“ Die Idee zu der Podcast-Reihe entwickelten María do Mar Castro Varela, Politiktheoretikerin und Professorin für Pädagogik und Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), und Aïcha Diallo gemeinsam.

Zeitsprung. Zwischenräume. Aïcha Diallo besuchte 2009 das ambitionierte Festival Performing South Africa am Berliner HAU/Hebbel am Ufer, das in verschiedensten Sparten von Poesie über Performance und Installation zu Rap künstlerische Perspektiven aus Südafrika zeigte. Rückblickend sagt Aïcha Diallo, dass sie dort damals inspiriert wurde, über die Möglichkeiten der Theaterarbeit für die Auseinandersetzung mit kollektiven Traumata zu arbeiten. Sie ging 2010 nach Südafrika, um darüber zu forschen und erzählt, dass sich ihr in Südafrika eine neue Erfahrungswelt eröffnet habe, wie Gewalt durch den Körper erschlossen wird und er sich davon befreien kann. Dabei sind vielstimmige Perspektiven wichtig. Sie arbeitete für Chimurenga, eine panafrikanische Plattform für Kultur und Politik, die der Journalist und DJ Ntone Edjabe initiiert hat. Chimurenga bedeutet „revolutionärer Kampf“ oder Aufstand in Shona und ist ein Gegenpol zum unkritischen Umgang mit den politischen verdrängten Fragen in der Post-Apartheid und weiteren Kontexten in Afrika und in der globalen Diaspora.

Kürzlich, erzählt sie weiter, habe sie mit Neo Muyanga, Opernkomponist, Künstler und Musikwissenschaftler, der in Südafrika lebt, ein Gespräch über „embodied Knowledge“ und über die Frage der transgenerationellen Wiedergabe von Trauma, Widerstand und Befreiung geführt. Für ihn, den langjährigen Freund und Kollegen aus ihrer Zeit bei Chimurenga, sei die Stimme der Ort, an dem Schmerz und Trauma aufgrund von starken Belastungen in der Vergangenheit gespeichert sind. „Die Stimme erzählt uns viel über das Trauma“. In der Stimme von Miriam Makeba zum Beispiel haben sich Trauma, Widerstand und Heilung niedergelegt. Aïcha Diallo ist es wichtig, klar zu machen, dass man sich diesen Prozess nicht so vorstellen zu habe, dass diese Erfahrungen in der Biografie eines Menschen oder einer Gemeinschaft chronologisch verliefen. Das sei ein Prozess, der zu gleicher Zeit abliefe und den man nur als einen Zyklus abbilden könne.

„Das Thema des kollektiven Traumas verfolgt mich in meiner Arbeit. Es ist auch ein bedeutsamer Zugang, der mir die Möglichkeit gibt, etwas neu zu denken, Erfahrungen auszutauschen und dabei auf marginalisierte Perspektiven zu schauen. Unser Körper ist kein leerer Container, kein Vakuum, dort brennen sich traumatische Erfahrungen ein, die immer wieder an die Oberfläche drängen. Ich möchte mich daher stärker mit Konzepten von Traumaforschung beschäftigen.“

Aïcha Diallo kommt auf den Psychoanalytiker Hans Keilson zu sprechen. In seiner Untersuchung jüdischer geflüchteter Kinder während und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden hat er das Konzept der „sequentiellen Traumatisierung“ entwickelt. Das bedeutet, dass sich traumatisierende Situationen immer aufs Neue wiederholen und sich durch erneute traumatische Erlebnisse verstärkt werden. Dabei geht es um epistemische Gewalt. Wer spricht für wen? Welches Wissen wird systematisch verschwiegen und gewollt nicht verstanden, unsichtbar gemacht? Das sei, sagt Aïcha Diallo, das, was Ayşe Güleç, die Aktivistin von der „Initiative 6. April” in der Koordinierungsgruppe des NSU-Tribunals als migrantisch situiertes Wissen beschreibt, weil es aus der gelebten Erfahrung komme. Migrantisch situiertes Wissen kann als Bedeutungs- und Wissensproduktion betrachtet werden und als ermächtigendes (Gegen)Narrativ zur hegemonialen Perspektive lenken. Darüber hinaus ist das ein Wissen, welches zum Teil aus dem Erlittenen kommt und man produktiv nutzen kann.

	  Re-Lektüren: Eine diskriminierungskritische Schulbuchwerkstatt Die Remise – Aktivierung von Aïcha Diallo und Annika Niemann 11. Berlin Biennale c/o ExRotaprint / ifa Galerie Berlin – 2019  | © Foto: Foto: Victoria Tomaschko

Vermitteln

Dokumentation des panafrikanischen Kulturfestivals „FESTAC '77 – The 2nd World Black and African Festival of Arts and Culture“, 1977  | © Foto: Foto: Chimurenga Chronic. https://chimurengachronic.co.za/festac-77-book/

Aïcha Diallo arbeitet seit ihrem Studium an der Schnittstelle Bildung, Kunst/Kultur und Wissenschaft. Sie hat den Bachelor in Kulturwissenschaften an der Queen Mary University of London erworben und Bildungswissenschaft und Migrationsstudien als Masterstudiengang an der Freien Universität Berlin studiert. Für sie liegt ein großes Potential für Veränderungsprozesse in der ästhetischen Bildung. „Es geht um Bilder, die vermittelt werden, es geht um Diskurse. Ich denke dabei auch an die postkoloniale Literaturtheoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak. Wir können uns doch fragen, was durch Literatur und Kunst transportiert wird? Welche Bilder imaginiert werden? Welche komplexe Realitäten und postkoloniale Verstrickungen man sehen kann in dieser ganzen globalisierten Welt? Spivak sagt ‚I am a teacher‘. Das bin ich auch. Ich bin auch eine Lehrende und Lernende – inspiriert von Ansätzen der Kulturtheoretikerin bell hooks.“

Und zugleich ist Aïcha Diallo eine Vermittelnde. Das hört man an ihrer feinen, empathischen Interviewtechnik, ihrer Stimmführung, der Art und Weise, wie sie Fragen stellt, das Gespräch führt und die Kontexte im Gespräch aufblitzen lässt. Angeregt dazu wurde sie von Debbie Millman, Designerin, Produzentin und Moderatorin des preisgekrönten Podcasts Design Matters, und dem verstorbenen Jacques Chancel, Journalist und Radiomoderator von Radioscopie. Begeistert klingt ihre Stimme, wenn sie über Millman spricht: „Man spürt, sie erreicht eine Tiefe bei den Gesprächen. Sie recherchiert und hat sich mit den Personen vorher intensiv beschäftigt. Sie ist eine gute story teller. Sie ist empathisch und präsent. Das finde ich sehr bewundernswert. Das will ich sein. Zuhören können. Ich würde gerne aus dieser Stärke heraus weiterhin Podcasts produzieren“.

Und warum Jacques Chancel? „Seine markante Stimme und seine illustren Gäste aus Kunst, Kultur und Politik begleiten und inspirieren mich nach wie vor. Es gibt da ein legendäres Gespräch – aus dem Jahr 1977 – mit der Black Panther Aktivistin und Philosophin Angela Davis, die mit Jacques Chancel über den Kampf gegen Rassismus spricht. Dabei beschreibt sie auch, inwieweit Kulturproduktionen viel mehr als politische Debatten zur Bewusstwerdung beitragen, da sie Menschen zutiefst berühren können.“

„Ich brauche Vielstimmigkeit um mich herum. Ich brauche viele Formate“. Aïcha Diallo nutzt für sich und andere unterschiedliche Medien und Ausdrucksweisen, verbindet Theorie und Praxis. Dies sei genau das, meint sie, was “Black Studies” ausmacht, und erinnert an die Soziologin Natasha E. Kelly, die von sich sagt, dass die Dinge, die sie macht, problemlos in das Feld der US-amerikanischen „Black Studies“ passen, eine Disziplin, die sich mit historischen, kulturellen, sozialen und politischen Themen von Schwarzen Menschen befasst. Und weiter: „Weil es diese Disziplin hier nicht gibt, erscheint das, was ich mache, als unkonventionell, dabei ist es höchste Zeit, dass Schwarzes Wissen, Kunst und Kultur in Deutschland institutionalisiert und zusammengeführt werden.“ Als sie das in der Vogue gelesen habe, sagt Aïcha Diallo, habe sie verstanden, warum sie selbst frei von Angst sei, etwas Neues auszuprobieren, zu experimentieren, im Sinne eines Prozesses des Umdenkens und des Reframens. „Ja, darum geht es bei allem, marginalisiertes Wissen und Erzählungen sichtbar zu machen, sich Raum für die Individualität und das Kollektive zu schaffen und sich zugleich über die eigene Positionierung gegenüber den hegemonialen Strukturen und dem Wissenskanon klar zu sein und dabei bewegend und beweglich zu sein.“

Gründet sich daraus eine politische Haltung? „Ich trenne das nicht von meiner Biografie, das hat mit meiner Erfahrungswelt zu tun.“

Das Gespräch führte Cornelia Wilß.

Letzte Änderung: 13.08.2021

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