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In die Ausgaben 19 und 20 der „Berliner Abendblätter“ setzte Heinrich von Kleist am 23. und 24. Januar 1811 einen namentlich nicht gekennzeichneten Beitrag mit dem Titel „Kurze Geschichte des gelben Fiebers in Europa“, in dem uns einige Umstände vertraut vorkommen könnten.

RÜCK-BLICK: Vor 210 Jahren

»Mit Ehrfurchtslosigkeit und Frechheit«

Von Heinrich von Kleist

Schon seit undenklichen Zeiten ist in den westindischen Colonien ein heftiges, ansteckendes und in kurzer Zeit tödtliches Fieber einheimisch, welches wegen der Gelbsucht und des schwarzen Erbrechens, womit es verbunden ist,  d a s  g e l b e  F i e b e r  heißt. Bis 1793 schränkte sich diese occidentalische Pest auf bloß tropische Gegenden ein; allein in der Mitte dieses Jahres, und noch heftiger im Jahr 1793, zeigte sie sich auch zu Philadelphia, wo, von einer Bevölkerung von 40 – 50000 Menschen, täglich 10 – 80 starben. Dieses Uebel kam durch ein amerikanisches Kauffahrteischiff, welches damit angesteckt war, und in Cadix einlief, am Schluß des 18. Jahrhunderts auch nach Europa. Es griff in kurzer Zeit so heftig um sich, daß selbst der Hof von Madrid dadurch in Furcht gesetzt ward und sich an die nördliche Grenze, nach Pamplona in Navarra, begab. Endlich ließ die Wuth dieser Epidemie bei einer kühlen Veränderung der Atmosphäre nach, die Leichen verminderten sich, und in Cadix hielt man deswegen ein feierliches Dankfest. Allein dagegen ergriff sie Mallaga, und verödete andere blühende Gegenden, bis ihr allmählig die verringerte Bevölkerung ein Ziel setzte, und sie von selbst ruhte.

Diese Ruhe des gräßlichsten Feindes währte indeß keine 4 Jahre. In der Mitte des Augusts brach diese Epidemie im Jahr 1804 mit verwüstender Heftigkeit wieder in Mallaga aus. Von den 100,000 Einwohnern, die diese sonst so blühende Stadt hatte, waren im December 30,000 Opfer des Todes geworden, und die Flüchtenden trugen das Uebel nach mehr als 50 Städten, Flecken und Dörfern, und vergifteten Cadix, Gibraltar, Alicante, Carthagena, Cordova, Granada und andere bedeutende Oerter. Durch Verheimlichung nahm die Krankheit am Anfange so schrecklich überhand, daß in den ersten 5 Wochen zu Mallaga 10,000 Menschen starben – So mörderisch war selbst die Pest nicht gewesen, die 1711(*) in Marseille wüthete; damals starben in dem Laufe eines ganzen Jahres daselbst nur in allem 30,000 Menschen, so viele, als in Mallaga in 4 Monaten betrauert wurden. Da es hier eben so sehr an Leuten fehlte, welche den unglücklichen Kranken und Sterbenden Hülfe leisten konnten, als an Personen, die Todten zu begraben, so mußten viele Kranke verschmachten, und viele Verstorbene unbeerdigt bleiben, deren Fäulniß die Luft vollends vergiftete. Man bemerkte zu Mallaga 1804, daß schwächliche Personen seltener und minder heftig vom gelben Fieber befallen wurden, als solche, die einen starken Körper hatten, und daß Neger, Amerikaner, Kroaten, farbige Menschen, und Spanier, welche in Amerika oder vor vier Jahren in Andalusien diese Krankheit überstanden hatten, ganz verschont blieben. Auch drohte dem weiblichen Geschlechte eine geringere Gefahr, und besonders alte Weiber schienen eine das Uebel zurückstoßende Kraft zu besitzen, und unbeschadet des giftigen Miasma der Krankheit trotz bieten zu können.

Zwei Aerzte erkannten in Mallaga gleich das Uebel, und erklärten es für das gelbe Fieber. Zur Belohnung für ihre Vorsicht und pflichtmäßige Aufrichtigkeit wurden sie exiliert. Erst später sah die Regierung in Madrid die Gefahr ein, die ganz Spanien und von da Europa bedrohte. Es wurden nachdrückliche Maaßregeln ergriffen, besonders die verpesteten Oerter durch Truppen-Kordons eingeschlossen, alle geflüchtete Personen von der Gesellschaft anderer Menschen abgesondert, und öffentliche Gebete abgehalten. Am Ende des Jahres 1804 schien diese Kontagion auch ihre Wuth in Spanien erschöpft zu haben.

Gerade wie jetzt, eröffnete damals die Schifffahrt den Verwüstungen derselben einen neuen Schauplatz in Italien. Ein Schiff, welches nach dem Ausbruch des gelben Fiebers aus Cadix abgesegelt war, brachte es 1804 nach Livorno; ein neuer Beweis, daß die Krankheit nicht epidemisch, sondern bloß ansteckend ist, da der Giftstoff von Spanien nach Livorno mit Uebergehung von Nord-Spanien und Süd-Frankreich verschleppt wurde. Sorglosigkeit und Unkunde ließen ihr in Livorno anfänglich Spielraum. Sie wurde nicht bei ihrem wahren Namen, sondern la Febre corrente – daß im Schwange gehende Fieber – genannt, und die Aerzte, die gleich auf die große Gefahr aufmerksam machten, zogen sich Verfolgung zu. Bald aber war die Furcht vor dem gelben Fieber, und zwar mit Recht, in allen Städten des mittelländischen Meeres, in ganz Europa an der Tagesordnung. Ueberall wurden zweckmäßige Quarantaineanstalten getroffen, der einzig wirksame Damm, den man diesem Feinde des menschlichen Geschlechts entgegen setzen kann. Zerstörender und weit schrecklicher, als die jetzt durch die Schutzpocken verbannten Blattern, würde er eine Entvölkerung von einem Pol zum andern drohen, wenn uns keine Quarantaine sicherte.

Schon das  S c h l e s w i g h o l t s t e i n i s c h e  S a n i t ä t s – C o l l e g i u m  hat die sehr richtige Bemerkung gemacht, daß das nördliche Klima kein Schutz gegen das gelbe Fieber ist, da diese Krankheit in Newyork, welches, obgleich südlicher liegend wie das nördliche Deutschland, dennoch, der großen amerikanischen Seen und Wälder wegen, das Klima von Norddeutschland hat, bösartiger gewesen ist, wie in ihrer Heimath, den südlichen Himmelsstrichen. Auch hat ja die orientalische Pest, die ein eben so warmes Geburtsland hat, wie die occidentalische, ihren Weg bis an die äußersten Grenzen Norwegens (Ja selbst nach Island, ums Jahr 900) gefunden, und dieses Land so verwüstet, daß es noch jetzt Strecken Landes giebt, die seit dem sogenannten schwarzen Tode verödet liegen.

Ungefähr 6 Jahr hatte diese Geißel des menschlichen Geschlechts Europa nun verschont, als sie, am Schluß des vorigen Jahres, fast zu gleicher Zeit, in Mallaga und Chartagena von Neuem ausbrach.

Durch ein spanisches, mit Wein beladenes, Schiff war das Uebel auch nach dem südlichen Italien gebracht worden. Dies Schiff hatte die pestartige Krankheit am Bord, als es zu Brindisi im Königreich Neapel einlief.. Die ganze Schiffsmannschaft starb an der Seuche, die fast zugleich mit dem in Mallaga entstandenen Fieber in der Seestadt Brindisi und dem nicht weit davon belegenen neapolitanischen Hafen Otranto sich äußerte, und hiernach die von Spanien fortgepflanzte occidentalische Pest zu sein schien.

Dagegen schien die Königl. Quarantainedirektion in Kopenhagen, die sich durch ihre sorgfältige Aufmerksamkeit zu Erhaltung der Sanität so rühmlichst auszeichnet, die in Otranto und Brindisi entstandene beulenartige Pest für die orientalische zu halten, und, nach den bei der Königl. Dänischen Direktion eingegangenen offiziellen Nachrichten, hatten Schiffe von den Inseln Rhodos und Corfu dies Uebel dahin gebracht. Was die Meinung, daß die an der neapolitanischen Küste herrschende Krankheit nicht vom Occident herstamme, unterstützt, ist die Beschreibung derselben, nach welcher sie mit den in der Türkei an der eigentlichen Pest beobachteten Symptomen übereinstimmt. Sie dauert in der Regel nicht länger als 24 Stunden, höchstens 3 Tage. Heftiges Kopfweh und reißende Schmerzen in allen Gliedern bezeichnen ihr erstes Entstehen. Zuletzt verliert der Kranke das Bewußtsein, fällt in Delirium und stirbt, wenn sich die Beule, die sich während der Krankheit hinter den Ohren bildet, öffnet, oder dem Aufgehen nähert. Wie schrecklich ist nun dieses Uebel, besonders auf der spanischen Küste, wo manche Kriegsereignisse die Wirksamkeit der Quarantaine-Anstalten hemmen können, und dasselbe über die ganze Pyrenäische Halbinsel auszubreiten drohen!

 
 
(*) Die Pest in Marseille ist 1720 anzusetzen. [d. Red.]

Eine Titelseite der Berliner Abendblätter, 1810 (Foto: Gemeinfrei)

aus
„Vollständige Ausgabe der Berliner Abendblätter. Vom 1sten October 1810 bis zum 30sten März 1811, herausgegeben von Heinrich von Kleist“, Nr. 19 und Nr. 20 vom 23. und 24. Januar 1811. VMA-Verlag, Wiesbaden o. J.

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erstellt am 10.1.2021
aktualisiert am 11.1.2021

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Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist (1777–1811). Kreidezeichnung, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 für seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen ließ.

Heinrich von Kleist (1777–1811)
Kreidezeichnung, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 für seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen ließ
Foto: scannd by Michael Schönitzerunknown – Die großen Deutschen im Bild (1937), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6883180