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Merkmale des Totalitären hatte schon die junge Sowjetunion. Dennoch hatten ihre Gestalter eine Zukunft im Sinn, die sich in kultureller Neubelebung niederschlug. So entstand in der Sowjetunion vor dem sozialistischen Realismus samt seinen Zuckerbäckern eine einflussreiche Architekturschule und eine Designgeschichte, an die Thomas Rothschild anhand zweier Buchdokumentationen erinnert.

Bücher zu Architektur und Design in der Sowjetunion

Jenseits des Sozialistischen Realismus

Wer an sowjetische Architektur denkt, assoziiert monumentale Bauten im „Zuckerbäckerstil“, wie man sie in den Großstädten der ehemaligen Sowjetunion und in deren „Kolonien“, in (Ost-)Berlin ebenso wie in Bukarest oder in Warschau mit Abscheu bestaunen kann. In Polen kursierte einst der Spruch: „Wo ist der schönste Ort in Warschau? Auf der Spitze des Kulturpalasts. Es ist der einzige Ort, von dem aus man den Kulturpalast nicht sehen kann.“ Heute betrachtet man diese Architektur mit Nachsicht, eher mit Verwunderung. Man erkennt die Ähnlichkeit mit Wolkenkratzern in Nordamerika. Und auch der Jugendstil galt schließlich bis zu seiner Wiederentdeckung und Rehabilitierung als hässlicher Kitsch.

Wer sich ein wenig mehr als ein gewöhnlicher Tourist für sowjetische Architektur interessierte, wusste darüber hinaus über das Modell des niemals realisierten so genannten Tatlin-Turms Bescheid, das kurz nach der Revolution entstanden war. Dass es aber, ehe der Sozialistische Realismus zum Dogma erhoben wurde, in der Sowjetunion eine florierende Architekturschule gab, die den Vergleich mit dem zur gleichen Zeit wirkenden Bauhaus in Dessau locker aushalten kann, ist kaum bekannt. Jetzt liegt, in englischer Sprache, eine prächtige, üppig illustrierte Monographie über diese Schule vor, deren Name eins der in der Sowjetunion beliebten Akronyme ist und in der englischen Transkription Vkhutemas (statt VChUTEMAS) für Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten lautet. Autorin ist die in den USA lehrende Anna Bokov und der Haupttitel verheißt Avant-Garde as Method.

Blick ins Buch: „Avant-Garde as Method” von Anna Bokov, Park Books, Zürich

Blick ins Buch: „Avant-Garde as Method” von Anna Bokov
Foto: Park Books, Zürich

Vkhutemas hatte acht Fakultäten und war mehr als zehn Mal so groß wie das Bauhaus. Das Studium war kostenlos. Die Studenten kamen ohne Vorbildung an die Schule. Der Band nennt ihre Mitarbeiter und die Idee, die hinter ihrer Gründung stand: die Zukunft zu konstruieren. Das erforderte neue Organisationsstrukturen und neue Ausbildungsmodelle. Dank den Abbildungen bleiben die Konzepte nicht abstrakt. Sie machen die Querverbindungen zur Avantgarde in den bildenden Künsten jener Jahre, namentlich zum Kubofuturismus, deutlich. Einzelne Bildtafeln zeigen Entwürfe von Studenten und Schaubilder, die als Lehrmaterial benutzt wurden. Die Autorin verweist auf die Einflüsse ausländischer, insbesondere deutscher Kunsttheoretiker. Unter den spezifischen postrevolutionären, zugleich aber auf dem Gebiet der Industrialisierung rückständigen Bedingungen nahmen sie ihre eigene Gestalt an. Dass die Vorstellungen der führenden Köpfe von Vkhutemas geringere Folgen hatten als jene des in manchen Aspekten vergleichbaren Corbusier oder auch des Bauhauses, zählt, je nach Standpunkt, zu den Rätseln oder zu den Tragödien der Ästhetik im 20. Jahrhundert. Am Sowjetsystem allein kann es nicht liegen. Russland hatte nun schon drei Jahrzehnte Zeit, an die ein Jahrhundert zurückliegende Avantgarde anzuknüpfen. Davon ist wenig zu bemerken.

Nicht nur der Architektur, auch dem Design gehörte das besondere Interesse der sowjetischen Avantgarde. Dahinter steckte die politische Überlegung, dass die Symbiose von Schönheit und Funktionalität nicht einer Elite vorbehalten, sondern über Alltagsgegenstände für alle zugänglich sein sollte. Der Band von Kristina Krasnyanskaya und Alexander Semenov, der sich nicht ganz so umfangreich aber ebenso aufwendig wie das Buch über Vkhutemas und ebenfalls in englischer Sprache mit dem sowjetischen Design auseinandersetzt, umfasst allerdings eine weitaus größere Zeitspange – von 1920 bis 1980. Zwischen den beiden Bänden gibt es eine Schnittmenge. Design gehörte zum Programm von Vkhutemas, und so kommt Design auch bei Anna Bokov vor, während Vkhutemas im Design-Buch eine wichtige Rolle einnimmt. Bei Anna Bokov wird dem in der Literatur über bildende Kunst und Architektur geläufigen Begriff des Konstruktivismus der Rationalismus gegenübergestellt. Der Band über das sowjetische Design trägt den Untertitel From Constructivism to Modernism. Auch hier kommt die Dialektik zwischen internationalen Wechselbeziehungen und dem eigenständigen Weg der Sowjetunion zur Sprache.

Blick ins Buch: „Soviet Design” von Kristina Krasnyanskaya und Alexander Semenov, Scheidegger & Spiess Verlag, Zürich 2020

Blick ins Buch: „Soviet Design” von Kristina Krasnyanskaya und Alexander Semenov
Foto: Scheidegger & Spiess Verlag, Zürich

Im Vordergrund steht das Möbel-Design, aber die zu einem großen Teil farbigen Abbildungen erweitern den Blick zu den Nachbardisziplinen bis hin zum Bühnenbild oder zu Entwürfen für die Moskauer Metro. Zu kurz kommen Entwürfe für Gebrauchsartikel wie Bestecke oder Küchengeräte.

Eins der wenigen Zeugnisse der Avantgarde der zwanziger Jahre, die bis heute überlebt haben und weiterhin produziert werden, ist der Clubsessel B 3. Er trägt seit den sechziger Jahren den Vornamen des prominentesten Vertreters der russischen Avantgarde Wassily Kandinsky. Aber er ist die Erfindung des Ungarn Marcel Breuer, der am Bauhaus studiert hat und vor den Nazis in die USA flüchten musste. Immerhin: der Name erinnert an eine Verwandtschaft, die es immer noch zu entdecken gilt. Die beiden hier vorgestellten Bände leisten dazu Nachhilfe, zu einem zwar nicht niedrigen, aber angesichts der buchgestalterischen Qualität angemessenen Preis.

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erstellt am 03.1.2021
aktualisiert am 05.1.2021

Buchcover: „Avant-Garde as Method“, Park Books, Zürich 2020

Anna Bokov
Avant-Garde as Method
Vkhutemas and the Pedagogy of Space, 1920–1930
Gebunden, 624 Seiten
Text in Englisch
ISBN: 978-3-03860-134-0
Park Books, Zürich 2020

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Buchcover: „Soviet Design“, Scheidegger & Spiess, Zürich 2020

Kristina Krasnyanskaya/Alexander Semenov
Soviet Design
From Constructivism to Modernism. 1920-1980
Gebunden, 448 Seiten
Text in Englisch
ISBN: 978-3-85881-846-1
Scheidegger & Spiess Verlag, Zürich 2020

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