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Wer zu wenig weiß, macht zwangsläufig Fehler. Wissenschaftler haben früh vor dem neuen Virus aus Wuhan gewarnt. Aber erst allmählich, und bis heute nicht abschließend, haben sich die ihnen zufließenden Informationen zu einem Wissensstand geformt, der handlungstaugliche Aussagen erlaubte. Die Wirtschaftswissenschaftler Friedrun Quaas und Georg Quaas haben ein kritisches Buch darüber geschrieben, das Matthias Schulze-Böing vorstellt.

Buchkritik: »Corona – der unsichtbare Feind«

Nicht zu beneiden

Friedrun Quaas, Georg Quaas. (Foto: Metropolis Verlag)
Friedrun Quaas und Georg Quaas.

Die Corona-Pandemie schüttelt die Gesellschaft durch. Es herrscht Ausnahmezustand mit Veränderungen im Alltag, die sich vor einem Jahr so kaum einer vorstellen konnte. Die Situation verändert sich fast täglich, die Politik und fast alle anderen „fahren auf Sicht“, wie man sagt. Dabei muss es schnell gehen. Die Politik muss sehr weitreichende Entscheidungen unter Unsicherheit und mit sehr unvollkommenem Wissen über ihre Voraussetzungen und Folgen treffen. Zeit für die Vergabe von Gutachten, für Anhörungen, Bürgerforen, ausführliche parlamentarische Beratungen, also all das, was man mit dem Begriff der „deliberativen Demokratie“ verbindet, gibt es nicht. Denn das Corona-Virus verbreitet sich rasend schnell, wenn man es gewähren lässt.

Friedrun und Georg Quaas, beide Wirtschaftswissenschaftler in Leipzig, haben nun ein Buch zum Thema vorgelegt, das – Abschluss des Manuskriptes Anfang Dezember letzten Jahres – die Entwicklung, die Diskussionen und Debatten des Jahres nachzeichnet, Hintergründe erläutert und dem Leser auch eine kritische Einführung in die Grundlagen der Epidemiologie und ihre Anwendung in der Corona-Krise bietet.

Die Politik ist bei einer solchen Pandemie in einem Maß auf Wissenschaft angewiesen, das es in anderen Krisen selten gibt. Ein Virus ist ein Gebilde in Nano-Größe, unvorstellbar klein und doch hoch wirksam. Es teilt sich nicht mit, man kann nicht mit ihm verhandeln. Es ist überhaupt nur durch die Instrumente der Forschung wahrnehmbar. Die Dynamik seiner Verbreitung lässt sich in komplexen mathematischen Modellen berechnen. Aber auch hier gibt es Unsicherheit, weil man eben noch gar nicht genau weiß, welche Parameter wie stark einwirken und wie die Wirkungszusammenhänge genau aussehen. Dennoch muss Politik entscheiden, und zwar sehr rasch. Das hat man im Laufe dieser Pandemie gelernt. Das Virus bestraft, so scheint es, die Bedächtigen. Ob es dafür die schnellen Entscheider belohnt, weiß man allerdings auch nicht.

Es waren Wissenschaftler, die früh gewarnt haben, dass das im chinesischen Wuhan Ende 2019 zum ersten Mal aufgetretene Virus auch in Europa zu einer schwerwiegenden Gesundheitskrise führen kann, während die Politik lange zögerte, entschiedene Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Wissenschaft überbot sich zeitweise mit apokalyptischen Szenarien, was verständlich ist, wenn man aufrütteln und zum schnellen Handeln drängen will. Es birgt allerdings auch die Gefahr, Ängste und irrationales Handeln zu befeuern und das Vertrauen in die Objektivität der Wissenschaft zu unterminieren.

Dazu kommt, dass die mediale Vermittlung der Erkenntnisse immer auch zu Vereinfachungen, Zuspitzungen und Verzerrungen führt, die durch Wissenschaftler nicht mehr kontrolliert werden können. Wissenschaftler, die bislang allenfalls mit der überschaubaren Fachöffentlichkeit eines eher randständigen Forschungsgebiets kommuniziert haben, fanden sich plötzlich in Talkshows und Pressekonferenzen vor einem Millionenpublikum wieder.

Das Zögern der Politik kann man durchaus verstehen, denn die Pandemiebekämpfung mit „Lockdown“, Kontaktbeschränkungen und weitreichenden Eingriffen in die Freiheitsrechte der Menschen hatten und haben gravierende Folgen nicht nur für die Wirtschaft, sondern für viele lebenswichtige Funktionen der Gesellschaft. Man denke an die Folgen, die die zeitweise Schließung der Schulen für Bildungschancen hat, an das menschliche Leid, das durch Kontaktsperren gerade für alte und kranke Menschen ausgelöst wird und die enormen finanziellen Belastungen, die diese Einschränkungen für viele Einzelne, aber auch den Staat insgesamt mit sich gebracht haben.

Den endgültigen Anstoß zu radikalen Maßnahmen haben dann aber nicht nur oder sogar weniger die Szenarien der Wissenschaft gegeben als die Fernsehbilder aus dem italienischen Bergamo, wo Militärlastwagen einspringen mussten, um die Leichen von Verstorbenen der neuen Seuche abzutransportieren.

Verstörende Bilder aus Bergamo/Italien im März 2020: Militärlaster helfen beim Transport der vielen an Covid-19 Verstorbenen.

Verstörende Bilder aus Bergamo/Italien im März 2020: Militärlaster helfen beim Transport der vielen an Covid-19 Verstorbenen.

Die Corona-Pandemie ist, wie die Autoren herausarbeiten, auch ein Realzeit-Labor für das Zusammenspiel von Wissenschaft und der Politik. Nur ein naives Verständnis von Wissenschaft als wertfreiem Erkenntnisprozess könnte es überraschen, dass schon kurz nach Bekanntwerden der ersten Infektionen nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft unterschiedliche Sichtweisen auf die Pandemie und ihre Eigendynamik erkennbar wurden, die sich in unterschiedlichen Empfehlungen für Maßnahmen und politische Entscheidungen niederschlugen. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) als staatliche Oberbehörde zur Beobachtung der Situation und zur Koordination gesundheitspolitischer Maßnahmen war sich in seinen Einschätzungen nicht immer wirklich sicher. Es trug durch wechselnde und für Nicht-Fachleute teilweise nur schwer nachvollziehbare „magische“ Kennziffern, an denen Gefahr oder die Wirkung von Maßnahmen der Politik abzulesen ist, nicht immer dazu bei, das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft zu stärken. Mal war es die Zeit, in der sich die täglichen Infektionsfälle verdoppeln, dann wurde die Kennziffer „R“ hochgehalten, die beschreibt, wie viele Menschen von einem Infizierten durchschnittlich angesteckt werden. Inzwischen schaut das Land gebannt auf die „7-Tage-Inzidenz“, der Zahl der neuen Infektionsfälle pro 100.000 der Bevölkerung in einzelnen Kreisen und Städten.

Einer der vielen Lageberichte des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Lage in Deutschland (mit dem RKI-Präsidenten Lothar Wieler am 3.12.2020).

Einer der vielen Lageberichte des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Lage in Deutschland (mit dem RKI-Präsidenten Lothar Wieler am 3.12.2020).

Die beiden Quaas erläutern diese verschiedenen Kennziffern und ihre fachwissenschaftlichen und mathematischen Grundlagen gut nachvollziehbar. Dabei gehen sie mit dem RKI teilweise durchaus streng ins Gericht. Offenkundig hat das Institut bewährte mathematische Modelle sehr eigenwillig und ohne wirklich nachvollziehbaren Grund variiert und dabei, wie die Autoren plausibel darstellen, die Aussagekraft der Kennziffern nicht verbessert, sondern eher beeinträchtigt. Auch die Wissenschaft hatte offenkundig wenig Zeit, sich wirklich gründlich über die richtigen Messmethoden und Darstellungsformen zu verständigen.

Die Politiker sind in dieser Situation wahrlich nicht zu beneiden. Es ist angesichts der Umstände immer wieder durchaus erstaunlich, wie entscheidungsfähig dann auch das hochkomplexe föderale politische System Deutschlands doch letzten Endes war und wie weitgehend die Öffentlichkeit die ergriffenen Maßnahmen akzeptierte.

Friedrun und Georg Quaas zeichnen dies alles ausführlich und durchweg sehr sachlich nach. Ihr Buch ist ohne Zweifel ebenso eilig geschrieben wie publiziert, aber es ist immer fundiert. Gelegentlich bietet es etwas schwerere Kost, wenn es um die Mathematik der Pandemie geht. In einigen Teilen, wo die Abläufe und öffentlichen Debatten nachgezeichnet werden, gibt es einige Redundanzen. Zumindest für denjenigen, der das Geschehen seit März 2020 aufmerksam verfolgt hat, ist manches bereits bekannt. Aber diese Passagen sind dann doch wieder wichtig, weil sie das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, von dem Unsichtbaren des Virus und dem Sichtbaren der politischen und sozialen Folgen verstehbar machen. Auch die etwas spröderen fachwissenschaftlichen Kapitel, in denen sorgsam und wissenschaftlich stringent gezeigt wird, wie die Epidemiologie rechnet und welche Fehler dabei passieren können, sind der Lektüre zu empfehlen. Denn eine Pandemie wird man ganz ohne Mathematik nicht verstehen.

Besondere Zustimmung verdienen die Autoren, wenn sie gegen blinde Wissenschaftsgläubigkeit ebenso wie gegen Verschwörungstheorien das Ethos einer kritischen, aber auch selbstkritischen Wissenschaft hochhalten. Jedes wissenschaftliche Urteil muss auch in Frage gestellt werden und es ist geradezu eine der höchsten Tugenden einer aufgeklärten Öffentlichkeit, Erklärungsmodelle kritisch zu prüfen und Alternativen abzuwägen.

Der Ruf „Folgt den Wissenschaften!“, wie er ja nicht nur im Zusammenhang mit Corona, sondern auch etwa in der Klimadebatte immer wieder ertönt, ist ebenso naiv und verfehlt wie sein Gegenstück, der pauschale Zweifel an wissenschaftlichen Methoden und Urteilen bis hin zu Verschwörungstheorien aus trüben Quellen im Internet. Die Corona-Pandemie zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, dass die Wissenschaft ihre Prämissen und Methoden offenlegt, Datentransparenz herstellt und sich dem kritischen Diskurs stellt, auch wenn die Zeit rast und die Stimmung aufgeheizt ist.

Sie zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass es eine informierte Öffentlichkeit gibt. Dazu gehören nicht nur Medien, die seriös und neutral informieren, sondern auch Bürgerinnen und Bürger, die sich auch einmal anstrengen, um komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen – und die es aushalten, wenn es die einfache Wahrheit, Schwarz oder Weiß nicht gibt. Zwischen Schwarz und Weiß ist es keineswegs grau, sondern voller spannender Facetten und Schattierungen. Der Band von Friedrun und Georg Quaas kann in diesem Sinne helfen, die Pandemie besser zu verstehen und eigenes Urteil zu bilden. Es ist dabei nicht nur ein weiteres „Buch zu Corona“, sondern auch eine instruktive Fallstudie zur Interaktion von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit.

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erstellt am 13.1.2021
aktualisiert am 13.1.2021

Buchcover: »Corona – der unsichtbare Feind« von Friedrun und Georg Quaas, Metropolis Verlag 2021

Friedrun Quaas, Georg Quaas
Corona – der unsichtbare Feind
Wie Wissenschaft und Gesellschaft reagieren
broschiert, 282 Seiten
ISBN: 978-3-7316-1457-9
Metropolis Verlag, Marburg/Lahn 2021

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Über die Autor*innen

Friedrun Quaas: www.friedrun-quaas.de

Georg Quaas: www.georg-quaas.de